Schockschwerenot

Ausstellung Zehn Jahre nach seinem Tod kann der Maler Dieter Krieg vielleicht gerade erst entdeckt werden. Die Kunst verstand er immer als dramatische Zumutung
Georg Seeßlen | Ausgabe 16/2016

Zunächst erscheinen die Bilder von Dieter Krieg erhebend unverschämt: Bierdeckel, Spiegeleier, Toilettenfenster und Bügeleisen, teils mit Unmengen von Farbe auf riesige Leinwände geklatscht – „gebaazt“ würde man im süddeutschen Idiom sagen – oder mit kräftigen, teils verwischten Kohle-Strichen skizziert, oft verbunden mit ebenso kräftig dahingewuchteten Worten. „Wartn“ steht auf einer schmerzgrünen Parkbank, eine Wortverkürzung, die mehrfach vorkommt: kein kategorisches Warten, sondern ein subjektives Wartn. Zum hingefetzten Eisen ist zu lesen „bügeln ist nichts für Hausfrauen“. So lautet nun auch der Titel der Ausstellung in Marktoberdorf, unweit von Lindau am Bodensee, dem Geburtsort des Malers.

Die Pointe liegt aber nicht nur in diesem eher dadaistischen Statement, sondern in der Beziehung zu einem anderen, früheren Werk mit dem Motto „lieber Wäsche bügeln als Malen“. Dieter Krieg hat die Kunst immer als dramatische Zumutung verstanden. Und das „Wartn“ hat einen Bezug zu einem anderen Bild mit der Schrift „4 Watt“, was man als Frage, aber auch als Hommage an Samuel Beckett lesen kann; dazwischen liegt „Watten“, ein Kartenspiel, und ein Buch von Thomas Bernhard. Man muss das alles nicht wissen, es ist eher ein Spiel; Krieg war ein tiefer Leser der modernen Literatur, Proust, Kafka, Musil, Joyce, Schmidt, Beckett. Textbrocken, Varianten und Reaktionen, manchmal mit grimmigem Humor versehen, verteilen sich auf seinen Bildern, nehmen die Stelle von Objekten an, wollen Bild werden und bleiben doch Wort.

Ein Schlüsselbegriff für die Kunst von Dieter Krieg ist „Ähnlichkeit“. Im Jahr 1974 – da war er Mitte 30 und arbeitete vorwiegend konzeptuell – ließ er Passanten vor seinem Atelier im österreichischen Eisenstadt nur das eine Wort sprechen: „ähnlich“. Natürlich sagten sie in dieser Stadt zwischen Kulturen und Sprachen „ähnlich“ zum Teil sehr unähnlich. Die Ähnlichkeit verbindet Dinge, sie trennt sie aber auch. Das Ähnliche ist nicht einmal als Wort das Gleiche. Immer wieder begegnet uns das Ähnliche bei Krieg, eine Zeichnung von 2004 besteht nur aus der Aufforderung: „Meine Zeichnungen nochmal zeichnen“.

Salatköpfe, Kreuze, Bücher

Dieter Kriegs Bilder sehen aus, als würden die Pinsel dabei reihenweise kaputtgegangen sein, die Farben beißen und kleben und quellen, die Sache wird immer auch räumlich; man sieht nicht nur Farbe, sondern vor allem, wie sie auf die Leinwand gelangt ist; man sieht Farbe als Material, das seiner Zivilisierung Hohn spricht, als wollte jemand ausprobieren, wie viel Farbe eine Leinwand überhaupt aushält. Die Kohle bei den Skizzen muss unentwegt gebrochen sein, ja, es können nur Gewaltakte sein, in denen solche Bilder entstehen.

Krieg gehört zu den Vertretern der „Neuen Figuration“, ein Begriff, der nur etwas sagt, wenn man die Vorherrschaft der Abstraktion noch in den 60ern und 70ern mitdenkt. Sein Interesse, sagte er, gelte „dem Schock durch das bedeutungslose Objekt“. Auch das entspricht einem Zustand, den die Literatur parallel erreichen konnte (bei Raymond Queneau oder Beckett): der Schock durch das bedeutungslose Wort. Aber das scheinbar triviale Sujet ist nicht bloß Vorwand für solche subtilen Gewaltakte. Ich schwöre es: Man wird einen Hofbräuhaus-Bierdeckel in der Wirklichkeit anders ansehen, nachdem man ihn auf den Gemälden und den Skizzen von Dieter Krieg gesehen hat; man kann ins Grübeln über die Spiegeleierhaftigkeit eines Spiegeleis kommen vor dem 227 x 476cm großen Bild von 1995, eine gelbe Halbkugel, weißer Untergrund und dahinter Rostbraunes, ein Tisch vielleicht. Krieg malt Dinge, wie man sich vordem höchstens Menschenkörper zu malen getraut hat. Es ist wie das Eintauchen in einen Kosmos der monumental lebenden Dinge: Kerzen, Thermometer, Salatköpfe, Fleischstücke, Blüten, Kreuze, Spiegeleier, Eimer, Bücher, Buchstaben, Watte, Schriftzüge, logisch, das ist nature, nicht morte, aber sterbend und sterblich. Hinter jedem Gegenstand lauert ein metaphysisches Problem; Krieg malt nicht irgendeinen Bierdeckel, sondern den des Hofbräuhauses mit der signifikanten Krone; die Toilettentüren, die stets aus den Angeln fallen, tragen nicht umsonst das Herz eingeschnitten. So malt er keineswegs bedeutungslose Dinge; seine Bilder wundern sich über die so unvollkommen verborgene Bedeutung. Sie wundern sich, was aus Bedeutung geworden ist. Das semantisch und bildnerisch Abgetane tut sich mit dem Metaphysischen zusammen und kommt als zornige Macht auf die Leinwand zurück. Man kann Kriegs Bilder auch mit Roland Barthes’ Mythen des Alltags lesen.

Und bei alledem ist Kriegs Arbeit zugleich von der Wut bedingt, mit der er den Dingen ihre Bedeutung zurückgeben will, durch ästhetische Kraftakte, und vom Zweifel: „Komme ich durch Malen meinem Stoff näher? Ist diese gesuchte Annäherung eine Beschleunigung, die den Stoff anwachsen lässt? Oder bremst die Malerei die Zeit und schützt mich vor dem sich nähernden Stoff?“, so notiert er einmal in seinem Skizzenheft. Natürlich gibt es auf diese Fragen keine Antworten, nur die Dringlichkeit des Stoffs selber wird deutlich. Der Stoff ist das Leben, genauer gesagt das Sterben.

Info

Dieter Krieg: bügeln ist nichts für Hausfrauen Künstlerhaus Marktoberdorf bis 8. Mai 2016

06:00 04.05.2016

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