Schmutzige Schöpfung in Jena

Bühne Das hatte ich mir anders vorgestellt", sagt Viktor, als er seinen aus "Lehmzeugsfleisch" geschaffenen neuen Menschen in die Welt geschickt hat, die ...

Das hatte ich mir anders vorgestellt", sagt Viktor, als er seinen aus "Lehmzeugsfleisch" geschaffenen neuen Menschen in die Welt geschickt hat, die mit dieser Kreatur eine andere werden sollte. Auch das Monster ist nicht glücklich und protestiert gegen seine Schöpfung: "Ich will das nicht."

Unter dem Motto "FreiKörperKulturen" untersucht das Theaterhaus Jena in dieser Spielzeit die Frage, was wir mit unserem Körper anstellen in einer Welt von Schönheits- und Erneuerungschirurgie, von Tattoo- und Piercingmoden, von Klon- und Gentechnologie. Mit der ersten von etlichen geplanten Uraufführungen, mit Thomas Melles Auftragsstück Schmutzige Schöpfung. Making of Frankenstein, präsentierte man zu Beginn eine intelligent-witzige Aktualisierung der klassischen Geschichte von Mary Shelley.

In einer Sandarena mit einigen abstrakten Bergspitzen wird der neue Mensch in Jena mit Stromschlägen belebt. Das sandig verschmierte Unterwäsche-Monster wirkt dabei weder hässlich noch gefährlich. Das wird es nur im Blick seines Schöpfers, dessen Perfektionsdrang und Denkmodell es nicht entspricht. Beim Autor wird das Darstellen wie das Dargestellte gleichermaßen zum Thema, indem seine Figuren als Filmschauspieler ihre eigene Geschichte zu spielen versuchen. Der Satz "Ich habe meine Rolle angenommen" drückt das sehr schön aus. So kann das Monster von Beginn an intelligent sein und immer wieder reflektieren, wie es sich als Schauspieler und Mensch bei der Erschaffung seiner Rolle verändert. Diese Ebene, die die Frage, wie ein Wesen ohne Sozialisation sich in eine Gesellschaft einfügen kann, auf ganz andere Art beantwortet, bedient die Inszenierung von Alice Buddeberg kaum. Ohnehin wird sie der Komplexität des Stückes nicht gerecht. Sie findet keine Darstellungsform für Melles facettenreiches, auf mehreren Bedeutungsebenen spielendes Stück, sie versinnlicht es nicht als Körpertheater oder Emotionalspiel, sondern gibt es als eine Art dröges Textaufsagtheater. Das weder den Witz aus Melles Texten kitzelt noch deren philosophischen Schwung vermittelt. Die Frauen krabbeln merkwürdigerweise bei ihren langen Monologen auf den Schrägen der Berge herum, und die Männer stehen und gehen einfach so durchs Bühnenbild oder stellen sich zum Pianisten im Hintergrund.

Die schönheitsoperierte Mutter des Forschers, die in langen Monologen über das Geist-Körper-Verhältnis nachdenkt und auf der vergeblichen Suche nach einem Verhältnis zu ihrem Körper ist, empfindet ihr Fleisch erst als Freund, dann als Feind. Viktors Freundin Betty sieht das "Leben als Störfaktor" und den Tod als sauber an, weshalb sie den Zustand zwischen Leben und nahem Tod genießt, zu dem ihr das Monster mit seinen würgenden Händen im ungeschickten Liebesspiel verhilft. Meist nehmen die Menschen ihren Körper nur als chirurgisch gemachten oder als anders gedachten wahr. Zwischen zersetzen und erhalten, zwischen schaffen und straffen, zwischen Stimmen und Fakten verschwindet das Bewusstsein, ein Individuum zu sein. Viktor wandert nicht nur durch Shelleys alte Geschichte als Teil einer vaterlosen Generation, sondern auch als kleiner Geist auf Fausts Spuren und vermag sich nicht mehr als Individuum wahr zu nehmen. Er behauptet, "Frauen erschaffen das Fleisch, Männer erschaffen Welten", und: "Was zählt, ist die Tat." Und kommt sich, nachdem ihm seine Kreatur misslungen erscheint, selbst wie ein Monster vor. Während Viktor das Leben neu bestimmen wollte, möchte seine Schöpfung vor allem bemerkt werden - weshalb sie tötet. Anders als bei Shelley werden auch Betty und Viktors Freund, ja sogar der Pianist ermordet. Am Schluss immerhin gelingt der Inszenierung eine schöne Szene: Der Eiserne Vorhang öffnet sich, und die Überlebenden gehen hinaus ins nächtliche Jena, während sich zwei von ihnen (waren es Viktor und sein Monster?) unter einer Wolldecke zusammen kuscheln und im traurig-traulichen Leonard-Cohen-Sound ein leises Lied singen: "We are hopeful Monsters."

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