Schlau verschuldet

Druck Japan dümpelt: In der Binnenwirtschaft herrscht Flaute. Die Last wird auf Arbeiter und Angestellte abgewälzt
Schlau verschuldet
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Foto: Yuriko Nakao/Bloomberg/Getty Images

Alle Welt empört sich jüngst über das Vorhaben der neuen italienischen Regierung, die Austeritätspolitik zu beenden. Wohlgemerkt: es ging um ein Defizit von 2,4 Prozent, deutlich weniger als die in der EU für sakrosankt erklärten 3 Prozent, aber mehr als von der Vorgängerregierung angekündigt und etwas mehr als die 1,9 Prozent, die die EU-Kommission als Kompromiss angeboten hat.

Warum die Aufregung? Weil Italiens Staatsschulden um die 130 Prozent des BIP betragen, mehr als das Doppelte der offiziell erlaubten 60 Prozent. Nur Griechenland übertrifft das mit einem offiziellen Schuldenstand von etwas über 190 Prozent in diesem Jahr. Wer so hohe Staatsschulden hat, sollte Schulden abbauen, statt neue zu machen, und zwar subito, so die gängige und in Deutschland hochgehaltene ökonomische Weisheit.

Sicher vor Attacken

Dabei gibt es Länder, die mit weit höheren Schuldenständen operieren, und das seit Jahr und Tag, ohne dass ihre Wirtschaft unter der Schuldenlast zusammengebrochen wäre. In Japan, der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt, beträgt die Staatsschuldenquote offiziell mehr als 236 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das müsste doch eigentlich Japans Regierende um den Schlaf bringen und die Japaner zum Aufruhr treiben! Tut es aber nicht. Die Japaner gehen mit ihrer enormen Staatsschuld recht entspannt um. Aus einem einfachen Grund: Die große Masse japanischer Staatsanleihen, über 90 Prozent davon, befindet sich in den Händen inländischer Gläubiger. Es sind japanische Anleger, Banken, Versicherungen, Pensionsfonds, Vermögensverwalter und die japanische Zentralbank, die die weitaus meisten japanischen Staatsschuldtitel kaufen und halten.

Der japanische Staat hat sich also konsequent in seiner eigenen Währung bei seinen eigenen Bürgern verschuldet. Ausländische Gläubiger sind schlicht nicht gewichtig genug, um Japan durch spekulative Attacken in Bedrängnis bringen zu können. Dazu kommt die Niedrigzinspolitik der japanischen Zentralbank, die ihrerseits seit Jahrzehnten das betreibt, was sich die EZB erst nach langem Zögern und gegen anhaltendes Wutgeheul aus Deutschland getraut hat. Sie kauft japanische Staatsanleihen am Sekundärmarkt auf, betreibt also nach der in Deutschlang gängigen Lesart „Staatsfinanzierung“, ohne dass deshalb die japanische Wirtschaft untergegangen wäre. Die US-Fed macht übrigens das Gleiche, wenn auch in bescheidenerer Dosierung.

Allerdings schwächt die lange Nullzinsperiode das japanische Bankensystem: Privatleute horten ihr Geld zu Hause oder in Banktresoren, es wird zumeist bar bezahlt, die Firmen schwimmen in Geldreserven und brauchen keine Bankkredite mehr.

Japan erlebte Ende der 1980er Jahre einen hausgemachten Riesen-Finanzkrach, nach Jahren hektischer Booms auf den Immobilien- und Aktienmärkten. Als die Blasen platzten, saßen Japans Banken fast über Nacht auf einem Riesenberg fauler Kredite. Einen Schuldenschnitt gab es nicht, von einer großzügigen Bankenrettung konnte keine Rede sein, dafür schrumpfte das inländische Kreditvolumen gewaltig, der Staat betrieb konsequente Deflationspolitik. Darauf folgte ein „verlorenes Jahrzehnt“ der Deflation und Stagnation: Fallende Preise führten zu verringertem Konsum, was wiederum die Preise sinken ließ, so die gängige Lesart. 1997 kam das Jahr der Wahrheit: Die japanischen Banken konnten ihre Verluste nicht vor sich her schieben, über ein Drittel ging bankrott und wurde abgewickelt.

Die Geldpolitik – ein Irrwitz?

Die Deflation dauerte auch nach dieser Bereinigung an. Tatsächlich war die Deflationsperiode von 1991 bis 2000 und danach weniger gravierend als gemeinhin angenommen. Nach neueren Berechnungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) belief sich der Preisrückgang insgesamt nur auf etwas über 4 Prozent. Obwohl das Wachstum der japanischen Wirtschaft mit insgesamt gut 10 Prozent weit hinter dem der USA zurücksank, blieb Japan die führende Industrie- und Handelsmacht Ostasiens, bis China vorbeizog.

Japans ökonomische Sorgen haben weder mit Verschuldung noch mit dem Aufstieg Chinas zur führenden Welthandelsmacht in Asien zu tun, von dem die japanische Exportmaschine bis heute profitiert. Es ist vielmehr die japanische Binnenwirtschaft, die lahmt, aus vielen Gründen, aber vor allem infolge des rapiden demografischen Wandels und weil die Löhne und Gehälter ebenso wie die Renten kaum steigen, obwohl die Japaner deutlich mehr und länger arbeiten als etwa die Deutschen. Also dümpelt der Massenkonsum vor sich hin.

Seit Jahr und Tag versuchen Japans Regierende, wieder Schwung in die Wirtschaft des Landes zu bringen, bisher mit wenig Erfolg. Auch die viel gepriesene Politik der „Abenomics“ von Japans Premierminister Shinzo Abe, der seit 2013 im Amt ist, hat bisher wenig gebracht. Sie besteht im Wesentlichen aus drei Elementen: expansiver Finanzpolitik, das heißt staatlichen Konjunkturprogrammen; ultralockerer Geldpolitik, also einer Geldschwemme für die heimische Wirtschaft, und, drittens, Strukturreformen. Genützt hat sie bisher wenig.

Trotz der für deutsche Mainstream-Ökonomen geradezu irrwitzigen Geldpolitik der japanischen Zentralbank steigt der Wert des Yen, was wiederum Japans Exportindustrie unter Druck setzt. Und die japanischen Industriebosse geben den Druck nach bewährtem Muster ungebremst weiter an ihre Arbeiter und Angestellten. Arbeitsdruck und Arbeitsleistung steigen unaufhörlich, bei stagnierenden Reallöhnen. Japans Infrastruktur ist bereits hervorragend ausgebaut, weitere milliardenschwere Investitionsprogramme helfen da wenig, außer im Fall von Großkatastrophen wie in Fukushima.

Was die „Strukturreformen“ angeht, so hat Japan nach zahlreichen Deregulierungsrunden inzwischen auch einen prekären Niedriglohnsektor, der etwa 40 Prozent der Beschäftigten umfasst. Doch viel besser geht es auch den stabil Beschäftigten nicht, denn der Arbeitsdruck und die tagtägliche Hetze sind in Japan höher als in den Nachbarländern. Nur in Japan gibt es „karoshi“, den Tod durch Überarbeitung als Massenphänomen.

Der enorme, ja mörderische Arbeitsdruck und die Wohnungsnot führen zu sinkenden Geburtenraten, daher schrumpft die Bevölkerung. Zugleich leben die Japaner immer länger, also steigt der Anteil der Alten, und dadurch auch die Sozialausgaben, insbesondere für Pflege und Gesundheitsversorgung. Die naheliegende Lösung des Dilemmas wagen nur wenige öffentlich anzusprechen: Masseneinwanderung von Ausländern. Diese bleibt ein Tabu, Überalterung und Arbeitskräftemangel hin oder her. Also schwächelt Japans Wirtschaft vor sich hin. Es ist die Überausbeutung der Beschäftigten, die den Laden am Laufen hält.

06:00 16.01.2019

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