Sandra Hoyn
16.01.2011 | 16:00

Schmutziger Kreislauf

Recycling Europas Elektroschrott wird oft illegal nach Afrika verschifft. In Ghana ist daraus eine eigene Subökonomie entstanden. Viele leben von den Resten der digitalen Welt

Die Agbogbloshie Müllkippe in Accra, Ghana, ist der größte Elektroschrottplatz Westafrikas: Dort wohnen mehr als 3.000 Menschen in Slums. Sie leben von den Hinterlassenschaften der digitalisierten Welt. Mit dem Zerlegen und Wiederverwerten von Computermüll verdienen sie ihren Lebensunterhalt. 8,7 Millionen Tonnen Elektroschrott fallen jährlich in Europa an. Ein großer Teil wird nach Afrika verschifft.

Während eines Aufenthalts in Ghana will ich diese Subökonomie erkunden. Eric hat sich bereit erklärt, mich auf die Müllkippe zu begleiten, die die Einheimischen auch „Sodom und Gomorrha“ nennen. Eric lebt in Accra, er ist der 17-jährige Neffe eines ghanaischen Freundes aus Hamburg. Zusammen machen wir uns auf den Weg. Die dunklen Rauschschwaden, die von der Halde kommen, kann man bereits von Weitem sehen. Mit dem westlichen Verständnis von Recycling hat das, was hier passiert, nicht viel zu tun. Computer, Fernseher und Kühlschränke nehmen die Slumbewohner auseinander. Die herausgenommenen Teile werfen sie in offene Feuer, um Metalle wie Kupfer und Aluminium zu gewinnen.

Quer über den Platz führt ein Trampelpfad durch den Abfall. Schulkinder, Slumbewohner, aber auch gut gekleidete Menschen auf dem Weg zur Arbeit nehmen eine Abkürzung über die Müllkippe. Die Luft brennt in der Lunge. Mitten zwischen Autoschrott und Computermüll finden sich auch Kuh- und Ziegenställe. Ein paar Kühe stehen herum und glotzen. Eric mit seinen leuchtend weißen Turnschuhen und ich mit meiner großen Kamera ziehen viele Blicke der Slumbewohner auf uns, als wir herumlaufen.

Jeden Sonntag auf der Müllkippe

Der angrenzende Fluss ist schwarz. Zwischen den Blasen, die sich an der Oberfläche gebildet haben, erkennt man Monitore, Kühlschrank- und Autoteile. Am Rand des Platzes sehe ich, dass auf der verseuchten Erde der Müll abgetragen und neuer Rasen gesät worden ist. Ein Junge erzählt, dass die Regierung aufgrund negativer Berichte in den internationalen Medien die riesige Elektromüllkippe auf verschiedene kleine Orte außerhalb von Accra verlagern möchte.

In Deutschland ist der Export von Elektroschrott eigentlich verboten. Ghana hat bekanntermaßen nicht die Kapazitäten für sachgerechtes Recycling. Trotzdem gelangt der Müll aus Industrieländern oft dorthin, indem er als Secondhand-Lieferung deklariert wird. In den Containern, die in Ghana ankommen, sind meist mehr als 60 Prozent der Geräte defekt – giftiger Sondermüll.

Eric und ich gehen Richtung Feuer, wo einige Jungen Computerteile verbrennen. Damit es schneller geht, benutzen sie Schaumstoffe aus alten Kühlschränken als Brandbeschleuniger. Giftstoffe wie Blei, Kadmium und Quecksilber kommen hier in Konzentrationen vor, die die Normalwerte bis zu 100 Mal übersteigen. Einige Mädchen stehen gelangweilt mit Plastikschüsseln auf dem Kopf neben dem Feuer. In den Schüsseln haben sie Wasserbeutel, die sie an die Jungen verkaufen, die das Wasser zum Löschen benutzen.

Wen ich auch anspreche – alle reagieren freundlich, sie geben bereitwillig Auskunft. Keiner beklagt sich über die Arbeit. Peter, 15 Jahre alt, erzählt, er arbeite jeden Sonntag auf der Müllkippe. Er verdiene sich damit sein Taschengeld, in der Woche gehe er zur Schule. Dass die Menschen hier ihre Gesundheit und die Umwelt gefährden, wissen sie, nehmen es aber in Kauf. Unsere Bedenken und Kritik verstehen sie nicht. Wovon sollen sie sonst leben? Es ist ihre einzige Einnahmequelle.

Auf dem Platz gibt es eine klare Hierarchie. Die Jüngsten müssen die gefährlichsten Arbeiten übernehmen. Sie sammeln Kupferreste vom giftigen Boden auf und zerlegen alte Monitore, mit Steinen oder bloßen Händen. Jugendliche zertrümmern die Rechner und reißen die Kabel heraus, um sie dann ins Feuer zu werfen. Für ein Kilo Kupfer bekommen sie knapp drei US-Dollar. Das Kupfer zu sortieren, zu verpacken und weiterzuverkaufen ist die Aufgabe der Älteren. Sie kaufen den Kindern die Metalle aus den Computern ab und verkaufen sie direkt an Zwischenhändler, die am Schrottplatz ihre Stände haben. Die Müllhalde ist dabei Arbeitsplatz und Freizeitort zugleich. Selbstgebaute Fußballtore stehen herum. Ein paar Balken sind die Tore, Bildschirme markieren die Ecken des Feldes. Wenn es abends kühler wird, kommen die Jugendlichen und spielen hier.

Wieder ein Großfeuer

Peter warnt uns, dass es gleich dunkel wird und wir jetzt besser gehen sollten. Am Kiosk zwischen den Wellblechhütten trinken wir noch eine Cola. Die Verkäuferin zeigt auf einen ausgeschlachteten Monitor, auf den ich mich setzen soll. Sie schenkt mir Wassertüten, mit denen ich mir den schwarzen Staub von Gesicht, Armen und Beinen abwaschen kann.

„Feuer in Sodom und Gomorrha“ lese ich vier Wochen später während meiner weiteren Reise durch Ghana auf der Titelseite einer Zeitung. Auf dem Elektroschrottplatz ist zum wiederholten Mal ein Großfeuer ausgebrochen, das auf die angrenzenden Hütten übergriff. Die Menschen, die dort lebten, haben ihr Zuhause verloren und werden umgesiedelt. Es ist wieder ein bisschen Platz frei geworden für Grünflächen.

Sandra Hoyn, 34, arbeitet seit 2005 als freie Fotografin. Seit 2007 ist sie Mitglied der Fotoagentur Laif. Weitere Infos unter: