Schluck dich immun

Biopharming Die grüne Gentechnik fordert nicht nur Verbraucher heraus, sondern revolutioniert auch den Impfstoffmarkt

Stellen Sie sich vor, Sie planen einen Urlaub in Ägypten und wollen sich gegen Hepatitis A immunisieren lassen. Ihr Hausarzt gibt Ihnen zwei Tütchen Tomatensaftkonzentrat mit der Empfehlung, eine sofort und die andere in drei Wochen zu verbrauchen. Ganz einfach, keine Spritze und alles kostet nur soviel wie eine Packung Aspirin.

In der letzten Dekade sind Medikamente auf den Markt gekommen, deren Entwicklung, Herstellung und Vermarktung unvorstellbare Summen verschlingt. Neu eingeführte Präparate, zum Beispiel zur Behandlung der Parkinson Erkrankung oder Schizophrenie, übertreffen ihre Vorläufer um ein Mehrfaches. Wird ein Patient mit Multipler Sklerose (MS) ein Jahr mit herkömmlich gentechnisch produzierten Beta-Interferonen behandelt, entstehen Kosten in Höhe eines Mittelklassewagens. In Deutschland gibt es ca. 80.000 Patienten mit MS, die aufgrund der aktuellen Datenlage ein Anrecht auf dieses Medikament haben. Die Anwendung dieser als überlegen geltenden neuen Medikamente heizt die Kostenexplosion im Gesundheitswesen an, und es mehren sich die Anzeichen, dass diese Medikamente deshalb nicht mehr allen Bevölkerungsgruppen zur Verfügung stehen werden.

Lukrative Anbauprämien

Wie ein Lichtstreif am Horizont erschien da Anfang der neunziger Jahre das Konzept des Biopharming (Wortspiel aus pharmaceutical farming, Bio steht für gentechnisch). Darunter versteht man den Einbau von Genen in Pflanzen, die dazu dienen sollen, Medikamente, Impfstoffe oder Antikörper zu produzieren. Während über die Ergebnisse von Laboruntersuchungen regelmäßig in wissenschaftlichen Journalen berichtet wird, sind über die mehr als 300 Freilandversuche auf geheim gehaltenen Äckern in den USA seit 1991 kaum Details an die Öffentlichkeit gelangt. Aus den Pflanzen sollen auch Substanzen gegen Lippenherpes, Antikörper gegen Karies, Blutverdünnungs- und -ersatzmittel gewonnen werden.

Durch Prämien der Biopharming-Firmen werden die Farmer in den USA zum Anbau dieser Pflanzen stimuliert. Nach Angaben der Zeitschrift Scientist (März 2003) stehen circa 40 durch Biopharming gewonnene pharmazeutische Substanzen in den USA vor der Zulassung. Die Protagonisten des Biopharming-Oligopols (Marktführer: ProdiGene, Monsanto, Dow Chemical) stellen ungetrübten Optimismus zur Schau: Anthony Laos, Präsident von ProdiGene, Texas, verkündete im Interview mit der Los Angeles Times am 4. 6. 2001, dass in zehn Jahren zehn Prozent der Maisernte der USA aus Biopharming-Pflanzen bestehen wird. Das kalifornische Unternehmen Epicyte Pharmaceutical schätzte damals, auf 80 Hektar Mais die gleiche Quantität Arzneimittel zu gewinnen, die der jährlichen Produktionsleistung einer 400 Millionen Dollar teuren Fabrik entspräche.

Die Anwendung am Menschen begann 1998: Damals aßen Versuchspersonen rohe Kartoffeln mit einem eingebauten, aber hitzeempfindlichen E. coli-Antigen (E. coli verursacht Reisedurchfall). Danach konnte im Blut eine positive Immunantwort gegen das E. coli Bakterium nachgewiesen werden. Bei Mäusen und Menschen hat man seitdem diesen Mechanismus - ein eingebautes Antigen bewirkt eine Antikörperbildung gegen das Virus oder Bakterium im Wirt - wiederholt nachweisen können: ein Masern-Antigen in Tabak oder Mohrrübe, ein Norwalk-Virus-Antigen in der Kartoffel, Hepatitis B-Antigen im Blattsalat ... Bei dieser Methode wird im Gegensatz zu manchem herkömmlichen Impfstoff nur ein Teil von Virus oder Bakterium zur Auslösung einer Immunantwort eingesetzt. Die Auslösung einer negativen Impfreaktionen ist so weniger wahrscheinlich. Biopharming-Impfstoffe würden sich deshalb für die Anwendung bei Patienten mit Abwehrschwäche oder, wenn die Erstimmunisierung erfolgt ist, zur Auffrischung eignen.

Um das eingebaute Gen überhaupt funktionsfähig zu machen, wird ein Promotor eines Blumenkohl-Mosaikvirus eingesetzt, der dafür sorgt, dass das ortsfremde Gen "eingeschaltet" wird. Mögliche, auch zunächst exotisch erscheinende Gefahren werden in naturwissenschaftlichen Kreisen (vgl. Nature Biotechnology 2000, 18, 13 und 363) sehr kontrovers debattiert: Schafft es dieser Promotor, sich in das menschliche Genom einzubauen und unkontrolliert Gene "einzuschalten"? Und kann er sich gar mit verwandten, säugetierpathogenen Retroviren (Hepatitis, HIV) rekombinieren und eine Infektion verursachen? Derzeit fehlen noch Langzeitstudien, die diesen Sachverhalt klären könnten. Zynisch ausgedrückt sind momentan die 230 Millionen US-Amerikaner Teilnehmer einer prospektiven Langzeitstudie, denn bei 68 Prozent der im Jahre 2000 in den USA angebauten Sojabohnen und bei einem Viertel des Maises handelte es sich um genmanipulierte Sorten.

In den USA ist - und das ist gut so - die Arzneimittel- und nicht die Landwirtschaftsbehörde für die Zulassung dieser pharmazeutischen Produkte aus Pflanzen zuständig. Das heißt, Biopharming-Produkte werden wie jedes andere Arzneimittel einer strengen Prüfung unterzogen. Allerdings wäre es auch naiv zu glauben, man könne statt eines Medikamentes oder Impfstoffes eine Handvoll Datteln oder eine Karotte austeilen, die je nach Wachstumsbedingungen in jeder Ernte eine unterschiedliche Menge des gewünschten Antigens enthalten. Eine Alternative wäre die Herstellung eines Pulvers, das bei Raumtemperatur gelagert werden kann und eine genau definierbare Menge der gewünschten Substanz erhält. Doch schon bei komplizierteren Verarbeitungsschritten wie dem Pasteurisieren treten technische Probleme auf, die mit nicht kalkulierbaren Kosten verbunden sind (Inquisitor vom 1.6.2003).

Vom Labor zum Versuchsfeld

Die Washington Post sorgte am 13.11.2002 mit folgender Meldung für Aufruhr: Ein Farmer in Nebraska baute von ProdiGene subventionierten Mais zur Gewinnung eines Impfstoffes gegen Durchfall bei Schweinen an. Im darauf folgenden Jahr wurden auf diesem Acker herkömmliche Sojabohnen angebaut. Nachdem die Ernte in riesigen zentralen Speichern abgeliefert war und zur Weiterverarbeitung ausgeliefert werden sollte, entdeckten Inspektoren der Landwirtschaftsbehörde im November 2002 Reste der genmanipulierten Pflanzen auf dem Feld. In einer aufwändigen Aktion wurden 180.000 Hektoliter potentiell kontaminierte Sojabohnen verbrannt. Kosten für Prodi Gene: 2,8 Millionen Dollar plus einer Strafe von 250.000 Dollar. Zwei Monate vorher hatte das selbe Unternehmen auf einer Fläche von 62 Hektar manipulierten Mais vernichtet, weil genmanipulierte Pflanzen auf einem Nachbarfeld mit konventionellem Mais nachweisbar waren. Die Testzulassung wurde ProdiGene jedoch nicht entzogen.

Aufgrund des hohen Verdünnungseffektes hätte der Verbraucher beim Verzehr seines Tofus höchstwahrscheinlich keinen Schaden genommen. Der Skandal führte jedoch zu einer intensiven öffentlichen Debatte in den USA und zu neuen Richtlinien der amerikanischen Landwirtschaftsbundesbehörde, durch die die Reinheit der Felder gewährleistet werden sollen.

Der Fall wirft allerdings weitere Fragen auf: Warum werden in der Testphase die Pflanzen nicht zunächst im Gewächshaus gezüchtet? Warum wird Biopharming nicht ausschließlich mit Pflanzen durchgeführt, die nicht essbar sind, zum Beispiel Hanf? Warum erfolgt Biopharming in Pflanzen wie Tabak, die toxische Substanzen enthalten? Warum werden Pflanzen mit einer starken Pollenbildung wie Mais verwendet? Warum werden für Biopharming keine sterilen Pflanzen, die keinen Pollen ausbilden, gezüchtet?

Biopharming-Unternehmen scheinen aktuell an sichereren und alternativen Methoden wenig Interesse zu haben, da die Chance, die Produkte schnell und effizient zu vermarkten, so groß sind wie nie zuvor. Natürlich sind auch technische Aspekte zu berücksichtigen, beispielsweise wie gut sich Gene in Wirtspflanzen einbauen lassen. Und da die Ausbeute an Speicherorganen so hoch wie möglich sein soll, fällt die Wahl immer wieder auf Mais.

Lassen wir in einem Ausblick Brandon J. Price, Vorstand von CropTech, einem Unternehmen, das mit Tabakpflanzern in Virginia kooperiert, zu Wort kommen. In einem Interview mit der New York Times vom 5. Mai 2000 schätzte er, 18.000 Hektar Anbaufläche seien ausreichend, um den weltweiten Bedarf an menschlichem Serumalbumin, einem Blutersatzprodukt, zu decken. Das möchte CropTech mit genmanipulierten Tabakpflanzen verwirklichen.


00:00 20.02.2004

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