Schleudertrauma

Wenn es um Waschmaschinen geht, muss ich bekennen: Ich liebe Frontlader. Ich hab mir schon wieder ein neues Modell zugelegt. Wie das Raumschiff einer ...

Wenn es um Waschmaschinen geht, muss ich bekennen: Ich liebe Frontlader. Ich hab mir schon wieder ein neues Modell zugelegt. Wie das Raumschiff einer fremden faszinierenden Zivilisation steht es, vorgestern gelandet, in meiner Küche, denn im Bad ist kein Platz mehr, dort habe ich die Vorgängermodelle geparkt. Die neue Maschine schnurrt und vibriert. Die Armaturen blinken. Ich knie davor und sehe der Trommel beim Drehen zu. Noch ist die Wäsche trocken, jetzt läuft rauschend Wasser ein. Wasser wässert, Schaum schäumt. Es ist immer dasselbe und nie das Gleiche. Das T-Shirt knuddelt den Slip. Das Handtuch schmiegt sich eng an das Unterhemd. Wird es die Socke schaffen, sich beim nächsten Dreh aus dem Würgegriff der Jeans zu befreien? Wer mich sieht, denkt ich bin bescheuert. Oder ich bete. Die Wahrheit ist: Es ist beides. In meinem nächsten Leben, so geht mein Gebet, wird alles anders sein! Als Waschmaschineningenieur wiedergeboren, schreite ich Tag für Tag die Teststrecken meines Instituts ab, gucke den Maschinen bei der Arbeit zu und bin glücklich. Dann werde ich endlich mein Trauma abarbeiten. Das Trauma, das mein Karma verunreinigt. Mein Schleudertrauma.

Es geschah in der Küche, die zugleich unser Bad war. Es gab wunderbar ziselierte Fliesen auf dem Boden. Ein paar hatten einen Sprung, aber gerade diese liebte ich. Kamen durch sie die Ameisen gekrabbelt, die es manchmal gab? Es war auch ein großes, altes Waschbecken da. Eine Dusche gab es nicht. Man wusch sich am Becken. Hals, Bauch, Füße - stückweise, wie wir sagten. Natürlich konnte man sich auch in eine Schüssel setzen, um sich mal ordentlich Pimmel und Po zu putzen. Es war die gleiche Schüssel, in der auch die Socken eingeweicht wurden. Kartoffelsalat wurde, soweit ich mich erinnere, in dieser Schüssel nicht zubereitet, dazu war die Schüssel zu groß. So viel Salat hätten meine Mutter und ich niemals essen können, und man wollte ja nicht, dass was umkommt.

In dieser Küche also. Es war - immer lebe der Fortschritt - eine Schleuder gekauft worden, eine kleine Schleuder für die Kleine Wäsche. Größeres wurde zu Lauenzien gebracht. Lauenzien besaß die Wäscherei in der Stadt. Lauenzien, Eisen-Gehrt (der die Altstoffe nahm) und Scheiße-Meyer (der die Sickergruben auspumpte) waren die reichen Leute im Ort. Trotzdem warnte mich meine Mutter immer, ich würde als Jauchefahrer enden. Warum eigentlich? Irgendwas sah sie falsch.

Zu Lauenzien fuhr ich mit einem hölzernen Handwagen, die Wäsche fest verschnürt, die Räder quietschten und jaulten, es ging einmal quer durch die sächsische Kleinstadt. Ich zog, der Wagen hüpfte, die Wäsche tanzte. Die Leute guckten blöd, wenn ich sie vom Bordstein vertrieb. Quiekquak machten die Räder. Manchmal fiel der Wagen um. Und natürlich starb ich vor Scham.

Jetzt hatten wir also eine Schleuder. Die Wäsche lag drin und wartete auf ihre Jungfernfahrt. Die Socken waren zuvor aus ihrer Schüssel ins Waschbecken gekommen und kräftig geschrubbt worden. Das macht reine Fingernägel, behauptete meine Mutter, und deshalb war es meine beschissene Aufgabe. Die Schlüpfer und Taschentücher hatten auf dem Herd gekocht - ich hoffe noch heute inständig, niemals aus diesem Topf eine Suppe gegessen zu haben. Jetzt also eine Schleuder! Erwartungsfreude machte sich breit. Die Neuerwerbung stand auf einem aufblasbaren Gummiring unterm Küchenfenster auf einem Stuhl. Ein Stühlchen, ein Kinderstuhl auf dem ich längst nicht mehr saß, das billige Holz hatte alle Farbe verloren, vielleicht nie eine besessen, und war aufgespellt. Nun diente er der Schleuder als Stand. Oder Startrampe - um genauer zu sein.

Denn kaum war der Hebel des Maschinchens umgelegt, ein Hebel, der den Deckel sicherte und zugleich die Trommel in Bewegung setzte, brach der Ungehorsam, der sonst nie unsere Wohnung betrat, brach eine rohe, ungestüme, gewalttätige Wildnis, brach das nackte Grauen in unsere Küche ein. Keine Ahnung, ob der Gummiring mehr oder weniger stark hätte aufgeblasen werden müssen, ob der Stuhl als Standfläche ungeeignet war: Die Maschine fand keinen Halt. Das Karussell rotierte und die böse Hexe tanzte. Meine Mutter und ich - zwei verzweifelte Figuren, die an den Griffen zu halten versuchten, was nicht zu halten war - bemühten sich, den Hebel zurückzustellen. Aber umsonst! Die Schleuder tanzte und lachte und schrie, gebärdete sich wie ein wildes Fohlen, rasselte und tobte. Das Einzige, das sie hielt, war die Schnur in der Steckdose. Bis endlich einer auf die Idee kam, den Stecker zu ziehen, hatte die schreiende Furie uns fast die Arme gebrochen.

Wir zähmten sie in den folgenden Jahren, indem wir ihr weniger Wäsche zu fressen gaben, sie auf eine andere Unterlage stellten, den Gummiring mehr oder weniger aufbliesen. Aber noch lange war sie störrisch und hinterhältig und führte Böses im Schild.

Erst im Alter wurde sie, wie es der Hexen Art ist, sanftmütiger. Ihre Lust zu tanzen verflog. Der Hebel brach in der Mitte, er sah nun aus wie ein kranker, alter Zahn, und man musste den Deckel selber festhalten, während die Wäsche müde rotierte und das Wasser aus dem Abfluss, unter den auch noch immer ein Eimer oder die vielbenutzte Schüssel zu stellen war, nur noch tropfte statt wie anfangs schoss. Da endlich, kurz vor ihrem Ende, schien sie uns wohlgesonnen, und wir liebten sie und gaben ihr unsere schönsten Socken. Und dann, eines Tages - ach ...

Die neue Maschine in meiner Küche setzt zur Landung an, die Triebwerke tändeln aus, noch ein letzter Seufzer, ein Blinken. Rundflug beendet. Ein sanftes Klacken. Jetzt kann ich die Luke öffnen. Ich helfe der Wäsche beim Aussteigen. Wir sind zu Hause.


00:00 31.10.2003

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