Schluss mit schmutzig

Bilanz Mehr als 180 Städte und Institutionen haben sich zum Ausstieg aus fossilen Energien bekannt
Nora Marie Zaremba | Ausgabe 38/2015 3
Schluss mit schmutzig
Hier wird noch eifrig gefördert: Das Kern River Ölfeld in Kalifornien, dem fünftgrößten Feld in den USA

Foto: Mark Ralston/AFP/Getty Images

Rund 80 Prozent der bekannten Reserven an Öl, Gas und Kohle müssen in der Erde bleiben und dürfen nicht verbrannt werden, wenn der Klimawandel beherrschbar bleiben soll. Damit das auch geschieht, sollen Investitionen in fossile Unternehmen so schnell wie möglich abgestoßen werden, darauf setzen nun immer mehr Umweltschützer. „Divestment“ heißt der Ansatz auf Englisch. Der US-Amerikaner Bill McKibben und seine Organisation 350.org sind die großen Treiber hinter der internationalen Divestment-Kampagne, für die sie im Jahr 2014 den alternativen Nobelpreis bekamen. Es geht ihnen dabei in erster Linie um den Klimaschutz.

Finanzielle Argumente für den Ausstieg aus fossilen Rohstoffen liefert hingegen die britische Denkfabrik Carbon Tracker. Um bis zu 60 Prozent könnten die Firmenwerte von Exxon, Shell und Co. einbrechen, so die Einschätzung der Analysten, würde aufgrund ehrgeiziger Klimaziele die Förderung fossiler Rohstoffe gestoppt. Mittlerweile kommen konservative Häuser wie beispielsweise McKinsey zu ähnlichen Ergebnissen. In der Finanzwelt ist das Risiko unter dem Begriff Kohlenstoffblase bekannt.

Von Rockefeller bis zum Guardian

Die Warnungen finden Gehör: Als einer der Ersten kündigte der millionenschwere Rockefeller-Clan – der einst mit Ölförderung reich geworden ist – den finanziellen Abzug aus fossilen Energieträgern an. Das brachte Medienaufmerksamkeit und der Idee viele renommierte Nachahmer. Es folgten Absichtserklärungen der Universität des schottischen Glasgow, der schwedischen Kirche oder der kalifornischen Stadt San Francisco. Mittlerweile haben sich mehr als 180 Kommunen, Religionsgemeinschaften oder Bildungseinrichtungen weltweit dem Divestment verpflichtet. Erst jüngst forderte die Redaktion der britischen Zeitung The Guardian von ihrem Verlag den sofortigen Abzug seiner Gelder aus fossilen Rohstoffen.

Auch aus der Finanzwelt schließen sich immer mehr Akteure an. Als erster Versicherer gab der französische Großkonzern Axa bekannt, seine Beteiligungen an fossilen Unternehmen in Höhe von 500 Millionen Euro abstoßen zu wollen. Bis 2020 würden stattdessen rund drei Milliarden Euro in den Ausbau alternativer Energiequellen fließen, versprach Axa-Chef Henri de Castries. In der Finanzwelt wird de Castries nun als neuer Klimaguru gehandelt. Was auf den ersten Blick nach viel Geld klingt, ist für Axa aber ein Klacks: Der Weltkonzern mit Sitz in Paris verwaltet ein Vermögen von rund 1.000 Milliarden Euro.

Auch der norwegische Staatsfonds verkündete seine Abkehr von fossilen Energien. Allerdings ist das bisher ein Lippenbekenntnis geblieben. Die Investitionen allein in die Kohleindustrie summieren sich auf derzeit mehr als zehn Milliarden Euro, wie ein Report verschiedener Umweltschutz-NGOs zeigt. Das sind sogar rund drei Milliarden Euro mehr als noch vor zwei Jahren. Der auch als „Ölfonds“ bekannte Pensionsfonds hatte seine Anteile an Öl- und Gasunternehmen in aller Welt im vergangenen Jahr um 28 Milliarden Euro aufgestockt, geplant war aber eine Verringerung. Da es die Finanzwelt offenbar nicht richtet, hat sich am Ende die Politik gemeldet. Der norwegische Wirtschaftsausschuss hat dem Fonds nun empfohlen, seine Anteile an jenen Firmen abzustoßen, die mehr als 30 Prozent ihrer Einkünfte mit Kohle generieren oder deren Stromproduktion einen Kohleanteil von 30 Prozent überschreitet. Betroffen wäre dann zum Beispiel der deutsche Energieversorger RWE.

Gruppen in 20 deutschen Städten

Das wiederum kann Kommunen im Ruhrgebiet gefährlich werden, denn sie halten RWE-Aktien, deren Wert ohnehin im Keller ist. Der Energiekonzern verdient sein Geld hauptsächlich mit Braunkohlekraftwerken, das Geschäftsmodell ist also alles andere als zukunftsfähig. Divestment-Aktivisten überbrachten dem Essener Oberbürgermeister daher einen Protestbrief, in dem sie die Veräußerung der RWE-Anteile fordern.

In 20 weiteren deutschen Städten gibt es derzeit Divestment-Gruppen, darunter in Freiburg, Heidelberg und Bayreuth. Viele Kommunen wollen prüfen, ob ein Abstoß ihrer fossilen Anlagen möglich ist. Feste Zusagen gibt es aber nicht – nur im westfälischen Münster. Die Stadt hält Pensionsfonds im Wert von rund zehn Millionen Euro, in denen sich Anteile an RWE, Total und Shell befinden. Ein Vorschlag der Grünen, das gesamte Geld der Stadt nach ökologischen und ethischen Kriterien anzulegen, wurde vom Stadtrat angenommen, im Dezember soll es losgehen.

Auch im deutschen Finanzsektor bewegt sich etwas. Der Versicherer Allianz hat nach jahrelanger Kritik verkündet, die Kohle-Investitionen deutlich zu reduzieren. Die Umweltorganisation Urgewald spricht bereits von einem riesigen Schritt mit Vorbildfunktion für die gesamte Finanzbranche.

Hinweis: Dieser Artikel wurde am 30. November 2015 aktualisiert.

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