Schlossbesitzerpop

Shuffle-Funktion Clever ist, wer ganz viele Songs in verschiedenen Stilen anzubieten hat: "Reality killed the video star", das neue Album von Robbie Williams, vorgestellt von Max Dax

Robbie Williams ist ein Mann der Gegenwart. Er trägt sein Herz auf der Zunge. Frauen pflasterten seinen Weg. Und vor allem: Was schert ihn sein Geschwätz von gestern? Die Facts in Kürze: neue Liebe, neues Glück, neues Album, zu einem kurzfristig anberaumten Promotion-Konzert in Berlin kommen spontan 10.000 Fans, schließlich erklomm Robbie Williams’ neue Single "Bodies" in der Woche ihres Erscheinens aus dem Stand Platz eins der deutschen Media-Control-Charts. Alles im Lot also im Universum des erfolgreichsten männlichen Popstars Europas?

Robbie Williams, der vor drei Jahren seine letzte Tournee wegen Erschöpfung abbrechen musste und anschließend zur Entgiftung in Los Angeles untertauchte, lebt seit eh und je in einem Hamsterrad. Ein goldenes, ein königliches Hamsterrad, zugegeben. Erst kürzlich hat er sich in England ein Schloss gekauft, und reisen tut er für gewöhnlich im Privat-Jet. Und dennoch lebt er das Leben eines Mannes, der seine Jugend nachholt.

Im Gegensatz zum King of Pop, Michael Jackson, hat er zwar nicht seine Kindheit verloren – einen Privatzoo, Karrussels und Achterbahnen suchen wir in seinem Schloss vergeblich. Aber seine Pubertät, und alles, was danach kam, hatte Robbie damals, in den Neunzigern, an den Teufel, genauer gesagt an Nigel Martin-Smith, den Manager der Boygroup Take That verkauft.

In dieser Band tanzte und sang Robbie Williams von seinem 16. bis zu seinem 21. Lebensjahr. Wo andere junge Männer in seinem Alter nervös bei ihrem ersten Date an den Nägeln kauten, hyperventilierten an seiner statt junge Mädchen in Kompaniestärke. Und das jeden Abend, den Robbie Williams auf Tournee oder sonst wie außer Haus verbrachte. Und das waren viele Abende, schließlich waren Take That die erfolgreichste (männliche) Tanztruppe neben den (weiblichen) Spice Girls. Als Robbie Williams 1995 bei Take That rausgeschmissen wurde, weil er zu willig Groupies, Alkohol oder Aufputschmittel vernaschte, war der Tänzer längst Millionär. Und für die hyperventilierenden, sich um weitere Lebenszeichen sorgenden Fans mussten Seelsorge-Hotlines eingerichtet werden.

Bezeichnenderweise hieß Robbie Williams’ erste Single nach der Auflösung von Take That 1996 "Freedom" – eine Interpretation des gleichnamigen Hits von George Michael mit den bezeichnenden Zeilen: "But today the way I play the game / Has got to change / Oh yeah – now I’m gonna get myself / Happy". (dt.: "Aber heute müssen die Spielregeln / Geändert werden / Oh ja – ich werde jetzt / Glücklich") Zur Erinnerung: Zwar kennt jeder die Stimme des Sängers, aber er war und ist kein Songschreiber, ist es nie gewesen, den Job übernahmen für ihn, wenn er sich nicht auf Covers verließ, Songwriter wie Guy Chamber oder das Ex-Duran-Duran-Mitglied Stephen Duffy. Die Freiheit, von der Robbie Williams sprach, war indes die Freiheit des Pandabären im Zoo: begafft von den Massen, besucht von Staatsoberhäubern, aber im Grunde ein fauler Teenager, der lieber Tetris oder Fußball spielt als Bücher oder die Tageszeitung zu lesen.

All diese Desorientiertheit und Faulheit bildet das von dem Erfolgsproduzenten Trevor Horn gemakelte neue Album von Robbie Williams, Reality Killed the Video Star, im besten, sprich: im unterhaltsamsten Sinne ab. Die zwölf neuen Songs sind das Produkt eines ebenso talentierten wie ehrgeizigen Mannes, der Ruhm, Geld und Ablenkung im Überfluss erhielt, lange bevor er auch nur auf das erste Kapitel eines Lebenswerkes hätte zurückblicken können.

Trevor Horn ist im Übrigen der richtige Kerl, um arbeitsscheue Diven zum Erfolg zu prügeln, ein echter Schleifer. Seine Produktionen von ABC (Lexicon of Love), Frankie Goes To Hollywood (Welcome to the Pleasuredome), von Propaganda (A Secret Wish) und nicht zuletzt Grace Jones (Slave to the Rhythm) haben Kultstatus. Williams ist bekennender Fan der genannten Platten.

Man darf also vermuten, dass er seinem Mentoren und Produzenten im Falle von Reality Killed the Video Star größte Freiheiten gelassen hat – zumal er sich um einen wichtigen, wenn nicht vielleicht gar den aus seinem Blickwinkel wichtigsten Aspekt keine Sorgen zu machen brauchte: Denn Trevor Horn ist ein Besessener in Sachen Erfolg. Eine Platte, die keine Millionenumsätze generiert, ist in Horns Augen keine gute Platte. Ergo verwundert es nicht, dass sich auf Robbie Williams’ Comeback-Album ein radiotauglicher Ohrwurm an den nächsten reiht.

Zwar singt Williams in dem Song "The Last Days of Disco" die Schlüsselzeile "Don’t call it a comeback", doch dürfte es auch ihm selbst klar gewesen sein, dass sich Erfolg heutzutage nicht mehr wie ehedem automatisch wiederholt. Die Liste gefallener Popstars und einstiger Konsensgruppen ist lang: Duran Duran, The Simple Minds, Al Bundy – sie alle verloren Fans und gewinnen kaum neue hinzu, so sehr sie sich auf ihre alten Tage auch mühen und abrackern.

Umso erstaunlicher ist es, dass die neuen Songs ganz zeitgemäß heutige Produktionsphilosophien abbilden. Das Phänomen ist mit der vom iPod bekannten Shuffle-Funktion wohl am besten beschrieben: Die Menschen hören heute nicht mehr selbstverständlich Alben in ihrer Gänze, viele kaufen sich einen oder zwei Songs aus einem Album im Internet. Clever ist also derjenige, der möglichst vielen Fans möglichst viele Songs in verschiedenen Stilen anzubieten hat.

Auf alte Tugenden, dass ein Album etwa eine funktionierende Dramaturgie aufzuweisen habe, wird getrost verzichtet. Robbies neuer Song "Morning Sun" klingt wie Oasis, "Won’t Do That" ist eine mehr als offensichtliche Kopie der Sound-Ästhetik der britischen Band Blur, und "Do You Mind?" erinnert an David Lee Roth, den einstigen Sänger von Van Halen. Nur dass immer Robbie Williams singt und seine Stimme unverkennbar im Vordergrund steht – wen interessieren da noch Feinheiten, ob das nun künstlerisch konsequent ist oder nicht?

Denn konsequent ist Reality Killed the Video Star auf eine andere, subtilere Art und Weise: Das stilistisch ausgereizte Album als Ganzes, sogar jeder einzelne Song für sich genommen, klingt wie ein Patchwork, wie ein Flickenteppich der Schlüsselreize. Zu überprüfen ist diese Beobachtung ganz leicht, wenn man die Single "Bodies" unter der Lupe betrachtet:

Es handelt sich um einen Song ohne Struktur und ohne Halt. Gregorianische Esoterik-Chöre, Heavy-Gitarren, Streicher, ein ohrwurmartiger Refrain und ein Text, der wohlwollend als sympathischer Nonsens bezeichnet werden darf, amalgamieren zu einem Konglomerat, aus dem die euphorisch-hymnisch geschmetterte Zeile "All we ever wanted / Is to look good naked" (dt.: "Alles, worauf es uns immer ankam war / Nackt eine gute Figur zu machen") wie eine Manifestation eines 'Hinter mir die Sintflut' heraussticht. Zusammengehalten werden Song und Album durch ein unsichtbares Band, nämlich die High-End-Lackierung durch die Produktion Trevor Horns, die, Geldadel verpflichtet, alle Register zieht.

Bleibt der menschliche Aspekt. Robbie Williams geht es im Moment laut Eigenauskunft "supergut". Seine neue Freundin, die B-Schauspielerin Ayda Field, scheint den in himmlischen Sphären sich wähnenden Sänger zu erden, zumindest für den Moment. Und als Künstler, der er eben auch ist, zeigt Robbie Williams eine Geste der Demut, die ihm unglaublich gut steht: Der Albumtitel Reality Killed the Video Star ist eine tiefe, einem Kotau gleichkommende Verbeugung vor seinem väterlichen Freund Trevor Horn. Denn dessen erster großer Hit mit den Buggles hieß 1979 "Video Killed the Radio Star". Ein Kreis schließt sich also. Und das muss so sein, wenn man sich, wenn schon nicht intellektuell, dann zumindest schlafwandlerisch in der Postmoderne bewegt, wo alles Zitat ist und alles Spiel.



Max Dax, geb. 1969 in Kiel, ist Chefredakteur der Zeitschrift für Popkultur Spexwww.spex.de/

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15:30 06.11.2009

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