Schön bunt und böse

Serien TV-Produzent Ryan Murphy hat den popkulturellen Zeitgeist geprägt. In „The Politician“ nimmt er sich die absurden Auswüchse der US-Politik vor
Schön bunt und böse
Demokratie bedeutet, dass der Schulsprecherkandidat supernett zu allen Mitschülern ist: Ben Platt, Zoey Deutch, Kyle Eastman (v.l.n.r.)

Foto: Netflix

Ryan Murphy umtriebig zu nennen, wäre eine Untertreibung. Der amerikanische Creator, Regisseur und Produzent von Hitserien wie Glee über American Horror Story und Feud bis zuletzt Pose prägt mit seinen popkulturellen Phänomenen seit Jahren den Zeitgeist wie kaum ein anderer seiner Kollegen. Nun hat er erneut zugeschlagen und mit der Serie The Politician seinen Kommentar zu den teils absurden Auswüchsen des politischen Systems der USA geliefert.

Murphys erste Produktion für Netflix hat dabei allerdings mehr mit Reese Witherspoons High-School-Satire Election (Alexander Payne, 1999) gemein als mit Aaron Sorkins legendärer White-House-Serie The West Wing (1999 – 2006) – die jedoch beide gegen den schillernden Neuling wie aus einer anderen Ära, fast unschuldig wirken. In The Politician geht es um Payton Hobart (Ben Platt), den Adoptivsohn einer reichen Familie im ewig sonnigen Santa Barbara. Seit seinem siebten Lebensjahr weiß der Schüler, dass er einmal Präsident der USA werden wird – an Ambition und Selbstbewusstsein mangelt es ihm also nicht. Auf dem Werdegang zum mächtigsten Mann der Welt muss er seinen ersten und entscheidenden Wahlkampf gewinnen: die Ernennung zum Schulsprecher, koste es, was es wolle. Schließlich gilt es einen Studienplatz in Harvard zu sichern und keinesfalls darf der Eindruck entstehen, er würde dort nur wegen des Scheckbuchs seiner Familie landen.

Akribisch analysiert Payton die Biografien amerikanischer Staatsoberhäupter, um seine Chancen zu steigern, ihnen eher früher als später zu folgen. Seine Mitschüler für sich einzunehmen, wird so zum strategisch bis ins Detail geplanten Manöver, das aber nicht selten zum Spießrutenlauf ausartet. Dabei ist Payton und seinem Wahlkampfteam so ziemlich jedes Mittel recht. Gegenkandidat ist ausgerechnet sein heimlicher Lover, der allseits beliebte Athlet Ryan, der sich eine nonbinäre Afroamerikanerin als Running Mate auserkoren hat. Payton selbst kontert mit einer vermeintlich krebskranken Mitschülerin. Doch das ist erst der Anfang …

Selbstlos kommt von Loser

Das Setting der High School als gesellschaftlichen Mikrokosmos ist clever gewählt: der Politzirkus als elitärer Kindergarten, in dem die Führungspersonen von morgen als unreife, hochgradig narzisstische Figuren auftreten, die nach Anerkennung und Relevanz lechzen und deren Hauptmotivation nie selbstlos ist, sondern im Grunde ein verzweifelter Schrei nach Liebe. Die Dialoge dieser Satire um Privilegien und Hierarchiegesellschaft sind rasant und auf den Punkt, der Humor bissig und im besten Sinne politisch unkorrekt.

Murphys neuester Streich verbindet dabei das High-School-Bullying-Thema aus Glee und die Campiness von American Horror Story mit politischen Seitenhieben, die die aktuelle Gewichtigkeit der von Murphy produzierten American-Crime-Story-Staffeln um O. J. Simpson und den Mord an Modedesigner Versace annehmen. Stilistisch bleibt Murphy seinem Motto „more is better“ treu: Dekor und Kostüme von The Politician erinnern in ihrer farbenfrohen Detailverliebtheit an Wes Anderson, alles wirkt überlebensgroß und verstärkt so nicht nur den satirischen Tonfall, sondern ist vor allem selbst auf kleinem Display ein Sehvergnügen.

Eine der erstaunlichen Entscheidungen der Serie, die mit Konsequenz durchgehalten wird, liegt darin, dass Payton – die Hauptfigur – in seinem Ehrgeiz und skrupellosen Machtwillen wenig sympathisch ist. Dass dieser Fiesling und Soziopath mit Selbstverständlichkeit schwul ist, bedient dabei weniger Stereotype, sondern ist als Zeichen echter Diversität unbedingt zu begrüßen. Endlich steht ein (vermeintlich) marginalisierter Charakter im Zentrum einer Serie und muss nicht gut, empathisch und ungefährlich sein!

Ein langer Weg, selbst für Überflieger Ryan Murphy, dem 1999 für die Serie Popular noch eine schwule Figur versagt wurde und der zuletzt mit der Voguing-Serie Pose, in der nonbinäre Figuren und Darsteller*innen im Zentrum stehen, Fernsehgeschichte schrieb. Bei The Politician muss er nun auf keine Werbekunden und angebliche Empfindlichkeiten des Mainstreampublikums mehr Rücksicht nehmen. Wer sonst außer Ryan Murphy würde Gwyneth Paltrow herrlich selbstironisch eine Upperclass-Ehefrau spielen lassen, die eine Affäre mit einer von der lesbischen Tennislegende Martina Navratilova gespielten Pferdetrainerin hat? Das Kuriose ist dabei nicht der exzentrische Inhalt an sich, sondern dass dieser inzwischen selbst Mainstream ist.

The Politician ist die erste Produktion des 300 Millionen Dollar schweren Mega-Deals, den Netflix und Murphy für die nächsten fünf Jahre geschlossen haben. Sein Einstand ist entsprechend starbesetzt, mit alten Wegbegleitern wie Jessica Lange und Dylan McDermott sowie namhaften Neuzugängen wie Bette Midler, Judith Light und January Jones. Die Welt der Politik ist dem 53-jährigen Tausendsassa jedoch nicht genug: Parallel startete in den USA die neunte Staffel von American Horror Story, die 1984 angesiedelt ist und sich dem Slasher-Genre widmet. Zahlreiche weitere Projekte sind angekündigt, darunter eine Miniserie über Modezar Halston mit Ewan McGregor, die #MeToo-Serie Consent, eine hochkarätige Neuverfilmung des Theaterklassikers The Boys in the Band sowie mit Hollywood eine Reflexion über Glamour und Schmutz der Traumfabrik. Und auch mit The Politician geht es weiter: Eine zweite Staffel ist bereits bestellt.

06:00 17.10.2019
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