Schmerz rappen

Hip-Hop Mit seiner EP verarbeitet der 22-Jährige MIKE aka dj blackpower Verlust und Depression

Seit seine Mutter vor zwei Jahren starb, hat Michael Jordan Bonema ihr drei Alben gewidmet. Der Rapper und Produzent, der seine Musik meist unter dem Namen MIKE veröffentlicht, ist ein Getriebener der schlechten Gefühle. Je tiefer er sich in eine Stimmung oder einen Schicksalsschlag verbeißen kann, desto mehr scheint er daraus zu schöpfen. Das gilt zunächst quantitativ. Schon vor diesen drei Alben hatte MIKE seit 2015 insgesamt 14 überwiegend düstere Alben und EPs veröffentlicht. Es gilt aber auch qualitativ. Kaum jemand rappt derzeit so eindringlich über Verlust und Depression wie der 22-Jährige aus der Bronx.

MIKE hat die Stimme eines Asphaltiermaschinenfahrers. Dumpf und tief, meistens verschleppt, mitunter gelallt. Sein Rapstil ist jedoch nur scheinbar nachlässig. Jede Unschärfe im Vortrag korrespondiert mit den Unwägbarkeiten der Themen, die auch BLP2020: King of the Night prägen, sein neustes, diesmal unter dem Alias dj blackpower veröffentlichtes Album. Er rappt darauf nicht nur über Stimmungsschwankungen und Wunden, die nicht verheilen. Er veranschaulicht beides auch mit den Mitteln seiner Stimme und der Musik, die er zu Hause am Computer produziert.

Beschützt von Frauen

Diese Musik ist nicht die Asphaltiermaschine zur Stimme des Asphaltiermaschinenfahrers. Sie enthält keine geraden Linien und sorgt nicht für klare Verhältnisse, interessiert sich nicht für bewährte Songstrukturen oder gar Hits. MIKE setzt auf Sekundensamples, die er Soul- und Jazzplatten entnimmt. Er verbindet sie zu kurzen, sehr oft wiederholten und sehr plötzlich abgewürgten Loops, dreht an Geschwindigkeit und Lautstärke und tut auch sonst alles, um möglichst wenig vom Ausgangsmaterial übrig zu lassen. Nutzerfreundlich erscheinen nur die 16 Minuten Laufzeit: Man kann dieses Album der Mini-Loops hören wie einen Maxi-Loop.

Weil all das introvertiert klingt, autobiografisch geprägt ist und den Klischeevorstellungen Rap-ferner Musikhörer über Rapmusik widerspricht, wäre es einfach, MIKE als Außenseiter zu bezeichnen. Tatsächlich ist er Teil einer losen Szene, deren Mitglieder mit ähnlich schnipseligen Elementen, Verfremdungseffekten und Texten voller vielsagender Auslassungen arbeiten. Stilistisch und geografisch lässt sich die Szene kaum verorten: Sie umfasst junge Jazzmusiker, die nach neuen Präfixen für ihr Genre suchen, ebenso wie Rapper, die sich auf geradezu traditionsbewusste Weise als Wortschmiede verstehen. Was die Künstler verbindet, sind Internetanschlüsse sowie geteilte Projekte und Erfahrungen.

MIKEs wichtigste Kontaktperson ist der Rapper und Produzent Earl Sweatshirt aus Los Angeles. Noch vor wenigen Jahren schien dieser einer Weltkarriere entgegenzusteuern: Wie die späteren Grammy-Gewinner Frank Ocean und Tyler, the Creator, gehörte auch er zum Hip-Hop-Problemkinder-Kollektiv Odd Future und tat sich mit frühreifem Rap-Talent und frühpubertären Gewaltfantasie-Texten hervor. Sweatshirt kapselte sich jedoch schnell von der Gruppe ab und prägte mit dem Album Some Rap Songs vor zwei Jahren jenen kleinteiligen, für Grammy-Trophäen ungeeigneten Sound, um dessen Verfeinerung sich MIKE ebenfalls bemüht.

Ähnlich wie King of the Night war auch Sweatshirts Some Rap Songs eine Verlustplatte. Der Künstler thematisierte den Tod seines Vaters und illustrierte in Songs voller Abbrüche und Störgeräusche einen Gemütszustand zwischen Trauma, Überforderung und Auflösung. Gewohnt abstrakt verwies Some Rap Songs aber auch auf größere Zusammenhänge zwischen white supremacy, schwarzer Lebensrealität und daraus resultierenden Depressionen. Das Album ähnele einer chemischen Gleichung, die nur für schwarze Zuhörer zu durchdringen sei, sagte Sweatshirt damals im Interview mit dem Musikmagazin Pitchfork.

Den politischen Aspekt seiner Trauerarbeit betont auch MIKE, wenn er als dj blackpower Bewältigungsstrategien für das Überwältigende sucht. Der Wind in New York sei zu kalt für sein Gesicht, rappt er im Song Piercing thru the Night. Einen Ausweg versprechen nur die Communitys, in denen sich MIKE bewegt: familiäre und musikalische Verwandtschaften mit anderen schwarzen Menschen, die er nicht nur gegen eigene Dämonen, sondern auch gegen den feindseligen Teil der Gesellschaft verteidigen muss. Immer wieder erklingen im Verlauf von King of the Night die Worte „black power“, aber es ist ein kriegsmüdes Mantra, auf das sich MIKE beruft.

Was ihn und auch Earl Sweatshirt fürs Erste über die Runden bringt, sind die Frauen in ihren Leben. Mehrmals zollt MIKE in King of the Night seinen Schwestern und einer Tante Tribut, die ihn immer wieder auf die Beine stellen, wenn er im Boden zu versinken oder auch die Bodenhaftung zu verlieren droht. Sweatshirt rappt in Some Rap Songs darüber, dass es stets schwarze Frauen waren, die ihn vor der Außenwelt und eigenen zerstörerischen Neigungen beschützt haben. Es ist nicht nur berührend, diese Momente der Klarheit auf Alben voller Unklarheiten zu entdecken. Es ist auch ermutigend, zu hören, dass dabei Frauenbilder entstehen, die in der Rapmusik von Männern noch immer zu kurz kommen.

Info

BLP2020: King of the Night dj blackpower

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