Schöner aussterben mit nachhaltigem Palmöl

Klimakrise Die halbe Erde unter Naturschutz zu stellen, Wälder aufzuforsten und Öko-Siegel zu verleihen – all das klingt erstmal wie eine gute Idee. Die Journalistin Kathrin Hartmann weiß, wo daran der Haken ist
Schöner aussterben mit nachhaltigem Palmöl
Zwei Drittel der Säugetiere, Vögel, Fische, Amphibien und Reptilien sind in den vergangenen 50 Jahren verschwunden

Illustration der Freitag; Material: Biodiversity Heritage Library

In nichts steht der Verlust der Artenvielfalt dem drohenden Klimakollaps nach. Dass über diese Krise nicht so viel gesprochen wird, mag daran liegen, dass das Fassungsvermögen für Krisenwahrnehmung bereits vollends ausgefüllt wird – aber die Folgen dieser Krise sind leider ebenso gravierend. Unsere Luft, unser Trinkwasser, unsere Gesundheit und die Erzeugung unserer Lebensmittel sind unmittelbar von einer intakten Natur abhängig. Doch sind nur noch drei Prozent der globalen Ökosysteme intakt. Mehr als zwei Drittel der Säugetiere, Vögel, Fische, Amphibien und Reptilien sind in den vergangenen 50 Jahren verschwunden. Von den heute bekannten acht Millionen Tier- und Pflanzenarten, die die Erde bevölkern, ist eine Million vom Aussterben bedroht.

Die Krise der Artenvielfalt und die Klimakrise verschärfen sich gegenseitig. Und sie haben noch etwas gemeinsam: Alle Wege, die bislang eingeschlagen wurden, um sie aufzuhalten, sind krachend gescheitert.

Gerade ist in der chinesischen Stadt Kunming die 15. Konferenz der Vereinten Nationen zur biologischen Vielfalt zu Ende gegangen. Auf mehr als nebulöse Absichtserklärungen haben sich die knapp 200 Vertragsstaaten nicht einigen können. Zwar wird im kommenden Frühjahr am selben Ort ein Rahmenabkommen zum Schutz der Artenvielfalt verabschiedet werden. Doch dieses wird weniger verbindlich sein als das Pariser Klimaschutzabkommen von 2015. Und so hat es das internationale Übereinkommen über biologische Vielfalt, die Convention on Biological Diversity (CBD), in den vergangenen 28 Jahren nicht geschafft, ihrem Anspruch gerecht zu werden. Die 1993 in Kraft getretene CBD wollte bis 2010 „den Verlust der biologischen Vielfalt signifikant verlangsamen“, erreichte dieses Ziel aber nicht. 2010 wurden in Japan die sogenannten Aichi-Ziele verabschiedet. Kein einziges dieser 20 Ziele zum Biodiversitätsschutz wurde wie vereinbart bis 2020 erreicht, mehr als die Hälfte wurde deutlich verfehlt. Auch die EU-Biodiversitätsziele 2020 sind gescheitert.

Zertifiziert kaputtmachen

All das ist nicht nur eine Folge davon, dass zu wenig oder nichts getan wird. Die Maßnahmen selbst sind das Problem: Sie sind darauf ausgerichtet, das System, das zur Zerstörung von Natur und Klima führt, zu erhalten. Dazu zählen etwa die privatwirtschaftlichen Zertifizierungssysteme für zerstörerische Rohstoffe. Mittlerweile gibt es für alle wald- und naturzerstörenden Rohstoffe wie Palmöl, Soja, Holz, Kakao und Kaffee, aber auch für Wild- und Zuchtfische sowie für Fleisch Nachhaltigkeitssiegel. Wenn große Konzerne, die besonders großen Schaden anrichten, dazu gebracht werden könnten, freiwillig bestimmte Umweltstandards einzuhalten, könnte die Zerstörung eingedämmt werden – das ist die Idee hinter der Zertifizierung.

Nach gut 30 Jahren ihrer Erprobung lässt sich sagen: Sie ist gescheitert. Das belegt die Studie „Destruction: Certified“, die Greenpeace im März vorlegte. Die NGO untersuchte darin neun große Zertifizierungssysteme, darunter den Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl, den Runden Tisch für verantwortungsbewusstes Soja und das Forest Stewardship Council. Keines dieser Systeme konnte den Verlust von Biodiversität aufhalten oder auch nur eindämmen. Nicht nur, weil die Standards zu schwach sind und zu schlecht kontrolliert – sondern weil keine einzige Initiative zum Ziel hat, den Verbrauch dieser landwirtschaftlichen Produkte zu reduzieren. Im Gegenteil setzen sie ausschließlich darauf, die Nachfrage nach zertifizierter Ware zu erhöhen. Konzerne, die auf krisensicheren Zugang zu steigenden Mengen dieser Rohstoffe angewiesen sind, sind Mitglieder dieser Initiativen – und darüber hinaus bilden sie auch die Mehrheit in den verantwortlichen Gremien.

So hat etwa der Runde Tisch für nachhaltiges Palmöl 1.934 Vollmitglieder. Darunter sind 973 Konsumgüter- und Handelsunternehmen, 887 Palmölfirmen und 15 Banken – aber nur 50 NGOs. Im Vorstand sitzen Manager von Wilmar International oder Golden Agri-Resources, Firmen, denen NGOs seit Jahren illegale Abholzung, Umweltzerstörung, Waldbrände und Menschenrechtsverletzungen vorwerfen. Sanktionen gibt es in solchen Initiativen so gut wie keine – man bestraft sich ja nicht selbst. So ist es nicht überraschend, dass der Runde Tisch für nachhaltiges Palmöl (RSPO) in den 17 Jahren seit seiner Gründung die Zerstörung von Regenwald für Palmöl-Plantagen nicht eindämmen konnte. Diese hat laut Global Forest Watch seit der RSPO-Gründung im Gegenteil weiter zugenommen und lag 2015 mit 753.000 Hektar zerstörter Waldfläche ein Viertel höher als 2004.

Es mag absurd klingen, aber auch Klimaschutzmechanismen können den Verlust von Biodiversität beschleunigen. Zum Beispiel die sogenannten negativen Emissionen. Das sind Technologien, die der Atmosphäre CO₂ entziehen sollen, etwa durch Aufforstung oder Geo-Engineering. Der 1,5-Grad-Report des Weltklimarats (IPCC) zählt negative Emissionen zu den Instrumenten gegen die Klimakrise. Dazu zählt das Speichern von CO₂ mittels gigantischer Monokulturen zur Gewinnung von Bioenergie. Werden die Pflanzen dann verbrannt, sollen die Treibhausgase unterirdisch gespeichert werden. Drei von vier Modellpfaden im IPCC-Report enthalten dieses Instrument. Das ist höchst umstritten: Um das Paris-Ziel einzuhalten, müssten auf einem Drittel des weltweiten Ackerlandes Energiepflanzen wachsen. Phil Williamson von der University of East Anglia ist überzeugt, dass ein großflächiger Einsatz dieser Technologie mehr Arten zum Aussterben bringen würde als ein Temperaturanstieg von 2,8 Grad. Ähnlich problematisch sind große Aufforstungsprogramme zur Kompensation von CO₂.

Zu den größten globalen Programmen dieser Sparte gehört die Bonn Challenge, die 2011 von der Weltnaturschutzunion (IUCN), der Bundesregierung und der Global Partnership on Forest and Landscape Restoration initiiert wurde. 350 Millionen Hektar – eine Fläche von der Größe Deutschlands – will die Initiative mit Bäumen bepflanzen. 2019 belegte eine Studie des Londoner University College und der University of Edinburgh, dass beinahe die Hälfte der degradierten Flächen, die die teilnehmenden Länder wieder aufforsten wollen, mit industriellen Monokulturen bepflanzt werden sollen. Etwa mit Eukalyptus-Plantagen, die die Böden extrem austrocknen und so nicht nur Biodiversität schädigen, sondern die Gefahr von Waldbränden erhöhen.

Menschenleer, aber ölfördernd

Der verheerendste Plan jedoch ist das 30 x 30-Ziel. Die Idee, 30 Prozent der Erdoberfläche bis 2030 unter Schutz zu stellen, findet großen Anklang. Große Naturschutzorganisationen, Biolog*innen und zoologische Gesellschaften fordern sogar, die Hälfte des Planeten zum Schutzgebiet zu machen. Insbesondere Deutschland und die EU setzen sich dafür ein, dass dieses Ziel im Post-2020-Rahmenwerk bei der Konferenz für biologische Vielfalt im kommenden Frühjahr verankert wird.

Doch mehr als 200 Indigenen- und Menschenrechtsorganisationen protestierten in einem offenen Brief gegen dieses Ziel. Sie warnen davor, dass damit mindestens 300 Millionen Menschen im Namen des Naturschutzes ihre Heimat und ihre Lebensgrundlage verlieren könnten. Laut der NGO Survival International sind 80 Prozent der biologisch vielfältigsten Gebiete der Erde gleichzeitig die Heimat indigener Gemeinschaften. Sie sind nun nicht mehr nur durch Landraub für Bergbau und Plantagen gefährdet, sondern auch durch geplante Schutzgebiete.

Nationalparkflüchtling werden

Die Einrichtung von menschenleeren, abgeriegelten Nationalparks hat seit der Kolonialzeit mindestens 130 Millionen Indigene weltweit zu Naturschutzflüchtlingen gemacht. Mehr als 70 Prozent solcher Parks in tropischen Regionen sind unbewohnt. Indigene, Wald- und Kleinbäuer*innen wurden „umgesiedelt“, oder es wird ihnen nur noch eingeschränkt erlaubt, ihr Land als Lebensgrundlage zu nutzen, wenn es – meist ohne ihre Zustimmung – zum Schutzgebiet erklärt wurde. Ein solcher Festungsnaturschutz, unterstützt von großen Naturschutzorganisationen wie WWF, Conservation International, Wildlife Conservation Society oder Birdlife International, dominiert bis heute.

Die britische Rainforest Foundation hat zusammen mit der Universität Helsinki 34 solcher Schutzgebiete in fünf afrikanischen Ländern im Kongobecken untersucht, an deren Einrichtung unter anderem der WWF und die Wildlife Conservation Society beteiligt sind. In 26 davon wurden bäuerliche und indigene Gemeinschaften teilweise oder komplett umgesiedelt. In 20 gab es Konflikte zwischen Parkrangern und der lokalen Bevölkerung. In nur zwölf Arealen waren die Menschen überhaupt konsultiert worden, und in nur vier waren sie in Entscheidungen eingebunden.

Und: Der Festungsnaturschutz verletzt nicht nur Menschenrechte, sondern zerstört auch Artenvielfalt. Laut der Studie „Parks need peoples“ hat sich der Zustand der meisten Nationalparks seit ihrer Gründung verschlechtert. Eine kanadische Studie belegt, dass in Gebieten, die in Australien und Kanada von indigenen Gruppen bewirtschaftet werden, mehr Wirbeltierarten als in Naturschutzgebieten leben, darunter auch mehr bedrohte Arten.

„Schutzgebiet“ bedeutet zudem nicht unbedingt Naturschutz: In zwei Drittel der untersuchten Schutzgebiete im Kongobecken gibt es Bergbaukonzessionen, in 39 Prozent gibt es Ölkonzessionen, mehrere haben Abholzungskonzessionen direkt an der Grenze. „Während viele Naturschützer dazu neigen, die lokale Bevölkerung als die größte unmittelbare Bedrohung für die Schutzgebiete wahrzunehmen, zeigt unsere Studie, dass potenziell viel schädlichere Interessen in Form von groß angelegten extraktiven Industrien weitgehend toleriert und gefördert werden“, resümieren die Autor*innen der Rainforest Foundation.

Das alles ist nicht weit weg, sondern betrifft ganz direkt unsere alltäglichen Lebensgrundlagen. Die Europäische Union importiert 36 Prozent aller landwirtschaftlichen und tierischen Waren aus globaler Waldzerstörung, darunter Palmöl, Soja, Kautschuk und Rindfleisch. Diesen Raubbau an der Natur, den wir durch die aktuelle Organisierung unserer täglichen Ernährung mittragen, soll das 30 x 30-Ziel nicht etwa beenden – sondern lediglich ausgleichen. Gleichzeitig soll auf diese Weise der Nachschub an diesen Rohstoffen gesichert werden. Es ist ein Vorgeschmack auf die Verteilungskämpfe von morgen.

Beim Erhalt der Artenvielfalt geht es nicht darum, hübsche Vögel, bunte Schmetterlinge und duftende Blumen zu retten. Es geht nicht um eine tropische Postkartenidylle, in der wir Urlaub von unserem städtischen Leben nehmen wollen. Seit 1990 wurden Wälder auf einer Fläche, fast zehn Mal so groß wie Deutschland, vernichtet. 60 Prozent der Ozeane sind aus dem Gleichgewicht. Ein Viertel der Landfläche ist degradiert und kann nicht oder nur noch schlecht genutzt werden. Fast die Hälfte der Insekten der Erde ist gefährdet oder vom Untergang bedroht. Sie bestäuben fast 90 Prozent aller Blüten – und drei Viertel der wichtigen Nutzpflanzen.

Beim Erhalt der Artenvielfalt geht es um Rohstoffe und Wirtschaftsentwicklung, um Lebensweisen und ökologische Kreisläufe. Es geht ums Ganze.

Kathrin Hartmann hat für Greenpeace Zentral- und Osteuropa die Analyse „Verraten und verkauft. Naturzerstörung durch Greenwashing unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit“ erstellt und darin Scheinlösungen für den Artenschutz untersucht

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06:00 09.11.2021

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