Schön wär’s ja

Die Buchmacher Mohssen Massarrat macht Vorschläge zur Zerschmetterung des Finanzmarktkapitalismus. Ob sie auch taugen?
Schön wär’s ja
In einer postkapitalistischen Welt muss nicht zwingend postapokalyptisches Wetter herrschen

Foto: Doug Kanter/AFP/Getty Images

Mohssen Massarrat hat ein scharfes Buch gegen die Auswüchse des Finanzmarktkapitalismus geschrieben. Das Thema hat einen langen Bart. Aber seine neuartige Perspektive hat auch etwas Erfrischendes. Reform oder Revolution? Seit über 100 Jahren beschäftigen wir uns mit dieser Frage – und doch steht sie noch immer unbeantwortet im Raum. Gibt es diesen gebändigten, gezähmten Kapitalismus überhaupt, den sich die Sozialdemokratie erträumt, oder handelt es sich dabei um ein Oxymoron, wie es dogmatische Kapitalismuskritiker postulieren? „Die Transformation des Kapitalismus bedarf, unter den Bedingungen der bürgerlichen Demokratie, durchaus nicht des Sturzes der Bourgeoisie, sondern revolutionärer Reformen“, schreibt Mohssen Massarrat in dem Buch Braucht die Welt den Finanzsektor? und schlägt sich somit eindeutig auf die Seite des Reformlagers.

Ihm schwebt die „Zerschlagung des Finanzkapitals“ vor, um wieder zu gleichgewichtigen Verhältnissen – wie wir sie in der Epoche der Nachkriegszeit, das heißt im keynesianischen Zeitalter, schon einmal hatten – zurückzukehren und etwaige, aus der Logik des Finanzmarktkapitalismus resultierende Weltbrände zu verhindern. Das 20. Jahrhundert steht Modell für die diesem System inhärenten Gefahren, und „angesichts der nuklearen Vernichtungskapazitäten vermag man sich nicht vorzustellen, wohin eine neue finanzmarktkapitalistische Katastrophe führen würde“. Insofern gibt einem Massarrat die Legitimation für sein Anliegen gleich mit auf den Weg. Es geht um alles!

Aber bringt uns dieses Buch deswegen automatisch substanziell weiter? Wussten wir nicht bereits, dass der Finanzsektor ein „unproduktiver parasitärer Sektor“ ist? Massarrat versucht, den Fokus auf einen Terminus in der Kapitalismuskritik zu lenken, der sonst oft unterbelichtet bleibt: Macht. Der Autor begreift die kontemporäre Malaise als „Ergebnis der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse, die sich seit einigen Dekaden zugunsten der Kapitalseite verschoben haben“. Es geht ihm also weniger um den Kapitalismus an sich als um die Rahmenbedingungen, unter denen er stattfindet. Gramsci hat die Debatte mit dem Begriff der Hegemonie befeuert, jetzt versucht Massarrat den Begriff der Macht zu reaktivieren. Im Westen nichts Neues? So einfach sollte man es sich nicht machen.

Der emeritierte Professor für Politik und Wirtschaft zählt nicht stur alle destruktiven Folgen der neoliberalen Agenda – Massenarbeitslosigkeit, niedrige Lohnquote, hohe Staatsverschuldung, ungleiche Einkommensentwicklung und so weiter – auf, um dann stehen zu bleiben; er macht konkrete Vorschläge zur Zerschmetterung des Finanzmarktkapitalismus, wie eine radikale Verkürzung der Arbeitszeit, und reibt seine Thesen an den Theorien arrivierter Kapitalismuskritiker. Am Ende des Buches entwirft er gar die Grundpfeiler einer postkapitalistischen Gesellschaftsordnung, die sich vieler effizienter und wünschenswerter Elemente des Kapitalismus bedient, ohne aber die lächerlich ungleichen Machtverhältnisse dieses Systems zu übernehmen. Alles höchst spekulativ, aber nicht uninteressant.

Wer eine ganzheitliche Theorie des neoliberalen Finanzmarktkapitalismus erwartet, wird womöglich enttäuscht. Wer aber eine Neuinterpretation historischer und zeitgenössischer Kritiker sowie Kapitalismusformationen lesen und dabei eine neuartige Perspektive auf das große Ganze einnehmen möchte, ist bei Mohssen Massarrat richtig.

Info

Braucht die Welt den Finanzsektor? Postkapitalistische Perspektiven Mohssen Massarrat VSA 2017, 304 S., 24,80 €

06:00 26.02.2018

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