Schlag ins Kantor

Braune Musik Der Leipziger Thomanerchor wird in diesem Jahr 800 Jahre alt. Über die NS-Karriere des bedeutenden Kantors Günther Ramin wird bei den Feiern kaum ein Wort verloren
Schlag ins Kantor
Einer von uns vielen: Günther Ramin, Thomaskantor zu Zeiten des Nationalsozialismus. Und danach

Foto: Willy Römer/Photothek Willy Römer/SMB/Kunstbibliothek/BPK

In diesem Jahr begeht der Thomanerchor Leipzig sein 800-jähriges Bestehen. Der Freistaat Sachsen, zentrale Kultureinrichtungen, die Thomasschule, der Chor selbst und die lebenden Thomaskantoren feiern dieses Jubiläum. Zweifellos gehört die Thomanerchor-Tradition zum Schönsten, was die zentraleuropäische Musik aufzubieten hat. Aber es gibt auch weiße Flecken, die die Leipziger gern verdrängen. Die gehen zurück bis in die Wilhelminische Ära, die Weimarer Republik, das Nazireich und die DDR. Der Thomaskantor Günther Ramin, einer der bedeutendsten Kantoren in der Geschichte des Chores, steht dabei in Rede – es geht um Splitter seiner Karriere, seiner politischen Herkunft und Gesittung, es geht um Versagen, aber auch um Verdienste eines international berühmten Mannes.

Günther Ramin teilt ausgerechnet mit Bertolt Brecht die Lebensdaten. Er wurde 1898 in Karlsruhe geboren und starb 1956 in Leipzig. Im Alter von elf Jahren kommt er zum Thomanerchor, der Thomasorganist Karl Straube gibt dem Jungen Orgelunterricht, er erhält eine umfassende Schulung als Sänger einerseits, Dirigier- und Klavierstudien andererseits. In dieser Kombination kündigt sich Ramins frühe Meisterschaft an. Nur wenige Jahre braucht er, um alle bedeutenden Orgelwerke von Johann Sebastian Bach zu beherrschen. Nach dem Studium wird er erst Organist an der Leipziger Thomaskirche, um dann später, auf Drängen von Straube das Thomaskantorat „als eine der wichtigsten deutschen Stellungen“ zu übernehmen. Antrittsdatum: 1. Januar 1940. Bald trugen des Meisters Knaben zu besonderen Festen die HJ-Uniform oder die der Pimpfe mit Hakenkreuzbinde und wurden zu Vertretern der deutschen Kultur im Ausland.

Will man Ramins Wirken während der NS-Zeit gerecht beurteilen, gehört die folgende Geschichte mit ins Bild. Der Kirchenmusiker Jürgen Christian Mahrenholz, Sohn des Kirchenmusikers Christhard Mahrenholz, schrieb 1990 im Rahmen einer Debatte um Kirchenmusik in der NS-Zeit: „Bei der Beerdigung Günther Ramins war ich zugegen. Kein Zweifel: Alle waren um die ‚deutsche’ Kirchenmusik hochverdiente Persönlichkeiten, dazu ohne Frage in sich integer, die aber nahezu ausnahmslos deutsch-national orientiert oder sogar gesteuert gewesen waren.“

Völkisch aufgeladen

Gedankentum, das bis lange nach 1945, recht besehen, bis heute fortlebt. Fast alle konservativen Bestrebungen – Ramin war darin verwickelt – während der Weimarer Demokratie, die keine war, schienen geeignet zu sein, problemlos in die NS-Periode überführt zu werden. Dazu zählte auch die Bach-Überlieferung und -Aufführungstradition, von wenigen Ausnahmen abgesehen die Kirchenmusik insgesamt. Vor allem jene dumpfen, mythisch, übergöttlich und völkisch aufgeladenen Bach-Bilder, die an dessen letzter Wirkungsstätte vorherrschend waren, wurden der neuen Zeit bereitwillig übergeben. Man dachte deutsch-national und handelte bald darauf NS-deutsch, sodass die Mythen und gehobenen Religionen, gesponnen um die Bach-Tradition in Forschung und Praxis, nicht nur von Neuem auflebten, sondern obendrein als Innovation verkauft werden konnten.

Der kanadische Historiker Michael H. Kater schreibt in seinem Buch Die missbrauchte Muse. Musiker im Dritten Reich: „Die Kombination von polyphonem Reformismus, Hitlerverehrung, dogmatischer und liturgischer Restauration und dem Kreuzzug gegen die Romantik erreichten ihren Höhepunkt in Verbindung mit der ‚Orgel-Bewegung’, die ursprünglich ebenfalls in Beziehung zur ‚Zurück zu Bach’-Kampagne stand. Sie wurde von Meistern dieser Königin der Instrumente wie Karl Straube, Gotthold Frotscher und Günther Ramin geleitet.“

Dass Ramin zu Emmy und Hermann Görings Hochzeit im Jahr 1935, abgehalten im Dom zu Berlin, die Orgel schlug, ist weder Beinbruch noch Fehltritt, auch kein Versehen oder Irrtum, sondern aus gegebenem Anlass die Engführung geistig Verwandter. Ist Günther Ramin deswegen menschlich mies? Spricht aus dieser Art Instrumentalisierung schon die Unrechtstat oder die Duldung eines Verbrechertums?

Linz und Reich

Sein Erlebnis der Musik Johann Sebastian Bachs, deren Rationalität und Formenstrenge, deren Menschlichkeit und Gottverbundenheit, deren Ausgelassenheit und Ernsthaftigkeit mag Günther Ramin indirekt vor gröberen Fehler bewahrt haben. Doch hier ist Vorsicht geboten. Einer wie Ernst Kaltenbrunner, Oberkontrolleur deutscher Reinrassigkeit und im Nürnberger Prozess später zu Tode verurteilt, soll seinen Bach auf dem Klavier ja auch vorzüglich gespielt haben. Joseph Goebbels hatte schon in den zwanziger Jahren Aufführungen der Matthäus-Passion besucht und sich enthusiastisch geäußert. Führer der SS-Elitetruppe nutzten die Musik von Bach, Mozart und Beethoven als Medium der Entspannung von den Strapazen ihrer Völkermordpraxis.

Dass Ramin im Auftrag Adolf Hitlers vor dem Nürnberger Parteitag 1936 die Probe der neu erbauten Orgel vorgenommen hat – er soll Hitler aus diesem Anlass begegnet sein – gehört mit in dieses Problemfeld.

Das österreichische Linz, „Patenstadt des Führers“, sollte, nach Hitlers Italienreise im Jahr 1938, das zweite Florenz werden. Oder auch eine Art deutsches Rom. Das brauchte selbstredend die Einrichtung einer Riesenrundfunkstation, mit deren Hilfe die nationalsozialistische Kulturidee in die Welt getragen werden konnte. Der Reichsintendant Heinrich Glasmeier bezog im Herbst 1942 wie ein römischer Kaiser Position in St. Florian. Des Weiteren Generalmusikdirektor Rudolf Schulz-Dornburg, zuständig für den Aufbau des Reichs-Bruckner-Orchesters, bestehend aus ersten Musikern des In- und Auslandes. Schließlich Günther Ramin, dazu ausersehen, den Reichs-Bruckner-Chor für St. Florian aufzubauen. Es war kein Problem für ihn, dort Chorleute anzuwerben, da im Jahr 1943 alle Rundfunkchöre aufgelöst worden waren.

Weitere markante Ereignisse: Hitler besuchte am 4. April 1943 die zukünftige „Kulturstätte von Weltrang“. Wie die Orchestermusiker legten die Choristen am Grabe Bruckners ihren Eid ab. Zur Begrüßung des Chores am 3. Mai 1944 sprach der Gauleiter von Oberdonau, hernach noch ein zweiter Herr. Bis heute ist unklar, wer das gewesen ist.

Nachweislich hätte Günther Ramin, so die Auskunft des Sohnes Dieter Ramin, diese Rede – sie liegt auf Tonband vor und wurde seinem Vater fälschlich zu geschrieben – nicht gehalten. Laut Tagebucheintrag wäre er an dem Tag nicht in Linz gewesen. Indes, eine nicht gehaltene Rede ist noch kein Beleg, dass man anders oder gar kritisch geredet hätte. Faktisch gibt der Redetonfall die fatale Gesittung derer wieder, die dieses perverse Großgeschäft kulturell mit geprägt haben.

Der Krieg hat dem unabkömmlichen Thomaskantor persönlich Schlimmes nicht beschert. Die Wohnung von Karl Straube wurde zerstört, Ramins glücklicherweise nicht. Alle in die benachbarte Stadt Grimma evakuierten Thomaner, die er wahrlich umsorgt hat, konnten überleben. Während das Leben seines Mentors Straube in Resignation und Isolierung endete, blieb Ramin ein Handlungsmensch.

Vorzuhalten ist dem Künstler, dass er wie Millionen andere weggeschaut hat. Dem in Leipzig lebenden Ramin dürfte die „Arisierung“ des berühmten C. F. Peters Verlags, einem Musikverlag, verbunden mit der Enteignung von Henri Hinrichsen, der im KZ Theresienstadt starb, nicht entgangen sein. Desgleichen die plötzliche Abwesenheit jenes für die Ausprägung des Leipziger Synagogalgesangs bedeutenden Oberkantors Samuel Lampel, der in Auschwitz umkam.

Buß und Reu

Schon bald nach dem Kriegsende versammelte Günther Ramin Kräfte frischen Tatendranges. Ob ihn die Schuldfrage innerlich geplagt hat, ob er an sich selbst Fragen gerichtet hat wegen seines allzu beflissenen Selbstvertrauens während der Nazizeit, diese Fragen kann man heute nicht mehr beantworten. Gleichwohl muss er die Verzweiflung des Karfreitag gespürt haben. Wenn einer in entbehrungsreichen Tagen Trost zu geben verstand, dann Dirigent Günther Ramin unter der Kuppel der Thomaskirche. Etwas, das in seine verpasste Bewältigungsgeschichte unbedingt gehört: Buß und Reu, diesen Gemeindechoral aus der Matthäus-Passion, hat er zwar mit seinen Knaben turnusgemäß intoniert, beides aber persönlich nicht mit ihnen eingeübt, jedenfalls nicht öffentlich. Sein Blick war nach vorn gerichtet, wodurch er den neuen Verhältnissen fast automatisch dienstbar wurde.

Dass das Gewandhausorchester dann nach dem Abzug der Amerikaner aus Leipzig zum Empfang der Roten Armee Felix Mendelssohn Bartholdy, den in der sächsischen Stadt wirkenden Komponisten jüdischer Herkunft, musiziert, ist dann schon eine große Buß- und Reuetat.

Günther Ramin geht nicht in den Westen. Er bleibt in Leipzig, bei Johann Sebastian Bach, bei seinem Knabenchor. Wieder wird der Handlungsmensch gebraucht. Und einzelne Knaben. Der Dichter Bertolt Brecht bittet per Brief den Thomaskantor um kollegiale Hilfe: „Wäre es Ihnen möglich, dass Sie für unsere Aufführungen von Leben des Galilei drei Ihrer jungen Sänger (bis zu 12 Jahren) – 1 Sopran, 1 Mezzo, 1 Alt, zwölf Stanzas, die Hanns Eisler für die Kalifornische Uraufführung komponiert hat, einstudieren ließen?“ Ramin lehnt die Bitte Brechts ab, lässt aber drei Knaben die Verse auf ein Band singen, das in den Aufführungen verwendet wird.

Die bruchlos fortgeführten Bach-Aufführungen Ramins sind weiterhin grandios. Zum Dank heftet ihm Wilhelm Pieck, der Präsident der DDR, 1950 den Nationalpreis an. Der Thomanerchor und mit ihm sein Leiter erhält außerdem den Vaterländischen Verdienstorden in Gold. Und Thomaskantor Ramin darf mit seinem Klangkörper in die Welt, zu Aufführungsterminen in europäischen Städten und in ferneren Ländern – zum eigenen Ruhm und dem der jungen Republik. Es gab nichts im Nachkriegsleben von Günther Ramin, das auf seine NS-Vergangenheit verwiese.

Gerade erschien auf DVD Die Thomaner von Paul Smaczny und Günter Atteln

Stefan Amzoll ist Musikkritiker

11:24 26.09.2012
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