Schnack doch kein Tüddelkram

Medientagebuch Die Dritten im Porträt: Norddeutscher Rundfunk (NDR)

Ein ganz normaler Fernsehtag beim Norddeutschen Rundfunk (NDR): Zwischen Ostsee-Report, buten un binnen und Hallo Niedersachsen ist eine Wiederholung der ARD-Telenovela Sturm der Liebe eingestreut, um dann das NDR-Urgestein Carlo von Tiedemann, dessen einhundertjähriges Dienstjubiläum demnächst begangen wird, auf Wochenmärkte loszulassen, "wo die Menschen auch mal Zeit für einen Klönschnack haben". Diesmal geht´s nach Wismar. Es folgen das Bilderbuch Deutschland und Von Rügen bis zum Polarkreis, bevor mit DAS! das Abendprogramm eingeläutet wird nach dem Motto "Norddeutschland und die Welt". Wer in Landeskunde schlechte Noten hatte, erhält beim NDR tägliche Nachhilfe.

Abends dann läuft eine dreiviertel Stunde NDR regional aus den jeweiligen Landesstudios in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg. Und wenn nicht alles täuscht, sitzt in Bremen auch noch eine kleinere Sendeanstalt. Nach der Tagesschau wird eine Verbrauchersendung präsentiert, danach eine Tatort-Wiederholung und ein Kulturjournal, um dann zu später Stunde mit einem Fernsehfeature über Todessehnsucht im NS-Film aufzuwarten. Wie so vieles Anspruchsvolle im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist es in die späte Nacht verdammt.

An anderen Tagen sieht es nicht anders aus: achtzig Prozent Regionales, ein paar Magazine, hin und wieder einen Spielfilm und am Freitagabend Talkshows. Da allerdings hatte der NDR immer etwas zu bieten. Legendär der III nach neun-Talk mit der verstorbenen Juliane Bartel, die ihren Gästen gelegentlich tüchtig in die Parade fuhr. Von den rotweinseeligen Plaudertaschen Giovanni di Lorenzo und Amelie Fried ist dergleichen kaum zu erwarten. Auch beim Plauder-Flagschiff NDR Talkshow, Ende der siebziger Jahre gegründet und anfangs im Ruf einer "Links-Show", ist spätestens mit Jörg Pilawa und Julia Westlake Ruhe und Gnade eingekehrt.

Eine ganze Armada von NDR-Journalisten durchliefen diese Laber-Show: der arrogante Rolf Schneider, ein meist gutmütiger Dagobert Lindlau, die flippige Margarethe Schreinemakers und eine eigenwillige Alida Gundlach, die zwanzig Jahre auf den Polstersesseln der NDR-Talkshow zubrachte. Dass sie dort einmal von Klaus Kinski besprungen wurde, gehört zu den Skandälchen, derer der NDR sich gerne rühmt und sie als "Talksshow Classics" in die nächtliche Dauerrotation schickt. Alida Gundlach ist noch immer beim Sender aktiv, dort jedoch nicht mehr sesshaft. Gern reist sie in der Weltgeschichte herum, berichtet ausführlich über ihren Zweitwohnsitz Mallorca, besucht ihre Freundin Gunilla von Bismarck in der spanischen Jet-Set-Destination Marbella und widmet sich, nach Hause zurückgekehrt, den "Herrenhäusern in Niedersachsen". Wie ihr Kollegen Rolf Seelmann-Eggebert umgibt sich Gundlach gern mit blauem Blut.

Seelmann-Eggebert, der Adelsexperte der ARD, durfte während seiner ewigen Amtszeit alle Königshäuser Europas ausführlich beoachten, interpretieren, erläutern. Unzählige Aristokraten hat der Mann für alle feudalen Hochzeits- und Trauerfälle von der Wiege bis zur Bahre begleitet und daraus wochenlange Nonstop-Sendungen erstellt. So will es in der Erinnerung erscheinen. Der Ruf des NDR, ein Special-Interest-Sender der europäischen Monarchie zu sein, gründet vor allem auf ihn. Dies bringt Jürgen Bertram auf den Plan. Der altgediente und inzwischen pensionierte Auslandsreporter war dreizehn Jahre lang Asien-Korrespondent der ARD und unter anderem für das Politmagazin Panorama tätig.

Ende letzten Jahres erschien sein Buch Mattscheibe. Das Ende der Fernsehkultur, in dem Bertram seine Zeit beim NDR Revue passieren lässt und offene Rechnungen begleicht. Angesichts des heutigen Programms kommt er zu einem erschütternden Ergebnis: Adelsgeschichten bis zum Abwinken, Nordseeschlick und Heidekraut in der Regionalberichterstattung und hysterische Brennpunkte noch über jeden Wetterumschlag. Was ist bloß mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen geschehen, fragt Bertram sich, der die wilden aufklärerischen Zeiten beim NDR höchstpersönlich begleitet hatte? Selbstkritisch räumt er ein, dass sich im Funkhaus in Hamburg-Lokstedt unter der Hand ein System etabliert hat, das von Lagerbildung gekennzeichnet ist und Karrieren nicht vom Talent sondern vom Parteibuch abhängig macht.

Fürchterlich neu will das alles nicht erscheinen. Seit vielen Jahren ist die Tendenz zum angeblich Populären nicht allein beim NDR zu beobachten und wird vom Tagesprogramm bestätigt. Das Publikum schluckt es scheinbar willenlos und die paar Mitarbeiter mit politischem Anspruch flüchten in die überschaubare Welt der verbliebenen und zeitlich immer mehr beschnittenen Magazine, mit denen die Senderspitzen sich freilich immer noch gern brüsten. Um diese Diskrepanz augenfällig zu machen, brauchte es im Grunde gar keines Jürgen Bertrams. Anlässlich des fünfzigjährigen Bestehens des NDR im Januar konnte man der Tempi passati selbst beiwohnen. Historische Programmzusammenschnitte, Sternstunden der norddeutschen Television und Wiederholungen des längst Vergessenen führten vor Augen, wozu das öffentlich-rechtliche Fernsehen in der Lage ist, sich bloß nicht mehr traut.

Vermutlich zu Recht macht Bertram die Einführung des Privatfernsehens für den Sittenverfall verantwortlich. Im Zuge der dualen Spaltung ist das jüngere Publikum zu den Privaten gewechselt, wo man wenigstens nicht mit "Plattdüütsch" behelligt wird. Und die älteren Zuschauer haben die Nase voll vom ewig Investigativen und seiner gestrigen Aufmachung. Sie mit Heidekraut zu beglücken, erscheint gar nicht abwegig. Wäre dies nicht ein tolles Thema für extra 3, einem Satire-Magazin im NDR, das sich der kleinen politischen und sozialen Absurditäten annimmt? Unvergessen eine Sendung, wo minutenlang die Klagen norddeutscher Dorfbewohner über die vielen Windräder in ihrer Gegend dokumentiert werden, welche das Dorfbild verschandeln und nur für visuelle Unruhe sorgen würden. Dann macht die Kamera einen 180-Grad-Schwenk und zeigt: das Stader Atomkraftwerk in voller Pracht.


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00:00 17.02.2006

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