Thomas Ahbe
05.11.1999 | 00:00

Schluß ohne Schuß

GEWALTLOSE ENTMACHTUNG Warum gab es in der DDR einen Systemwechsel ohne Blutvergießen?

Es wird geschossen. Die Menschen laufen, schreien. Ihnen folgen Kommandos, Stiefelschritte, sie poltern über die Dielung im Treppenhaus, die Wohnungstüren bleiben verschlossen. Die Fußgängerampel springt auf grün, aber nichts bewegt sich, die Menschen liegen auf dem Asphalt. In einer Nebenstraße rast ein Wartburg vorbei, überladen, die Kofferraumklappe ist geöffnet, hinten liegen Leiber. Eine Straßenbahn steht verlassen, aber noch beleuchtet, hinter ihr hackt eine Gruppe das Pflaster auf. - In der ersten Stunde ist es klar, wer schießt und wer schreit. Dann nicht mehr. Ein Salve hackt in die Polizeikette. Schüsse von überall her. Da schreit ein Uniformierter, er ist eine laufende Fackel. Eine Frau stürzt ihm kreischend hinterher, triumphierend die Fäuste in den Himmel stoßend, Pflastersteine treffen die Fackel. Eine Ecke weiter splittern Schaufenster. Gegenüber, aus dem dritten Stock, fallen Menschen, Papiere und Bilderrahmen. Fünf Minuten weiter, auf dem Marktplatz liegen Dutzende Menschen mit den Händen im Nacken am Boden, ein Militärstiefel drückt einem Mann das Gesicht auf das nasse Pflaster.

Der Umsturz in der DDR verlief nahezu gewaltfrei. Ein solches Szenario ist beim Sturz von Diktaturen nicht eben üblich, sondern erklärungsbedürftig. Warum ging dieser Machtwechsel ohne Blutvergießen ab? Die Erklärung dafür liegt weniger in der außenpolitischen Konstellation oder gar in der Schwäche des hochgerüsteten Repressionsapparates. Er hätte durchaus noch zuschlagen und die Macht sichern können. Auch die Vorstellung, dass die gewaltsame Unterdrückung der Proteste im Früh herbst 1989 und eine dem folgende Repressionswelle die Macht in der DDR und ihre internationale Reputation auf Dauer beschädigt hätten, scheint nur im Lichte heutiger Tatsachen plausibel. In seiner bereits 1991 verfass ten fiktiven Dokumentation Blutmontag schildert Rolf Schneider ein anderes Szenario. Demgemäß gab es zur Leipziger Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 Schüsse und eine halbstündige Straßenschlacht mit 28 Toten und 211 Verletzten. Dieser Blutmontag führt zu einer Sondersitzung des Bundestages, zu Protesten in den großen Städten des westlichen Auslands. Mitterrand streicht kurzfristig seinen Staatsbesuch in der DDR, aber kein Land bricht die diplomatischen Beziehungen ab oder setzt Boykotte durch. Die DDR signalisiert, der "Blutmontag" sei eine äußerste Notmaßnahme gewesen. Im Januar 1990 werden dann ein 38jähriger Liedermacher und eine 23jährige Theologiestudentin wegen Rädelsführerschaft verurteilt, nicht zur Höchststrafe von 30 Jahren, sondern zu drei und zweieinhalb Jahren Gefängnis. Der XII. Parteitag der SED im April 1990 leitet einen Generationswechsel in der Partei ein, Honecker wird durch Krenz, und dieser im Laufe des Jahres von Schabowski ersetzt, Mittag durch Schalck-Golodkowski, Mielke durch Wolf und Stoph durch Modrow. Letzterer lässt in einer Erklärung vor der Volkskammer verlauten: "Die Länder Europas erwarten, dass die DDR in ihrer demokratischen Entwicklung den Prozess der europäischen Einigung fördert". Zur Leipziger Herbstmesse 1990 sind wieder hochrangige westliche Vertreter anwesend.

So weit Schneiders realistische Fiktion. Sie beschreibt die erfolgreiche Bewältigung einer Machtkrise durch Gewalt, ein erprobtes - und letztlich international toleriertes - Szenario. Dass die DDR-Machthaber 1989 nicht auf diese Variante zurückgriffen, geht also nicht nur auf eine macht- und realpolitisch ungünstig ausgefallene Kalkulation zurück. Der Gewaltverzicht hängt vielmehr zusammen mit der seit Mitte der achtziger Jahre immer offenkundigeren Ratlosigkeit der SED-Führung gegenüber der im ganzen Lande spürbaren Krise der DDR. Der Wille zum Machterhalt war aus diesem Grunde sehr geschwächt. Im Juni 1953 konnte man sich noch einreden, dass die Grundlagen für die neue Gesellschaft erst noch gelegt werden müssten, dass die dreijährige DDR zwar große Probleme - aber noch eine viel größere Zukunft habe, zu der man sich halt auch mit Gewalt den Weg bahnen müsste. Dass es "Indifferente und Feinde" gab, schien vor allem seinen Grund in dem gerade überwundenen Nationalsozialismus und im "revanchistischen und aggressiven Imperialismus" zu haben.

1989, in der vierzigjährigen DDR, war eine solche simple Externalisierung und Zukunftshoffnung nicht mehr möglich. Die Menschen, die Probleme öffentlich artikulierten, die Kommunikation und einen Politikwechsel forderten, waren Kinder der DDR, ihre eigenen Sozialisationsprodukte.

"Hier spricht die Volkspolizei ..."

Die gewaltfreie Revolution hatte Phasen der Kooperation zwischen den sich bekämpfenden Seiten. Es gab Momente im Herbst 1989, da waren die demonstrierende Bevölkerung und die Kräfte der Staatsmacht existenziell aneinander gefesselt, eben weil keine der beiden Gruppierungen die Lage kontrollierte und schon die Handlungen von Einzelnen irreversibel eine Situation herbeiführen konnten, der sich dann Tausende andere auf beiden Seiten auch nicht mehr hätten entziehen können.

Für Armee und Polizei und die Betriebskampfgruppen war der Umstand, dass sie im heißen Herbst 1989 nicht mit Einzelnen, sondern immer wieder mit Massen von Bevölkerung konfrontiert wurden, nicht nur aus militär-taktischen, sondern vor allem aus ideologischen Gründen relevant. Denn die Träger der Gewalt waren in der DDR alle mit der gleichen Ausrüstung versehen, technisch mit der Kalaschnikow, geistig mit der sozialistischen Ideologie. "Alles für das Volk, alles durch das Volk, alles mit dem Volk", war eine der Dauerformeln, die das erlebbare Regiertwerden und das fiktive Regieren der Bevölkerung in Übereinstimmung bringen sollte. Doch für wen sollte der sozialistische Staat verteidigt werden, wenn "das Volk" ihn so nicht mehr wollte? Auf Basis dieser, von Uniformierten und Demonstranten gemeinsam geteilten ideologischen Grundannahmen war der Streit, wer hier legitimerweise die Position des Souveräns vertritt, auf manchen Plätzen der DDR schnell entschieden: "Hier spricht die Volkspolizei, räumen Sie den Platz" - "Wir sind das Volk".

Man sieht also, dass aus der ideologischen Metaerzählung in der DDR ganz unterschiedliche Schlussfolgerungen gezogen werden konnten - und entsprechend der sozialen und ganz persönlichen Identität des Einzelnen auch gezogen wurden. Diese Ideologie konnte also pazifierende oder eskalierende Wirkung haben, Gewalt gegen die Bevölkerung delegitimieren oder legitimieren. Einer der wichtigsten Gründe für den friedlichen Ausgang des Machtwechsels lag weiterhin darin, dass die meisten Funktionäre und Offiziere die gleiche soziale Identität wie die Bevölkerung hatten, die ihnen im Herbst 1989 gegenüberstand. Denn in solch existenziellen Situationen, in denen eine blutige Auseinandersetzung ansteht, beruht die Entscheidungsfindung auf ganz basalen Werten, Überzeugungen und Ängsten. Diese Ängste beziehen sich nicht nur auf die akute Gefahr für Leib und Leben, sondern auch auf die Bewahrung der eigenen sozialen Identität. Es geht darum, wem man sich letztlich verantwortlich und zugehörig fühlt, wo, wie und mit wem man "danach" weiterleben will, wenn man überlebt. Natürlich gab es zwischen den Funktionären und Offizieren und der DDR-Bevölkerung große Unterschiede. Doch die entscheidenden und scheidenden Unterschiede sind - um mit Bourdieu zu sprechen - die feinen Unterschiede. Man lebte in der gleichen Welt: Zwischen den gleichen Möbeln und in sich gleichenden Badezimmern, man aß und trank das Gleiche aus der gleichen Kaufhalle, man hörte die gleichen Schlager und hatte die gleichen Ersatzteilsorgen mit den gleichen Autos. Auf die Mentalität bezogen hatten die programmatischen Namen von Volkspolizei und Volksarmee einen realen Kern.

"Ekelhaft große Fleischpakete ..."

Schärfer war die Distinktion in der DDR schon zwischen einigen Intellektuellen und dem - lange Zeit auch loyalen - Volk, mit dem man in eingeebneter Zwangsgemeinschaft leben musste. Eine Schriftstellerin echauffierte sich - Jahre nach ihrer Ausreise aus dem Prolo-Land - über die "ekelhaft großen Fleischpakete oder das süße balkanesische Perlgesöff namens Canei", in den Einkaufskörben des Volkes. Ein anderer Autor beklagte, dass es beim Machtwechsel in der DDR "zu wenig barbarische Substanz" gab, keine Parolen wie "Bonzen an die Laterne". - Anders als diese latenten Gewaltphantasien vermuten lassen, waren die Gewalt- und Hasspotenziale in der DDR offenbar recht gering. Ein innerer Krieg wäre nach den Wertvorstellungen aller Beteiligten nicht legitim gewesen, noch hätte es hierzu eine entsprechende affektive Basis gegeben. Das protestantische Angebot "Keine Gewalt" konnte so auch von den meisten Inhabern der Gewaltmittel angenommen werden. Letztere hätten - sozial-kulturell gesehen - in das eigene Fleisch und Blut schneiden müssen. Unterhalb des zuweilen martialischen Offizialdiskurses hatte sich in der DDR eine zivile und pazifizierte, aber auch gleichmacherische und auf Konsens bedachte Gesellschaft herausgebildet. Genau deshalb konnte man sich, als die Handlungsmuster des alten Herrschafts prinzips zusammenbrachen, auf eine gewaltfreie Aushandlung des Machtkonfliktes verständigen. Niemand wurde getötet.