Schliemann

A–Z Vor 200 Jahren kam ein Archäologe zur Welt, der Troja finden wollte – und einen Graben hinterließ, der sich bis heute durch ein Gebirge frisst. Rohstoffhandel machte Heinrich Schliemann zu einem der reichsten Europäer. Unser Lexikon
Schliemann

Foto: Gregor Lengler/Laif

A

Ankershagen Ein Dorf an der Müritz mit Hügeln, kleinen Seen, riesigen Bäumen und unterirdischen Gängen: Die Jahre dort hat Heinrich Schliemann, am 6. Januar 1822 in Neubukow geboren, als prägend empfunden. Im Pfarrhaus war er das fünfte von neun Kindern. Im Gegensatz zur einfühlsamen, musikalischen Mutter soll der Vater nicht gerade sanftmütig gewesen sein. Immerhin bekam er von ihm als Siebenjähriger zu Weihnachten G. L. Jerrers Weltgeschichte für Kinder geschenkt. Die Abbildung des brennenden Troja faszinierte ihn (➝ Christa Wolf). Sollte wirklich von der Stadt nichts übrig sein? Da sei er mit dem Vater übereingekommen, „dass ich Troja ausgraben sollte“, erinnerte er sich.

Die Sehnsucht blieb ihm, als die Mutter nach der Geburt des neunten Kindes starb. Er kam in eine Pflegefamilie, musste vom Gymnasium zur Realschule wechseln, weil der Vater, des Amtes enthoben, das Schulgeld nicht aufbrachte. Mit 14 begann er eine Kaufmannslehre; und mit 19 zog er in die Welt. Heute steht vor dem Schliemann-Museum in Ankershagen ein Trojanisches Pferd. Irmtraud Gutschke

B

Beutekunst Juristisch gesehen gehört der „Schatz des Priamos“ dem Berliner Völkerkundemuseum. 1945 als Kriegsbeute in die Sowjetunion verbracht, dort lange geheim gehalten, wird der Schatz heute offiziell im Puschkin-Museum in Moskau verwahrt. Wegen der Kriegsschäden durch Deutschland lehnt Russland die Rückgabe weiterhin ab. Einst hatte Schliemann diesen auf der dritten Grabungskampagne am 31. Mai 1873 gefundenen, zehntausend Objekte umfassenden Schatz entgegen Abmachungen mit der Regierung des Osmanischen Reiches außer Landes nach Berlin geschmuggelt (➝ Zocker). Durch Strafzahlung von 50.000 Goldfranken an das Osmanische Reich nachträglich legalisiert und 1881 „dem deutschen Volk zum ewigen Besitz“ vermacht, gelangt der Schatz 1885 ins Völkerkundemuseum. Das rezensiert Carl Einstein 1926 in der Zeitschrift Querschnitt als „Museum des europäischen Imperialismus“, in dem koloniale Raubkunst wissenschaftlich und ökonomisch zum Ausdruck komme. Helena Neumann

C

Christa Wolf Es war ein literarisches Ereignis, als Christa Wolf 1982 an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main die Poetik-Vorlesung zu ihrem Kassandra-Werk hielt: Ein Buch über den Trojanischen Krieg, erzählt aus der Perspektive der trojanischen Prinzessin, Seherin und Außenseiterin Kassandra. Die Leidenschaft für antike Helden teilte Wolf mit dem Archäologen Heinrich Schliemann (Kollege). Und so wurde ihre Erzählung ein Welterfolg, ein Klassiker feministischer Literatur, weil die 2011 verstorbene Autorin eine neue (auch weibliche) Sicht auf den Troja-Mythos anbot. „Mit meiner Stimme sprechen: das Äußerste. Mehr, andres hab ich nicht gewollt“, sagt Kassandra. Keine Frage, dass ihre Version der Geschichte – ein Monolog über 150 Seiten – eine andere ist als die von Brad Pitt als Achilles im Hollywood-Blockbuster Troja. Marc Peschke

F

Fontane Als aufmerksamer Beobachter seiner Zeit verarbeitete Theodor Fontane natürlich auch aktuelle Ereignisse in seinen Werken. In Frau Jenny Treibel (1892) diskutiert Professor Schmidt beim Krebsessen mit Kollegen über Heinrich Schliemann, dessen Ausgrabungsberichte er begeistert liest. Schliemann sei nicht über Strelitz und Fürstenberg hinausgekommen, meinen seine Kollegen. Schmidt jedoch liebt Schliemanns Forschungen, weil sie ihm als großes Abenteuer erscheinen. „Schmidtiana“ nennen seine Kollegen diesen Hang für das „Anekdotische“ in der Geschichte, jenseits von Methodik und Einordnung (➝ Methode). Doch da wandelt Schmidt, wenn auch von Beruf Gymnasialprofessor, gern mal. In dieser Tischepisode schimmert der Journalist in Fontane durch. Und auch Romantik, sonst hätte Schmidt nicht einer gewissen Jenny Bürstenbinder – heute Treibel – einst ein blumiges Gedicht verehrt. Bald schon wird seine Tochter einen Archäologen heiraten, den Marcell Wedderkopp nämlich, und dann werden sie gemeinsam auf Schliemanns Spuren wandeln. Magda Geisler

I

Iliou Melathron Auf Deutsch würde es „Palast von Troja“ heißen: So nannte Schliemann 1881 sein neues Athener Stadtpalais (heute ist dort das Numismatische Museum Athen). Ein Schock für Besucher: Fußböden voller Hakenkreuze! Museumsführer sprechen von „Swastiken“. Doch für die Nazis konnte Schliemann nichts. Er lebte 20 Jahre in Russland, war im kalifornischen Goldrausch, jahrelang in Athen und Paris zu Hause. Seine Arabischstudien sind legendär. Der damalige US-Botschafter nannte seinen Landsmann „Henry“ bei dessen Beerdigung in Athen 1890 „typisch für den amerikanischen Pioniergeist“. Die Swastiken bezeugen vielmehr seine Erstfunde in Troja: 5.000 Jahre alte Spinnwirtel. Auch andere Schliemann-Funde – vom „Schatz des Priamos“ bis zur „Maske des Agamemnon“ – sind im Iliou Melathron nachgebildet, dazu Deckenpaneele mit Homer-Zitaten und Szenen aus der „Ilias“. Und natürlich taufte Schliemann seine Tochter Andromache und seinen Sohn Agamemnon. Noch obsessiver die Empfänge: Da musste Schliemanns Diener die Verse der Ilias vom Balkon einsingen. Manchmal hielt er auch Monologe auf Altgriechisch, denen keiner folgen konnte – verpassen wollte diese Events aber niemand. Frank Vorpahl

J

Johann Joachim Winckelmann Außerhalb der akademischen Welt ist Johann Joachim Winckelmann (1717 – 1768) weitgehend unbekannt. Und das, obwohl er im Gegensatz zu Schliemann als wirklich allererster Archäologe gelten kann. Ebenfalls von diesem unterscheidet Winckelmann, dass er nicht aus Habgier handelte, aber durch solche ums Leben kam. Wissenschaftlich ging er vor, nicht als Schatzsucher. Und er weckte das Interesse seiner Zeitgenossen an antiker Kunst, stellte Architektur und Plastik selbst in den Mittelpunkt, anstatt nur über Büchern zu brüten (Methoden).

Dem Vorbild der griechischen Ästhetik sollten die nachgeborenen Künstler nacheifern, selbst wenn sie nicht an sie heranreichen können. Denn wahre Schönheit könne nur im gemäßigten Klima des Mittelmeerraumes entstehen. Winckelmanns romantische Verklärung inspirierte den deutschen Klassizismus. Seine fixe Idee, die Plastik damals sei weiß und unbemalt gewesen, galt bis vor ein paar Jahren als Kanon. Winckelmann starb schließlich bei einem Raubmord: Dabei wurden ihm jene Goldmedaillen gestohlen, die ihm einst die österreichische Kaiserin Maria Theresia persönlich geschenkt hatte. Bis heute erinnert ein zwischen Archäologen ausgetragenes Fußballturnier an ihn. Tobias Prüwer

K

Kollege „Es gibt viel Ähnlichkeit zwischen Ihrer und meiner Tätigkeit (…)“, imaginiert Barbara Sichtermann in ihrer Agatha-Christie-Biografie (der Freitag 17/2020) einen Dialog zwischen der berühmten Krimischriftstellerin und deren zukünftigem, zweiten, 14 Jahre jüngeren Ehemann Max Mallowan, einem britischen Archäologen, den sie auf einer ihrer Orientreisen kennenlernt. Max arbeitet da noch im Team von Leonard Wooley, der als einer der ersten modernen Archäologen gilt und von 1922 bis 1934 die Ausgrabungen im Zweistromland, bei den Königsgräbern in Ur, leitete.

„Man sucht nach Fragmenten, Indizien, Beweisen und Fakten, und man setzt später die Fundstücke zusammen. Wenn man Glück hat, passt alles. Meistens hat man keins.“ (Johann Winckelmann) Christie finanziert nicht nur seine Expeditionen, „sie setzte ihre feinen Nagelpolierstifte und Stricknadeln ein, um die kostbaren Scherben von Erde und Staub zu befreien“. Eines Tages entdeckt Mallowan eine abgebrannte Töpferwerkstatt. Sein Buch über die Funde von Arpachiya geht in die Geschichte ein, sie sind im British Museum zu sehen – so wie die Exponate von Schliemann. Katharina Schmitz

M

Methoden Fernerkundung und GPS, Massenspektrometrie und Röntgenfluoreszenzanalyse: Naturwissenschaftliche Methoden sind heute Standard in der Archäologie. Sie präzisieren, wo Formanalyse, Stilvergleiche, Kontext der Fundorte – klassische Mittel, um gefundene Artefakte aus vorgeschichtlicher Zeit einer bestimmten Epoche und Kultur zuzuordnen – nicht zu exakten Ergebnissen führen. Pionier der modernen Feldarchäologie und wissenschaftlichen Grabungstechnik ist Heinrich Schliemann. Anfangs belächelt, führt der Selfmade-Millionär in die „Wissenschaft mit dem Spaten“ Methoden ein, die bis heute gültig sind: Voruntersuchung des Geländes durch Sondagen, Beachtung der Schichtenfolge, Suche nach dem Leitgestein der einzelnen Schichten und interdisziplinäre wissenschaftliche Zusammenarbeit.

Mit Spaten und Hunderten Mitarbeitern, mit Homers „Ilias“ und „Odyssee“ als einzigen Quellen, suchte er im kleinasiatischen Hisarlık Tepe nach der Stadt Troja (➝ Ankershagen); erst unautorisiert, ab 1871 durch amerikanische Intervention mit Erlaubnis aus Konstantinopel. Der bis heute existierende, 17 Meter tiefe „Schliemann-Graben“ steht für seine brachiale Vorgehensweise. Entdeckt hat er Troja nie: zu tief gebuddelt! Der „Schatz des Priamos“ und die „Goldmaske des Agamemnon“ sind älter als Homer. Helena Neumann

T

Twitterkönig Vermutlich wäre Heinrich Schliemann heute „Twitterkönig“ – Fake News inklusive! Vor 150 Jahren nutzte man dafür Telegramme. Kaum hielt Schliemann 1876 in Mykene eine goldene Maske in den Händen, telegrafierte er an Georg I., den König der Hellenen: „Überreste des Agamemnon gefunden“. Drei Jahre zuvor, bei seinem sensationellen Goldfund in Troja, hatte er in der Presse getitelt: „Der Schatz des Priamos“. Und kurz vor seinem Tod 1890 meldete Schliemann dem deutschen Reichskanzler einen Fund im ägyptischen Alexandria: den „Kopf der Kleopatra“. Eigentlich ist dieser Kopf die römische Kopie einer griechischen Büste, die im 4. Jahrhundert v. Chr. gefertigt wurde – lange vor Kleopatra. Doch auch der „Schatz des Priamos“ ist für die Epoche des Homer’schen Priamos gut 1.000 Jahre zu alt (Methoden). Und selbst die „Maske des Agamemnon“ belegt lediglich die Fantasie eines grandiosen Marketing-Strategen. Denn noch heute bezeichnen wir Schliemanns große Funde mit jenen falschen Etiketten, die er der deutschen und englischen Presse damals, naja, zwitscherte. Frank Vorpahl

Z

Zocker. Arbeitslos, Lagerarbeiter in Hamburg, Kontorbote in Amsterdam – da hat er wie wild Sprachen gelernt: Niederländisch, Spanisch, Italienisch, Portugiesisch. Und Russisch! Letzteres brachte ihn nach St. Petersburg, wo er sein eigenes Handelshaus eröffnete, die russische Staatsbürgerschaft erwarb und eine russische Kaufmannstochter heiratete. Zwischenzeitlich zog er in die USA und gründete in Sacramento eine Bank für Goldhandel (Iliou Melathron). Den größten Gewinn zog er aus dem Krimkrieg (1853 1856), als er die zaristische Armee unter Umgehung der Seeblockade mit Munitionsrohstoffen (Blei, Schwefel und Salpeter) belieferte. Das machte ihn zu einem der reichsten Männer Europas! So hat Schliemann sein „zweites Leben“ als Archäologe finanziert. Irmtraud Gutschke

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