Schneechaos in der Staatsoper

E-Musik Darf Elend so schön klingen? Zur Uraufführung von Beat Furrers „Violetter Schnee“

Dem Klimawandel ist es egal. Auf seine Rechnung gehen der Schneemangel vergangener Jahre so gut wie die aktuelle Schneekatastrophe. Was auch geschieht, es herrscht permanenter Ausnahmezustand. Der Schnee wird zum Symbol für Katastrophe schlechthin. So ist es auch in der Oper „Violetter Schnee“, die ungewollt passend zum Schneechaos in der Berlin Staatsoper uraufgeführt wurde. Er ist gewiss nicht langweiliger als die vielen Brennpunkte dazu im Fernsehen.

Während in den Alpen Abertausende von der Außenwelt abgeschnitten sind, ereilt das Unheil auf der Bühne fünf Gesangsolisten und eine Schauspielerin nebst Chor und zahllosen Statisten. Dort aber gleissen die Schneemassen nicht hell, sondern treffen ins Dunkel einer ewigen Nacht. „Früher fiel der Schnee im Winter eine Woche lang. Dann war es gut.“ Aber jetzt ist der Weltuntergang angebrochen. Die Abgeschnittenen reagieren unterschiedlich: pragmatisch, aktionistisch, depressiv oder bejahend. Aber eine Sprache für das Geschehen finden sie nicht. Und Hoffnung auf Hilfe gibt es für die Opfer in dieser Oper so wenig wie eine herkömmliche Handlung.

Sie beginnt allerdings auch nicht im Schneetreiben, sondern an einem zivilisatorischen Zufluchtsort, im Kunsthistorischen Museum Wien vor Pieter Breughels berühmtem Winterbild „Die Jäger im Schnee“ (1565) – ein trügerisches, Idyll. Durch den Schnee stapfende Jäger, Hunde, Raben, schwarze Baumstämme – harmlos ist da nichts, wenn man die Symbole zu deuten weiß. Genau so funktioniert der hochgetunte Symbolismus der Oper.

Schöner Wohnen im Bunker

Martina Gedeck übernimmt die ausführliche Bildbeschreibung. Breughels apokalyptisch ausgedeutete Bildtafel wird von Regisseur Claus Guth teils animiert, teils in die heutige Untergangsgesellschaft transponiert. Altflämische Gestalten mischen sich in die Düsternis. Schöner Wohnen im Bunker tief darunter. Das Libretto des Tiroler Schriftstellers Händl Klaus greift auf eine Erzählung des Russen Vladimir Sorokin zurück.

Nervös, bedrohlich, mit scharfen Bläser- und Schlagwerkakzenten setzt das Orchester ein. Krachend rutschen die Schneemassen vom Dach, man kann es nicht sehen, aber hören. Sprachlosigkeit angesichts des Geschehens, das ist das Thema. Dafür braucht man eine Sprache jenseits der Sprache, also Musik. „Lauter Stille“ heißt es im Text. Laute Stille bringt eine Musik im fast übergangslosen Dialog von Gesang und gesprochener Sprache. In den gewaltigen, ständig modulierten Klangflächen sind mikrotonale Figuren ständig in Bewegung.

Darf soviel Elend schön klingen? Es gibt betörend schöne Stellen wie in allen großen Opern, auch wenn sie ohne Melodie auskommen, sogar richtige Arien, etwa wenn die Sopranistin Anna Prohaska so wunderschön von der Hornisse erzählt, die in ihrer Bratsche wächst und brummt und das Instrument zerbersten lässt.

Schnee von gestern

Zum Schluss geht eine Sonne auf, die leuchtet wie ein Vollmond. Violetter Schnee? Auch das wohl nur ein Symbol. Nach der Katastrophe ist nichts mehr wie zuvor, das Vertraute fremd geworden. „Die Mauern des Weltalls zerbrechen“, zitiert schon der Prolog Lukrez. Damit war bereits alles gesagt.

Komponiert hat das Auftragswerk der Schweizer Beat Furrer, unter den Neutönern einer der renommiertesten. Den Ernst von Siemens Musikpreis hat er jüngst gewonnen, eine Art Nobelpreis für Musik. Es ist seine achte Oper. In ihr überlebt dieMenschheit den Schneefall nicht. Und die Oper? Sie lebt bestens vom Schnee von gestern. Doch ohne gelegentlich so prächtig produzierten Niederschlag müsste sie vertrocknen. Bekanntlich verstehen Opernhelden, in Schönheit zu sterben. Das ändert sich nie.

Info

Violetter Schnee Staatsoper Unter den Linden Berlin

15:11 14.01.2019

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