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Nahost Es herrscht Waffenruhe zwischen Israel und Hamas. Wäre der Eurovision Song Contest nicht, hätte man wohl weiter gekämpft
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Am 14. Mai will sich Tel Aviv von seiner besten Seite zeigen

Foto: Jack Guez/AFP/Getty Images

Für die Zivilisten beider Seiten waren die Kämpfe zwischen Israels Armee und den Islamisten im Gazastreifen 45 Stunden lang der blanke Horror. Allein, Israelis können sich frei bewegen, den fast zwei Millionen Menschen in Gaza, einem der am dichtesten bevölkerten Gebiete auf der Welt, ist das verwehrt. Die israelischen Besatzer haben sich 2005 zwar von dort zurückgezogen, seither aber eine Blockade aufrechterhalten— an Land, in der Luft und zur See. In der Tageszeitung Haaretz nannte Ex-General Shlomo Gazit die abgeschnürte Region „das größte Gefängnis in der Geschichte der Menschheit“. Die Asymmetrie der Verhältnisse wird oft übersehen: in Gaza eine humanitär bedrohte, von einer korrupten, fast handlungsunfähigen Regierung unterdrückte Bevölkerung in einem ständigen Ausnahmezustand – auf der anderen Seite der hochgerüstete Hightech-Staat Israel, dessen Bevölkerung überwiegend in Wohlstand und Freiheit lebt.

Die jüngste Welle der Gewalt hatte jedoch eine neue Qualität. In ungewöhnlich hoher Frequenz, treffsicherer und mit größerer Reichweite denn je feuerten Hamas und Islamischer Jihad 690 Raketen auf die angrenzenden Gebiete Israels. Vier Israelis starben, über 200 wurden verletzt. „Die militärischen Fähigkeiten dieser Gruppen und ihr Selbstbewusstsein haben sich gesteigert“, sagt Salah Abdel-Shafi, Botschafter der Palästinensischen Autonomiebehörde in Österreich, gebürtig aus Gaza. Er drängt darauf, eilig die Lebensumstände am Ort zu verbessern, damit endlich Ruhe und Ordnung einkehren könnten. Ohne elementare Menschenrechte bleibe der kleine Landstrich unregierbar. Israelische Sicherheitsexperten empfehlen das schon lange, vergeblich.

Zu Wochenanfang, pünktlich zu Beginn des Ramadan, trat nun eine Waffenruhe in Kraft. Israel versprach, die Blockade zu lockern und die Finanzhilfen aus Katar nach Gaza fließen zu lassen. Dort gab es mindestens 25 Tote, 177 Verwundete und Hunderte zerstörter Wohnhäuser. Israels Premier Netanjahu hätte wohl weiterkämpfen lassen, war freilich in der Zwickmühle. Denn diese Woche wird in Israel der gefallenen Soldaten gedacht und die Unabhängigkeit des Landes von 1948 gefeiert. Und am 14. Mai gibt es in Tel Aviv den 64. Eurovision Song Contest mit Tausenden Touristen und rund 190 Millionen Fernsehzuschauern weltweit. Da wäre Krieg eine schlechte Werbung und würde für massive wirtschaftliche Einbußen sorgen.

Netanjahu scheint keinerlei Plan für Gaza zu haben und agiert mit Gewalt statt Konzepten. Nach dem Motto „Teile und Herrsche“ vermeidet er einen politischen Prozess mit der durch die Fatah geführten Autonomiebehörde in der Westbank und stärkt so Hamas in Gaza. Die Leidtragenden sind die Palästinenser und die Bevölkerung im Süden Israels. „Für diesen Konflikt gibt es keine militärische Lösung“ sagt Sara Roy, Dozentin an der Harvard University in Boston. Die Gaza-Expertin ist überzeugt, dass die Menschen nichts als normal leben wollten. „Beider Sehnsüchte sind untrennbar miteinander verbunden, und keinerlei Gewalt oder physische Trennung wird daran etwas ändern.“ Doch leider gehört zur Tragik des Konflikts, dass erst Menschen sterben müssen, damit die Weltöffentlichkeit überhaupt hinsieht.

Wenn sich das Gaza-Jugendkomitee mutig an Friedensaktivitäten beteiligt, nimmt davon kaum jemand Kenntnis. Für die Gewalttäter ist das eine Bestätigung ihrer Strategie.

06:00 09.05.2019

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