Schmocktransformation

Echo Kollegah zeigte einst, wie gut Rap auf Deutsch sein kann. Heute fällt er durch Antisemitismus auf. Unser Autor zeigt, wo das herkommt
Schmocktransformation
Kollegah begann seine Karriere als Kartoffeljunge mit Babyspeck

Foto: Future Image/Imago

Nach langwierigen Beratungen hat der Echo-Beirat vergangenen Freitag entschieden, dass Kollegah und Farid Bangs Punchline “Mein Körper [ist] definierter als ein Auschwitzinsasse” nicht Anlass genug sei, um die Rapper von der heutigen Preisverleihung wieder auszuladen. Das ist alles in allem eine verständliche Entscheidung. Der Echo ist schließlich "ein Preis...der auf Verkaufszahlen basiert" (Vorstandssprecher Florian Drücke), und außerdem ein Auflauf der peinlichsten Deutschen. Somit eigentlich die ideale Bühne für die zwei.

Dabei ist die vom Beirat diskutierte Songzeile bei weitem nicht das offensichtlichste Beispiel für Antisemitismus in Kollegahs Oeuvre. Um den echten braunen Scheiß zu finden, hätte der Beirat ein bisschen mehr in seiner Video- und Diskographie graben müssen und sich nicht bloß in guter Bürokratenmanier mit dem nominierten Album “JBG3” auseinandersetzen. Und so wird Deutschlands größter Musikpreis Kollegah eine perfekte Bühne für seine populistischen und medienfeindlichen Anliegen bieten. In Deutschland pflegt man reaktionäre Popstars zunächst zu fördern und zu hofieren, um sie dann aus der guten Gesellschaft zu verweisen, was wiederum den Ausgeschlossenen zupass kommt, weil es ihr auf Verschwörungstheorien fußendes Weltbild festigt.

Wie, so fragt sich alle Welt, soll man mit diesen Populisten umgehen?

Die Medien jedenfalls zeigen, wie es nicht geht und stellen mit Artikeln („Wie antisemitisch ist der deutsche Rap?“) die gesamte Szene unter Generalverdacht. Weil Kollegah ein geschickter Stratege ist, forderte er in einem wie von Steroiden angetriebenen YouTube-Rant Solidarität aus der Hiphopszene gegen seine Ankläger. Den irrelevanten Mainstreammedien soll endlich eine Lektion erteilt werden, die sie nicht vergessen werden. (Ursprünglich tauchten im Video antisemitische Karikaturen auf, die inzwischen verpixelt wurden, und für die der als einfältig bekannte YouTuber Mois verantwortlich gemacht wurde.)

Verwirrter als der Bundestag

Die deutsche Rapszene ist weitläufig und komplex, hunderte junger Männer (und eine Handvoll Frauen) aus oft benachteiligten Milieus verdienen in dieser Szene einen Lebensunterhalt mit ihrer Kunst. Diese Szene erfährt eine kreative Explosion nach der anderen und ist dabei politisch breiter aufgestellt als der Bundestag – und oft genauso verwirrt. Die Reaktionäre in diesem Haufen müssen präzise und einzeln benannt werden, am besten von Beobachtern, die diese Kultur verstehen und schätzen. Deutsche Medien berichten über Deutschlands größte Jugendbewegung immer noch so, als wäre sie ein kurzlebiger Trend oder ein Kuriosum. Manchmal gönnt man einem Rapper überraschenderweise Beachtung im Feuilleton, noch öfter gerieren sich ahnungslose Reporter als ethnologische Feldforscher, vor allem, wenn ein Rapper etwas antisemitisches sagt oder Mitglieder eines Clans als Manager anheuert.

Selten zeigt sich der Antisemitismus so offen wie in Haftbefehls frühem Track, “Mama reich mir deine Hand“: “Ich geb George Bush einen Kopfschuss und verfluche das Judentum.” Der Rapper hat sich später für diese Zeile entschuldigt und erklärt, dass er unter jungen Türken und Arabern in Offenbach aufgewachsen sei, die Juden weder mochten noch tatsächlich kannten. Leider folgte darauf das Mixtape “Unzensiert” mit der “Rothschild Theorie” als eine Art Leitmotiv. So lässt sich Antisemitismus in Rap verpacken: als mystisches Geheimwissen.

Wie in dem umstrittenen Song “Contraband” von Fard & Snaga aus dem Jahr 2014, in dem die beiden Rapper alles Böse dieser Welt anprangern. Fard (mit iranischen Wurzeln) beginnt mit Revolutionskitsch, der in der Zeile “Das ist junge Wut gegen Politik aus Tel Aviv!” gipfelt, und trotzdem kann der Biodeutsche Snaga in der zweiten Strophe noch eins draufsetzen: “Contra-Tel Aviv…Contra-Zins, Contra-Schuld, Contra-Geduld.”

Bevor Kollegah zum Populisten aufstieg, waren das die klarsten Beispiele für Antisemitismus im Deutschrap. Trotzdem traf der Vorwurf auch andere Rapper, bei denen die Beweislage weit weniger klar schien. Bei Bushido war es ein Twitteravatar, der Palästina in den Grenzen von vor 1948 zeigte, bei Kool Savas ein unappetitlicher hidden track über pädophile Geheimringe, den er mit seinem Freund Xavier Naidoo aufgenommen hatte. Solche Vorwürfe ohne klare Grundlage schaden der Bekämpfung von tatsächlichem Antisemitismus. Verschwörungstheorien allein sind noch nicht per se antisemitisch, Antizionismus auch nicht. Nur zusammen ergeben sie den rechten Cocktail. Kollegah ist das perfekte Beispiel dafür.

Tabubruch aus Prinzip

Rap lebt davon, Tabus zu brechen, und in Deutschland gibt es natürlich kein größeres Tabu als die nationalsozialistische Vergangenheit. Kool Savas, der erste deutsche Rapper mit Weltklasseflow, verkündete auf einem frühen Song Ende der Neunziger, dass er ein Nazi sei und Adolf Hitler sein Vater; Bushido, der erste deutsche Rap-Superstar, verkündete, dass er “Rap wieder in die Dreißiger” bringe. Pure Provokation, und auch eine Abgrenzung zum harmlosen Studentenrap aus München, Stuttgart und Hamburg.

Rapper mit Migrationshintergrund erfanden diese Strategie und biodeutsche Rapper griffen sie dankbar auf. Vor ihren Zerwürfnissen fungierte der Rapper Fler als Bushidos Sidekick – als die Art Deutscher, die in meiner Kindheit in Berlin “blonde Türken” genannt wurden. Fler betont immer wieder, dass er unter Menschen mit Migrationshintergrund aufgewachsen sei und sich deswegen als Deutscher ausgegrenzt fühlte. ‘Wenn sie auf ihre Wurzeln stolz sein könnten, warum darf ich das nicht?’ war die zentrale Frage in seinem Ideenkosmos. Daran schloss sich die Frage ‘Warum kann ich als Deutscher kein richtiger Mann sein?’ an.

Beide, Bushido und Fler, waren damals bei Aggro, einem Label mit perfekter Marktstrategie: Deutschrap als Populismus für 13- und 14-Jährige. Auf Aggro waren Battlerapper vertreten, mit jeweils individueller Note: Sido fuhr die Kiffernummer, B-Tight fuhr die Schwarzennummer, und Fler fuhr die Stolzer-Deutscher-Nummer: “schwarz-rot-gold, hart und stolz” war sein Credo. Seitdem ist es ganz normal für biodeutsche Straßenrapper, auf diese Weise etwas mit ihrem Image zu spielen, was sich wiederum gut vermarkten lässt.

Kollegah begann seine Karriere als weichgesichtiger Kartoffeljunge mit Babyspeck und Kleinstadtjugend, der sich mal als dealender Zuhälter, mal als zuhälterischer Dealer ausgab. Um seiner ansonsten recht langweiligen Identität etwas Farbe zu verleihen, betonte er die kanadische Herkunft seines Vaters (“Der Kanadagermane”), die algerischen Wurzeln seines Stiefvaters und seinen Übertritt zum Islam. Was ihn aber tatsächlich auszeichnete, war sein für das Gangsterrapgenre bisher unerhört ausgefeilter Wortwitz, manchmal als “Kreuzworträtselrap” (Sentino) abgetan. “Ich habe Punchlinerap revolutioniert!” verkündete Kollegah stolz in seiner autobiographischen Hymne “Alpha,” was sich tatsächlich schwer bestreiten lässt.

Satire auf Rap selbst

Kollegah zeigte, wie gut Deutsch sich für Rap eignen kann. Keine andere Sprache reimt sich besser, keine bietet mehr Möglichkeiten für Wortspiele. Kollegah machte daraus eine sarkastische Satire auf Rap selbst. Seine Texte listeten meist nur die üblichen Chauvi-Klischees auf, aber das in Gestalt von so guten Punchlines und Gags, dass auch Gegner von Frauenverachtung, Gewalt gegen Schwächere, Drogenhandel und Nazi-Metaphorik an ihnen Freude fanden und die satirischen Aspekte goutieren konnten.

Jahre später machten KIZ in “Ich bin Adolf Hitler“ den gleichen Punkt: der Battlerapper ist vom Konzept her autokratisch und menschenverachtend. Von Beginn seiner Karriere an war das Teil von Kollegahs Image. Je erfolgreicher er wurde, desto megalomanischer wurde er auch. Die frühen Alben, auf denen er sich als Zuhälter im Seidenmantel präsentiert, dessen Feinde sich verneigen müssen oder einen Pimpslap bekommen, zeigen einen jungen Künstler, der Freude an der Sprache und ihren Möglichkeiten hat.

Irgendwann, vielleicht zwischen dem “Zuhältertape 3” und “Jung, brutal, gutaussehend 2”, der Fortsetzung seines Buddy-Movies in Rapform mit Farid Bang, wurde sein Flow müde, seine Wortspiele lahmer. Ironischerweise explodierte zur gleichen Zeit seine Karriere. “JBG2” sprang auf die Nummer 1 der Charts, als erstes Album aus dieser Rapsparte. Kollegah dampfte sein Konzept auf die wesentlichen Elemente ein. Seine nächsten Alben hießen "King" und "Imperator". Kollegahs populistische Phase hatte begonnen.

Sein neuer Flow war aggressiver, seine Stimme tiefer (eine Folge des Pumpens, wie er behauptet), sein Auftreten autoritärer. Wie ein Politiker vertrat er jetzt eine zentrale Botschaft über Kampf und Triumph. Er gab sich volksnah und erzählte von den wichtigsten Stationen seines Lebens: eine Kindheit ohne elterliche Fürsorge, Selbstbehauptung als „Deutscher unter Kanacks”, Drogenhandel, Rap-Revolution und schließlich die Stählung seines Körpers.

Seine Alben waren nominell noch Punchline-Alben, aber weitaus humorloser und selbstherrlicher, mit Bombastbeats, Chören und Streichern. Er veröffentliche Motivationssingles wie “Du bist Boss”, in denen er seine jungen Hörer ermunterte, Sport zu treiben, stolz zu sein und empfahl deutschen Kindern, sich gegen ausländische Gangs zu wehren, und Ausländerkids, den geraden Weg zu wählen.

Pure Kalkulation und der Angriff auf ein Marktsegment, genauso wie der Song “NWO”, veröffentlicht zum Albumstart, auf dem er die ganze Menschheitsgeschichte als Verschwörung neu erzählt: “NWO, Camouflage, Langstreckenraketen/Eine mächtige Minderheit, der Schandfleck des Planeten”, was durchaus müffelte. Aber der Song gab sich am Ende versöhnlich: “Wir sind Brüder, wir sind Schwestern, nachkommen von Adam, egal ob wir nun Jahwe, Gott oder Allah sagen.“

Auf Mixtapes war Kollegah zwischendurch fast so verspielt, entspannt und lustig wie früher, doch das Album “Imperator” zeigte ihn von seiner düstersten Seite. Der Flow war schleppend, der Humor aufgebraucht. Die Single “Hardcore” war nur noch wegen des Videos und seiner Anleihen bei Mad Max (mit Umweg über “California Love”) und vor allem bei Nazi-Ikonographien von Bedeutung.

Nebenbei veröffentlichte er epische politische Songs als Gratistracks. Der dritte Teil dieser Trilogie, “Apokalypse”, ist fast eine Ode an den Antisemitismus. Der Song will satanistische Mächte enthüllen, deren Einfluss sich von Babylon über König Salomon hin zu den Illuminaten zieht, und macht dabei speziell 13 Familien aus, die die gesamte Erde beherrschen, um dann eine Linie zu Banken zu ziehen, Ausbeutung, Waffendeals, Entvölkerung und schließlich der Apokalypse. Am Ende steht ein Kampf zwischen Kollegah und dem Teufel um die Seele des Planeten, der in Jerusalem stattfindet. Danach geben sich alle Religionen (fast alle: „Buddhisten, Muslime und Christen“ zählt er auf) die Hand und bauen die Welt wieder auf.

Kollegahs antisemitische Quellen

Der Text wurde schon von zahlreichen kritischen Beobachtern aufgeschlüsselt, um so den antisemitischen Subtext zu zeigen. Tatsächlich, meinen Recherchen nach, ist die Sache viel simpler. Der Schlüssel sind die “13 Familien”, von denen Kollegah spricht, weil sie einen Hinweis auf seine Quellen geben. Der Verfasser dieser Theorie ist der rechte christliche Verschwörungstheoretiker Fritz Spengmeier. Sein Buch “Bloodlines of the Illuminati” (auf der Webseite der CIA einsehbar, da es in Bin Laden’s Abbottabad Compound gefunden wurde) listet eine Reihe jüdischer (aber auch satanischer) Familien auf, um dann festzustellen, Spoilerwarnung, dass “diejenigen, die sagen, dass diese Verschwörung jüdischer Natur ist, richtig liegen...Eine der ersten Gruppen, an deren Kontrolle Satan gearbeitet hat, waren die Juden...Aber es wäre ein Irrtum, von einer jüdischen Verschwörung zu sprechen. Der Vater von allem ist Satan.” Kollegah, der sich gerne intellektuell gibt und während seiner Zeit als angeblicher Dealer auch noch nebenbei ein Buch des türkischen Kreationisten und Holocaustleugners Harun Yahya übersetzt hat, vertraut also nur den glaubwürdigsten Quellen.

Wie kürzlich in der WDR-Dokumentation über Antisemitismus im Deutschrap zu sehen war, wird im Video zu “Apokalypse” auch der Teufel selbst gezeigt, der einen Ring mit Davidstern trägt. Kollegah verteidigte sich und beharrte darauf, dass der Davidstern auch als Hexagramm bekannt ist und älter als die Juden sei. Auch hier scheint er sich wieder auf Fritz Springmeier zu beziehen, der in seinem bereits erwähnten Buch ebenfalls darlegt, dass der Davidstern ein babylonisches Symbol gewesen sei, das dann die Rothschilds, sicherlich die bekannteste unter seinen satanischen Familien, übernommen hätten.

Bei all diesen plumpen Anspielungen stellt sich eine Frage: möchte Kollegah vielleicht sogar, dass man ihm Antisemitismus vorwirft? Es wäre nicht so schwer, dem Teufel einfach einen Ring ohne Davidstern an den Finger zu stecken, seine Symbolik generell zu überarbeiten und so allen Vorwürfen zu entgehen. Warum ist er stattdessen so platt? Weil er selber fest daran glaubt und will, dass seine Fans an seinem Wissen teilhaben? Weil er vermutet, dass sie auch daran glauben? Oder weil er die Geheimwaffe eines jeden Populisten ausprobieren will und einen Medienkrieg anzuzetteln versucht? Vermutlich von allem etwas. Aber die Gegenseite, die Medien, reagierten erst nicht.

Deutsche Medien sind in ihrer Berichterstattung über Rap so inkompetent und ihrem Verständnis von Antisemitismus so beschränkt, dass sie noch nicht einmal die aussagekräftigsten antisemitischen Songzeilen finden können, wenn sie einem Rapper Antisemitismus vorwerfen. Zum Beispiel wird Haftbefehl immer noch die Zeile “[Ich] ticke Kokain an Juden von der Börse” – an und für sich möglicherweise eine akkurate Beschreibung seiner ehemaligen Kundschaft – zum Vorwurf gemacht, obwohl “ich verfluche das Judentum” doch etwas eindeutiger ausfällt.

So auch bei Kollegah: während seiner populistischen Promophase im Herbst 2016 veröffentlichte er erst das antisemitische Video zu “Apokalypse” und dann zu “Hardcore” mit seinen Bezügen zu Nazi-Symbolik. Es gab höchstens ein wenig Gemurmel in Rapmagazinen über “faschistoide Ästhetik.” Es sollte Wochen dauern und bedurfte außerdem einer Nahostreise, bis Mainstreammedien schließlich anbissen. Seine YouTube-Dokumentation über Palästina, in dem Kollegah als Macher nach Ramallah reiste um eine Schule zu errichten, führte zu erboster Berichterstattung in Die Welt und Spiegel Online. Es wurde angedeutet, dass das Video Teil eines finsteren Musters sei, aber ohne Kenntnis der restlichen Promophase musste es bei Andeutungen bleiben.

Kalkulierte Reaktionen

Jan Böhmermann arrangierte ein Treffen mit Kat Kaufmann und Shahak Shapira, denen letztlich die Aufgabe zukam, Kollegah vom Antisemitismusvorwurf freizusprechen und ihn während seines Monologs gelegentlich zu unterbrechen. Unbeeindruckt platzierte er voller Absicht die erwähnte Auschwitz-Zeile auf “JGB3”. Auch hier kam die erhoffte Reaktion. Infolgedessen, teilte er die antisemitische Inhalte des jungen YouTubers Mois und verpixelt sie dann wieder. So spielt er sein antisemitisches Versteckspiel.

Bisher scheint das perfekt zu funktionieren. Er wird so weitermachen, bis entweder sein Kontostand leidet, oder sein Ruf, der ja mit seinem Konto verbunden ist. Deswegen ist es an Mitgliedern der Rapszene selbst, sich dem autoritären Kollegah in den Weg zu stellen. Das könnten Rapmedien sein, doch die Hoffnung ist gering. Als Teil seines Medienkriegs hat Kollegah gezielt Kritiker wie den Rap-Marxisten Markus Staiger oder das nur verhalten kritische Portal rap.de angegriffen. Als Imperator des Genres kann er auch problemlos zur regimefreundlichen Konkurrenz von hiphop.de gehen, so wie Donald Trump sich mit Vorliebe von Fox News interviewen lässt, am besten zum Kaffee mit Rooz, der mehr Szenengroupie als Journalist zu sein scheint. Rapper, die auf das gleiche Fansegment zielen, werden das Problem kaum ansprechen. Ebensowenig wie die Rapper, mit denen er Beef hat, wie Bushido, da er selbst schon als Antisemit abgestempelt wurde.

Die Ausnahmen sind zu weit von seiner Käuferschicht entfernt, um ihm zu imponieren. Trotzdem muss der linke Teil der Szene weiterhin verschärft auf das Problem hinweisen. Die Antilopen Gang, zum Beispiel, hat in den letzten Jahren die populistischen Strömungen in der Szene kritischer begleitet als jeder Journalist. Besonders Koljah macht glänzende Reportage: “Unterdessen hat ein deutscher Rapper wieder etwas hingepfuscht/ Und klärt uns auf mit Geheimwissen im Interview/ Die Zionisten-Weltverschwörungswürfel sind gefallen/Jeder sagt es aber meint danach man dürfe es nicht sagen.”

Antisemitismus ohne Juden

Wer sich ernsthaft mit Antisemitismus in Deutschland auseinandersetzen will, muss die Vertriebskanäle studieren und jenes riesige Netz metastasierender Verschwörungstheorien. Die Rapszene, die mehr als jeder andere Teil der Gesellschaft auch Außenseiter willkommen heißt, ist dafür ein Knotenpunkt. Seit dem 11. September hat sich online die Annahme – die Erkenntnis – verbreitet, dass jedes gesicherte Wissen eine Lüge ist. So ist jüngst die Flat Earth Theory wieder populär geworden. Allein in den letzten zwei Monaten haben sich einige bekannte deutschen Rapper wie Hustensaft Jüngling, Kianusch, sowie Fler auf die eine oder andere Art auf diese Theorie bezogen. Wenn sogar angezweifelt wird, dass die Erde eine Kugel ist, warum nicht auch die „offizielle Version“ des Holocausts?

Dabei bringt es nichts, über Antisemitismus im Deutschrap (oder unter Migranten) zu sprechen, ohne Antisemitismus unter Deutschen zu erwähnen. Eine Studie hat jüngst herausgefunden, dass 25 Prozent aller Deutschen finden, dass “viele Juden versuchen, aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen” und 40 Prozent stimmen der Aussage “Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat”, zu. Dabei haben sich Deutsche anerzogen, zum Thema Juden und Judentum immer nur das Richtige zu sagen, die Ergebnisse können also noch als vorsichtige Schätzung gelten. Wenn ich mir diese Zahlen anschaue, und mich an den gewöhnlichen Schulhofantisemitismus erinnere, den ich in meiner Kindheit und Jugend in Berlin erfuhr, wo “Jude” ein gängiges Schimpfwort war, überrascht mich eher dass es nicht mehr offene Antisemiten im Deutschrap gibt.

Wer in dieser Debatte fehlt, sind Juden selbst. Der deutsche Antisemitismus ist ein Antisemitismus, der fast ganz ohne eigene Juden auskommt. Für Kollegah ist “der Jude” nur eine Chiffre, als Symbol für internationale Macht. Echte, lebendige Juden kommen in seiner Welt sehr selten vor. Nur einmal, so erzählt er gerne, hatte er einen jüdischen Freund, den Rapper Sun Diego. Bis zu einem Streit. Was Kollegah dabei nicht erwähnt, ist der Titel des Disstracks, den er dann gegen ihn aufnahm: “Hurensohn Holocaust”.

Leon Dische Becker ist ein Autor, Redakteur und Übersetzer aus Berlin, der in Los Angeles lebt. Er hat unter anderem für Vice, Spiegel Online, und The Daily Beast geschrieben. Er war Chefredakteur von The Towner und ist es heute bei Fold Magazine. Ihr könnt ihm gerne überall folgen @Leonjdb.

Übersetzung aus dem Englischen: Fabian Wolff
18:00 12.04.2018

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