Schlecht gealtert

A–Z Können Sie noch über die „Feuerzangenbowle“ lachen? Hören Sie etwa noch Ska und tragen Röhrenjeans? War cool, ist es nicht mehr. Genauso wie Westgemecker über Ersatzteilmangel in der DDR oder Rauchen à la française. Unser Lexikon
Schlecht gealtert

Foto: Peter Marlow/Magnum Photos/Agentur Focus

A

Alphatier Mal sehen, was das wird mit Friedrich Merz als CDU-Chef – ich wette, er wird 2025 nicht Kanzler werden. Zwar ist Olaf Scholz auch ein Mann, dem viele zudem Führungsstärke attestieren, aber ganz nach oben gelangte er nur dank smartem Teamplay, unter anderem mit Saskia Esken und Kevin Kühnert. Das Modell Alphatier, laut Duden eine „durchsetzungsfähige, andere Menschen dominierende Person“, hat ausgedient, obgleich es noch nicht von der Bildfläche verschwunden ist, siehe Merz.

Aber wie gehen wir mit den toxischen Reaktionen von Männern um, deren Dominanz verblasst? Meike Stoverock weiß es, sie hat mit Female Choice. Vom Anfang und Ende der männlichen Zivilisation ein Kultbuch geschrieben – in dem sie Aggressivität und Konkurrenz als Säulen männlicher Reproduktionsstrategie nicht einfach verteufelt, sondern deren Transformation skizziert. Sebastian Puschner

B

Blackfacing Als Jugendlicher habe ich gerne Scrubs geguckt, das war eine Krankenhaus-Sitcom, die ich illegal im Netz gesucht habe – sehr zum Leidwesen meiner Mutter, die nicht so happy mit meinen Schulnoten war und fand, ich sollte meine Nachmittage anders verbringen. In drei Folgen der Serie „blackfacen“ sich die weißen Schauspieler, sie tragen also dunkles Make-up, um als Schwarze durchzugehen. Und weil das heute nicht mehr politically correct ist (da muss man nur den kanadischen Premier Justin Trudeau fragen, den das fast den Job gekostet hätte), wurden die drei Folgen von allen Streamingplattformen entfernt. Am Berliner Staatsballett wollte man Tschaikowskis Nussknacker dieses Jahr wie 1892 inszenieren. Jetzt wurde der Weihnachtsklassiker abgesagt, neben den schwarz angemalten Gesichtern der Kinder im zweiten Akt seien die arabischen und chinesischen Tänze rassistisch. Der russische Botschafter kocht. Stattdessen wird ein spanisches Stück gezeigt, Don Quixote (Ersatzteile). Dorian Baganz

E

Ersatzteile Da sieht man mal, was es mit der Planwirtschaft der DDR auf sich hat – sie ist unfähig, für Ersatzteile zu sorgen! Im Westen waren sie kein Thema, und er sonnte sich vor 1990 in dieser Überlegenheit. Von heute aus gesehen stellt sich die Sache etwas anders dar: Ersatzteile bereitzustellen fiel der DDR noch schwer, aber sie wollte es natürlich und hätte das Problem mit der Zeit auch in den Griff bekommen. Im Westen aber war es vor allem deshalb kein Problem, weil sich damit so schön gegen den Sozialismus argumentieren ließ. Nach 1990 wurde Reparatur immer seltener angeboten. Ob Kamera, Hi-Fi-Anlage oder Induktionsherd, man wird zum Neukauf gezwungen, weil es keine Ersatzteile mehr gebe oder die Reparatur zu teuer werde. Inzwischen ist das ein politischer Streitgegenstand. 2018 verlangte eine Petition vom Deutschen Bundestag, ein Recht auf Reparatur für Elektrogeräte einzuführen. Hersteller sollten Ersatzteile für mindestens zehn Jahre aufbewahren. Aber nur Grüne und Linkspartei stimmten dafür. In diesem Jahr wurde immerhin für Geräte wie Smartphones eine Update-Pflicht eingeführt. Aber es bleibt dabei: Neuverkäufe sind profitträchtiger. Gesetze bewirken wenig. Der Ansporn durch die Existenz der DDR ist weggefallen. Michael Jäger

K

Kultbuch „Auch hier wohnt ein Frauenfeind!“ So stand es am Fenster des Täters, darunter das Frauenzeichen. Der Rowohlt Verlag, der die ehemals im alternativen Buntbuch-Verlag erschienene Geschichte um Liebe, Enttäuschung und Hass profitträchtig in Umlauf brachte, hievte das Foto aufs Buchcover. Svende Merians Der Tod des Märchenprinzen (1980) wurde zum Kultbuch, fast gleichzeitig mit Klaus Theweleits Männerphantasien, die auch erst bei Rowohlt in den Kanon eingingen. Merian dagegen provozierte eine erbitterte Diskussion um feministische Selbstjustiz, denn ihr biografisch verbürgter Arne probte lieber in Brokdorf den Aufstand, als sich auf die Beziehungskiste einzulassen. Heute nur noch Seminarlektüre, dachte ich. Irrtum! Denis Scheck arbeitete sich 2021 daran ab, in seinem literarischen Anti-Kanon. Er wird’s nötig haben. Ulrike Baureithel

N

Niedliche Puppen Baby Annabell sieht so artifiziell aus, ich kaufe lieber ein weiteres Kuscheltier. Auf der Suche nach einer Puppe für das Kind musste ich kläglich scheitern. Auswahl unendlich, aber nichts dabei. Fast alle Babys sind weiß, haben sehr unangenehme Plastikhaare und tragen rosa (Mädchen) oder hellblaue (Jungen) Kleidung. Diversität 2021 (➝ Blackfacing). Die Waldorfpuppen sehen creepy aus und öko. Sind auch ganz schön teuer. Ich gebe auf. Oma bestellt eine süße schwarze Puppe (nur 20 Euro!), leider verliert die sofort ihr Bein. Lisa Kolbe

P

Pennälerhumor Mir selbst ein Rätsel, aber damals fand ich es irre komisch, wie Dagobert Duck einmal seinen Neffen anherrscht: „Du machst ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter!“ Ist die gänzlich überarbeitete Edition der von Erika Fuchs übersetzten Comics überhaupt noch lustig? Kaum. Einmal schaute ich mit den Jungs die Feuerzangenbowle, der Film ist so subtil kontaminiert, dass ich ihnen den Lieblingsstreifen meiner Kindheit nicht vorenthielt. In der Komödie trimmt sich der Schriftsteller Dr. Pfeiffer (Heinz Rühmann) auf jung, einmal im Leben will er ein richtiger Pennäler sein. Großer Spaß? Meine Söhne goutieren gar kein schwarzweißes Knistern von 1944, sondern mehr so Tiktok-Humor (➝ Röhrenjeans). Katharina Schmitz

R

Rauchen Mit 14 habe ich zum ersten Mal auf Lunge geraucht, im Ferienlager in Bad Saarow. Es war die Zeit, als Väter ihren Kindern Vollmachten in die Hand drücken konnten, geh Zigaretten holen, weil sie selbst zu faul waren. Die Zeit dieser Filme. La Boum, César und Rosalie, Solo Sunny. Frauen rauchten, wenn sie frei sein wollten, es gehörte dazu. Einmal fand ich jede einzelne Kippe meiner Lucky-Strike-Schachtel zerschnitten im Mülleimer wieder. Dafür, „dass du Krebs kriegst“, gebe sie mir kein Taschengeld, so meine Mutter. Ich war Teenagerin, ich rauchte weiter. Als Studentin arbeitete ich im Callcenter, rannte sofort aus dem dick gelb versifften Raucherraum, da Pause zu machen war würdelos. Also, nur eine am Tag. Dann hörte ich ganz auf. Nur in Paris warf ich meine Vorsätze über den Haufen. Was hat die E-Zigarette noch mit „Liberté toujours“ zu tun? Es raucht nicht, es dampft, aus einem monströsen Gerät. Wirklich uncool, wie das echte Rauchen zum Glück heute. Neuseeland will Jugendlichen unter 14 das Rauchen per Gesetz lebenslang verbieten. Vielleicht würden meine Kinder zum Schwarzmarkt gehen. Gut so! Aber zerschnippeln würde ich ihre Kippe dann doch. Maxi Leinkauf

Röhrenjeans Es ist dem Material Elasthan zu verdanken, dass wir Millennials als Jugendliche Röhrenjeans tragen konnten. Es macht den Jeansstoff so elastisch, dass man ihn auch in knalleng noch über die Oberschenkel quetschen kann. Und es galt: Je schmaler die Hosenbeine, desto besser. Das Anziehen vor der Schule in den 2000ern und 2010ern kann man nur als Qual bezeichnen. Niemals hätten wir uns träumen lassen, dass „Skinny“ Jeans aus der Mode kommen könnten. Doch seit Gen Z die Deutungshoheit im Internet übernommen hat, wird nicht nur der Hose, sondern auch meiner Millennial-Jugend der Krieg erklärt.

Auf Tiktok ist klar, wer das Sagen hat. Was man mit engen Jeans machen soll? Verbrennen. In zahllosen Videos halten Teenager Feuerzeuge an blauen Stoff und lassen unsere Uniform in Flammen aufgehen. Denn sie tragen das Gegenteil von eng: Je weiter, desto besser. Skinny ist out, Body Positivity in. Doch die weiten Jeans sind mehr als nur eine vom Geschlecht befreite Silhouette. Wer sie anzieht, merkt schnell, wie viel freier es sich geht, wenn einem die Hose nicht mehr konstant die Durchblutung abdrückt. Alina Saha

S

Ska Früher war es ein Ritual: kein Sommer ohne Offbeat. Ska und Reggae galten als respektable Subkultur, wenngleich zwischen den spanischen Anarchos Ska-P, den britischen Pionieren The Specials und dem Urvater Bob Marley erhebliche Unterschiede bestehen. Aber: Ich kann fast nichts mehr davon hören, und ich höre es auch nirgendwo mehr. Die aggressive Gutgelauntheit jüngerer Bands ist mir unerträglich geworden. Und bei den zweifellos guten Klassikern blitzen in meinem Kopf Bilder jenes Menschenschlags auf, der diese Musik gefeiert hat – Männer in Cordjackets, von denen jeder einzelne ein Vinylprofi war, klar. Ich möchte nicht so einer sein.

Wer sucht, der findet heute wieder Turnschuhe im Schachbrettmuster – die Marke Vans hat das Ska-Emblem aus nostalgischen Gründen wiederaufleben lassen.Aber ansonsten: Filzhüte, bunte Hosenträger, karierte Krawatten? Wo lagert dieser ganze Kram? Wird irgendwo noch heimlich geskankt? Vielleicht gibt die Welt es nicht mehr her, dass man nur übers Tanzen, Saufen und Kiffen singt. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass einst rebellische Claims wie „Legalize it“ in naher Zukunft eher staatstragend klingen werden. Nur ein Song, der funktioniert in pandemischen Zeiten noch. Sie hören The Specials: „This town is coming like a ghost town. All the clubs have been closed down. (…) Do you remember the good old days before the ghost town? We danced and sang as the music played in any boomtown.“ Konstantin Nowotny

W

Wein Alter steht beim Wein für Qualität, Reife, tiefen Geschmack. Der Mythos ist so verbreitet, dass sogar Gadgets dafür angeboten werden, in ein paar Tagen die Wirkung von Jahren zu erzeugen: Manschetten mit „ionisierenden“ Magneten oder Ultraschall-Effekt. Diese Altbrunnen sind esoterischer Schnickschnack, und das ist auch gut so. Die wenigsten Weine eignen sich nämlich fürs Altwerden, etwa zehn Prozent sind es bei Rotwein, bei Weißwein nur fünf. Und selbst für das, was gut gereifte Weine ausmacht, muss man Geschmack entwickeln: Bei roten sind es Noten von Rauch, Tabak, Erde, Lakritz, Kaffee oder Schokolade, bei Weißwein Sherrytöne. Wein wird heute meist trinkreif gekeltert, bei der Alterung setzen komplexe chemische Prozesse ein. Oxidation und Gärprozesse zerstören die Balance. Richtig schlimm wird es, wenn der Wein korkt, unangenehm perlt oder sich in Essig verwandelt hat. Probieren kann man aber immer. Egal, wie furchtbar ein alter Wein schmeckt – gesundheitsschädlich ist das nicht. Jörn Kabisch

Z

Zwitschern „Klar ist auch, es kann im Herbst keine Ampel geben“, twitterte Ulf Poschardt am 15. April 2021. Das war dem Chefredakteur der Welt auch am 16. September noch klar: „es wird keine ampel geben“. Es gibt sie ja nun doch, die Ampel – und neues Anschauungsmaterial für schlecht gealterte Social-Media-Posts. Von denen gibt es eine Menge: In der Welt der steilen Thesen geht eben auch mal was daneben. So ist das Netz voller Fehleinschätzungen – von der Impfpflicht bis zur österreichischen Regierung – und voller triumphierender Aufdecker:innen, die die Irrtümer von einst per Screenshot in Erinnerung rufen. Der schlecht gealterte Tweet ist also kein Grund zur Scham. Er gehört zu Twitter dazu. Benjamin Knödler

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06:00 09.01.2022
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