Schnitter, durchgedrehter

Berliner Abende Selbst wenn wir Queen Mom oder Lotte weglassen, sagte ich zu dem Mann, dem ich eine Schneise durch den Rasierschaum zog, selbst wenn wir Gadamer, ...

Selbst wenn wir Queen Mom oder Lotte weglassen, sagte ich zu dem Mann, dem ich eine Schneise durch den Rasierschaum zog, selbst wenn wir Gadamer, Wilder, Maria Felix, Köhnlechner, Susanne Erichsen, Jockel Fuchs, die Rinser, Astrid Lindgren, Sala, Tobin und Winnie Markus der normalen jahreszeitlichen Schnittleistung zurechnen wollen: Er übertreibt! Jetzt auch noch der Zaubergeiger Zacharias, Chuck Jones, Nader, die Knef, Croissant, Drache, Gruner, Desney und Barbara Valentin, das gleichfalls fassbindergeadelte Busenwunder. Er mäht meine Jugend. Respekt vor nichts. Und jetzt Heyne, Beltz, Sperr, Wernicke fällt einfach auf die Straße: Das waren doch welche von uns! Der Mann vis-à-vis blutete am Hals: "Hypochonder, puller dich nicht ein. Die waren krank." Na und? Wenn ich zum Arzt geh, bin ich sofort mehrfach krank! Ich kann das Blut nicht stillen. "Herren in deinem Alter sollten auch vorsorgen." Vor zehn Jahren war ich zuletzt. Es war ein Nudelproblem. "Eingebildete Nudelschwäche!" Bis Ostessa von T. die Sache in die kundige Hand nahm. "Es war nicht die Hand." Vergiss die Ärzte. Man macht da vielleicht eine Tür auf, die man nicht mehr zu kriegt. "Türen, die auf gehen, gehen auch wieder zu." Vielleicht handelt es sich weniger um Türen, als um candles in the rain? Ich rieb dem Widersacher Alkohol in die Wunden. Er jodelte. Es klang wie "odraht! odraht!", ein Fachbegriff, der das Abdrehen des Lebensfadens meint, was gern gestisch unterstrichen wird, in dem Land, wo der Gevatter Boandlkroamer heißt.
Wie ein Mann verließen wir das Haus und setzten nach Friedenau über, wo just ein psychiatrischer Themenabend zum "Umgang mit Tod und Sterben" versprochen war, unter der Obhut von Frau P. In einem Hinterhof, in einem von Lebenskrisen umwucherten, schmucken psychiatrischen Communicationscafé.
Es waren interessante Menschen da. Eine Dame mit frechem Hut, rief uns immer wieder eindringlich zu, dass es höchste Zeit wäre für ihren Sohn, anzutanzen. Und obgleich wir uns keiner Schuld bewusst waren, fühlten wir uns minütlich schuldiger. Ein Wombat, der als Indianerin verkleidet, mit Ringen reich verziert hinter uns saß, trug als Trophäen geschlagener Schlachten kleine Berliner Bären an seiner Kette. Ein Herr von nicht unerheblichem Esprit kannte die Adressen sämtlicher Krankenhäuser auswendig und die Musikanten der Strauß-Dynastie gleichermaßen; er sagte uns alles auf. Welterfahrung, Leidensweisheit, Mitleidenskraft sättigten den Raum, jeder hier schien bereit, der "gesellschaftlichen Tabuisierung von Tod und Sterben" ein "Odraht" zuzurufen, mir meine Ängste zu lindern.
Indes machte uns Frau P. Sorgen. Sie schien vor der Schwere der Aufgaben kapituliert zu haben und sprach kein Wort. Zusätzlich eine nicht gering erschütternde Nachricht: Dr. Th., für Frau P. selbstlos sich opfernd, hatte uns mitzuteilen, dass wenige Minuten vor Beginn des tabubrechenden Gesprächskreises der Overhead-Projektor ins Jenseits abberufen worden wäre. Dr. Th. drückte seine Betroffenheit freimütig aus. Gern hätten wir von den Todesfolien erfahren! Dr. Th. begann, ich antwortete mit leichtem Herzrasen bei erkaltenden Händen. Dr. Th. sprach von Krebs. Und von Krebs. Und die Stimmen mehrten sich, die da beizutragen hatten. Zum Krebs anderer und den Ränken der Ärzte im Falle des Krebsbefalles, den juristischen Folgen bei Krebsversagen, so wie Merkwürdigkeiten bei komatösen Canceristen. Rückholprobleme wurden ventiliert, ob aus dem Kokon des Krebses beim letzten Seufzer wirklich ein Schmetterling sich erhebt. Wo vorher nichts war, wird hinterher nichts sein!, ein Einwurf. "Im Wurm wirst du bewahrt!", rief die Dame mit Hütchen, und sprach vom finalen Gleißen, das in Wahrheit das Dunkel der Komplexe sei. Und das war wahrlich schon Trost. "Geh bloß nicht zum Arzt", zahnte der Bluter, "dann bist du unsterblich." Ist denn der Tod eine Krankheit!?
Ich befinde mich jetzt auf der zweiten Stufe. Nach Dr. Th. Nicht-wahrhaben-wollen geht nicht mehr. Dann kommt Zorn. Dann wird verhandelt mit dem Chef: Ich muss noch den großen Roman schreiben. Dann kommt die Depression und dann fügst du dich. Bei mir jetzt Zorn. "Reg dich nicht auf", sagte der Bluter: "Wie soll einer, der noch nicht gestorben ist, über den Tod reden?"
Da ist was dran. Wir fuhren über den Acheron ostwärts. Ostessa von T. trainierte ihre Magdeburger Halbkugeln. "Lass bloß das TV aus!", rief der Bluter in meine schlechten Gewohnheiten. War schon zu spät. Die Nachrichten tändelten zum Vermischten:
Jetzt auch noch Thor Heyerdahl!

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00:00 03.05.2002

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