Schmeicheleinheiten für Joseph Goebbels

RUSSISCHER "HISTORIKERSTREIT" UM DEN 22. JUNI 1941 Vor dem 60. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion kursiert wieder die Legende vom "Präventivschlag" Hitlers

Die Njesawisimaja Gasjeta ist begeistert: "Ein Dokument, das dem ›Eisbrecher‹ neues Leben einhauchen kann!" Gemeint ist ein im Archiv des russischen Präsidenten aufgetauchter Bericht Georgij Shukows an Josef Stalin vom 17. Mai 1941, in dem der spätere Marschall der Sowjetunion dem Oberkommandierenden der Roten Armee vorschlägt, durch einen präventiven Schlag an der Südwest- sowie Teilen der Westfront Russlands die Truppen der faschistischen Wehrmacht daran zu hindern, sich zu entfalten und zum Angriff überzugehen. Es ist dieser Bericht, der eine der einflussreichsten Tageszeitungen Russlands veranlasst, eine Debatte anzufachen, die wenige Monate vor dem 60. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 erkennbar auf Touren und zu Konturen kommt. Im Stile eines fast schon masochistischen Geschichtsrevisionismus formuliert das Blatt das Ziel der Kampagne: Es gelte, "den letzten großen Mythos der Gegenwart" zu zertrümmern - den "Mythos vom Großen Vaterländischen Krieg".

Krieg der Tyrannen - Krieg der Symbole

"Vaterländisch", resümierte der bekannte Historiker Jurij Afanasjew bereits Anfang der neunziger Jahre, "nennen wir diesen Krieg nur wegen Stalin. Aber war er in Wirklichkeit nicht das Ringen zweier Tyrannen?" Die von Afanasjew aus diesen Intentionen heraus vorgeschlagene Periodisierung des "Großen Vaterländischen Krieges" folgt diesem Ordnungsprinzip: 1939-1941 - deutsch-sowjetischen Schulterschluss gegen die westliche Welt; 1941-1944 - nationaler Befreiungskampf; ab 1944 - schonungslose "Sowjetisierung" Mittelosteuropas. Dieses Raster ist längst zu einem Orientierungsrahmen für eine geschichtsrevisionistisch gefärbte "Vergangenheitsbewältigung" im postsowjetischen Russland mutiert. Afanasjews Intervalle sehen sich dabei zuweilen durch neue Stichworte präzisiert: Ein "Krieg der Generäle" sei es gewesen, geführt auf dem Rücken des Volkes von eiskalten, militärtheoretisch und strategisch unbedarften Opportunisten wie Georgij Shukow. Ein "Krieg der Symbole", bei dem allzu oft die Einnahme einer ganz bestimmten Stadt zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt wichtiger erschien als die Bewahrung menschlichen Lebens. Vor allem jedoch habe Stalin einen "aggressiven Angriffskrieg" geplant, so dass Hitler quasi keine andere Chance blieb, als massiv gegen die Sowjetunion vorzugehen: "Hätte sich Hitler entschlossen, die ›Operation Barbarossa‹ einige Wochen später zu beginnen, wäre die Rote Armee weit vor 1945 in Berlin einmarschiert." Ein Schlüsselsatz aus eben jenem "Eisbrecher": dem Opus Magnum des fahnenflüchtigen GRU-Agenten Wladimir Resun (Wiktor Suworow), das unmittelbar nach seiner Erstveröffentlichung Ende der achtziger Jahre zur ultimativen Kultfibel all jener avancierte, die in bester Goebbelscher Tradition nicht müde werden, Hitlers Überfall auf die Sowjetunion als "Präventivschlag" zu deuten. Und obwohl Resun alias Suworow wiederholt nachgewiesen wurde, dass er die zur Begründung seiner provokanten Thesen herangezogenen Quellen mehr als tendenziös ausgebeutet hat, finden sich offensichtlich immer wieder Ahnungslose, die der demagogischen Wucht des "Eisbrechers" nicht gewachsen sind oder nicht sein wollen.

Die Shukowschen "Strategischen Überlegungen zur Entfaltung der Streitkräfte" vom Mai 1941 sind Militärhistorikern seit langem bekannt. Wie auch die Tatsache, dass Stalin diese "Überlegungen" scharf kritisierte und der Führungsspitze der Armee ein illoyales Verhalten gegenüber Hitler vorwarf, mit dem der Nichtangriffspakt von 1939 unterlaufen werden könne. Um so mehr verblüfft es, wie unbekümmert das revisionistische Lager im russischen Historikerstreit den Shukow-Bericht als ultimativen Beweis für Stalins aggressive Absichten feiert. Etwa Klim Eros, der davon überzeugt ist, dass "Stalin beabsichtigte, gegen Hitler zu kämpfen. Seltsamer Weise jedoch wollte er nicht als Erster losschlagen ... Er hat Hitler auf klassische Art überlistet, indem er ihn dazu drängte, einen zuvorkommenden Schlag gegen die Sowjetunion zu führen." Eros weiter: " Eine nicht unwesentliche Rolle dabei spielte meiner Meinung nach der ›Shukow-Plan‹, der geschickt und professionell der deutschen Heeresführung zugespielt wurde." Wie dies geschehen sein soll, darüber schweigt sich Eros aus. Auch irritiert ihn nicht, dass die deutsche Abwehr knapp einen Monat nach Shukows Bericht an Stalin dem Generalstab des Heeres vermeldete, dass "seitens der Russen ... unverändert defensive Maßnahmen zu erwarten sind."

Admirale des Zaren - Ikonen der Flotte

Das Einzige, was Eros Co. wirklich irritiert, ist der Umstand, dass die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg siegreich war. Ihre kuriose These lautet: Gewonnen worden sei der Krieg nicht dank, sondern trotz der damaligen Militärführung. Bis heute weigere sich eine "etablierte Militärwissenschaft", diese fundamentale Wahrheit anzuerkennen, gefalle sich stattdessen in fortgesetzter Apologie der stalinistischen Kriegführung Shukows. Wie wenig fundiert diese Behauptung ist, haben "etablierte" Militärtheoretiker in der Vergangenheit immer wieder demonstriert. Darunter General Machmut Garejew - Präsident der Russischen Akademie der Militärwissenschaften -, der erst unlängst in einem zusammen mit Generalstabschef Anatolij Kwaschnin verfassten Beitrag für die Unabhängige Militärrundschau eine kritische Neubilanzierung des Großen Vaterländischen Krieges vornahm: Es habe 1940/41 keine ausreichende Kooperation zwischen Politikern und Militärs gegeben. Außerdem sei die damalige Führung unfähig gewesen, den Charakter des sich abzeichnenden Krieges zu erkennen und für einen - auch ökonomisch - effizienten Aufbau der Streitkräfte zu sorgen. Konsequenz: Operative Defizite, keine einheitliche Führung der Kräfte und Mittel, Geringschätzung des menschlichen Faktors ...

Garejew kennt bei seiner Analyse keine Tabus. Gleichwohl beharrt er darauf, dass der Große Vaterländische Krieg ein untrennbarer Bestandteil der eigenen Geschichte sei und daher nicht einfach negiert werden könne.

Genau dagegen mobilisiert die Fraktion der Revisionisten: Sie will möglich schnell dieses Kapitel der eigenen Geschichte ad acta gelegt sehen. Es geht dabei offenkundig nicht um historische Wahrheit, sondern um die nachhaltige Diskreditierung des Großen Vaterländischen Krieges als Quelle militärtheoretischer Reflexion: Im "Mythos vom Großen Vaterländischen Krieg" sehen sie das letzte große Hindernis auf dem Weg zurück zur glanzvollen Militärtradition des vorrevolutionären Russlands. Schlüsselfiguren des Oberkommandos in den Jahren 1941 bis 1945 wie Marschall Shukow als strategische Dilettanten zu verunglimpfen, um zaristische Generalstäbler ungehindert zu Ikonen künftiger militärischer Theoriebildung zu stilisieren, ist für viele Revisionisten unverkennbar das entscheidende Motiv ihrer Attacken. So für Andrej Merzalow, dessen zwei Jahre alte Studie über den Begründer der Akademie des russischen Generalstabs, Antoine Henri Jomini (1779 - 1869) schon heute als Klassiker militärhistorischer Mythenbildung im postsowjetischen Russland gelten kann. Wie stark sich diese Apologie einschlägiger Tradition des vorrevolutionären Russlands bereits in den Köpfen aktiver Militärs festgehakt hat, bewies vor einigen Monaten kein Geringerer als der Oberkommandierende der russischen Seekriegsflotte, Admiral Wladimir Kurojedow, als er die Russisch-Orthodoxe Kirche drängte, den "Bezwinger der türkischen Flotte", Admiral Fjodor Uschakow (1743-1818), heilig zu sprechen, auf dass Russlands katastrophenerprobte Flotte endlich einen eigenen Schutzpatron erhalte. Wohl kaum der Weg, die militär- und sicherheitspolitischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts im Interesse Russlands zu meistern.

00:00 02.03.2001

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