Schöne Tatorte

Metropolen-Krimis Tel Aviv, Istanbul, Athen: Das klingt nach aufregenden Schauplätzen – und viel Konfliktpotenzial

Die Journalistin Katharina Höftmann zeigt uns ihre Wahlheimat Tel Aviv. Vor zwei Jahren zog die 28-Jährige zu ihrem israelischen Freund, in diese Stadt, die so anders ist als die biblischen Orte der Region. Tel Aviv wurde nicht um einen Tempel gebaut, sondern schmiegt sich sanft entlang eines weiten Strandes, an dem schwule Beaus ihre Körper präsentieren, Kinder unbekümmert Drachen steigen lassen und Männer wie Frauen auch am Sabbat bei einem Cocktail das Diesseits diskutieren.

Rassismus im Alltag

Doch Tel Aviv ist keine Insel des Friedens. Nur eine Autostunde entfernt liegen die Grenzbefestigungen entlang der Westbank oder des Gaza-Streifens. Sie sollen die palästinensischen Flüchtlinge davon abhalten, in ihre Häuser im alten Tel Aviver Stadtteil Jaffa zurückzukehren. Der permanente Ausnahmezustand an dieser Grenze zweier Kulturen hat den Kommissar in Die letzte Sünde, Assaf Rosenthal, geprägt. Nach seiner Armeezeit wird er mit seinem ersten Fall im dekadenten Big Apple Israels beauftragt. Die Autorin folgt ihm auf seinen Ermittlungen durch die quirlige Metropole und ihre ethnischen Mikrokosmen. Die schöne ukrainische Prostituierte Marina ist ermordet worden und der Verdacht fällt auf Moses, einen jungen afrikanischen Flüchtling und Juden, der das Pech hatte, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein und der dazu auch noch die falsche Hautfarbe besitzt.

Höftmann gelingt es, den in Israel verbreiteten Rassismus unprätentiös anzugehen. Sie tut das, ohne mit dem Moralfinger darauf zu zeigen. Trotzdem kommt man dem sympathischen Kommissar mit seinen liberal-zionistischen Ansichten und den gelegentlichen One-Night-Stands nicht wirklich nahe, obwohl sich Höftmann so eng an seine Fersen heftet, dass sie auf Wechsel der Erzählperspektive völlig verzichtet. Auch die Story will nicht recht abheben. Der Kommissar befragt in einer Aneinanderreihung mittelmäßiger Dialoge Dutzende Verdächtige, kommt dabei viel herum und hat irgendwann den Täter überführt.

Globalisierungsthriller

Wolfgang Kaes seziert in Das Gesetz der Gier den globalisierten Kapitalismus. Das führt ihn nach Istanbul. In Kellerfabriken am Bosporus sterben schlecht bezahlte Arbeiter an Staublunge – für sandbestrahlte Designerjeans, die ihren Trägern in Westeuropa viel Geld wert sind. Der Arzt Kilicaslan, der auf einmal Dutzende dieser Fälle in seiner Praxis behandeln muss, kann den vom Tod gezeichneten nur noch Morphium für die letzten quälenden Stunden verschreiben. Der Brief einer jungen Frau, die auf diese Weise ihren Verlobten verloren hat, führt ihn auf seinen Recherchen nach Anatolien und schließlich an den Rhein.

In Köln sucht Privatdetektiv David Manthey einen frisch pensionierten Buchhalter, der auf einmal vom Erdboden verschwunden ist. Und dann sind da noch die Aktionen militanter Globalisierungsgegner, die übers Internet medienwirksame Proteste gegen ein alteingesessenes Bekleidungsunternehmen organisieren. Am Ende überrascht Kaes den Leser mit der rheinischen Lösung. Einigen zu langen Passagen bei Kaes merkt man die aufklärerische Absicht des gelernten Journalisten an. Das macht den Globalisierungsthriller plausibel, zum Beispiel in den authentischen Dialogen; so wie die Story ja auf einer wahren Geschichte basiert – das Sandstrahl-Verfahren für den Used-Look von Jeans ist in der Türkei heute gesetzlich verboten.

Griechenland am Limit

Das gebeutelte Athen ist Vorlage für Kai Hensels Das Perseus-Protokoll. Hensel zeichnet darin das düstere Bild einer Gesellschaft im Auflösungsprozess.

Maria Brecht hastet durch die Straßen, verfolgt von einer ominösen Organisation. Die Heldin wider Willen ist völlig perplex angesichts des Strudels der Ereignisse, in den sie innerhalb von 72 Stunden hineingezogen wird. Durch ihre Augen sehen wir kein modernes Stadtpanorama, stattdessen collagenhafte Momentaufnahmen von bettelnden Kindern, Edelboutiquen mit Flip-Flops für 500 Euro, brennende Barrikaden vor der Akropolis und chinesische Touristen mit Kameras, die wie Schiedsrichter zwischen den Akteuren stehen.

Die Rostocker Studentin wollte in Griechenland einfach nur Urlaub machen. In der glühenden Mittagshitze strampelt sie mit dem Fahrrad auf einen Berg, wie das wohl nur eine verrückte Deutsche macht. Auf einmal steht dieser Mann mit dem Metallkoffer vor ihr, hinter dem alle her sind. An eine zufällige Begegnung glaubt in dem Land, in dem derzeit die Verschwörungstheorien Konjunktur haben, weder die Polizei noch die andere Seite, und so wird die Deutsche Teil eines großen Spiels.

Kai Hensel spinnt die Griechenland-Krise dramaturgisch intelligent zu Ende. Und zwar nicht aus der uns vertrauten Perspektive der vermeintlichen Zahlmeister, sondern aus Sicht der wirklich Betroffenen. Angesichts einer hilflos agierenden Regierung schmiedet ein Kreis scheinbar aufrechter Patrioten einen raffinierten Plan für einen Staatsstreich, ähnlich dem der Obristen von 1967. Es ist ein Szenario, das wohl kaum weniger plausibel klingt als der von der EU-Troika seit Jahren beschworene Aufschwung – nach dem Würgegriff durch das Spardiktat.

Die letzte Sünde Katharina Höftmann Aufbau 2012, 287 S., 9,99 €

Das Gesetz der Gier Wolfgang Kaes C. Bertelsmann 2012, 320 S., 19,99 €

Das Perseus-Protokoll Kai Hensel Frankfurter Verlagsanstalt 2012, 316 S., 19,90 €

Udo Bünnagel hatte in seinem Sabbath-Jahr viel Zeit zum Lesen und Reisen

15:00 22.11.2012
Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

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