Schock und Scholle

Griechenland Stadtmenschen ziehen aufs Land, um als Schafzüchter, Obstgärtner oder Weinbauern zu überleben. Unsere Autorin erzählt von Menschen, die ihren Weg aus der Krise suchen

Auf dem Athener Syntagma-Platz hat sich eine kleine Gruppe internationaler Occupy-Aktivisten niedergelassen. Sie kommen aus Italien, Spanien und Frankreich und haben auf der Fläche unter den Bäumen alte Wolldecken ausgebreitet. Die Aktion fällt auf dem belebten Areal kaum auf, zumal die Athener Polizei verhindert, dass Zelte aufgebaut werden. Am Rande der Gruppe entdecke ich eine junge Frau, die sich Olivenzweige ins Haar geflochten hat. Mit ihrer langen rotblonden Mähne sieht sie aus wie eine griechische Göttin. Das dauernde Gerede von der Krise könne sie einfach nicht mehr hören, sagt Dimitra, die in Athen Theater und Tanz studiert. „Sie bringen uns dazu, dass wir uns nur noch hilflos und depressiv fühlen.“ Geht es nach ihren Plänen, wird sie das alles bald hinter sich lassen und zusammen mit einigen Freunden nach Kreta aufbrechen.

„Hier in Athen brauchst du Geld, um zu überleben.“ Auf der Insel, glaubt Dimitra, könnten sie Land finden, um ihre Lebensmittel selbst anzubauen. Tomaten und Zucchini, Gemüse eben. Sie schwärmt von der Freiheit eines autarken Lebens. Hauptsache raus aus dieser Stadt, in der man „nur noch Probleme sieht und sich unfähig fühlt, etwas zu verändern“.

Das Gefühl, überfordert zu sein, taucht bei fast allen Begegnungen dieser Tage auf. Neben der Wut auf die korrupten und unfähigen Politiker ist es diese Ratlosigkeit, die bleischwer auf den Griechen lastet. „Zurzeit weiß niemand, was für das Land am besten ist“, glaubt Georgios, der im Athener Bezirk Koukaki eine Art Mini-Supermarkt betreibt, „auch die Experten nicht. Die wissen nicht mal, wie es uns jetzt geht.“ Mit seinem kleinen Laden hat Georgios der Konkurrenz durch die großen Supermarktketten standgehalten, die sich in Griechenland etabliert haben. Aber die Krise könnte ihm wirtschaftlich das Genick brechen. Er ist unsicher, ob sein Laden diesen Sommer überlebt.

Wie viele Selbstständige hat Georgios die Vorgaben aus Brüssel lange mit Sympathie betrachtet. Einen Abbau der Bürokratie hatte er sich erhofft. Mit öffentlichen Angestellten kannte er kein Mitleid – die hätten immer noch zu viele Privilegien. Aber das Sparprogramm sei zu hart. „Man kann nicht alle Probleme gleichzeitig lösen.“ Bei vielen Kleinunternehmern, dem Rückgrat der griechischen Wirtschaft, ist die Stimmung schon im Vorjahr gekippt. Den Grund dafür kann man auf jedem Spaziergang durch die Athener Innenstadt in Augenschein nehmen. Überall verfolgt einen das Bild geschlossener, verriegelter, vergitterter Läden, die von ihren Eigentümern aufgegeben wurden. Vielleicht sei es das Beste, zur Drachme zurückzukehren, überlegt Georgios. Aber dann schaut er mich unsicher an. „Wer weiß, ich bin ja kein Ökonom.“

Trotz allem haben die Athener ihre Freundlichkeit und Gelassenheit bewahrt. Wer es sich noch leisten kann, sitzt abends in Cafés, es wird diskutiert, gelacht – wie eh und je werden ausländische Besucher mit der für die Griechen so typischen sanften Liebenswürdigkeit umgarnt.

Einen Cappuccino!

„Auf Evia sind die Leute wieder Bauern geworden“, weiß der Athener Taxifahrer, der mich zum Busbahnhof bringt. Die große Insel Evia – im Deutschen auch Euböa genannt – ist traditionell vom griechischen Tourismus geprägt. Bewohner aus Athen und Thessaloniki verbringen hier gern ihre Ferien. Besser gesagt: verbrachten. Denn dieser Tourismus ist weitgehend zum Erliegen gekommen.

In Ilia, einem kleinen Fischer- und Ferienort an der Küste, finden sich außer mir nur eine Handvoll Urlauber ein. Die Einheimischen beschäftigen sich damit, ihre leeren Tavernen in Schuss zu halten, die Männer fahren gelegentlich zum Fischen raus. Auf den unteren Hängen der Berge gleich hinter dem Dorf wachsen alte Olivenbäume, die viele Jahre lang vernachlässigt worden sind. Jetzt haben die Dorfbewohner wieder begonnen, sie zu pflegen. Zwischen den Bäumen werden Zucchini und Tomaten gepflanzt und bewässert.

In Giannis’ Fischtaverne bin ich am Abend einziger Gast. Ich kann mir den Fisch aussuchen und mit Sebasti, Giannis’ Frau, die Zutaten für den Salat durchsprechen. Nach dem Essen setzt sich Sebasti zu mir, um ein bisschen Englisch zu üben. Ich erfahre, dass den beiden neben dem Restaurant auch das kleine Hotel im Ort gehört. Ich bin überrascht, bei so wohlhabenden Leuten gelandet zu sein, aber Giannis schüttelt den Kopf und macht immer wieder eine Geste, bei der er sich mit der Hand an den Hals greift. In den Hotelbau haben sie alles gesteckt, was sie hatten – dazu 600.000 Euro auf Kredit. Die Eröffnung war vor drei Jahren, seitdem brechen ihre Einnahmen immer weiter ein, und die Bank macht Druck. „Merkel, Papandreou und Venizelos“, sagt Giannis immer wieder. Die Formel für sein finanzielles Fiasko.

Später am Abend treffen sich in Giannis’ Taverne ein paar Freunde. Sie reden endlos über Politik, so wie es griechische Männer seit ewigen Zeiten in den Kafenions tun, in voller Lautstärke, aber ohne Aufregung. Die meisten in dieser Gruppe hoffen nach der Wahl am 17. Juni auf eine Regierung unter Alexis Tsipras und seiner Allianz Syriza, „damit sich irgendwas verändert“, wie es der 20-jährige Neffe von Giannis formuliert. Giannis will zurück zur Drachme, schon allein wegen „Merkel“. Und wenn die griechischen Banken zusammenbrechen? Giannis schaut mich an und lacht. Für seine Schulden wäre das womöglich keine schlechte Lösung.

Die ostägäische Insel Patmos präsentiert sich in vertrauter Schönheit. Die Touristeninseln sind bisher glimpflich durch die Krise gekommen. Doch in diesem Sommer könnte es anders werden, befürchten viele. Tatsächlich, Strände und Restaurants sind wie leer gefegt. Aber die Saison hat noch nicht begonnen, alle hoffen auf den Sommer.

In Eftihias Café, über einer stillen Bucht gelegen, kann man den Blick über ein paar vorgelagerte Inselchen auf die Weite des Meeres schweifen lassen. Hier sitze ich zeitvergessen und beobachte Segelboote, wie sie auf der Horizontlinie balancieren, von rechts nach links, oder von links nach rechts. Am Nebentisch beugt sich ein Grieche angestrengt über ein Sudoku. Plötzlich dreht er sich um und sagt: „Einen Cappuccino!“ Jetzt erkenne ich ihn wieder – es ist Jannis, der noch vorletzten Sommer in einem Café im Hauptort Skala gekellnert hat. Bei ihm habe ich jeden Morgen meinen Cappuccino getrunken. Wenn er mich auf der Straße kommen sah, rief er schon von Weitem: „Den Cappuccino mit Zimt oder Schokolade?“ Auf Deutsch. Auch für Italiener, Franzosen und Holländer hielt er ein paar Brocken in ihrer Muttersprache parat. Er war in seinem Element.

Das Café musste im Herbst schließen, erzählt er. Seitdem fand er keinen neuen Job. Aber er hat ein Stück Land aus familiärem Besitz. „Großartig“, sage ich, „dann kannst du jetzt Zucchini und Tomaten anbauen.“ Jannis guckt mich etwas geknickt an. Das Land sei oben auf dem Berg und total trocken. Er versucht es jetzt mit Tieren – Ziegen und Hühnern. Eigentlich möchte er lieber mit Menschen zu tun haben und nicht Bauer wider Willen sein. Er klagt über die harte Arbeit und weiß noch nicht einmal, ob er davon jemals leben kann. Für die meisten jüngeren Griechen war eine Rückkehr zur Landwirtschaft vor der Krise kein Thema. Harte Arbeit auf kargem Boden, die kaum zum Existenzminimum reicht, blieb vielerorts den Älteren überlassen.

Von Eftihias Café aus kann man unten im Tal den alten Bauer Stavros sehen, wie er in gebeugter Haltung den harten, steinigen Boden mit der Hacke bearbeitet. Stavros hat insofern Glück, als er seine Produkte direkt an Eftihia, die Inhaberin des Cafés, verkaufen kann. Die macht daraus ihren köstlichen Zucchini-Pie, ihre Salate, ihre Limonade, selbst gebackenes Brot und Kuchen. Auch Eftihia leidet unter den steigenden Preisen und Abgaben, aber ihr Geschäftsmodell, das auf selbst gemachte und lokale Produkte setzt, hat auch in der Krise Bestand. Es ist die Stärke des einfachen Lebens, die sich jetzt bewährt. Als ich Eftihia davon berichte, dass die Leute von Evia jetzt wieder ihre Olivenbäume pflegen, ist sie begeistert: So habe die Krise doch auch etwas Gutes.

Eva, die im Café beim Bedienen hilft, sieht es ähnlich. Die Griechen, meint sie, müssten wieder herausfinden, was die eigene Kultur ausmacht und wo ihre Stärken liegen. Eva ist 23 und hat gerade ihre Ausbildung zur Krankenschwester abgeschlossen. In Athen könnte sie vielleicht eine Stelle finden, erzählt sie, aber die Bezahlung sei jetzt so schlecht, dass sie davon in der Stadt, wo sie Miete zahlen müsse, nicht leben könne. Wie viele junge Leute ist Eva in ihr Elternhaus auf Patmos heimgekehrt.

Einfach durchhalten

An einem der größeren Strände, am Stand eines Liegen- und Sonnenschirmverleihs, sitzt ein junger Mann vor einem Klapptisch, auf dem ein dickes Buch liegt. Es ist die griechische Ausgabe von Naomi Kleins Schockstrategie. Wie elektrisiert bleibe ich stehen und frage ihn, ob er dieses Buch liest. Ja, sagt er, man müsse jetzt viel lesen, um zu verstehen, was in diesem Land geschieht. Vor ein paar Monaten hat er an der Uni in Athen seinen Master of Business Administration gemacht. Aber an einen Berufseinstieg sei nicht zu denken. Also ist auch er nach Patmos zurückgekehrt und verdient mit dem Verleih von Liegen ein paar Euro. Offenbar wächst das Bedürfnis, bevorstehende turbulente Zeiten in der Familie und an der Seite alter Freunde zu überstehen.

„Komm wieder! Nächstes Jahr!“ Eftihia hebt die Arme und verdreht ihre Augen, als ich mich verabschiede. Nächstes Jahr ist unvorstellbar weit weg. Dazwischen liegt dieser Sommer, in dem sich so vieles entscheidet: Ob Griechenland in der Eurozone bleibt, wie die Weichen politisch gestellt werden, ob sich eine Katastrophe noch aufhalten lässt. Entscheiden wird sich auch, ob Georgios seinen Laden schließen muss, ob Giannis und Sebasti ihr Hotel an die Bank verlieren, ob junge Leute wie Eva einen Weg finden, in ihrem Beruf zu arbeiten.

Gabriela Simon hat zuletzt über den veränderten Solidaritätsbegriff in der EU geschrieben

10:00 17.06.2012
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