Schlüsselerlebnis der Jüngeren

Vorsänger Die Waldeck-Festivals haben von den KZs nicht geschwiegen - eine Entgegnung auf Magnus Klaue

Wenn man über die Festivals auf der Burg Waldeck spricht, ist ein Mindestmaß an historischen Kenntnissen hilfreich. Zu einer Zeit, da von 1968 noch niemand etwas ahnte, gingen von hier Impulse aus. Nicht nur für ein neues deutschsprachiges Lied, sondern auch für eine Diskussion, die wenige Jahre später Teile jener Generation erfasste, die augenblicklich Gegenstand zahlreicher Feier- und Jubiläumsartikel ist, dass die Versuchung groß sein kann, um der Aufmerksamkeit willen die Provokation zu suchen. Diesen massenmedial bewährten Weg wählen dann Autoren, die - anders als etwa Götz Aly - nichts von dem wissen, worüber sie schreiben.

Weshalb wird den Waldeck-Festivals und der gerade erschienenen, detailreichen Dokumentation heute überhaupt diese Aufmerksamkeit zuteil? Zwar mag manches damals Gesagte und Gesungene inzwischen belanglos erscheinen - längst besser gewusst von klugen Nachgeborenen -, doch dass dort, wie im Freitag 26 zu lesen war, lediglich reproduziert worden sei, was zeitgleich in WG-Kollektiven diskutiert wurde, ist ein auf Nichtwissen basierender Irrtum, der selbst mittels Wikipedia leicht hätte ausgeräumt werden können. Als Wohngemeinschaften zu einer verbreiteten Lebensform wurden, waren die Festivals bereits Geschichte.

Die wichtigsten von Waldeck ausgehenden Impulse lagen darin, dass in einem Land, in dem man nach 1945 nicht mehr singen konnte und mochte - laut Yehudi Menuhin ist das Singen die eigentliche Muttersprache des Menschen -, wieder gelernt wurde, sich singend und in der eigenen, scheinbar allein trivialen Liedchen und Schlagern vorbehaltenen Sprache auszudrücken sowie mit Musik und Liedern anderer Kulturen vertraut zu werden. Trotz aller befremdlichen Momente, die der bündischen Bewegung und ihrem Liedgut zu eigen sind, ist die Burg Waldeck einer der wenigen deutschen Orte, von denen solche Impulse überhaupt ausgehen konnten. Hier hatte man traditionell nicht nur jene Lieder gesungen, die nach 1945 auch bei den Bündischen durchweg tabu waren, sondern - gefördert durch Fahrten in alle Welt - stets auch die Lieder fremder Nationen und aktuelle literarische Lieder. Der jüdische Junge Hai Frankl hatte in der Nazizeit von seinen bündischen Freunden Brechts Hauspostille zum Geschenk erhalten. Sie begleitete ihn bei seiner drei Tage vor Kriegsbeginn ermöglichten Flucht vor der Vernichtung, sie ist heute in einer Ausstellung auf der Burg Waldeck zu sehen, wo Frankl seit 1964 regelmäßig Konzerte gibt. Der Gedanke der Geschwisterlichkeit über Ländergrenzen hinweg gehört zu den Traditionen eines Teils der bündischen Jugend wie kulturelle Aufgeschlossenheit. In den fünfziger Jahren konnte man auf der Waldeck nicht nur Negrospirituals, Railroadsongs, Rembetika, Skiflemusik, jiddische Balladen, südamerikanische und afrikanische Musik oder die ersten Lieder von Mikis Theodorakis hören, sondern ebenso Lieder Brechts, Wedekinds oder Tucholskys.

Es ist so kein Zufall, dass junge Mitglieder der studentischen Arbeitsgemeinschaft in Waldeck auf die Idee einer Veranstaltung kamen, die den Liedern aus aller Welt und dem deutschsprachigen Lied gleichermaßen gewidmet sein sollte. Das Chanson vermisste man in Deutschland, ihm maß man demokratische Qualität zu. Chansons, so hieß es 1964 in der Eröffnungsrede, seien "Anrede an den Einzelnen, sie brauchen den Hörer und lassen ihn gelten".

Ein junges Publikum entdeckte, dass es neben den Verstand vernebelnden Gemeinschaftsgesängen, die jede individuelle Denk- und Kritikfähigkeit auszulöschen vermögen, andere Lieder gab, die zu singen Spaß macht und deren Hören das eigene Denken befördern - und sogar zum Verständnis der Gesellschaft beitragen konnte. Bevor sich 1967/68 die neue kritische Sicht auf die Bundesrepublik durch Megaphone verstärkt auf den Straßen Ausdruck verschaffte, bevor die kulturelle Neuorientierung im gesamtgesellschaftlichen Alltag ihren Niederschlag fand, waren es 1964/65 leise Lieder, die weniger genau analysierend als vielmehr andeutend das Unbehagen formulierten, das eine Generation von jungen Intellektuellen prägte. Sie hatten bei der Spiegel-Affäre erstmals protestiert, verehrten Kennedy, waren westlich-zivilisatorischen Werten zugetan, aber unzufrieden angesichts der erstarrten Gesellschaft am Ende der Adenauer-Ära. Hier liegen die Gründe dafür, dass die neuen, auf der Waldeck gesungenen Lieder mit explosiver Kraft ihre Wirkung entfalteten.

Das Unbehagen bezog sich in erheblichem Maße auch auf die Taten der Mütter und Väter, die ihren Kindern die Vergangenheit verweigerten, und die damit verbundene Doppelmoral und Heuchelei. Diese wurden demaskiert insbesondere von den Liedern Franz Josef Degenhardts. Die Zeit des Faschismus, das Mitwirken daran, gehört ebenso zu den auf der Waldeck erstmals in größerer Öffentlichkeit angesprochenen Tabuthemen wie die Wiedereinsetzung der Täter in ihre Ämter. "Ihre Kinder haben Angst", so Degenhardt in dem Lied Häuser im Regen, "Angst vor den Vätern auf Büfetts in Trauerrahmen./ Denn wer weiß, was die korrekt verwaltet haben." In seinem Monumentallied über den deutschen Michel sang Dieter Süverkrüp sarkastisch "Gaskammerdiener kommt ins Loch - für ein, zwei, drei, vier, fünf, sechs Woch". Zugleich trug er sein bewegendes Lied Kirschen auf Sahne vor, das einem der Vernichtung durch die Nazis entkommenen alten Mann gewidmet ist: "Pro Tag Auschwitz fünf Mark, wieviel macht das im Jahr?" Berühmt wurden Degenhardts Senatoren und Notare, die mit ihren Wahlsprüchen "Alles mit Maß und mit Ziel" gut durch die Zeiten kommen, "zwischen den Zeilen Widerstand leisteten, damals" und die Vergangenheit mit dem Satz kommentieren: "Nur Auschwitz, das war ein bisschen zu viel".

Das mag als Richtigstellung zu der in dieser Zeitung bedauerlicherweise ungeprüft abgedruckten Behauptung begriffen werden, "DKP-Chargen wie Degenhardt oder Süverkrüp" hätten mit ihrem "Verbalradikalismus" "bis zum Schluß" (?) nichts davon wissen wollen, "dass es etwas wie Konzentrationslager gegeben hat". Solche in ein Boulevardblatt passenden Verdächtigungen sind im Zusammenhang mit den Waldeck-Festivals auch deshalb schäbig, weil hier früher und dauerhafter als irgendwo Lieder des Gedenkens an die in den deutschen Lagern ermordeten Menschen erklangen und viel dafür getan wurde, deren zum Teil nahezu ausgerottete Kultur lebendig zu erhalten. Jiddische Lieder wurden auf allen Festivals gesungen - von Peter Rohland, Hein und Oss Kröher, von Hai und Topsy, Ariva Semadar, Mariann Jeru, Lin Jaldati und anderen. Als dieses Lied in der deutschen Öffentlichkeit noch kaum jemand kannte, sang Fasia Jansen, die wegen ihrer Hautfarbe deutsche Lager kennenlernen musste, das Moorsoldatenlied. 1967 erklang in einem Konzert von Aleksander Kulisiewicz der Choral aus der Tiefe der Hölle, geschrieben von Koigniew Krasnodebski, nachdem dieser erleben musste, wozu die Krematorien dienten.

Holger Böning ist Professor für Neuere Deutsche Literatur und Geschichte der deutschen Presse an der Universität Bremen. Zuletzt erschien von ihm Der Traum von einer Sache. Aufstieg und Fall der Utopien im politischen Lied der Bundesrepublik und der DDR. 342 S., edition lumière, Bremen 2004, 20 EUR

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