Gabriela Simon
18.12.2011 | 08:00 69

Schockstrategie für Europa

Krise Die Kanzlerin ist keine „Getriebene“ der Finanzmärkte – sie folgt ihrem Kalkül: per Eskalation der Krise ganz Europa eine Politik der Entsolidarisierung aufzuzwingen

Wenn Historiker einst aus sicherer Distanz auf 2011 zurückblicken, werden sie vermutlich die Frage stellen, wie es zu einem so rasanten Abstieg Europas kommen konnte. Nur zwei Jahre, nachdem ein kleines, peripheres Euro-Mitglied seine Schuldenprobleme offenbarte, hat sich die gesamte Eurozone in eine finanzpolitische Krisenregion verwandelt. Der vor kurzem noch selbstbewusste, wirtschaftsmächtige europäische Kontinent, dessen Sozialmodell für viele weltweit eine Orientierungsgröße war, ist von der Unterstützung durch den Internationalen Währungsfonds abhängig und bittet in Schwellenländern um finanziellen Beistand; seine Staatsanleihen werden von Banken mehr und mehr wie Schrottpapiere behandelt, die sie schnellstmöglich loswerden wollen.

Wie konnte es zu diesem Desaster kommen? Sind es tatsächlich die viel gescholtenen Finanzmärkte, die mit der Macht großer beweglicher Geldsummen europäische Regierungen „vor sich her treiben“ können? Ist es die oft kritisierte „zögerliche“ Art Angela Merkels? Ist es, wie eine kürzlich publizierte Stellungnahme linker Wissenschaftler erklärt, eine „falsche Diagnose“, die einer kontraproduktiven Therapie zugrunde liegt? Sind es, mit den Worten von Jürgen Habermas in der FAZ, die „kopflosen Reaktionen unserer politischen Eliten“, die „an den Drähten der Finanzindustrie zappeln“? Oder liegt das Problem, wie der US-Ökonom Paul Krugman vermutet, in der geldpolitischen Verbohrtheit der Europäer, speziell der Deutschen?

All diese Erklärungsansätze gehen von einem Unvermögen, einem Versagen, einer Schwäche der europäischen Krisenmanager aus und unterstellen ihnen damit grundsätzlich den Willen, die europäische Krise schnell und nachhaltig zu überwinden. Was geschieht, wenn wir diese Grundannahme fallenlassen? Gehen wir einmal probehalber davon aus, dass es sich bei unseren politischen Eliten um intelligente und durchaus fähige Leute handelt, die ihre zahlreichen Experten zu nutzen wissen, um ihre Ziele zu erreichen. Nehmen wir – rein hypothetisch – einmal an, dass sie ihre Ziele tatsächlich erreichen, dass also das Erreichte mehr über die Ziele aussagt als ihre proklamierten Absichten.

So betrachtet hat die EU-Krisenpolitik Beeindruckendes geleistet: Die Überschuldung des wirtschaftlich unbedeutenden Euro-Mitglieds Griechenland wurde zu einer europäischen Dauerkrise hochgefahren. Die griechische Gesellschaft ist durch soziale Einschnitte traumatisiert und zunehmend wehrlos. Italien hat sich „freiwillig“ einer Überwachung durch den IWF unterstellt und – so wie Griechenland – einen wirtschaftsliberalen Technokraten zum Regierungschef gekürt. Den Menschen in ganz Europa wird am Beispiel Griechenlands vorgeführt, wie es sich anfühlt, „über die eigenen Verhältnisse gelebt“ zu haben und „bestraft“ zu werden. Sie begreifen, dass es in einem EU-Land möglich ist, plötzlich alle Sicherheiten zu verlieren, Rentenansprüche, auf die man fest gebaut hat, um 20 Prozent und mehr dahinschmelzen zu sehen.

Wie ein Schlag

Selbst in Deutschland mit seiner starken Wirtschaft und historisch niedriger Arbeitslosigkeit wächst die Furcht vor dem Verlust der Sicherheiten, verbunden mit der Überzeugung, die Staatsschulden seien an all dem schuld. Als im Herbst die Nachricht über viele Milliarden unverhoffter Steuereinnahmen für den deutschen Fiskus durch die Medien ging, löste sie nicht einmal im Ansatz eine Diskussion darüber aus, ob der Geldsegen nicht besser in Kitas, Schulen, Universitäten und Arbeitslose investiert wäre, statt ihn für den Schuldenabbau zu verwenden.

Könnte es sein, dass es die Krisenmanager von EU und IWF genau darauf angelegt hatten? Die These erscheint auf den ersten Blick abwegig bis bösartig. Doch in ihrem Licht klären sich einige ansonsten unverständliche Entscheidungen auf. Warum wurde das den Griechen verordnete „Sparprogramm“ nicht wenigstens überprüft, als seine kontraproduktiven Wirkungen nicht mehr zu übersehen waren? Warum konzentrierte sich die Troika nicht zuerst darauf, das Hauptproblem der massiven Steuerhinterziehung anzugehen? Warum müssen europäische Schuldnerländer eine Unzahl verschiedener Maßnahmen gleichzeitig umsetzen (in Portugal sind es derzeit über 200), die mit der Schuldentragfähigkeit teilweise gar nichts zu tun haben? Was sollen die Deregulierung des Arbeitsmarktes, die Aufhebung von Kündigungsschutzregelungen und Tarifbindungen zur Sanierung der Staatshaushalte beitragen? Warum wurden mit öffentlichkeitswirksamen Pleite-Drohungen die Finanzmärkte regelrecht eingeladen, gegen europäische Länder zu spekulieren?

Ein Blick zurück in die achtziger Jahre kann hier etwas Licht ins Dunkel bringen. Damals entwickelte der IWF in Lateinamerika die Methode jener „Sparpakete“, mit der heute immer mehr europäische Länder beglückt werden. Diese Pakete waren insofern eine Innovation, als sie eine kaum überschaubare Vielzahl von Maßnahmen in unterschiedlichen Politikfeldern zusammenfassten, die in ihrer Gesamtheit zur Voraussetzung finanzieller Hilfen erklärt wurden. Der Cocktail aus Sozialkürzungen, Deregulierung und Privatisierung traf die Gesellschaften regelmäßig wie ein Schlag. Die Wirtschaft ging in die Knie, soziale Sicherheiten brachen weg. Über die hintergründige Logik dieser Paket-Politik schrieb die US-Autorin Naomi Klein in ihrem Buch Die Schockstrategie: „Man geht davon aus, dass die Menschen zwar auf graduelle Veränderungen reagieren können, aber wenn Dutzende von Veränderungen aus allen Richtungen gleichzeitig kommen, dann setzt das Gefühl ein, dass alles vergeblich ist.“

Parallelen zu Bolivien

In Bolivien ist es mit dieser Schockstrategie gelungen, der mächtigen bolivianischen Gewerkschaftsbewegung in wenigen Jahren das Genick zu brechen und die bolivianische Gesellschaft gegenüber der Durchsetzung des neoliberalen Programms wehrlos zu machen. Die Anhänger Milton Friedmans im IWF und in der US-Regierung waren begeistert. Die Paket-Politik kam danach in allen lateinamerikanischen Schuldnerländern zum Einsatz.

Auch wenn die Dinge heute in Europa in vielerlei Hinsicht anders liegen, fallen doch einige Parallelen auf. Statt sich auf die konkreten Probleme in den Schuldnerländern zu konzentrieren, auf Steuerhinterziehung in Griechenland, spezifische wirtschaftliche Strukturschwächen in Portugal oder Spanien, wird das gesamte neoliberale Arsenal zwangsweise als Paket verabreicht. Gesellschaften werden traumatisiert, und ihre Akteure zu ohnmächtigen Protesten verdammt. Die betroffenen nationalen Ökonomien stürzen unweigerlich in eine schwere Rezession, wodurch sich die Abhängigkeit von finanziellen Hilfen noch vergrößert und immer mehr von derselben „Medizin“ verabreicht werden kann. Was sich als Krisenmanagement ausgibt, beschrieb Naomi Klein treffend als „Krisenopportunismus“: Statt die Schuldenprobleme schnellstmöglich zu überwinden, werden sie von den vermeintlichen Rettern „als kostbare Gelegenheiten“ genutzt, „um Neuland für den freien Markt zu sichern“, wie Klein es ausdrückte. In Europa boten sich für eine solchermaßen eskalierende Krisenpolitik besonders günstige Voraussetzungen. Der Verflechtungsgrad machte es möglich, auch Länder in den Krisensog zu ziehen, die eigentlich gar keine Schuldenprobleme hatten. Mittlerweile können selbst Frankreich und Österreich in die Zange genommen und zum „Sparen“ gezwungen werden. In dieser Eskalationsstrategie spielten sich Akteure die Bälle zu: Die EU-Verantwortlichen mit ihren Pleite-Drohungen und ihrer Weigerung, Euro-Länder nachhaltig vor spekulativen Attacken zu schützen, die Rating-Agenturen mit ihren Herabstufungen, der IWF mit seiner Kritik an EU-Regierungen, die Hedgefonds mit ihren spekulativen Angriffen.

Schmerzhafter Druck

In der Debatte über die Einführung von Eurobonds wird beispielhaft klar, welche Rolle die deutsche Regierung in diesem Spiel innehat. Sie sperrt sich gegen die Eurobonds-Lösung, weil diese die Anleihenkrise sofort beenden würde. Der „schmerzhafte Druck“, wie es Wolfgang Schäuble ausdrückte, soll aufrechterhalten werden. Er spricht damit offen aus, dass sich die Bundesregierung zur aktiven Verbündeten der Finanzmärkte gemacht hat, die diesen „schmerzhaften Druck“ durch Spekulation gegen die Anleihen europäischer Länder erzeugen. Eurobonds soll es – sagt Angela Merkel – „erst nach der Krise“ geben. Die Krise soll also vorher noch ihr Werk vollbringen, Staaten unter Druck zu setzen, ihre Wirtschaft zu schwächen und Gesellschaften zu zerrütten, bis sie für die europaweite Durchsetzung einer Politik der Deregulierung, der Privatisierung und des Sozialabbaus bereit sind. Das Damoklesschwert der Staatspleite, das Europas Krisenmanager so erfolgreich über den Mitgliedsländern der Eurozone aufgehängt haben, ist heute das zentrale politische Instrument in den Händen Merkels, die keineswegs „zögerlich“ ist, wenn es darum geht, anderen Regierungen zu drohen.

So gesehen ist die deutsche Kanzlerin keine „Getriebene“, keine Marionette der Finanzmärkte, sie ist weder schwach noch unfähig oder kopflos. Sie folgt ihrem Kalkül, Rettungsaktionen auf die allerletzte Minute hinauszuzögern, und so – im Pakt mit den Spekulanten – die Krise stetig auszuweiten und permanente Panikstimmung zu erzeugen. Die kalkulierte Eskalation der Krise verleiht der deutschen Regierung die Macht, ganz Europa eine Politik der Entsolidarisierung und wachsenden sozialen Ungleichheit aufzuzwingen. Vermutlich wird Angela Merkel mit ihrer Zustimmung zu Eurobonds bis kurz vor dem Bankrott der Eurozone warten. Ob das europäische Projekt diese Strategie überlebt, und wie die Weltwirtschaft danach aussieht, ist eine andere Frage.

Gabriela Simon ist Ökonomin und hat im Freitag zuletzt über das EU-Finanzsystem geschrieben

Kommentare (69)

deviant 18.12.2011 | 12:26

Ich stimme Ihnen zu, es ist davon auszugehen, dass Merkel diese Politik bewusst fährt und genau zu wissen glaubt, was sie da tut. Dass in den europäischen Staaten derzeit nach und nach wieder dieselben konservativen Sozialvernichter an die Macht gespühlt werden, die durch zum Beispiel durch Liberalisierungen diese Krise erst möglich gemacht haben, unterstützt diese Vermutung.

Doch denkt Merkel, und denken vermutlich auch Sie, meiner Meinung nach zu kurz. Denn das, was Griechenland und Italien bereits passiert ist, kann über kurz oder lang ganz Euroland drohen, auch Deutschland, und das wäre auch zum Schaden der Angela Merkel: Radikalkapitalistische Finanzjuntas ohne jegliche demokratische Legitimation übernehmen reihum die Macht in Europa und führen die Parteien und Parlamente am Nasenring durch die Manege - und wer nicht gewählt wird, muss sich auch kaum Sorgen um verärgerte Bürger machen.

Theoretisch gehören Italien und Griechenland schon heute als Staaten mit einer nicht demokratisch gewählten Staatsführung aus der EU ausgeschlossen, praktisch gesehen ist so eine Finanzjunta auch nichts anderes als die griechische Militärjunta oder Fascismo, Entschuldigung, Francesco Francos Regime in Spanien...und da gab's ja auch keine Berührungsängste, soweit ich das überblicke.

davidjordan 18.12.2011 | 14:01

Sobald ein politisch-wirtschaftliches Gebilde eine bestimmte Größe überschritten hat, wird Demokratie zu einer Fessel der weiteren Entwicklung. Das hat man sehr schön am Römischen Reich gesehen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt konnte nur ein Diktator/Imperator/Kaiser den Laden zusammenhalten. Das Gleiche gilt für Europa - insbesondere unter den Bedingungen eines weltweiten Komkurrenzkampfes der Wirtschaftsblöcke. China beweist im Moment ja auch, wie wenig Demokratie es braucht, um wirtschftlich erfolgreich zu sein. Und die USA beweisen gerade, wie hinderlich ihre demokratischen Institutionen bei der Lösung von Problemen sind. Aber das demokratische System der USA hat sich inzwischen auch überlebt. Das hängt mit der - ich nenne es mal so - Entsoldierung zusammen, die zu einer Zerstörung des gesellschaftlichen Gefüges geführt hat und die ihren Ursprung im neoliberalen Gedankengut hat. Der Neoliberalismus geht davon aus, dass der Kampf jeder gegen jeden dazu führt, dass es der gesamten Gesellschaft besser geht!! Als Maßstab dient die Steigerung der Profite/des BSP. Wie sich das Geld aber verteilt, interessierte und interessiert die Chicago Boys nicht. Anders gesagt: Dem Neoliberalismus geht es nur darum, was am Ende unter dem Strich übrigbleibt. Zahlen sind das A und O. Menschen sind ihm egal. Ja, sie sind sogar eine Gefahr für das reibungslose Funktionieren der Märkte (des Kampfes jeder gegen jeden). Der Neoliberalismus strebt die totale Effizienz der Märkte durch die totale Konkurrenz an. Der Neoliberalismus ist in dem Sinne Sozialdarwinismus pur. Was aber steht am Ende eines Kampfes jeder gegen jeden? Am Ende sind alle tot. Aber dann hat man wohl auch die totale Effizienz der (durch Programme gesteuerten) Märkte erreicht. Gut, das mag im Moment nach Science Fiction klingen. Aber der Mensch rückt zusehends aus dem Zentrum der Politik. Es geht nur noch um Zahlen und Ratings. Und es geht darum, besser zu sein als andere. Wenn man aber immer besser sein will als der andere, steht man eben immer in Konkurrenz zum anderen. Das führt zunächst - wie oben gesagt - zu einer Entsolidarsierung und zu einer Entdemokratisierung. In gewisser Weise führt es für eine bestimmte Zeit auch zu einer Leistungs- und Effizienzsteigerung. Doch wird diese erkauft durch die Zerstörung der Grundlagen, die Vernichtung der Basis, die die Leistungssteigerung und die Effizienzsteigerung möglich gemacht hat. Der Kapitalismus neoliberaler Vorstellung frisst nicht einfach nur die Natur oder seine Kinder (nicht wahr, Herr Lindner?), er frisst sich selbst. Am Ende steht der Zerfall. Das kann den Untergang einer Zivilisation meinen oder 'nur' den Rückfall auf eine frühere Entwicklungsstufe (z. B. Refeudalisierung). Die Tendenzen dazu zeigen sich jetzt schon. Gerade deshalb muss Merkozy Europa auf Linie halten. Andererseits: Merkozy hat auch keine Alternative dazu, weil sie nicht über ihren eigen Schatten springen können. Und weil sie es - wie Frau Simon so richtig beschreibt - eben auch gar nicht anders wollen. Die Frage ist nur, warum wir uns von ihnen weiter als Geiseln halten lassen. Aber wahrscheinlich hat das mit dem Stockholm-Syndrom zu tun.

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Ehemaliger Nutzer 18.12.2011 | 16:27

So ein Schwachsinn...wir haben eben keine Eurokrise. Wir haben höchstens einen Währungskrieg zwischen Dollar und Euro. Die USA ist total pleite und kann nur von der FED, den Privaten Kapitalgebern am Leben erhalten werden. Wie lange das noch so geht wird sich zeigen. Bis die nächste Finanzblase platzt und der Dollar crasht.

Wir haben eine Geldsystemkrise! Ausgehend von den USA genau wie 1929! Das westliche Geldsystem ist mittelalterlich und funktioniert eben nur bedingt. Es muß zwangsläufig alle paar Jahrzehnte zusammen brechen! Der Finanzkapitalismus hat dies verschärft. Man lese auch dazu Silvio Gesell, der kein Antismeit war und dies vor dem 2. WK erkannt hatte!

Jetzt versucht man mittels sanfter Inflation die Schulden der Staaten abzutragen. Wurde von Lehmann in Maybrit Illners Talkshow (ZDF) bestätigt. Da dieses Geldsystem immer die Umverteilung von oben nach unten befördert. Es ist politisch so gewollt. Man beschäftige sich mit den Machtstrukturen. Es geht um die Erhaltung des Systems. Das Geldsystem ist fehlerhaft, was mit dem Zinssystem zusammen hängt. Und NEIN, das hat nichts mit Antisemitismus zu tun, sondern ganz einfach nur mit Fakten! Wir haben ein Geldsystem welches auf Schulden basiert. EINER MUß sich immer verschulden, sprich Kredite aufnehmen. Das ist gesteuert und Strategie.

Der Kapitalismus hat für mich schon lange fertig. Der Westen hat über seine Verhältnisse gelebt, das ist wohl wahr.

Siehe dazu auch hier in den folgenden Links die Erklärungen dazu.

www.iablis.de/iablis_t/2011/hoermann11.html

www.uni-muenster.de/PeaCon/krysmanski/

www.dradio.de/dlf/sendungen/essayunddiskurs/1178969/

Und Merkel tut genau das gleiche wie Brüning! Deswegen stehen auch die Rechtsextremen in den Startlöchern in ganz Europa!

Wir haben eine wahrhaftige gefährliche Situation. Mehr dazu beim Thema Heitmeyers Studie zum Rechtsruck in Deutschland.

claudia 18.12.2011 | 17:03

>>Wir haben höchstens einen Währungskrieg zwischen Dollar und Euro.
Und einen globalen Lohnkrieg, der seit der Agenda 2010 auch innereuropäisch sehr an Schärfe zugelegt hat.

---
>>Ich habe Angst, daß das die "Euro-Dollar-Krise" in einem Krieg endet.
Korrektur: er hat schon angefangen: Libyen
Ja. Wirtschaftskriege enden immer in Schiesskriegen.

---
>>Wir haben eine Geldsystemkrise!
Ja.
Und als Verdrängungshilfe haben sich Propagandisten eine perfide Strategie ausgedacht:
Sie triggern Gottfried Feders Antisemitismus, indem sie suggerieren, das Finanzsystem sei "jüdisch". Und sagen dann, wer über die Geldsystemkrise und Ursachen derselben spricht, sei ein Antisemit.

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Ehemaliger Nutzer 18.12.2011 | 17:52

Ups...mir ist ein gravierender Fehler unterlaufen...

Das Geldsystem bedingt natürlich die Umverteilung von unten nach oben! Was die Politik auch mittels Steuererleichterung für die Besserverdienenden noch befördert hat.

Ich bitte den Fehler zu entschuldigen!

Und ich frage mich auch, was Frau Merkel wirklich vor hat. Leider handeln die meissten Ökonomen aus Unkenntnis und der "falschen Vermittlung" von Wissen auch dementsprechend.

Eines ist Fakt und sollte jeden stutzig machen!

Warum ist der ESM gerichtlich immun, intransparent, also nicht demokratisch kontrollierbar ??!!

de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4ischer_Stabilit%C3%A4tsmechanismus

Mich erinnern diese ganzen Vorgehensweisen seitens der Politik an Orwell. Stichwort Überwachungsstaat!

de.wikipedia.org/wiki/1984_%28Roman%29

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Ehemaliger Nutzer 18.12.2011 | 18:00

@thinktankgirl

Stimmt so. In Lybien ging es ums Öl, um Macht und viel Geld und natürlich um den Erhalt des westlichen Geldsystems.

Kriege werden immer aus ökonomischen, damit verbunden Machtinteressen, geführt.

So wie ich gelesen hatte war Gaddafi dem Westen gegenüber abtrünnig. Er wollte sein Öl nicht mehr gegen Dollars verkaufen. Und wenn man die verschiedenen Fakten zusammen zählt, dann könnte dies so gewesen sein.

Deswegen brauchen wir ja auch unbedingt ein anderes System!! Für mich am liebsten ohne Geld. Jedenfalls mit einem demokratischerem Geld. Alternativen und Vorschläge gibts im Internet genug dazu.

www.geldmitsystem.org/

www.rottmeyer.de/betrugsmodell-finanzsystem-interview-mit-franz-hormann/

www.soziologie.uni-halle.de/huber/publikationen.html

Es ist für mich untragbar, wie die meissten Abgeordneten im Bundestag Gesetze einfach so durchwinken ohne die Hintergründe genauestens zu kennen!

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Ehemaliger Nutzer 18.12.2011 | 18:05

@ claudia

genau...vollkommen richtig. Ich wurde genau deswegen von Linken als Antisemit und Rassist bezeichnet!

Seid wann teilt man eine ethnische Zugehörigkeit in gut und böse ein?! Es gibt überall solche und solche Menschen, um es mal vereinfacht auszudrücken.

Hier werden Wörter zum durchsetzen der eigenen Interessen gebraucht. Und der Feind damit mundtot gemacht! Wie Ken Jebsen vom RBB auf Fritz. Fatal ist daran, dass die Rechten genau darüber aufklären!

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Ehemaliger Nutzer 18.12.2011 | 18:17

Die größte und älteste Bankerfamilie ist Rothschild und jüdischer Abstammung. Was aber noch lange nichts über einen Menschen aussagt!

Fakt ist, dass Rotschild und Rockefeller einer der wichtigen großen Macher im Kapitalismus sind!
Rockefeller hatte auch Hitler unterstützt. Das FinanzKapital hatte Hitler finanziert. Und die Beamten hatten an der Ausrottung der Juden und der Verteilung ihrer Vermögen akribisch mitgewirkt!

blog.zdf.de/zdfdasblog/2011/11/29/schnaeppchenjagd-unterm-hakenkreuz/

Dazu fällt mir nur ein, dass Geld Gier erzeugt und abgeschafft gehört. Der Mensch ist vielfach von Natur aus gierig und machtbesessen dazu.

Jürgen Funke 18.12.2011 | 19:13

Der Artikel gefällt mir, weil er die Frage nach der geleiteten Entwicklung des Kapitalismus aufwirft bzw. in welchem Ausmaß die politisch Handelnden sich ihrer Motive und Absichten bewusst sind.

Es ist ziemlich egal, wie bewusst Merkel ihren Kurs fährt. Ich glaube eher, dass sie wie eine strenge Mutti die bösen Kinder erziehen will, allein weil sie das beste für Deutschland tun will. D. h. die sogenannten Schuldenländer dürfen keine Ansprüche auf unser Geld stellen. Deutschland kann sich zur Zeit noch mit Gewinn refinanzieren. Das will sie absichern und gleichzeitig die anderen Länder erziehen.

Entscheidend ist vielmehr, dass Merkels Strategie unbewusst darauf hinausläuft die Akkumulationsbedingungen des Kapitals abzusichern. Die Schocktherapie gegenüber den sog. Schuldenländern läuft darauf hinaus alle sozialen Standards in der EU zu schleifen. Eine derart dem Kapital unterlegener Faktor Arbeit stellt eine ideale Verwertungsbedingung dar.

Merkel handelt in Konkurrenz zu den anderen Nationen und will die besten Verwertungsbedingungen für das deutsche Kapital herstellen.

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Ehemaliger Nutzer 18.12.2011 | 19:20

Sehr guter Artikel. Es ist so wie es Frau Naomi Klein in ihrem Buch geschrieben hat.
Im heutigen Presseclub erwähnte die Journalistin Frau Christiane Hoffemann von der FAZ, dass sie den Eindruck habe, die BRD befände sich gerade in der Situation, wie die damalige Sowjetunion bei ihrem Untergang. Genau den Eindruck habe ich auch. In diesem Staat löst sich alles im Wohlgefallen auf. An dieser Tragödie trägt nur einer die Schuld und das ist Merkel mit ihren Spießgesellen.

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Ehemaliger Nutzer 18.12.2011 | 19:20

Sehr guter Artikel. Es ist so wie es Frau Naomi Klein in ihrem Buch geschrieben hat.
Im heutigen Presseclub erwähnte die Journalistin Frau Christiane Hoffemann von der FAZ, dass sie den Eindruck habe, die BRD befände sich gerade in der Situation, wie die damalige Sowjetunion bei ihrem Untergang. Genau den Eindruck habe ich auch. In diesem Staat löst sich alles im Wohlgefallen auf. An dieser Tragödie trägt nur einer die Schuld und das ist Merkel mit ihren Spießgesellen.

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Ehemaliger Nutzer 18.12.2011 | 19:20

Sehr guter Artikel. Es ist so wie es Frau Naomi Klein in ihrem Buch geschrieben hat.
Im heutigen Presseclub erwähnte die Journalistin Frau Christiane Hoffemann von der FAZ, dass sie den Eindruck habe, die BRD befände sich gerade in der Situation, wie die damalige Sowjetunion bei ihrem Untergang. Genau den Eindruck habe ich auch. In diesem Staat löst sich alles im Wohlgefallen auf. An dieser Tragödie trägt nur einer die Schuld und das ist Merkel mit ihren Spießgesellen.

Achtermann 18.12.2011 | 19:43

@ KarinL

Man lese auch dazu Silvio Gesell, der kein Antisemit war und dies vor dem 2. WK erkannt hatte!

Hier möchte ich vorsichtshalber ein Frage- und ein Ausrufezeichen in Form eines Zitats von Robert Kurz setzen, der in einem Aufsatz über die Gesellianer folgendes schrieb:

Unter den Anhängern Gesells gab es dementsprechend jede Menge völkische und antisemitische Tendenzen, die aus der ökonomischen Logik und aus der falschen Geldutopie notwendig resultieren. Hinzu kommt die offen sozialdarwinistische, »rassenhygienische« und biologistische Ideologie bei Gesell selber ebenso wie bei Steiner und anderen. Die sozialdarwinistische Propaganda der Konkurrenzwirtschaft wird von Gesell nämlich ergänzt durch ein Programm der biologischen »Menschenzucht« qua Konkurrenzkampf. In der typischen Sektenmanier der Jahrhundertwende prangert er die »Ehen mit Alkoholikern« an, die zur »rassischen Degeneration« führen würden, und empfiehlt den Frauen, sich nur mit »gesunden, starken Partnern« einzulassen; er spricht sogar von einer »tausendjährigen Fehlzucht« ... Daß die Frauen in diesem biologistischen Wahnkonstrukt vor allem als eine Art »Muttertiere« erscheinen, die sich »frei« für die besten männlichen »Zuchtbullen« entscheiden sollen, kann kaum noch verwundern.

Die heutigen Neo-Gesellianer gehen über diese »rassenhygienische« Wahnideologie ihres Meisters entweder schamhaft hinweg bzw. tun so, als handle es sich dabei bloß um eine dem ökonomischen Konstrukt äußerliche Angelegenheit, oder sie gehen sogar so weit, der biologistischen Zuchtideologie auch heute wieder positive Seiten abgewinnen zu wollen.

exit-online.org/textanz1.php?tabelle=autoren=18=18=text1.php

claudia 18.12.2011 | 20:28

>>Das Damoklesschwert der Staatspleite, das Europas Krisenmanager so erfolgreich über den Mitgliedsländern der Eurozone aufgehängt haben, ist heute das zentrale politische Instrument in den Händen Merkels, die keineswegs „zögerlich“ ist, wenn es darum geht, anderen Regierungen zu drohen.
Das heisst im Klartext: Es ist die Aufgabe der Bundesregierung, egal wie ein Kanzler gerade heisst, die Agenda 2010 allen Euroländern aufzuzwingen.

---
Die Personifizierung des kapitalistischen Staates gehört mit zur Verwirrungsstrategie. Wir wissen, dass wir kein "Kohlproblem" und kein "Schröderproblem" hatten und kein "Merkelproblem" haben, sondern ein Systemproblem. Gegen dieses Wissen wird beharrlich mit Personifizierungen der Renditemaximierungspolitik polemisiert.

Einerseits die Auswirkungen der lobbygesteuerten Politik, einschliesslich Verlierern und Gewinnern, realistisch zu schildern und das dann gleich wieder als "Merkelproblem" darzustellen, halte ich für sehr fragwürdig: Soll unterschwellig Reklame für das alte Agenda/Hartz4-Regime rübergebracht werden?

Regierungen kommen und gehen, die Lobby bleibt bestehen. So lange, bis wir ihr das misanthrope Krisenhandwerk legen.

claudia 18.12.2011 | 20:50

>>Ich denke es spielt keine Rolle ob Merkel oder ein anderer an der Macht ist!
Genau. Die Darstellung einzelner lobbygesteuerter Politiker als "Feudalherrscher" ist Ablenkungspropaganda. Leider fallen Viele immer wieder darauf herein und kolportieren den Schwachsinn weiter.
Man kann die ersten Ausläufer der Agenda 2010, die jetzt allen Euroländern aufgezwungen wird, bis in die Zeit der "Kohl-Regierung" zurückverfolgen.
Dass die endgültige Umsetzung Sache einer SPD/Grün-Regierung war, liegt einfach daran, dass die SPD die von allen Parteien des Lobbyblockes die Gewerkschaften am effektivsten unter der Knute halten kann.

claudia 18.12.2011 | 21:25

@KarinL.
>>Ich wurde genau deswegen von Linken als Antisemit und Rassist bezeichnet!

Da stellt sich die Frage, was "links" ist. Wer Kapitalismuskritik als "antisemitisch" bezeichnet, ist nict "links" im klassischen Sinne, sondern eher "pseudolinks". Einige Expemplare dieser Geschmacksrichtung haben sich auch in die Partei "die Linke" eingeschlichen. Sie sind dort aber eine kleine, wenn auch laute Minderheit.

Eine sachliche Analyse des Kapitalismus braucht allerdings nicht die scharfe Trennung in "produktives Kapital" und "Finanzkapital" ("gutes schaffendes Kapital" und "böses raffendes Kapital"). Diese Taktik schafft mehr Verwirrung als sie erklären kann.

Die Grundlage, auch der Spekulationswirtschaft, ist die private Aneignung von Mehrwert, der nicht durch "Geldschöpfung", sondern nur durch menschliche Arbeitskraft entsteht. Der Privatkauf von menschlicher Arbeitskraft ermöglicht die private Mehrwertaneigung. Mit akkumuliertem Mehrwert kann eine ökonomische Macht geschaffen werden, die den kapitalistischen Staat dirigiert. Auch in Richtung der Begünstigung der Spekulationswirtschaft, wenn die Profitraten der Produktion Grenzen erreichen. Wie zum Beispiel in Europa Ende der 70er Jahre durch die Überproduktionskrise ("Autos kaufen keine Autos").

Anders als durch den (Klassen-)Kampf um den Mehrwertanteil kann das massive Lohndumping, das untrennbar mit "Neoliberaler" Politik verbunden ist, nicht erklärt werden.

---
Die Ideologie vom "guten" und "schlechten" Kapital führte übrigens in die mörderische Ausbeutung von internierten Zwangsarbeitern, die von den KZ-Betreibern ans "gute schaffende Kapital" ausgeliehen und nach Verbrauch ermordet wurden.

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Ehemaliger Nutzer 19.12.2011 | 10:39

In welchem Zirkel aber wird eine solche Strategie formuliert? Wie muss ich mir die Diskussion in einem solchen Zirkel über die Analyse der wirtschaftlichen Lage, über die Entscheidung zwischen verschiedenen Alternativen und die Kritik der praktischen Umsetzung vorstellen?

In jeder Dikussion komme ich immer wieder an den Punkt, dass ich zwar allgemeine Thesen über die Funktionsmechanismen des Kapitalismus formulieren kann, aber fast nichts über die Organisation kapitalistischer Macht weiß. Auch der kapitalistische Unternehmer, der Manager und der Politiker werden darauf verweisen, dass sie Getriebene sind. Es stellt sich die Frage, wer der Treiber ist, wer formuliert die Strategie?

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Ehemaliger Nutzer 19.12.2011 | 11:34

Und das alles wurde von Karl Marx unter dem Begriff ursprüngliche Akkumulation beschrieben, die natürlich keine einmaliger Prozess ist, sondern die immer wiederkehrende Form der Enteignung der Menschen. Nicht zufällig gibt es deshalb in unserer Demokratie die aus feudalistischen Zeiten stammenden privaten Banken, eine geradezu irrwitzige anachronistische Einrichtung, die jeder Demokratie Hohn spricht.

Man muss einerseits keine bösen Verschwörer vermuten, schon allein aus dem Grund, weil sie ganz offen auftreten. Andererseits liegt es in der Logik eines einmal in Gang gesetzten Systems, dem einzelne Akteure sich kaum entziehen können.

Natürlich gibt es auch Akteure, die sich der demokratisch gewählten Parlamente und Regierungen bedienen. Herr Schröder hat da einiges geleistet und ist dafür fürstlich belohnt worden, wie auch seine Mittäter.

Die Finanzakteure treffen sich für jedermann bekannt auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Der ungeheuerliche aber ernstgemeinte Anspruch steckt schon in der Bezeichnung dieses Treffens der Superreichen und der Konzerne, auf dem die Politiker zum öffentlichen Rapport einbestellt werden.

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Ehemaliger Nutzer 19.12.2011 | 12:16

Das sehe ich eben ein wenig anders. Zumal es sich bei diesen Treffen eben nicht um einen Karnevalsverein handelt.

de.wikipedia.org/wiki/Weltwirtschaftsforum

Man muss sich nur angucken, wer sich dort trifft und was dort öffentlich angekündigt wird. Schröders Rede vom 28.1.2005 ist dafür ein gutes Beispiel.

archiv.bundesregierung.de/bpaexport/rede/91/780791/multi.htm

Bei diesen Beiträgen darf man ebenso wie bei Äußerungen von Diplomaten davon ausgehen, dass in der Wortwahl einiges steckt, was dem Leser entgeht, wenn er nicht die eigentlichen Botschaften entziffern vermag.

tlacuache 19.12.2011 | 12:49

Aqua-Jedi schrieb am 19.12.2011 um 11:16
Ich kenne Kasperleinterviews von so Leuten in Davos wie Carlos Slim Helú in Originalsprache,
auch sone arme Backe (Reichste der Welt), der geht in Davos ein bisschen Rodeln, aber globale wirtschaftspolitische ENTSCHEIDUNGEN werden an anderen Orten getroffen, du kannst ja in Davos bei 2000 Reportern noch nicht mal die wichtigsten Politiker in den Puff einladen ohne dass es auffaellt.
So, jetzt ist gut, wir haben ja Schlussendlich die gleiche Meinung.
Liebe Gruesse

tlacuache 19.12.2011 | 13:42

Rapanui schrieb am 19.12.2011 um 12:22

Wo?
Z.B. im Lear-Jet Richtung Bahamas am Wochenende.

Wer?
Forbes - Liste.

Wie wird kommuniziert?
Ist einfach, von oben herab als "Sponsor", bei diversen Wahlen erlaubt man keine Wiederworte.
In Deutschland z.B.
Stichwort z.B. Roland Koch Bilfinger und Berger
("einer muss die Landebahn doch bauen...")

Welche Kriterien von Macht berechtigen zum Entscheiden?
Im Falle Deutschlands:
Z.B. Kohl (EEHHRENWORT, Leuna, Holzhäuser, Schreiber, Barschel, war da was?) oder Geerkens Fragen.

Was passiert bei Meinungsverschiedenheiten?
Es gibt keine, wer zahlt, hat Recht.

Welches sind die Machtmittel, um die Entscheidungen zu exekutieren?
BKA, LKA, Polizei, im Zweifelsfall das Grundgesetz ändern, damit die Bundeswehr endlich mal fuer Ruhe und Ordnung sorgt.

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Ehemaliger Nutzer 19.12.2011 | 14:12

@ tlacuache

Zu allgemein.

Wir nehmen ein Beispiel: Sollen Eurobonds kommen oder nicht?

Woher kommen die Szenarien auf deren Grundlage diskutiert wird? Wer darf überhaupt eine Meinung äußern? Wer legt fest, dass keine Eurobonds kommen dürfen? Wie erfahren Merkel und Sarkozy, dass sie gegen Eurobonds sein sollen? Wie wird diese Entscheidung gegenüber dem parlamentarischen System und dem Mediensystem durchgesetzt, die ja durchaus auch gegensätzliche Eigeninteressen besitzen.

Gabriela Simon 19.12.2011 | 14:29

hallo Rapanui,

das bezieht sich jetzt mehr auf deinen ersten Kommentar weiter oben: Ich glaube nicht, dass es einen "Treiber" gibt, der die "Strategie formuliert". Eher eine Übereinstimmung von Ideen, politischen Konzepten und wirtschaftlichen Interessen, die dazu führt, dass sich bestimmte ideologische Konzepte durchsetzen.

Naomi Klein hat in dem zitierten Buch sehr detailliert beschrieben, wie sich das neoliberale Konzept, ausgehend von der Universität in Chicago damals in Lateinamerika verbreitete und mehr und mehr politische Macht aneignete. Über verschiedene Wege, z.B. wurden lateiamerikanische Elite-Studenten über Stipendien-Programme nach Chicago geholt und dort entsprechend ausgebildet. Große US-Konzerne hatten ein handfestes Interesse an den noeliberalen Vorschlägen, die deshalb auch von Teilen der US-Administration unterstützt wurden. Im IWF wurden nach und nach wichtige Positionen erobert.

In Europa ist es heute glaube ich noch etwas komplizierter. Zumindest in der EZB und oin der EU-Kommission sind die Neoliberalen schon lange tonangebend. Und es gibt auch hier mächtige wirtschaftliche Interessen, nicht nur von Großbanken oder Hedgefonds, sondern auch von ganz normalen Unternehmen, an einer weiteren Deregulierung der Märkte, am Ausverkauf Südeuropas, am Abbau von Arbeitnehmerrechten. Die witterten in der Krise alle Morgenluft. Dass sich die deutsche Regierung so klar an die Seite dieser Interessen stellt, hat zum einen mit dem Festhalten am exportorientierten Wirtschaftsmodell zu tun. Zum anderen ist das m.E. auch ein Ergebnis der Entsolidarisierung in der deutschen Gesellschaft, die ja immer auch eine Art Verdummung ist, ein Ausblenden der gemeinschaftlichen Interessen.

Vielleicht bin ich etwas naiv, aber ich glaube nicht, dass ein "Zirkel" hier eine Strategie formuliert hat. In solchen Verschwörungstheorien bleibt am Ende kein Raum für Gestaltungs- und Veränderungsmöglichkeiten durch soziale Bewegungen. Die sehe ich aber durchaus.

tlacuache 19.12.2011 | 14:56

Rapanui schrieb am 19.12.2011 um 13:12
Ahh, Entschuldigung Rapanui,
dass ich mit so dicken Schrauben auf so duennen Brettern bohre.
Procter Gamble et al hatten schon 1968 den "Globalisierungsplan" in den council of logistics management, da konnten die Politiker "Global" noch nicht mal Buchstabieren.

Susanne Schmidt musste Papi Helmut ja auch erst mal die Swaps erklaeren.

Kennedy wusste ja scho, wie das mit den Interest Equalization Tax funktioniert.
Nicht mal die versiertesten, liberalsten, konservativsten Wirtschaftswissenschaftler koennen voraus sagen, ob man den Eurobond braucht, will, möchte, es nutzt etc.

Meine These dazu:
Selbst wenn man den € 5 Fach abwertet, um aus der Scheisse rauszukommen, bleibt dem Slim et al noch 10 Milliarden, das ist dem Scheissegal, aber dass der Edamer"Käse" nicht mehr
2.23 € sondern 11.15 € kostet, dud dann einigen Lesern hier richtig weh, gelle.

"...Wie wird diese Entscheidung gegenüber dem parlamentarischen System und dem Mediensystem durchgesetzt, die ja durchaus auch gegensätzliche Eigeninteressen besitzen..."

Glaubst Du ernsthaft, da hat noch einer von den Hanseln den Ueberblick? Insbesondere Merkel und Sarkozy?
Selbst Jörg Asmussen schläft wohl kaum mehr als 3 Stunden, vor lauter Alpträumen.
Jürgen Stark hatte keinen Bock mehr auf Alpträume, der hat die Segel gestrichen...

tlacuache 19.12.2011 | 15:11

Gabriela Simon schrieb am 19.12.2011 um 13:29

Ja die gute Naomi, No Logo, hat sich ja viel getan seid 2000...

OK, du hast das Thema aufgegriffen:
Natuerlich ist das in Europa komplizierter, aber das Beispiel "Chicago Boys und Lateinamerika" ist fehl am Platze.

Die "Machtzirkel" wurden nie aus der Hand gegeben, die wurden "weitergerreicht".
Chile und Argentinien sind nur die Spitze des Eisberges...

Zum deutschen "exportorientierten Wirtschaftsmodell" gebe ich Dir Recht, wir haben keine Rohstoffe, also muss man sehen, bei wem man sie sich billig abgreifen kann.

tlacuache 19.12.2011 | 15:27

Gabriela Simon
Ich mache nicht gerne solche Anhaenge, aber hier muss es mal sein:
Kannst Du mir erklaeren, wie trotz weltweitem "Medienaufschrei" seid 20 Jahren! immer noch Einheimische umgeschossen werden, im Regenwald, mit Katasteramtsbescheinigung, danach Kinder und Witwen einfach enteignet werden damit sich Holz- und besonders Agrarmultis noch mehr unter den Nagel reissen? Trotz Durban und "Mediengegaggel"? CO2 mässig? Obwohl es alle wissen?
... No Logo halt, der erschossene Indianer ...

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Ehemaliger Nutzer 19.12.2011 | 15:28

@ Gabriela Simon schrieb am 19.12.2011 um 13:29

Dank für Ihren Einstieg in die Diskussion. Ihr Artikel hebt sich heraus, weil er gerade nicht mit den systemimanent produzierten Bildern arbeitet, sondern nach einer nicht ohne weiteres sichtbaren "Strategie" sucht.

>>>aber ich glaube nicht, dass ein "Zirkel" hier eine Strategie formuliert hat.

Vielleicht müssen Sie dann am Begriff "Schock-Strategie" arbeiten. Eine "Strategie" ohne "Ziel" ist ein inhaltsloser Begriff. Ein "Ziel" aber muss formuliert werden. Darauf richtet sich meine Frage: Wer formuliert das "Ziel" und exekutiert die daraus resultierende "Strategie"?

Sie schreiben ja selber im Artikel "Gehen wir einmal probehalber davon aus, dass es sich bei unseren politischen Eliten um intelligente und durchaus fähige Leute handelt, die ihre zahlreichen Experten zu nutzen wissen, um ihre Ziele zu erreichen."

>>>In solchen Verschwörungstheorien bleibt am Ende kein Raum für Gestaltungs- und Veränderungsmöglichkeiten durch soziale Bewegungen.

Oh je, jetzt verwenden Sie selbst das böse "V.." - Wort und entschärfen Ihren Artikel?

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass politische Strategien personalisierbar sind, in Dokumenten fixiert werden und zur Grundlage operativer Entscheidungen gemacht werden. Dass diese Kenntnisse immer erst lange nach dem historischen Ereignis öffentlich werden, ist kein Grund, die Annahme auszuschließen, dass es auch gegenwärtig "Strategien" gibt.

Das Beispiel Eurobonds ist dann keine "Strategie" sondern nur die operative Umsetzung einer "Strategie", die heißen könnte "Führende Wirtschaftsmacht Europa".

Diese Strategie gerät in den Widerspruch zu den Strategien der anderen globalen Akteure, vor allem der USA. Und es gibt Konflikte innerhalb Europas, weil nationale Eliten um ihren Einfluss fürchten müssen. Deshalb begeht ja die nationale Elite Großbritanniens "Verrat" an Europa. Wie "Thinktankgirl" oben zurecht befürchtet, beinhalten "Strategien" immer das Potenzial, dass zu Ihrer Durchsetzung auch das Mittel des Krieges verwendet wird.

Ohne eine genaue Analyse politischer Strategien bleiben am Ende soziale Bewegungen naive Revolten. Andererseits - nach den Erfahrungen mit dem Sozialismus, der eben seine Strategie gegen die des kapitalistischen Systems stellte und daran zugrunde ging, bin ich mir nicht mehr sicher, ob die Kraft sozialer Bewegungen nicht gerade in ihrer Naivität und Unschuld steckt, weil diese sich dem Zynismus einer Strategie verweigern.

Gabriela Simon 19.12.2011 | 15:49

@rapanui

Ihren letzten Satz finde ich beneidenswert schön, hätte ich gerne selbst geschrieben.

Mit "Schockstrategie" bezeichnete Naomi Klein eine Strategie, die den Schock systematisch als Mittel einsetzt, so wie die US-Armee mit ihrer "shock and awe"-Strategie im Irakkrieg. Im Kontext von Schuldenkrisen waren es die IWF-Programme, die Schock-Methoden umsetzten, und darauf bezieht sich der Begriff auch in dem Artikel.

tlacuache 19.12.2011 | 15:56

Gabriela Simon schrieb am 19.12.2011 um 14:30

Ja danke fuer die Aufklaerung ("Die Schockstrategie" (2007))

Zu:
"Machtzirkel" wurden "weitergereicht" ... ???"

Die grosse Preisfrage:
Grossgrundbesitzer schickten auch schon im 19. Jahrhundert ihre Kinder in die besten Schulen, wenn sie was im Grips hatten, die Eltern.
Die Kinder konnten teilweise auch schon
4 Sprachen anno 1850, das war 1970 sogar in der BRD seltenheitswert...
Und dann ab auf die business - school...
Insbesondere in 3. Welt - Ländern.
Das hat gar nichts mit Verschwörungen zu tun.
;-)

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Ehemaliger Nutzer 19.12.2011 | 16:04

Eine Antwort auf :"...aber fast nichts über die Organisation kapitalistischer Macht weiß...."

Nachdem vom Bürgertum die Marktwirtschaft kapitalistisch umgeformt wurde (Karl Polanyi, The Great Transformation), läuft das System fast wie von selbst. Die Akteure (Unternehmer, deren leitende Angestellte sowie Regierungen und Parlamente) sind Treiber und Getriebene, wenn sie sich der kapitalistischen Marktlogik unterwerfen. Unternehmer müssen das, Regierungen und Parlamente nicht.

Kapitalistische Macht ist über das über einhundert Jahr alte Gesetzbuch der Bürgerlichen organisiert (BGB u. HGB), das anachronistischer Weise neben dem Grundgesetz existiert, obwohl es meiner Meinung nach dem Grundgesetz im Grundsatz zuwiderläuft.

Die Unternehmer sind zu 100% organisiert, sie lassen ihre Interessen durch den BDA (Der BDA ist Dachverband für 52 Bundesfachspitzenverbände und 14 Landesvereinigungen mit 600 Unterverbänden), den BDI ( mit 38 Mitgliedsverbänden und weiteren Unterverbänden), den DIHK (mit 80 Industrie- und Handelskammern) und den ZDH (mit 54 Handwerkskammmern und 37 Zentralfachverbänden) vertreten (insges. zusammen ca. 50.000 Mitarbeiter).

Natürlich vertreten die ca. 2 Millionen Einzelunternehmer ihre Interessen auch noch selbst, ebenso wie die ca. 250 Tausend OHG und KG Unternehmer; die ca. 450 Tausend GmbHs und die ca. 7.000 AGs haben dafür ihre angestellten Vorstandsmitglieder, Geschäftsführer und Prokuristen. In allen Unternehmen sorgen zudem Personalleiter und andere Vorgesetzte dafür, dass die Arbeitnehmer im Sinne des Unternehmens denken und handeln.

Dann gibt es die Führungsakademien der Wirtschaft (z.B. Wirtschaftsakademie Bad Harzburg), an denen die Führungskräfte eingenordet werden. Etliche Wirtschaftsforschungsinstitute und Denkfabriken (Think Tanks) runden dann das Bild ab.

All diese Leute sind Meinungsbildner, haben teilweise die gleichen aber auch unterschiedliche Interessen. Deshalb gibt es da keine Verschwörung der Wirtschaft, sondern eine hochorganisierte Phalanx an Unternehmervertretern.

Informelle Treffen wie in Davos, Bilderberger und andere Konferenzen runden dann das Bild ab. Alles ganz offen, sonst könnte man sie wegen Hochverrats angehen.

Das Besitzbürgertum (ca. 100 Milliardäre und ca. 800.000 Vermögensmillionäre, z.B. zu Guttenberg mit 600 Mio. Vermögen) sind schon immer direkt oder indirekt im Parlament und der Regierung vertreten. Über die Unternehmern gehörenden Zeitungen kann man dann auch noch die gewünschten Ergebnisse vorgeben, da reicht es aus, wenn aus dem Kreis der Milliardäre verlautet, dass die Lohnnebenkosten zu hoch seien, und schon springen CDU/CSU-FDP-SPD-Grüne. Bei den Parteien wirken dann noch die Parteispenden.

Es reicht also aus, dass bestimmte Meinungen durch die Öffentlichkeitsarbeit der Unternehmer favorisiert wird. Eine Blaupause für die Umgestaltung Deutschlands schrieben vor 30ig Jahren die Herren Tietmeyer und Lambsdorff www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_de=0079_lam=facsimile==de .

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Ehemaliger Nutzer 19.12.2011 | 16:19

@ tlacuache schrieb am 19.12.2011 um 13:56

>>>Procter Gamble et al hatten schon 1968 den "Globalisierungsplan" ...

Ich habe mir gerade noch mal den alten Michael Porter, Competition in Global Industries (1986, Harvard) angeschaut.

Hier und in den Boards der großen Unternehmen wird man fündig. Hier sind die "Treiber". Die Logik der Finanzmärkte, die Logik des Regierungshandelns aus der Logik global operierender Unternehmen zu erklären wäre ein Ansatzpunkt.

Diese Analyse würde zeigen, wie gering die Gestaltungs- und Veränderungsmöglichkeiten sozialer Bewegungen sind.

tlacuache 19.12.2011 | 16:33

Rapanui schrieb am 19.12.2011 um 15:19
"Diese Analyse würde zeigen, wie gering die Gestaltungs- und Veränderungsmöglichkeiten sozialer Bewegungen sind."

Ja, ich bin hier schon als Zyniker und Schwarzmaler bekannt, manche mögen mich, noch mehr hassen mich...
So bin ich halt :-( ...

P.S.
"Michael Porter, Competition in Global Industries (1986, Harvard)"
kenne ich noch nicht, das hole ich bald nach, danke fuer den Hinweis
;-)

Den kennst du ja Eh...

de.wikipedia.org/wiki/Power_Structure_Research

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Ehemaliger Nutzer 19.12.2011 | 16:45

@ Gabriela Simon schrieb am 19.12.2011 um 14:49

>>>Ihren letzten Satz finde ich beneidenswert schön, hätte ich gerne selbst geschrieben.

Danke. Aber er veranschaulicht auch ein großes Problem - wie sollen Unschuld und Naivität für Milliarden von Menschen das Überleben sichern?

Das geht nur mit Hilfe von komplexen technischen Systemen. Diese bedürfen eines Reglements. Diese Reglements exekutieren aber permanent die Verwertungslogik des Kapitals. Ich sehe nicht, wie die Verwertungslogik des Kapitals von den technischen Systemen abgekoppelt werden kann, ohne eine globale Katastrophe hervorzurufen.

Manchmal befürchte ich, dass erst eine durch das kapitalistische System hervorgerufene noch größere Katastrophe zu einer Transformation führen wird. Aus einem "revolutionären Selbstzweck" darauf hoffen möchte ich aber nicht.

Gabriela Simon 19.12.2011 | 17:10

@ Rapanui schrieb am 19.12.2011 um 15:45

darüber könnte man jetzt endlos diskutieren. Für heute nur noch eine Überlegung: Wir Weltverbesserer müssen vor allem immer aufpassen, dass wir uns nicht maßlos selbst überschätzen. "Für Milliarden von Menschen das Überleben sichern", das kann niemand, es wäre einfach eine Anmaßung, sich so etwas vorzunehmen, auch wenn manche UN-Organisationen immer wieder mit solchen Formeln hantieren. Ist es nicht eher so: Es gibt Milliarden Menschen auf diesem Planeten, die mit ihren Ideen und Fähigkeiten dazu beitragen können, die Probleme auf dieser Welt zu lösen und Neues ins Spiel zu bringen, das wir uns jetzt noch gar nicht vorstellen können. Ist es so betrachtet nicht eindeutig realistischer und hoffnungsvoller?

Herzliche Grüße

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Ehemaliger Nutzer 19.12.2011 | 17:45

@ Gabriela Simon schrieb am 19.12.2011 um 16:10

Als Anschauung haben Sie natürlich recht.

Anmaßend ist meine Bemerkung nicht, denn ich benenne kein Subjekt, welches das Überleben sichert. Ich verweise nur darauf, dass ohne Technik und Organisation nicht so viele Menschen auf der Erde leben können.

Gegenstand meiner Bemerkung ist die mögliche Codierung der Logik des Kapitalismus in der von uns vorgefundenen Technik und Organisation.

Auf den Inhalt Ihres Beitrages angewendet: Einerseits müssen systemimanente Werkzeuge der Finanzmärkte zum Einsatz kommen, um die Krise kurzfristig zu bewältigen, andererseits sind es genau jene Werkzeuge die das System beständig reproduzieren. Deshalb ist es so wichtig, die Strategie zu identifizieren und zu bedenken, ob mit vorerst gleichen Werkzeugen eine andere Strategie überhaupt möglich ist.

Das ist nicht mit Naivität und Unschuld zu machen, sondern nur mit Fachwissen.

debug 19.12.2011 | 23:30

Ja, erschreckenderweise klingt die vorgetragene These plausibler als die ins Groteske hineinspielende Demonstration der Hilflosigkeit, mit der sich die politische Klasse in Europa erklärt. Es ist allerdings unbestreitbar, dass die legislativen Voraussetzungen für die Eskalation der Krise noch kürzlich mit großer Geste von eben derselben politischen Klasse geschaffen wurden, die jetzt genau die notwendig folgenden Entwicklungen zu bekämpfen vorgibt. Oder soll man sich etwa im Ernst den Zustand einfach mit intellektueller Überforderung der Entscheidungsgremien erklären?

Es wird die Frage nach der Motivation aufgeworfen, die solchen politischen Entscheidungsprozessen zugrunde liegt. Die umso komplizierter ist, da eben weder Frau Merkel, noch Herr Schröder oder sonst eine singuläre Person diese Strategie entworfen und allein umgesetzt haben kann, sondern man von einer Interessentengruppe ausgehen muss, die partei- und institutionsübergreifend über unterschiedliche Legislaturperioden hinweg diese Startegie im Konsens mit einem internationalen Trend verfolgt. An dieser Stelle kostet es Mühe, das übelriechenden Fahrwasser der Verschwörungstheorien zu umschiffen.

Geht man also nüchtern mit größtanzunehmenden Pessimismus davon aus, dass der Politiker im Allgemeinen, wie jeder andere Mensch auch, die meiste Zeit an sich selbst denkt und fast ausschließlich von persönlicher Eitelkeit angetrieben ist. Das funktioniert unter der Annahme, dass die Gesellschaft die Eitelkeit des Politikers mit der Anerkennung seiner Leistungen für das Allgemeinwohl befriedigt. Bei Schröder hatte man den Verdacht, dass es spezielle Interessengruppen gab, die seine Eitelkeit besser befriedigen konnten als die Gesellschaft als Ganzes, woraus sich folgerichtig ein gewisses Zuwiderlaufen seiner Politik mit den Interessen der Gesellschaft ergab.

Merkel jedoch wirkt eigentlich klüger. Schließlich haben Kohl und Schröder nun vorgemacht, wie man sich das Ranking in den Geschichtsbüchern versaut und damit das Klassenziel eines Bundeskanzlers verfehlt. Der eine mit unehrenhafter Ehrenwortpolitik und offenbar massiven handwerklichen Fehlern in der Europa-Architektur, und der andere hat hinterher einfach eine Party veranstaltet und das Sozialsystem an seine Freunde verschachert. Frau Merkel wird man danach bewerten, ob sie sich als Sargnagel oder als Verteidigerin der demokratischen Gesellschaft profiliert. Daraus ergibt sich eigentlich ein vitales Interesse für sie, das ihrem Handeln zuwiderläuft, das ist verwirrend.

Dietmar Wiening 20.12.2011 | 08:02

@KarinL
Jetzt versucht man mittels sanfter Inflation die Schulden der Staaten abzutragen. Wurde von Lehmann in Maybrit Illners Talkshow (ZDF) bestätigt

Glauben Sie wirklich den Talkshows? Für mich sind das Werbeveranstaltungen der Herrschenden. ( Früher nannte man wohl so was auch Propaganda) Auch wenn sich ZDF/ARD noch so viel mühe geben. Das in Deutschland so massive in den Medien gegen Länder gehetzt werden konnte und kann, ist schon beschämend. Regelmäßig wurden und werden Ursachen und Wirkung verwechselt? Das war und ist kein Zufall. G

claudia 20.12.2011 | 08:53

>>...andererseits sind es genau jene Werkzeuge die das System beständig reproduzieren.
>>Das ist nicht mit Naivität und Unschuld zu machen, sondern nur mit Fachwissen.
Dabei bleibt aber die Frage offen, ob ein Herrschaftssystem mit dem "Fachwissen", das es selber für den Systemerhalt produziert, überwunden werden kann. Ich denke, mnan kann mit innerhalb eines Machtsystems erworbenem "Wissen" Analysen verbessern, wenn man sich anschliessend ausserhalb der Machthierarchie aufstellt.
Aber die Synthese des Neuen wird wohl nicht mit den alten Mitteln gelingen, denn sie erzeugen immer wieder alte Strukturen.
Deswegen meine ich auch, dass die vielen Köpfe, die ausserhalb Hierarchien stehen, viel erreichen können, wenn sie zum selbständigen Denken benützt werden.

---
Noch ein Gedanke zur "Verschwörung" hinter der kapitalistischen Macht:
Immer wieder laufen Menschen, die in Organisationssystemen denken, ins Leere, wenn sie "die alles beherrschende Organisation" hinter dem einfachen Prinzip suchen, dass Geld die Welt regiert.
Ich frage mich aber, ob man mit der Systemanalyse nicht weiter kommt, wenn man sich "synergetische" Prozesse anschaut: Grosse Kapitalansammlungen, auch wenn sie in ihren "Geschäftsbereichen" konkurrieren, vertreten ein gemeinsames gesellschaftliches Interesse. Das kommt ohne eine formale Organisation zustande. Organisationsstrukturen sind nur Werkzeuge, die dazu dienen, alles menschliche Tun auf das Wachstum des Privatkapitals auszurichten. Sie sind nicht die Macht selber.
So kann man das fruchtlose sich Abarbeiten an austauschbaren Politikern oder Bankmanagern oder formalen Vereinigungen überwinden, meine ich. Im Grunde steckt hinter solchen Personifizierungen noch eine feudalistische Denke, die nicht Kapitalismus angekommen ist.

Ein einfaches Gedankenexperiment soll erläutern, was ich meine:
Wenn ich 100 Mio. € oder $ erbe und einen Anlageberater frage, was ich an Besten damit tun kann, dann werde ich in diesem Moment zum Teil des Menschen ausbeutenden Machtapparates. Ohne einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, auf welche Weise ich die Menschen dazu bringe, für meinen Vorteil zu arbeiten. Es genügt völlig, reich zu sein und seinen Vorteil davon haben zu wollen, um sich im informellen Bündnis mit anderen Besitzern zu befinden.

claudia 20.12.2011 | 09:01

>>Geht man also nüchtern mit größtanzunehmenden Pessimismus davon aus, dass der Politiker im Allgemeinen, wie jeder andere Mensch auch, die meiste Zeit an sich selbst denkt und fast ausschließlich von persönlicher Eitelkeit angetrieben ist.
Nicht anders als Managmentkarrieristen auch, eventuell mit etwas anderer Gewichtung: Hier vorwiegend die materielle Belohnung, dort mehr öffentliche Aufmerksamkeit, dafür die materiellen Belohnungen etwas bescheidener?
Dann wäre es interessant, sich die Belohnungssysteme näher anzuschauen:
Welche Ziele setzen sie?

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Ehemaliger Nutzer 20.12.2011 | 10:57

@ claudia schrieb am 20.12.2011 um 07:53

Dank für Ihre Überlegungen.

>>>Aber die Synthese des Neuen wird wohl nicht mit den alten Mitteln gelingen, denn sie erzeugen immer wieder alte Strukturen.

Als Verallgemeinerung kann ich diesem Satz zustimmen.

In der Praxis hilft er wenig. A) Weil es keine zentrale Stelle gibt, die die alten Mittel abschaffen kann B) weil selbst dann, wenn es diese gäbe nicht einfach z.B. ein Schlachtbetrieb geschlossen werden kann, weil die Tiere darin gequält werden C) weil den Menschen mit dem Gebrauch der Technik, diese Verhaltensweisen zu einer verinnerlichten Figur geworden sind.

Ich stelle mir die Transformation als einen ungeordneten Prozess vor, der jeweils praktische Herausforderungen produziert, die konkret gelöst werden müssen. Der Kapitalismus schafft die Instrumente seiner Ablösung selbst, die Kunst besteht darin, diese zu identifizieren und anzuwenden.

Als ein weitreichendes Beispiel betrachte ich die Auflösung des Eigentumsbegriffes durch die Eigenschaften der Informationsproduktion. Eine Lizenz ist etwas anderes als ein Kauf. Insofern sehe ich in der Politisierung dieser Substanzen z.B. durch die PiratenPartei jene Prozesse einer Entwicklung von technischen Mitteln, die den Rahmen kapitalistischer Verhältnisse erst zersetzen, dann überflüssig und später zerstören werden. Dazu bedarf es natürlich handelnder Personen.

Genauso bedarf es handelnder Personen, die den Rahmen stabilisieren wollen. Ganz so infach wie Sie das darstellen >>>Es genügt völlig, reich zu sein und seinen Vorteil davon haben zu wollen, um sich im informellen Bündnis mit anderen Besitzern zu befinden. ist es nicht. Schon allein deshalb nicht, weil auch diese Besitzer in einem scharfen Konkurrenzkampf miteinander stehen.

Die Personen, die in der Lage sind, eine Strategie zu entwickeln, sind die intelligentesten und leistungsfähigsten Menschen in einem hochentwickelten kapitalistischen Zentrum, das hier "Deutschland" heißt.

Ich halte den Begriff "Verschwörungstheorie" für einen antiaufklärerischen Kampfbegriff derjenigen, die ein aufklärendes spekulatives Denken verhindern wollen. Ich schätze den Artikel von Frau Simon besonders deshalb, weil sie eben nicht den Kinderkram der Nachrichtensendungen und Talkshows reproduziert, sondern versucht eine Strategie, ein Pattern zu identifizieren.

Dazu gehört es, die Personen zu identifizieren, die diese Strategien intendieren, entwickeln und exekutieren. Diese Personen sind öffentlich zu machen. Der rechtliche Weg, ein zugegebenermaßen listiger Weg, wäre es, Veröffentlichungen über jene Personen dem Persönlichkeitsrecht dadurch zu entziehen, dass nachgewiesen wird, dass an diesen Personen ein öffentliches Interesse besteht. Hier müsste Frau Simon konsequent weiter recherchieren.

Dann erscheint jene Praxis, dies nur an den Harlekinen der Gesellschaft zu vollziehen, auch als Strategie - die Herrschenden genau dieser Öffentlichkeit zu entziehen.

Gabriela Simon 20.12.2011 | 14:41

@ debug schrieb am 19.12.2011 um 22:30

" ... man von einer Interessentengruppe ausgehen muss, die partei- und institutionsübergreifend über unterschiedliche Legislaturperioden hinweg diese Startegie im Konsens mit einem internationalen Trend verfolgt."

Ein in diesem Sinne sehr interessanter Text über Trichet und die Politik der EZB findet sich in der aktuellen Ausgabe der le monde diplomatique. Die taz hat ihn vor ein paar Tagen ins Netz gestellt:

www.taz.de/Aus-Le-Monde-diplomatique/!83778/

Sehr lesenswert!

debug 20.12.2011 | 23:46

> Sehr lesenswert!
Allerdings.

> Welche Ziele setzen sie?

Das Belohnungssystem ist demnach gestört, da die dominierenden Entscheider nicht am demokratischen Diskurs mit der Öffentlichkeit interessiert sind. Es treten neuerdings internationale Gremien in den Vordergrund, deren deren Existenz man lange nur unscharf aus den Augenwinkeln geahnt hatte. Deren Vetreter sind nicht im gesellschaftlichen Bewusstsein, sondern im Finanzmarkt verankert. Ein Designfehler im Konzept der Demokratie?

tlacuache 21.12.2011 | 04:31

debug schrieb am 20.12.2011 um 22:46
:-)
"Es treten neuerdings internationale Gremien in den Vordergrund, deren deren Existenz man lange nur unscharf aus den Augenwinkeln geahnt hatte. Deren Vetreter sind nicht im gesellschaftlichen Bewusstsein, sondern im Finanzmarkt verankert. Ein Designfehler im Konzept der Demokratie?"

Ja da rede ich mir da oben die Zunge fusselig,
und dass ist der letzte Satz hier.
Interessant...
Danke Debug

Avatar
Ehemaliger Nutzer 21.12.2011 | 11:28

In dem Artikel lese ich: "Aber von den 78 Milliarden Euro an EZB-Krediten gehen 54 Milliarden direkt an die Gläubiger."

Die Namen der Banker werden genannt, aber wer sind die "Gläubiger"? In der Argumentation wird immer von den "Banken" gesprochen. Das ist gut, aber es sind nur die Verschiebebahnhöfe. An wen geht die die Geldfracht? Es werden Gesellschaften und Fonds aufgezählt - aber das wichtigste Strukturelement der bürgerlichen Gesellschaft ist das Privateigentum. Wem also gehören die Fonds und Gesellschaften?

Die Namen sind von öffentlichem Interesse, deshalb sollte diese permanent öffentlich gemacht werden. Nicht die Gewinne von Gesellschaften sind interessant, sondern die Einkommen der Privatpersonen.

Die "Schockstrategie" von Ihrem Ausgangspunkt - nämlich das persönliche Einkommen dieser Privatpersonen zu steigern - her zu kritisieren, wäre konsequent. Dieses, auch bewusst verkürzend, als eine populäre Argumentation derjenigen von den "faulen Griechen", "den dekadenten H4 Empängern" entgegenzusetzen wäre vollkommen legitim.

tlacuache 21.12.2011 | 11:56

Namen?
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SkyWorks Leasing, LLC
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Weston Capital Management, L.L.C.
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Sidley Austin, L.L.P.

Adamas Partners, L.L.C.
Babson Capital Management, L.L.C.
Cambridge Place Investment Management, L.L.P.
Convexity Capital Management, L.P.
FDO Partners, L.L.C.
Fidelity Investments
Fred C. Church Inc.
Fresco Faux Finishing
FTN Midwest Securities
Highland Capital Partners
IBS Capital Corporation
Kendall Investments, L.L.C.
North Bay Capital Management, L.P.
Nyes Ledge Capital Management
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Old Mutual Asset Management
Pine Cobble Capital
Robeco Boston Partners Asset Management
Sankaty Advisors, L.L.C.
Sirios Capital Management, L.P.
Sonar Capital Management, L.L.C.
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Thomas H. Lee Partners, LP
Tidal Capital Management, L.L.C.
Tudor Investment Corporation
Wellington Management Co., L.L.P.

Apollo Management, L.P.
Arden Asset Management, L.L.C.
Aristeia Capital
Arnhold S. Bleichroeder Advisers, L.L.C.
Arnold and Porter, L.L.P.
Asset Alliance
Auda Advisor Associates, L.L.C.
Avenue Capital Group
Barclays Capital
BlueBay Asset Management, Plc
BlueMountain Capital Mngmt, L.P.
Cantillon Capital Management, L.L.C.
Cantor, Weiss Wurm Asset Management
Capital Z Investment Partners
Capra Asset Management, Inc.
Caxton Associates, L.L.C.
Cerberus Capital Management, L.P.
Clear Asset Management, Inc.
Clearpoint Learning Systems
Copper Arch Capital, L.L.C.
Corbin Capital Partners
D. E. Shaw and Company, L.P.
D.B. Zwirn Co., L.P.
DiMaio Ahmad Capital
Drake Management, L.L.C.
Elliott Associates, L.P.
Eminence Capital
Endeavor Talent Agency
Evercore Partners
Fairfield Greenwich Advisors, L.L.C.
Fortress Investment Group
Fursa Alternative Strategies, L.L.C.
Glenrock Asset Management
GLG Partners
Golden Tree InSite Partners
GoldenTree Asset Management
Gravity Capital Management, L.L.C.
Greenlight Capital, Inc.
Group One Trading, L.P.
GSCP (NJ), L.P.
GSO Capital Partners
Harvest Volatility Management, LLC
HBK Capital Management
HealthCor Management
HFR Asset Management
Highbridge Capital Management
Icahn Co.
Icahn Management, L.P.
IntroPLAY, L.L.C.
J. J. Newport Group, Inc.
JL Advisors, L.L.C.
Kepler Asset Management
Kingdom Ridge Capital, LLC
Kingdon Capital Management, L.L.C.
Knight Capital Group
Knott Partners, L.P.
Magnetar Capital
MAK Capital
Marathon Asset Management, L.L.C.
Maverick Capital, Ltd.
MFP Investors, LLC
Miura Global Partners
Narragansett Asset Management, L.L.C.
North Sea Capital Management
North Shore Asset Management, L.L.C.
Oaktree Capital Management, L.L.C.
Och-Ziff Capital
Octavian Advisors, L.P.
Olympia Capital Management
OpHedge Investment Services
Ospraie Advisors
Ospraie Management LLC
Penson GHCO
Pequot Capital Management, Inc.
Perella Weinberg Partners
Phoenix Partners Group
PixiesDidIt!, Inc.
PV Capital Management
Quest Select Capital Management
RBC Capital Markets
Rosenblum Silverman Sutton NY, Inc.
Royal Capital Management, L.L.C.
SAB Capital Management, L.P.
Sandell Asset Management Corp.
Schottenfeld Qualified Assoc L.P.
Seminole Management Company, Inc.
Sigam Capital Management, LLC
Silver Creek Capital Management, L.L.C.
Sire Management Corporation
Spring Mountain Capital
Steadfast Financial, L.L.C.
Straus Asset Management, L.L.C.
Taconic Capital Advisors, L.P.
Tailwind Capital Partners, L.L.C.
TCS Capital Management, L.L.C.
The Archstone Partnerships
Third Point Management Company
TM Capital Management, Inc.
TPG Capital
Trafelet Company, L.L.C.
Trillium Trading, L.L.C.
Trivium Capital Management
Two Sigma Investments, L.L.C.
Tyndall Management, L.L.P.
Tyndall Management, L.L.P.
Union Bancaire Private Asset Mngmt
Voyager Management, L.L.C.
W. R. Hambrecht Co.
West Side Advisors
York Capital Management

etc. und Pi Pa Po

Gabriela Simon 21.12.2011 | 12:50

@ Rapanui schrieb am 21.12.2011 um 10:28

"wer sind die "Gläubiger"?"

"Wem also gehören die Fonds und Gesellschaften? Die Namen sind von öffentlichem Interesse, deshalb sollte diese permanent öffentlich gemacht werden."

tja, ich fürchte so einfach ist das nicht. Ein großer Teil des Mittelstands hat seine Ersparnisse auch irgendwie in Staatsanleihen angelegt. Fragen Sie mal in Ihrem Umfeld. Die meisten Leute in meinem Bekanntenkreis halten auch Anleihen oder Anteile von entsprechenden Fonds als sicheres Investment.

Eine schöne Geschichte gab es vor etwa 10 Jahren, als Argentinien pleite war und seinen Haircut vorbereitete. Da stellte sich heraus, dass ungefähr 40.000 Deutsche ihr geld in argentinische Anleihen investiert hatten. Dabei viele ganz normale Rentner oder Leute aus der Mittelschicht, die eben mal ein lukratives Investment wagen wollten.

Dazu kommen die diversen privaten Versicherungen, zu denen man aufgrund der "Reformen" der vergangenen Jahre mehr und mehr gezwungen wird - wie etwa Riesterrente, private Rentenversicherungen; hier werden die Beiträge zum großen Teil in Staatsanleihen investiert. Aber auch, wer eine ganz normale Lebensversicherung hat, steckt automatisch in dem Markt mit drin.

Und Staatsanleihen sind dabei noch die harmloseste Variante. Deutsche Versicherungen dürfen einen festgelegten Anteil ihrer Gelder (die sie von den Beitragzahlern bekommen) in Hedgefonds investieren. Und Hedgefonds dürfen bekanntlich so gut wie alles, zum Beispiel auch mit Nahrungsmitteln spekulieren... Durch den Abbau der Solidarsysteme und die zunehmende Privatisierung der Risiken ist ein großer Teil der Gesellschaft längst zum Bestandteil der Finanzmärkte geworden, außer denen, die gar nichts haben.

tlacuache 21.12.2011 | 13:15

Gabriela Simon schrieb am 21.12.2011 um 11:50
"Und Staatsanleihen sind dabei noch die harmloseste Variante. Deutsche Versicherungen dürfen einen festgelegten Anteil ihrer Gelder (die sie von den Beitragzahlern bekommen) in Hedgefonds investieren. Und Hedgefonds dürfen bekanntlich so gut wie alles, zum Beispiel auch mit Nahrungsmitteln spekulieren..."

...
Aus Artikel:
..."So gesehen ist die deutsche Kanzlerin keine „Getriebene“, keine Marionette der Finanzmärkte, sie ist weder schwach noch unfähig oder kopflos. Sie folgt ihrem Kalkül, Rettungsaktionen auf die allerletzte Minute hinauszuzögern"...

"Ihrem" (Merkel) Kalkül? Oder denen der Hedgefonds?...
Viel Spass beim nächsten Geburtstag von Ackermann in Berlin, wenn er noch nicht abgeloest wurde ("Nicht agressiv genug")...

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Ehemaliger Nutzer 21.12.2011 | 13:56

>>>tja, ich fürchte so einfach ist das nicht

Tja dazu gibt es Zeitungen, in denen das bearbeitet wird.

Wenn ich den Diskussionsverlauf verfolge ist einer der wesentliche Gedanken derjenige von "Strategie und Verschwörung". Mir scheint es ganz wichtig der Propaganda von "schwachen, launischen, bewegten Märkten" eine rationale Betrachtung der dort ablaufenden Prozesse und eben "Strategien" entgegenzusetzen.

Sie konzentrieren sich in Ihrem Artikel darauf, die Verlierer der Schocktherapie zu benennen, nennen aber nicht die Gewinner. Gewinner ist nicht nur ein anonymer Machtapparat mit einigen politischen Exponenten, sondern das sind vorallem Privateigentümer.

Diese Privateigentümer sind Ausgangspunkt und Ziel der "Schocktherapie". Die "Mittelständler" sind passive Nutznießer dieser Strategie und die loyale politische Trennschicht zu den Habenichtsen.

Mit der Formulierung "Strategie", stellen Sie sich in Opposition zu denen, die alle zu Opfern der Märkte machen, mit nebulösen Vermutungen den Funktionsmechanismus des Privateigentums vernebeln und die Operationen an Börsen zu Woodoo erkären. Aus dieser Opposition aber folgt, dass wir uns mit den gesellschaftlichen Grundlagen und den Ideologien befassen, die diese Strategien hervorbringen.

lebowski 22.12.2011 | 16:45

"Die Frage ist nur, warum wir uns von ihnen weiter als Geiseln halten lassen. Aber wahrscheinlich hat das mit dem Stockholm-Syndrom zu tun."

Glaub ich nicht! Die Leute kennen keine Alternative zum bestehenden Wirtschaftssystem - das ist das Problem. Das Schlimme ist ja, dass die meisten glauben es handele sich um beim Kapitalismus eine natürliche Wirtschaftsordnung, die nach naturwissenschaftlichen Gesetzen funktioniert.
Man kritisiert zwar den Kapitalismus aber als Alternative dazu fällt einem nur der Staatskapitalismus ein. Aber auch Keynesianismus ist nichts anderes als Kapitalismus. Nachfrageorientierter Kapitalismus ist auch Kapitalismus.
Bei einer Alternative zum Kapitalismus wären die Grundkategorien kapitalistischer Vergsellschaftung außer Kraft gesetzt, als das wären: Markt, Staat, Arbeit, Geld usw..