Schlau, schlau...

Sportplatz Was musste sich der Fußballer in der Vergangenheit nicht alles gefallen lassen. Kritik auf allen Kanälen. Die Fans seien vor allem primitiv, hieß es, ...

Was musste sich der Fußballer in der Vergangenheit nicht alles gefallen lassen. Kritik auf allen Kanälen. Die Fans seien vor allem primitiv, hieß es, die Spieler durch die körperliche Anstrengung ausgelaugt und geistig wenig gefordert, schließlich müssten sie auf dem Spielfeld nichts weiter tun, als sich einfach immer wieder klar machen, wo sich erstens der Ball, zweitens das Tor und drittens ein weiterer Spieler der eigenen Mannschaft befindet. Selbst das Flaggschiff der deutschen Boulevardpresse pustet in dasselbe Horn und verbreitet per Kinowerbung das Bild des dümmlichen Kickers ("Ähh...?!"). Und auch Fußballer sind nicht immer geschickt in Sachen Vermarktung der eigenen Intelligenz, wie der eine oder andere Aussetzer von - beispielsweise - Lothar Matthäus zeigt. ("Wir dürfen den Sand nicht in den Kopf stecken.")

Wir aber haben es schon immer geahnt: Totaler Schwachsinn. Das blöde Gerede vom hirnlosen Kicker, der nach einer gelungenen Kopfballaktion vor lauter Schädelbrummen den Namen seines Vereins vergisst und aus Versehen mit einer nicht geringen Ablösesumme zum Gegnerverein wechselt, ist pure Diffamierung. Und das ist jetzt auch amtlich, dank Sportsfreund Günter Jauch. Seine IQ-Test-Sendung vom vorvergangenen Samstag zeigte nämlich: Fußball macht überdurchschnittlich intelligent! Zumindest den, der nur zuguckt. Jauch testete vor den Augen von zeitweise fast 9, 5 Millionen Schaulustigen die Intelligenz von Deutschlands Randgruppen (Prominente, Kraftsportler, Lehrerinnen, etc.), aber auch die Zuschauer im Internet konnten mitmachen. Die Auswertung der Daten ergab dabei Folgendes: Bundesliga-Fans haben durchschnittlich einen IQ von 116,5, während der Intelligenzquotient der Normalsterblichen nur bei 90 bis 110 dümpelt.

Welch Labsal ist diese Erkenntnis für die üble Nachrede der letzten Jahre. Es bleibt allerdings die nicht ganz unwesentliche Frage: Welcher Verein hat am besten abgeschnitten? Und siehe da, die Bundesliga-Tabelle relativiert sich angesichts der Jauch-Statistik! Schließt man von der Intelligenz der Fans auf die Intelligenz der Mannschaft - und das ist bei der engen emotionalen Bindung zwischen Fan und Verein durchaus legitim -, ergibt sich folgendes Bild: Die Wolfsburger Abstiegskandidaten sind mit einem IQ von 120 eigentlich die besten (weil intelligentesten) Spieler, während sich der ewige Meisterschaftsfavorit FC Bayern München mit einem IQ von 116 nur im Mittelfeld bewegt. Überraschung? Besser jedenfalls steht Hertha da, zumindest was den IQ angeht. Immerhin 117 Zähler legt der Verein auf die Waage. Trainer Röber müsste sich also eigentlich keine Sorgen um seinen Posten machen. Es kann nur besser werden. Auch für den FC St. Pauli heißt es: Ruhig Blut. Zwar ist der Aufsteiger aus der vergangenen Saison mittlerweile wieder am absoluten Tabellenende angelangt aber das hat noch gar nichts zu bedeuten. Ihre Sympathisanten liegen nach dem IQ-Wert nämlich mit Bayern gleichauf, und jedes Kind weiß: die Bindung zwischen dem FC St. Pauli und seinen Fans ist besonders hoch.

Zurück zu Herrn Jauch. Den Quasi-Beweis für die Seriosität seiner Bundesligastatistik hatte er zum Glück auch gleich ins Studio eingeladen: den Einser-Abiturienten und ehemaligen deutschen Nationalspieler Thomas Helmer. Helmer ließ sein IQ-Ergebnis in der Jauch-Sendung allerdings auffällig im Dunkeln. Hatte er etwa was zu verbergen? Schnitt der Fußballexperte wohlmöglich schlecht ab, schlechter als Jauchs Randgruppe "Hausfrauen" beispielsweise? Wir können nur vermuten, warum Herr Helmer schwieg. Als geläuterter Ex-Profi übte er wahrscheinlich noble Diskretion Herrn Jauch gegenüber, um zu verbergen, dass der Sendung ein ebenso schwerwiegender wie skandalöser Fehler unterlaufen war: Nicht die TV-Zicke Sonja Zietlow und der komische Professor Freise waren die intelligentesten Prominenten im Studio, nein, die Computer hatten sich geirrt; Helmer war eigentlich der schlauste der Studiogäste. Er drängte sich einfach nur charmant nicht so in den Vordergrund. Das beweist eindeutig seine Bescheidenheit und außerdem folgendes: Thomas Helmer hat seit seinem (Stinkefinger-)Ausstieg aus der Bayern-Mannschaft 1999 dazugelernt. Er ist nicht nur unter logischen Gesichtspunkten am intelligentesten, sondern besitzt zudem ein hohes Maß an emotionaler Intelligenz, auch das eine Enthüllung für die Fußballwelt. Endlich kommt wieder Bewegung in die eingeschlafene Fußball-Intelligenz-Debatte! Danke, Günter Jauch.

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00:00 21.09.2001

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