Schlechtes Karma

Schlechtes Karma? Noch nie ließen sich Nationen so leicht beleidigen wie heute

Der Ruße ist nie andres, als niedrig in seiner Schmeichelei, damit er g r o ß gegen andre sei: d.i. er ist Sklave um Despot zu werden", notierte Johann Gottfried Herder in seinem Journal meiner Reise im Jahr 1769. In dem machte er sich Gedanken zu Erziehung, Politik und Völkerpsychologie in Europa. Letztere gehört aus gutem Grund nicht mehr zu den Disziplinen, in denen Geistesgrößen zu glänzen hoffen. Was nicht heißt, dass sie verschwunden wäre: Sie ist nur abgewandert in einen Bereich, dessen argumentative Genauigkeit am besten mit einem Begriff wie esoterisch umschrieben ist.

Die Schauspielerin Sharon Stone mutmaßte unlängst, dass die Erdbeben in China dem schlechten Karma der dortigen Bevölkerung geschuldet seien. Der Fernsehkomiker Olli Dittrich schmückte in mehreren Werbespots eines Elektronikgroßmarkts eine Figur namens "Toni, der Italiener" mit allen Klischees aus, die sich der Mitteleuropäer vom "schmierigen Südländer" je gemacht hat. So könnte die Aufzählung fortgehen bis hin zu den dänischen Mohammed-Karikaturen.

Dann würde man merken, was sich seit Herders Reise im Jahr 1769 noch geändert hat: der Umgang mit den stereotypen Zuschreibungen an ethnische und religiöse Gruppen. Sharon Stone wurde vom Shanghaier Filmfestival ausgeladen. Der Elektronikfachmarkt, der Olli Dittrich bezahlt, nahm nach Protesten die Spots vom Schirm. Und die Mohammed-Karikaturen zogen diplomatische Verwicklungen nach sich, die das Martialische an der Huntington-Vokabel vom clash of civilizations als zutreffend erscheinen ließen.

Mit etwas Abstand lässt sich daran zweierlei ablesen. Zum einen ist die Globalisierung ein emanzipatorischer Prozess, insofern der weltweite Diskurs heute nicht mehr allein vom Hegemonialwesten geführt werden kann. Dabei ist die Erkenntnis, dass man keinen ressentimentgeladenen Unsinn über den Rest der Welt im Kollektivsingular erzählt, eine, zu der westliche Selbstreflexion früher schon hätte führen können. Nun scheint es aber so zu sein, dass diese Erkenntnis im Bewusstsein sich erst dann verankert, wenn "die Chinesen" damit drohen, nie wieder Produkte eines Kosmetikkonzerns zu kaufen, für den Sharon Stone ihr Gesicht hinhält. Zugleich mutet trotz vollends berechtigter Empörung solch heftige Reaktion etwas übertrieben an: Gerade weil Sharon Stones Äußerung derart esoterisch ist, kann man darüber nur lachen. Wie aber kann man das Lachen darstellen?

Was als Überempfindlichkeit zurückwogt, deutet tatsächlich auf ein mediales Problem. Denn zum anderen verengt die Globalisierung die Perspektive: Wahrgenommen wird auf dem ewig brummenden Planeten nur, wer am lautesten schreit. "Die Muslime", die dänische Fahnen verbrennen, oder "die Chinesen", die wütend vor französischen Supermarktketten auflaufen, liefern bessere Bilder als differenzierte Gesprächsrunden in Peking oder hintersinnige Texte in arabischen Zeitungen - unabhängig davon, dass es auf beiden Seiten ideologische Interessen gibt, den Zwiespalt zu schüren.

Der Ausweg aus diesem Dilemma ist eine Frage der Zeit. Die Modernisierung des westlichen Denkens wird auch nur durch eine gewisse Heftigkeit beschleunigt werden, auf dass schlechte Karikaturen, billige Parodien und schwachsinnige Bemerkungen nicht erst gemacht werden - was, ehe sich jemand empört, nichts mit Zensur zu tun hätte. Umgekehrt sollte die Erfahrung der Auseinandersetzung auf der Gegenseite dazu führen, dass die Mittel des Protests sich verfeinern und Gelassenheit wachsen lassen. Außerdem nähert die Globalisierung nicht unberechtigte Hoffnungen, das nationale Gefühle sich künftig allein in Folklore äußern.

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet auf diesem Feld der Springer-Konzern schon heute brilliert? Vor dem EM-Spiel Deutschland gegen Polen lieferten sich die polnische und die deutsche Bild Scharmützel, die mit dem Verhältnis beider Länder nichts zu tun haben. Ein multinationaler Konzern schaltete auf Leerlauf in der Achterbahn der eigenen Rhetorik. Und "der Pole" wie "der Deutsche" lehnen sich zurück und denken an Herder: Springer ist nie anders als niedrig in seinen Instinkten, damit es moralisch sich empören kann - über sich selbst.

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00:00 13.06.2008

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