Schneeball und Steine

Filmfestival Die 58. Internationalen Kurzfilmtage von Oberhausen zeigen: Das filmische Aufbegehren ist nicht verschwunden, aber die Zeit kollektiver Erklärungen ist vorbei

Die Symbolik des Ortes Oberhausen für den Film hat weniger mit den dort alljährlich stattfindenden Kurzfilmtagen zu tun als mit einem simplen Stück Papier: dem Oberhausener Manifest. 24 Münchner Filmemacher nutzten am 28. Februar 1962 die Plattform der damaligen Westdeutschen Kurzfilmtage, um gegen erstarrte Repräsentationsstrukturen sowie gesellschaftliche Unterordnung aufzubegehren. Die Folgen sind bekannt: der Neue Deutsche Film sowie die Strukturen der Filmförderung und die Filmgremien haben hier ihren Ursprung.

Das Oberhausener Manifest ist inzwischen selbst zum Mythos erstarrt, und das Festival nutzte das Jubiläum, um mit der Reihe Mavericks, Mouvement, Manifestos wieder Bewegung in die Geschichte zu bringen – durch den Verweis auf die Aufbruchsparallelität im französischen, deutschen und amerikanischen Kino. Und auf weniger bekannte Unterzeichner wie Wolfgang Urchs oder Ferdinand Khittl, dessen 1959 entstandener Technikfilm Das magische Band über das Magnetband in der Mischung aus animierten und realen Szenen noch heute verblüffend avanciert wirkt.

Das filmische Aufbegehren ist zwar nicht verschwunden, sucht aber den Weg über formal traditionellere Formen. Die Verzahnung von privater Lebenswelt und bedrohlichen gesellschaftlichen Umständen erreicht in Mich’ael Zupraners Snow tapes eine erstaunlich bedrückende Beiläufigkeit. Zu sehen ist die palästinensische Familie Al-Haddad beim Filmabend: eine Schneeballschlacht, Steine werfende israelische Siedler, die väterliche Filmkritik, das gemeinsame Teetrinken, alles steht gleichberechtigt nebeneinander. Etwas altmeisterlich dagegen Chieko von dem 22-jährigen Yannick Kaftan, der eine Japanerin beim Gurkenschneiden in ihrer Hamburger Wohnung zeigt und dazu einen Brief aus Fukushima verlesen lässt.

Kunstkontext

4.595 Filme wurden zum internationalen, 1.411 zum deutschen Wettbewerb eingereicht, 57 beziehungsweise 27 Beiträge schafften es in die Ausscheidungen, darunter erstaunlich wenige Dokumentarfilme. Immerhin lieferte Valery Shevchenko mit Vnutri kvadratnogo kruga (dt. In einem quadratischen Kreis) eine schöne russische Alltagsgroteske: Nach dem Neujahrgottesdienst strömen Tausende Kinder aus einer Moskauer Kathedrale und laufen hinter einem Absperrgitter im Kreis, um ihre Eltern wiederzufinden. Je länger die Suche dauert, desto mehr fließen die Tränen, wüten Eltern gegen die Ordner, wirken die Kinder wie Vieh im Gatter – was als gute Idee begann, endet in Ordnungswahn und Gängelung.

Der kulturelle Ort des Kurzfilms bleibt unbestimmt, auch wenn in einer Diskussion zu einem zukünftigen „Vierten Fernsehen“ der Verweis auf Youtube nicht fehlte. Insofern war es nicht verwunderlich, dass mehrere Beiträge dem Kunstkontext entstammten wie der Animationsfilm Jalan Jati von Lucy Davis, der die Herkunft eines Teakholzbettes zu seinen Ursprüngen zurückverfolgt. Gestrichelte Bettpfosten, baumbestandene Landkarten mischen sich mit Texten von Baum-Genetikern und „Woodspirit Doctors“ zu einer analytisch-magischen Herkunftsforschung.

Einer der schönsten Filme gelang Eli Cortiñas mit Confessions with an Open Curtain (Foto). Eine Meditation über weibliche Identität und Repräsentationsmuster, die Rückenansichten von Frauen aus amerikanischen Spielfilmen mit Bildern von Vorhängen verbindet. Die Zeit kollektiver Erklärungen mag vorbei sein, die Auseinandersetzungen um den Film sind es nicht.

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11:30 02.05.2012

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