Schnauzen voll Blut

Locarno Die neue Festivalleiterin Lili Hinstin setzt auf einen passioniertes, wagemutiges Kino
Dennis Vetter | Ausgabe 34/2019

Seit dreißig Jahren mache er Filme, meinte der portugiesische Regisseur Pedro Costa vor der Weltpremiere seines neuen Films Vitalina Varelia in Locarno. Mit abgeklärter Miene gab er zu erkennen, dass er die Regeln des Festivalbetriebs auswendig kennt. Das sei einfach ein neuer Film – also nichts weiter. Die Arbeit dahinter sieht er vor allem bei seiner Protagonistin. Ihr ist entsprechend auch der Titel geschuldet; sie verleiht Costas Bildern ein Gesicht, das lange im Gedächtnis bleibt. Sagen darf Vitalina Varelia dann aber nichts. Denn bei Costas Kino geht es vor allem um Pedro Costa.

Costa erscheint in seinem Auftritt symptomatisch für eine Filmkultur, in der sich nicht alle behaupten können. Mit seinem überdeutlichen, minimalistischen Inszenierungsstil gehört er zu den wiedererkennbarsten Stimmen des heutigen Autorenkinos. 2014 wurde er in Locarno bereits mit dem Regiepreis ausgezeichnet. Das war noch unter dem ehemaligen Festivalleiter Carlo Chatrian, der mittlerweile die Berlinale leitet. Die Rückkehr des exzentrischen Regisseurs nach Locarno zeigt, dass die neue Festivalleiterin Lili Hinstin weiter für einen passionierten, wagemutigen Kinobegriff eintritt.

Die arme Katze!

Bereits im Vorfeld bewies Hinstin, dass sie den Konflikt nicht scheut. Auf die Klagen der Schweizer Medien über den Mangel an heimischen Beiträgen antwortete sie deutlich: Die meisten Schweizer Einreichungen seien ihr schlichtweg zu klassisch. Auch ihre Auswahl der Jurymitglieder stand im Zeichen der Herausforderung: Unter der Leitung der furchtlosen französischen Regisseurin Catherine Breillat zeichnete die Festivaljury am Ende prompt Vitalina Varelia mit dem Goldenen Leoparden, dem Hauptpreis für den besten Film aus. Eine Entscheidung, die fast zu naheliegend wirkte.

Eine Sektion in Locarno richtet seit 2014 den Blick ganz bewusst auf die Grenzen und Herausforderungen des Kinos: Signs of Life. Hinstin und ihr Team benannten sie um, nun fragt sie unter dem Titel Moving Ahead nach kommenden Schritten und Möglichkeiten. Manche Beiträge in der fast durchweg überzeugenden Reihe kommen aus anderen Kunstformen – etwa der Film Osmosis, in dem der chinesische Videokünstler Tao Zhou dünn besiedelte Landschaften erkundet, immer auf der Suche nach außerirdisch wirkenden Bildern. Im Gespräch benennt Zhou den Hang der chinesischen Malerei zum Dunklen und Unsichtbaren und distanziert sich vom ausdrücklich Politischen. Das rechtfertigt für ihn, Oberflächen und Randerscheinungen besonders stark zu machen und auch bei brutalen Hundekämpfen die Kamera nicht abzuwenden. Eine vor Blut triefende Schnauze solle als Bild funktionieren, nicht als Statement. Darüber lässt sich natürlich streiten.

Hinstin distanzierte sich in ihrem ersten Amtsjahr auch mehrfach vom Konzept der political correctness. Über die Sektionen hinweg werden neben formalen auch dezidiert moralische Grenzen verhandelt – etwa im Film Space Dogs aus Österreich, von Elsa Kremser und Levin Peter, dem vorgeworfen wurde, er nehme Gewalt gegen Tiere in Kauf. Kremser und Peter folgten mit der Kamera russischen Straßenkötern und intervenierten unter anderem auch dann nicht, wenn diesen eine Katze zum Opfer fiel. Die Fragen, die der Film aufwirft, reichen zurück in die fünfziger Jahre, als die Straßenhündin Laika als erstes Lebewesen ins Weltall geschossen wurde.

Bei aller geglückten Programmpolitik bleibt es schwierig, aktuelle US-amerikanische Filme zu zeigen. Im Wettbewerb lief nur eine US-Produktion: The Last Black Man in San Francisco von Joe Talbot, der neben aufregenden Arbeiten wie Longa noite von Eloy Enciso oder Les enfants d’Isadora von Damien Manivel aus Frankreich eher wie ein Zugeständnis wirkt.

In Manivels neuem Film geht es im die Erinnerung an Isadora Duncan und darum, wie die Kunst sich gegenüber dem Privaten in Stellung bringen kann. Mit neuen filmischen Methoden macht er sich dabei verwundbar. Ein derartiges Wagnis unter 5.000 eingereichten Filmen ins Zentrum des Weltkinos zu Stellen, das erfordert von einem Programmteam Biss und Mut. Am Ende erhält Manivel den Regiepreis. Auch da passt der Leopard gut.

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