Schneller Wohnen

Berliner Abende Wir waren lange nicht mehr in der Gegend gewesen. Als wir das Café betraten, wussten wir augenblicklich wieder, warum. Einst eine etwas versnobte ...

Wir waren lange nicht mehr in der Gegend gewesen. Als wir das Café betraten, wussten wir augenblicklich wieder, warum. Einst eine etwas versnobte Begegnungsstätte für diskussionsfreudige Mittzwanziger, hatte es sich mittlerweile in eine Art Vorwendezeit-Museum verwandelt, von dem man erwarten würde, dass über dem Eingang "Alt-West-Berlin" oder so etwas Ähnliches stehe. Kathrin schaute sich um und meinte: "Hier hat sich ja weniger verändert als in meiner Wohnung." Das war ein Insider-Witz. Im Strudel der Wohnungswechsel und Renovierungen um uns herum bilden Kathrin und ich nämlich die letzten Pole der Stabilität. Unsere jeweiligen Wohnungen sind mit dazugehörigen Mietverträgen nun fast so etwas wie Ausstellungsstücke aus der Epoche, die mit dem Mauerfall, wie man so sagt, zu Ende ging.

"Wohnst du immer noch da in Schöneberg?" fragen mich alte Bekannte zunehmend ungläubig, und langsam klingt das in meinen Ohren wie ein Vorwurf. Mit Unruhe und dem schleichenden Gefühl, ins Hintertreffen zu geraten, verzeichne ich den Zuwachs an renovierten Eigentumswohnungen um mich herum. Vorbei die Zeiten, als meine Wohnung wegen günstiger Miete und schönem selbst abgeschliffenen Dielen ein viel beneidetes Objekt war. Anne, die sich vormals in meiner warmen Küche die Frostbeulen wärmte, die sie sich Winter für Winter in ihrer Kohleofen-beheizten Wohnung holte, schaut heute verständnislos auf die Zahnbürsten, die bei mir über der Spüle hängen: "Wie hältst du das nur aus ohne richtiges Badezimmer?" Als Susanne sich kürzlich mit dem Argument "Wir haben uns schon so lange nicht mehr bei dir getroffen" selbst einlud, hatte ich auf einmal den Verdacht, sie wollte meine Wohnung besichtigen, wie ich das Alt-Westberliner Café: des Nostalgie-Kicks wegen.

Dabei wohnte Susanne die längste Zeit in einer Wohnung in Neukölln, die niemand von uns je betreten hat. Geheizt wurde dort laut ihren Erzählungen unter abenteuerlichen Bedingungen - der Mitbewohner griff angeblich in der Not auch schon mal zu Möbelstücken -, allerdings mit wenig zufriedenstellendem Ergebnis. Renovieren lohnte sich nicht, weil Susanne schon bald in eine Eigentumswohnung ziehen wollte, die ihr die Verwandtschaft im Prenzlauer Berg gekauft hatte. Da die Baufirma den Ausbau aber immer wieder verschleppte, während sich die Umstände in Neukölln beständig verschlechterten, wurde ihr schließlich eine Umsetzwohnung zur Verfügung gestellt. Die war immerhin betretbar. Es war ein Bau aus den fünfziger Jahren, der mir mit seiner Aura von genügsamer Depression besonders im Gedächtnis geblieben ist. Alles darin war irgendwie ein wenig zu klein geraten: die Deckenhöhe, die Fenstergrößen, das Wohnzimmer, die Kochnische und schien mir damit unmittelbar die schamvolle Bescheidenheit des Nachkriegsjahrzehnts widerzuspiegeln. Wie der seltsame Gummigeruch im Treppenhaus war auch dieses eingebaute Schuldgefühl nicht mehr wegzukriegen. Gleichzeitig aber gab es in all dieser geduckten Kleinheit auch etwas Urgemütliches, wie man es aus Höhlen kennt. Vor den Augen der Welt konnte man sich hierher zurückziehen und seine Wunden lecken. Bleiben aber wollte man dann doch nicht.

Höhlenartig war auch die Wohnung, die Susannes Freund Erik lange behauste. Hier war ein Hinterhaus von geldgierigen Immobilienhaien so hergerichtet worden, dass für ein Minimum an Komfort ein Maximum an Miete verlangt werden konnte. Das Badezimmer war nicht zu heizen, hatte dafür aber auch keine Fenster; die Küche war in die frühere Vorratskammer eingebaut worden und so winzig, dass es mit zwei Spiegeleiern schon eng wurde. Besucher setzten sich bei Erik auf das Bett, das wesentliche Teile des Raums ausfüllte; er selbst saß gegenüber am Schreibtisch und konnte von dort aus auch gleich den Kaffee in der Küche brühen, ohne eigens aufstehen zu müssen. Die Wohnung war auf geradezu groteske Weise übersichtlich, worin ihr ganz eigener Charme bestand. Alles befand sich in Reichweite, nichts konnte sich ansammeln, denn jeder noch so kleine Bücher- oder Papierstapel hätte die Bewegungsfreiheit sofort empfindlich eingeschränkt. Dementsprechend schwer fiel Erik denn auch der spätere Umzug in eine 160-Quadratmeter-Wohnung. Er trauert der Übersichtlichkeit heute noch nach.

Als vor ein paar Tagen der Schornsteinfeger zur Abgas-Inspektion vorbeikam, wollte ich wissen, wie das so sei, wenn man mit solch steter Regelmäßigkeit einmal im Jahr in die Wohnungen der Leute kommt. Er lachte, ein gutmütiges, interessiertes Lachen, das mir verriet, dass er sich die Frage schon selbst mal gestellt hatte. Es sei allerdings seltsam, ich müsse mir vorstellen, er habe schon Kinder aufwachsen und aus dem Haus gehen sehen. Im Grunde geht es mir ganz ähnlich.

00:00 24.01.2003

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