Schon Gaga

Porträt Thomas Hanisch fängt gerade erst als Modedesigner an, hat aber bereits seinen Kindheitstraum erfüllt: ein Kleid für Lady Gaga. Jetzt träumt er von New York
Lennart Laberenz | Ausgabe 14/2015 2
Schon Gaga
Thomas Hanisch: „Ich war der glücklichste Mann auf Facebook“

Foto: Jennifer Osborne für der Freitag

Es führt ein Weg aus Bad Salzungen nach New York, das ist eine erste Erkenntnis. Und zwar zu Lady Gaga, das ist eine erste Überraschung. Bad Salzungen in Thüringen hat knapp über 15.000 Einwohner und, wie Meyers Konversations-Lexikon schon in der 4. Auflage (1885 – 1892) wusste, „seit tausend Jahren bekannte Solquellen“. Lady Gaga ist eine Popfigur aus New York mit einem Twitter-Account. 44,4 Millionen Menschen folgen Einträgen, die vielleicht von ihr, vielleicht von ihrem PR-Stab stammen. Von Lady Gaga kannte Thomas Hanisch aus Bad Salzungen zuerst die Musik. Und mochte sie. Ob Lady Gaga wiederum Thomas Hanisch kennt, ist unklar, gesehen haben sie sich nie. Hanisch war auch noch nie in New York. Aber er ist bis nach Berlin gekommen. Hier entwirft und näht er Frauenmode. Lady Gaga hat schon zwei Mäntel von ihm getragen (und ein durchsichtiges Kleid) und wurde mit den Stücken fotografiert. Manche hiesige Medien haben sehr aufgeregt darüber berichtet: „Lady Gaga trägt wieder Berlin“, schrieb Bild.

Hanisch, Sohn einer Krankenschwester und eines Vaters, der, laut Sohn, „in einer Metallfirma“ arbeitet, wollte eigentlich Zahnarzt werden. Oder Architekt. Dann sagte ihm eine Freundin, er solle es doch mal mit Mode probieren. Also probierte er es mit Mode – und orientierte sich dabei an den Outfits von Gaga, denn auch die Aufmachung des Popstars mochte er. „Ich habe ja mal gesagt, dass ich für Gaga Mode entwerfen will, und jetzt, vier Jahre später, ist das so.“ Er lächelt in sich hinein. Hanisch, schwarze Wollmütze, weiches Gesicht, harter Metallring in der Nasenscheidewand, sagt oft Sätze, in denen ein „ja“ vorkommt. Und das „ja“ verrät womöglich etwas.

300 Euro Miete für die Stange

Hanisch ist überraschend groß, über 1,85 Meter. Überraschend ist das deshalb, weil er auf Fotos kleiner wirkt, meist von unten in die Linse schaut. Seine Arme hat er mit Tätowierungen verziert, links wallt das lange Haar einer Frau, eine Schlange oder ein Drache wallt auch, es gibt einen Flitzebogen und viele Schattierungen. Der rechte Arm ist übersät mit schlichten Hieroglyphen, schraffurlosen Bildern. Schaut man von rechts nach links, könnten es Symbole für ganz unterschiedliche Etappen seines Lebens sein. Stimmt aber nicht, Griechen und Ägypter mochte er früher wie heute: „Die links habe ich mir vor einem Jahr machen lassen, die rechts „ja“ erst vor ein paar Wochen.“ Mittlerweile hat Hanisch seine Entwürfe auf der Berliner Fashion Week gezeigt, und Spuren in seiner Sprache, wie das ja, zeigen: Er sitzt Journalisten nun durchaus öfter mal gegenüber. In gewisser Weise ist er eine öffentliche Person, wenigstens ein bisschen.

Wir sitzen im „Bikinihaus“, einem Einkaufszentrum, das 2014 im früheren „Zentrum am Zoo“ im Berliner Westen eröffnet wurde. Ein 50er-Jahre-Komplex, der jetzt „Concept Mall“ heißt – worunter man sich Folgendes vorstellen muss: Unten gibt es einen Supermarkt und die üblichen Ketten, die städtisch-sportliche Mode billig in Ländern wie Bangladesch und Vietnam herstellen lassen. Und es gibt auch ein paar kleinere Pop-up-Stores unter Holzbalken. Dort kann man zum Beispiel ökologische Handcremes kaufen.

Eine Etage höher befindet sich ein sehr ausgewählter Möbelladen, so ausgewählt, dass eine Frau mit ausgefahrenem Arm auf dessen Schaufenster zustürzt und ihrer Familie zuruft: „Des isch de Ihms!“ Ihr Gesicht leuchtet aus dem hohen Kragen ihrer Trekkingjacke, sie hat den berühmten Lounge Chair von Charles und Ray Eames erkannt. Weiter hinten gibt es zwei Läden, die LNFA heißen, das steht für Life Networking for Fashion & Art. In einem dieser Läden mietet Thomas Hanisch für monatlich 300 Euro eine Stange, auf der er seine Mode anbietet. Der Atelierplatz nebenan kostet extra.

„In ihrer Banalität ist die Mode ein geheimnisvolles Phänomen“, schreibt die italienische Soziologin Elena Esposito. In ihrem Buch Die Verbindlichkeit des Vorübergehenden (Suhrkamp 2004) untersucht sie Mode als eine für die moderne Gesellschaft wichtige Semantik, als ein Prinzip von Formen in der Kommunikation oder sogar eine Art der Kommunikation selbst. Roland Barthes, französischer Philosoph, identifizierte in der Kleiderordnung ein Geflecht aus „Schutz, Scham und Schmuck“. Wer was wie anhat: Das ist immer auch eine Selbstbeschreibung des Trägers.

Mode ist ein paradoxer Prozess – und die beiden Paradoxien, die einen Bogen zwischen Hanisch und Gaga spannen, lassen sich so zusammenfassen: Mit der Kleidung, die mehr oder minder industriell hergestellt ist, trifft ein massenhaftes Formenprinzip auf den Willen nach Individuation, auf den Wunsch nach Einzigartigkeit beim Träger. „Das Individuum“, stellt Esposito fest, „macht er was die anderen machen, um anders zu sein.“ Das Spiel zwischen Original und Kopie verschränkt sich mit einem Streben nach Distinktion, und die Suche nach Originalität produziert ständig neue Formen und Trends. Das ist Thomas Hanischs wie auch Lady Gagas Geschäft.

Eine stagnierende Branche

Der Mode- und Textilsektor in Deutschland hat sich in den vergangenen 20 Jahren extrem gewandelt. Hiesige Produktionsstätten wurden geschlossen, die Arbeit in Niedriglohnländer verlagert. In Berlin ist „Fashion“ jedoch ein wichtiger Teil der Kreativindustrie. Seit dem Jahr 2000 stieg die Zahl der Modeunternehmer um knapp 30 Prozent, im Gegensatz zu stagnierenden Zahlen in anderen deutschen Groß-städten. 3.670 Firmen rund um Mode haben 2010 rund zwei Milliarden Euro und damit ein Zehntel der Umsätze der Kulturindustrie insgesamt ausgemacht.

Der Sektor zählt knapp 20.000 Beschäftigte, etwas mehr als die Hälfte davon sozialversicherungspflichtig. Eine wachsende Besucherzahl zur Fashion Week tut ihr Übriges. Mittlerweile gibt es in der Stadt zwischen 600 und 800 Jungdesigner. Laut Branchenbeobachter The Business of Fashion haben die Aus-bildungsstätten allerdings „kein oder nur geringes Prestige“. Als zuletzt die wichtigste Branchenmesse Bread & Butter mangels Ausstellern eingestellt wurde, verriet der Markt eine erste Sättigung. Bei technischen, also funktionalen Textilien haben deutsche Firmen dagegen weltweit mit 45 Prozent einen Marktanteil.

Gaga ist geboren und aufgewachsen als Stefani Germanotta in Manhattans reicher Upper West Side. Früh und noch recht pummelig versuchte sie, über kleine Bühnenauftritte und Reality-TV-Sendungen berühmt zu werden. Als Lady Gaga gelang ihr schließlich der Durchbruch mit einer Platte, die The Fame heißt. Auf den linken Innenarm ließ sie sich ein Fragment eines Briefs von Rainer Maria Rilke tätowieren. Wie auch immer es um die Rilke-Lektüre bei ihren größtenteils sehr jungen Fans bestellt ist: Entscheidend ist, dass Menschen, die den 16. Geburtstag noch nicht erreicht haben, Lady Gaga weniger als Musikerin identifizieren, sondern vielmehr als Trägerin bizzarer Outfits.

Thomas Hanisch erklärt seine Entwicklung nach Berlin locker und in groben Strichen, es klingt bruchlos. Und Lady Gaga ist immer dabei. Mit 18 fertigte er Zeichnungen im Gaga-Stil, mit 19 wurde er auf der Esmod-Fachhochschule für Mode angenommen. Dort schweifte Hanischs Blick zum Designer Alexander McQueen, er verehrt ihn. Hanisch beschäftigte sich auch mit den exzentrischen Entwürfen von Gareth Pugh, von dem er mehr über skulpturale Formensprache lernte und dessen düstere Rauheit ihn anzog. Hanisch wollte eigentlich vor allem „experimentelle Avantgarde“ machen, „Skulpturen zum Anziehen“.

An der Esmod musste er zunächst einmal lernen, „unter Druck“ zu arbeiten, wie er sagt. Es kostete ihn Mühe, Vorgaben der Dozenten umzusetzen, damit umzugehen, dass Ideen auch mal unter die Räder kamen. Zur eigenen Kleiderstange im Bikinihaus führte dann etwas, das recht wenig mit Kunst und Skulptur zu tun hat. Hanisch musste lernen, alltagstaugliche Mode zu entwickeln. Er erzählt von einer Dozentin, die ihm sagte: „Du bist zu dumm für tragbare Sachen, du denkst zu kompliziert.“ Auch dieser Satz klingt wieder paradox, und er schrammt hart am Eigenlob vorbei. Die Dozentin meinte es selbstverständlich nett. Sie brachte Hanisch bei zu trennen, zwischen „tragbarer Kunst“ und dem, was sich verkauft.

Also musste er sich von manchen Ideen verabschieden, auch von der, seine Diplomkollektion ganz in Schwarz zu halten. „Hat es schon 500 Mal gegeben.“ Wenn man sich seine Abschlussmodelle anschaut, kann man die Verwandtschaft zu Pugh sehen, auch die Perspektive auf Gaga: gepolsterte Schultern, Gesichtsfeldverschlüsse, wulstige Formen, dunkle Farben.

Der Stylist als Machtfaktor

Der Weg einer Jacke zur Popfigur führt über Stylisten, und die raten Lady Gaga bisweilen zu Buckeln, Hörnern, Auswüchsen und Verschränkungen aus Oberteilen, Brillen, Haaren. Es wirkt so, als ob Stefani Germanottas Kunstbegriff (ihre Musik ist stumpfer und kindgerechter Mainstream) vor allem in ihrer Kleidung Ausdruck sucht. Damit das auch so bleibt, beschäftigt ihr Management eine Assistentin, die zum Beispiel Kunsthochschulen nach Abschlussmodellen „abklappert“, wie Hanisch es nennt. Um Teile zu finden, die sonst garantiert (noch) niemand trägt. Bei einer solchen Abklappertour fand die Assistentin Hanisch, die Nachricht an ihn kam über Facebook.

Mode ist eigentlich ein harmloser, ein nett wirkender Betrieb. Aber auch ein ungnädiger und brutaler. Vor zwei Jahren stürzte eine Textilfabrik in Bangladesch ein. 1.129 Tote, eine der größten Katastrophen der Industriegeschichte. Ein paar Wochen später saßen Studenten um einen Tisch in der New York University, auf dem Tisch Garn, Wolle und Stoffreste. Sustainable fashion war das Thema, nachhaltige Mode. Ein junger Ecuadorianer nähte rote Tropfen auf ein Label von Zara, eine junge Frau versuchte, innerhalb eines Tages für jeden Toten einen Punkt auf ein T-Shirt zu sticken. Eine US-Amerikanerin, die Guatemala besucht hatte, hielt eine Stunde lang einen Vortrag: Sie hatte Namen von Frauen, die von Militärs vergewaltigt worden waren, auf ein Hemd drucken lassen. So protestieren Designer. Das Hemd sollte eine Öffentlichkeit für den Gerichtsprozess gegen die Vergewaltiger schaffen. Und die Studentin war vollkommen überwältigt, denn Lady Gaga hatte das Hemd angezogen und war damit irgendwo langgegangen. Dabei wurde sie fotografiert. Daraufhin konnte sich die Studentin vor Anrufen kaum noch retten.

Hanisch kennt Geschichten wie diese. Und er würde gern in New York mitspielen. Die Anfrage aus dem Gaga-Management hat ihn zunächst komplett überrascht. „Ich habe dann Stücke nach New York geschickt und die ganze Sache vergessen“, erzählt er, „auch aus Selbstschutz.“ Er hatte Probleme mit dem formalen Englisch des Verschwiegenheitsvertrags, dann passierte erst einmal lange nichts. Ein Dreivierteljahr später schickte die Assistentin dann aber zwei Bilder aus New York: Lady Gaga in Hanischs Kreationen. „HAPPIEST MAN NOW!“, jubelte Hanisch auf seiner Facebook-Seite. Ein erster, vielleicht ein entscheidender Schritt. Tatsächlich kamen Agenturen und Fotografen auf ihn zu und wollten seine Modelle fotografieren. Noch immer bekommt er jetzt Anfragen für seine Diplomkollektion, auch wenn diese bald zwei Jahre alt ist und damit uralt nach den Maßstäben der Modebranche.

Im Moment ist also ziemlich klar, wer von wem profitiert, Thomas Hanisch von Lady Gaga. Er sagt: „Hinter mir steht ja der Wille, zu zeigen, was man mit Mode machen kann.“ Eine Kollektion für die nächste Fashion Week in Berlin will er angehen – wenn er dort wieder angenommen wird. Beim letzten Mal, nach den „Gaga trägt wieder Berlin“-Schlagzeilen gewann er einen gesponserten Platz.

Fragt man den 24-Jährigen nach dem Politischen in der Mode, nach Upcycling, nach der Rolle des Konsums, zuckt er unsicher mit den Schultern: „Das interessiert mich nicht so sehr, da bin ich ehrlich.“ Rebellion, Widerstand, Schwierigkeiten? Jemand wie er, sagt er, habe es vielleicht etwas schwerer gehabt. „Meine Sachen ecken ja an.“ Damit meint er vermutlich, dass die schwäbische Eames-Entdeckerin im Bikinihaus wohl kein Hanisch-Teil von seiner bescheidenen Stange kaufen wird. Überhaupt klagt er über den Mangel an Unterstützung. Aus Thüringen und Bad Salzungen komme zum Beispiel gar nichts. Dabei mache er doch Werbung für die Stadt, auch jetzt wieder, im Gespräch mit dem Freitag. Die Tatsache, dass Lady Gaga nun schon zum dritten Mal etwas von ihm trug, nimmt er indes als klare Bestätigung: „Das habe ich mir erarbeitet.“

Michael Michalsky, Karl Lagerfeld, Harald Glööckler, Wolfgang Joop: Ist es ein schwieriger Job, als deutscher Modedesigner sein Glück auf dem Weltmarkt zu versuchen? Ja, mit experimenteller Avantgarde-Couture sei es tatsächlich schwierig. Berlin betrachte er nur als Zwischenstation auf dem langen, langen Weg von Bad Salzungen nach – na, wohin schon?

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06:00 13.05.2015

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