Schluss mit dem Projektgehuber

Hochschulen 92 Prozent der wissenschaftlichen Jobs sind befristet. Schuld ist die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Sie muss weg!
Schluss mit dem Projektgehuber

Illustration: Gabor Farkasch für der Freitag

Klingt es undankbar, wenn jemand die Abschaffung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) fordert, dem diese den Druck der Dissertation finanzierte? Auf die Gefahr dieses Missverständnisses: Die DFG muss weg! Zumindest in jetziger Funktion.

Dies nicht etwa, weil einzelne Entscheidungen des 1921 gegründeten Vereins, der derzeit jährlich an die dreieinhalb Milliarden steuerfinanzierte Forschungs-Euro vergibt, etwas intransparent sein mögen. Auch nicht nur, weil es ein Geschmäckle hat, dass dieselben Leute, die per Gutachten über das Geld entscheiden, selbst immer wieder Anträge stellen. Und schon gar nicht wegen des Dieter-Nuhr-Skandälchens vom Sommer 2020, als die DFG einen Imagefilm mit dem Kabarettisten nach Kritik an dessen Corona-Einlassungen zurückzog. Niemand kann sagen, dass die DFG ihre Arbeit schlecht erledige. Das Problem besteht in ihrem Auftrag.

Die DFG ist heute ausführendes Organ eines Missstands, der im Ausland Kopfschütteln verursacht: 92 Prozent der wissenschaftlichen Hochschulbeschäftigten arbeiten auf Zeit, so jüngst der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs. Der Grund: Wachsende Teile der staatlichen Hochschulgelder fließen – dem Mantra der „Hochschulautonomie“ zum Hohn – gerade nicht an die Hochschulen. Sondern an Apparate wie die DFG, die sie dann projektbezogen ausschütten, wodurch befristete Stellen entstehen. Binnen 15 Jahren hat sich der DFG-Etat verdoppelt.

Doch dieses System der Fristen und Projekte macht nur Probleme. In den Natur- und Technikfächern sorgt nicht allein die bessere Bezahlung „in der Wirtschaft“ für einen Mangel an guten Leuten. Sondern vor allem die Tatsache, dass man sich an Hochschulen oft noch mit 40 seiner Zukunft nicht sicher ist. In den Geisteswissenschaften wirkt der permanente Bewerbungsstatus zudem wie eine Schere im Kopf: Wer nie wissen kann, auf welchem Schreibtisch der nächste Antrag landet, lehnt sich ungern aus dem Fenster. Da klingt die Klage über eine Bedrohung der freien Wissenschaft durch „Cancel Culture“ schon fast komisch. Notabene wirkt das alles auch „unterhalb“ der Professur, denn fast jeder Lehrstuhl braucht heute externe Mittel. Doch die ewigen Exposés und Evaluationen fressen viel Zeit. Und nicht immer bringt das Fach tatsächlich voran, wer die Antragslyrik perfekt beherrscht.

Klingt nach Unsinn? Ganz gewiss. Selbst die Politik bekennt sich inzwischen zu einer Begrenzung der exzessiven Befristung. Abgeschmolzen ist die seit 2017 aber nur um einen einzigen Prozentpunkt. Es ist wie bei der Breitbandversorgung: Alle rufen danach, endlich das platte Land ans schnelle Netz zu bringen – und doch scheint das irgendwie unmöglich zu sein. Oder will man gar keine Reform in der Wissenschaft?

Angst motiviert schlecht

Die Zahlen liefern hier den Klartext: Von 2000 bis 2014 wuchsen die Grundmittel für Hochschulen um 50, die Projektgelder aber um 150 Prozent. Der Trend setzt sich fort. Ein Drittel der „Drittmittel“ läuft via DFG, drei Viertel dieser Projektgelder sind staatlich. Das „Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft“ rechnet jetzt vor: Ginge das Staatsgeld stattdessen in die Grundfinanzierung, ließen sich die befristeten Jobs kostenneutral in feste umwandeln.

Wo ist also das Problem? Man hält die Dauerkonkurrenz zwischen Wissenschaftspersonal wie Hochschulen wohl einfach für effektiv. Und es stimmt ja, dass dieses System zum Beispiel viel unbezahlte Arbeit generiert. Aber macht es unsere Unis „international konkurrenzfähig“? Nach mindestens 25 Jahren dieser Politik winkt man da ab. Wer glaubt auch im Ernst, es helfe der Lehre oder Forschung, wenn das Personal nachts schon über dem nächsten Antrag brütet? Ist Angst eine gute Motivation? Der Kaiser ist schon lange nackt.

Gesellschaftlich ist der neoliberale Wunderglaube längst auf dem Rückzug, doch das Hochschulwesen hinkt hinterher. Dafür steht exemplarisch die DFG in jetziger Gestalt – und das muss sich ändern. Auch wenn das nicht heißt, dass künftig niemand Promovierenden bei den Druckkosten unter die Arme greifen soll.

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