Schlaues Fragen, kluges Schweigen

MEDIENTAGEBUCH Auf der Suche nach der verlorenen Intelligenz des Fernsehens

Am Ende der großen Ideologien und der sozialen Experimente wächst das Verlangen nach Klugheit ins Unermessliche. Wir alle kennen kluge Menschen und sind heilfroh, dass es sie gibt. Wahrscheinlich bilden sie sogar eine große Menge, allein, verlässliche Zahlen existieren nicht. Weder in einer bestimmten Partei, noch in einem speziellen Verein, nicht einmal in der Zeitung für kluge Köpfe oder in dieser Wochenzeitung hier sind sie restlos beheimatet. Verblüffend viele von ihnen sollen sich auf den Bildschirmen tummeln, aber wie können wir sie dort erkennen?

In einem Medium, das Unmengen an Sprachmüll produziert, handelt es sich vermutlich um Menschen, die nicht allzu viel sagen. Bestimmt werden sie - so gut es geht - bedenken, dass Verschwiegenheit die Pforte zur Weisheit ist. Manche Moderatoren zwingen schon die Umstände dazu, konzentriert zu sprechen und gezielt zu fragen. Folgt ein sibyllinisches Lächeln oder ein vielsagendes Räuspern an der rechten Stelle, haben wir einen Klugen oder eine Kluge aufgespürt. Neulich um 22 Uhr 30 in der ARD war es Anne Will, die neue Moderatorin der Tagesthemen, von der wir freilich schon wussten, dass sie wie fast alle ihre Vorgängerinnen in gutem Ruf steht. Eine bedeutende Ausnahme, Susan Stahnke, wurde ja erst zu einer solchen, als sie in der Presse geschwätzig wurde. Moderator Ulrich Wickert wiederum ist a) ein Mann und schreibt b) Ratgeber, die vor allem von der Verlagswerbung als klug bezeichnet werden, also Vorsicht.

Aus zuverlässiger Quelle vernimmt man dagegen von der Klugheit Günter Jauchs. Nachdem wir seine diversen Shows inspiziert haben, scheint er uns ein sympathischer Grenzfall. Spitzbübisch und ein wenig abiturientenhart, aufmerksam und freundlich, aber eine Spur zu harmlos. Wir werden auf ihn zurückkommen. Sein Kollege Jürgen von der Lippe von Geld oder Liebe dünkt uns im Umgang mit seinen Kandidaten dagegen latent bösartig, was nicht nur von Nachteil sein muss. Er zügelt seine asozialen Triebe in einem verschmitzten Lächeln, lächelt aber etwas oft verschmitzt. Bestimmt ist Klugheit eine Frage von Takt und Maß. Wer aber zu maß- und taktvoll ist, der wirkt spießig oder wie Alfred Biolek - auch er wurde uns genannt - sogar onkelhaft.

Dabei ist ein Moderator von Rang durchaus ein wenig altmodisch. Neulich erinnerte eine Sendung an Hans-Joachim Kulenkampff, der regelrecht als TV-Weiser gilt und darum im Fernsehen aus gewichtigen Büchern vorlesen durfte. Nicht erst mit seinem letzten Quiz Zwischen gestern und heute kurz vor seinem Tod, sondern schon mit Einer wird gewinnen hatte der große Charmeur auf seine Zeitgenossen wie ein Relikt einer früheren Generation gewirkt. Menschen seiner Art finden wir vielleicht schon deshalb klug, weil sie auf freier Bahn ein Tempo drosseln, das alle viel zu hoch finden. Freilich ist es ebenso unklug, den Zeitgeist zu verdammen, wie sich seinen Moden kopflos anzubiedern. Beides konnten wir im Wort zum Sonntag studieren, von dem wir überrascht waren, dass es überhaupt noch gesendet wird (Samstags zu vorgerückter Stunde).

Einen salbadernden Ton schlug nun leider auch Günther Jauch in einer Moderation der Champions-League an. Wir sahen ihn nachdenklich, mit langen Pausen zwischen den Sätzen. In der Show Wer wird Millionär? hatte dieser "Mut zur Pause" (Jauch) auf uns sehr angenehm gewirkt, andere Quizshowmaster sollen ihn kopiert haben. Und im Spiegel stand trefflich, dass Jauch sich in seiner 10-Millionen-SKL-Show selbst kopiert - allerdings zu seinem Nachteil. In der Fußballshow wirkten seine Kunstpausen nun völlig deplatziert, sie gaben einer trivialen Sache zu viel Bedeutung. Schlagartig erkannten wir, dass die Studiogäste Hitzfeld und Hoeneß Stuss erzählten und die sogenannte Analyse des Spiels in Wahrheit eine tiefe Beleidigung für jeden denkenden Menschen war.

Leider schlug das Schweigen von Jauch auch den Ko-Moderator Marcel Reif in seinen Bann. Bevor Reif fast unauffindbar im Pay-TV verschwand, hatte er uns als überragende Persönlichkeit auf dem Gebiet der Sportberichterstattung gegolten. Während etwa sein Kollege Werner Hantsch dem Volk nervig nach dem Munde gesprochen hatte, schaute Reif diesem auf selbigen, ohne es darum zu verachten. "Wenn Boulevard vernünftig gemacht wird, halte ich das für eine sehr hohe Kunstform", sagte er. Sehr klug.

Vielleicht braucht es zur Einsicht, dass der Fußball (also die ganze Welt) in Wahrheit eine flache Scheibe ist, nicht der bedeutungsvollen Pausen eines Günter Jauch. Aber leider wollen wir geschickt getäuscht werden, die nackte Wahrheit ertragen wir nicht, schon gar nicht im TV. Deswegen schien uns Klaus Bednarz, der ebenfalls im Ruf steht, klug zu sein, ein problematischer Fall, obwohl die Monitor-Sendung intelligent gemacht war. Aber verhält sich die Intelligenz zur Klugheit nicht wie die Ironie zum Humor? Humorvoll kann man eigentlich gar nicht genug sein. Menschen aber, die immer ironisch oder gar zynisch sind, wirken auf Dauer abstoßend. Deshalb war Harald Schmidt klug genug, von seinem Zynismus notabene im Freitag nun etwas Abstand zu nehmen. Zu guter Letzt sollten wir Sandra Maischberger würdigen, die uns oft genannt wurde. Wir waren skeptisch, als wir um 23 Uhr 15 auf N-TV schalteten (wieso eigentlich?). Aber als wir sehen durften, wie sie eine verkrampfte junge Christdemokratin in der Sache zwar scharf befragte, aber eben nicht in die Pfanne haute (nichts wäre leichter gewesen), erkannten wir: In dieser Geste steckt Klugheit, hier gibt es nichts mehr auszusetzen. Na ja, außer dass es nichts mehr auszusetzen gab. Denn das ist schließlich der Beruf der Klugheit.

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00:00 11.05.2001

Ausgabe 42/2021

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