Schön reden bringt Quote

Medientagebuch »Alle Spiele, alle Tore« zieht nicht unbedingt Begeisterung nach sich. Ein nostalgischer Rückblick

Sonnabend, 18 Uhr in den Siebzigern - zuvor selber Ball und Sieg nachgejagt und jetzt: frisch geduschte Erwartung. Die Sportschau startet im Ersten. Die Spannung steigt. Zuerst die erbärmlichen Bundesligaspiele, Zumutungen für Fußballfans, verbannt in eine Grafik. Dazu kurz verlesene Erläuterungen, keine Bilder. Zu schlecht, um mit einem Bericht geadelt zu werden. Dann die besseren Spiele, das Highlight meist am Ende. »Entscheidend ist auf´m Platz«, lautete auch die Maxime der Sportschau-Macher. Viel Spiel, wenig Drumherum. Viel zu kostbar war die knappe Sendezeit von einer Stunde.

Erinnerungen der Sorte »Früher war alles besser« sind wunderbar, sie lassen einen die Realität besser ertragen. Die hört für Fußballfans auf den Namen Ran, und allein die Vorstellung, dass es diese Sendung schon immer gegeben haben könnte, lässt einen depressiv werden. Die gute alte Sportschau wirkt deshalb psychisch noch immer stabilisierend, auch wenn sie längst in der Mottenkiste der Fernsehgeschichte ruht. Sie hat das Versprechen hinterlassen, dass Information wichtiger sein kann als PR und Entertainment, dass ein schlechtes Spiel ein schlechtes Spiel bleibt, dass den Schönrednern eines Tages wieder das Maul gestopft wird. Schon der Titel war Programm: Es gab Bundesligafußball satt zu schauen.

Seit dem Sündenfall stetig explodierender Fernsehgelder ist damit Schluss und Sat 1 hat mit Ran dafür den so passenden wie entlarvenden Titel gefunden. Moderatoren sind heute Talkmaster, Reporter vor Ort imitieren den Tonfall von Boulevard-Magazinen wie Explosiv. Sie schmeißen sich ran an die Bundesliga und ihre Stars, reißen alle Distanz ein. Die Bundesliga ist ein Markenprodukt, so sehen es ihre Manager. Ran liefert dazu kostenlos die PR und bezahlt dafür 80 Millionen Euro pro Saison für die Übertragungsrechte. »Graubrot« liefere die Liga zurzeit Spieltag für Spieltag ab, merkte Michael Palme am Sonnabend im Aktuellen Sportstudio an. Die Leistung müsse endlich wieder das Niveau der Preise erreichen, schrieb er nicht nur dem Dortmunder Manager Michael Meier ins Stammbuch. Der hatte das müde, sterbenslangweilige Spitzenspiel gegen Bayern München in der Pause als Klassepartie verkaufen wollen.

Die Zuschauer im Sportstudio applaudierten Palme, der mit seiner sachlichen Art inmitten der heutigen Dampfplauderer wie ein Dinosaurier wirkt. Dass einer zum Nachdenken anregt, ist auch im Zweiten eine Rarität geworden. Moderator Michael Steinbrecher packt seine Interviewgäste lieber in Watte ein. Manager Rainer Calmund vom Krisenclub aus Leverkusen durfte eine volkstümliche Plattitüde an die andere reihen, bejubelt vom Publikum. Die Spieler müssten endlich »Gas geben« und nach dem Spiel so fertig sein, dass sie »unter dem Sauerstoffzelt« verweilen. Mehr fiel ihm nicht ein zum Absturz vom Championsleague-Finalisten zum Abstiegskandidaten. Doch was erschütternder wirkte: Steinbrecher auch nicht. Im Gegenteil würdigte er ungefragt des Managers Verdienste, womit er einen weiteren Meilenstein in journalistischer Unterwürfigkeit setzte.

Doch womöglich ist die Sicht der Dinge längst überholt. Nachhaken, streiten, die Probleme benennen? Da geht doch die gute Laune verloren. Einer wie Steinbrecher sucht nach den besten Steilpässen für seine Gäste, die zuerst immer Menschen sind, gute und verdienstvolle, mit nur ein ganz bisschen Eigenanteil in die Krise geschliddert. Darin ist er sich mit Talkmaster Welke von Ran einig. Der erteilte am Sonnabend Bernd Hollerbach, dem in die Schlagzeilen geratenen Meistertreter vom HSV, die Absolution. Im anschließenden Spielbericht wurde die Story vom Unschuldslamm bebildert. Fingerspitzengefühl wurde dem Schiedsrichter attestiert, weil er Hollerbach nach der zweiten derben Attacke nicht Gelb-Rot zeigte. Die Botschaft: Wir reinigen die heile Fußballwelt wieder, wenn andere Medien unser Nest beschmutzen. Schließlich haben wir dafür bezahlt.

Das Sportstudio unterscheidet sich von Ran jedoch noch immer durch die Art der Spielberichte. Hier wird weniger Begeisterung simuliert, sondern versucht, mit der nötigen Distanz zu berichten. Sicher haben sie beim Sportstudio aufgrund des späteren Sendeplatzes mehr Zeit für ihre Kommentare, doch ist vor allem der Stil ein anderer. Zu hören ist das bei Moderatoren wie Jörg Dahlmann, die den Sender gewechselt haben. Früher im Sportstudio ein kluger Beobachter, wirkt Dahlmann heute bei Ran wie auf Drogen. Aus jeder banalen Geste wird ein Ereignis, aus jeder halben Torchance ein Aufreger mit dreifacher Zeitlupe. Es ist dieser Unterschied in den Reportagen, der einen hoffen lässt, dass die Sportschau wieder in den Rechtepoker einsteigt.

Zwar wird noch heftig dementiert aus den Reihen der ARD-Intendanten, dennoch spricht einiges für einen Wechsel. Sat 1 will ab der neuen Saison nur noch die Hälfte berappen. Bei schwindenden Werbeerlösen lassen sich 80 Millionen nicht mehr refinanzieren. Die ARD hat hingegen bereits freiwillig und erstmals 6,5 Millionen Euro für die Radiokonferenz zur neuen Saison angezahlt, sicher nicht ohne Hintergedanken. Vermarkter Infront mit Günter Netzer, der ja nebenbei für die ARD Länderspiele moderiert, verfügt zudem über die Rechte für die Fußball-WM 2006 in Deutschland. Letztere will die ARD unbedingt kaufen, da spricht einiges für eine Paketlösung.

Wird also alles wieder gut für die Fans vor den Bildschirmen? Wohl kaum. »Alle Spiele, alle Tore«, das Motto für den totalen Fußball gilt auch weiterhin. Einmal aus der Mottenkiste gezogen wird sich wahrscheinlich schnell zeigen, dass der Lack ab ist, auch bei der Sportschau. Denn die ARD hat in den letzten Jahren bei Länderspielen und im Europacup gezeigt, dass sie Sat 1 noch locker überholen kann in der Präsentation von Nettigkeiten. Und doch: Das Versprechen von Information ist nie völlig zu Grabe getragen worden. Es wird sicher neu eingekleidet werden, zeitgemäß, optisch opulent. Doch könnte die Sportschau uns wirklich wieder zeigen, dass der Fußball noch immer ein Spiel ist mit hohem Schauwert und nicht nur ein Produkt? Begeistert vom Gesehenen rannten wir als Kinder in den Siebzigern in den Garten und spielten die tollsten Szenen noch einmal nach. Kann einen die Bundesliga heute noch vor dem Fernseher ähnlich mitreißen? Warten wir das mögliche Revival ab.

00:00 25.04.2003

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