Schöne Aussichten

Torsbyer Abende Kolumne

Strände und Boote liegen ungenutzt, wie zur Zierde einer Sommeridyllen-Idee. Der Camper von Torsby hievt sich schon lange nicht mehr aus seinem Klappstuhl, um ins Wasser zu gehen oder ein Boot zu besteigen. Er löst Kreuzworträtsel, hat den Zeigefinger zwischen den Blättern eines Schwedenkrimis und richtet den Stuhl nach der Sonne. Die Oberfläche des Fryken-Sees schimmert metallen, eine trägere Masse als Wasser. Endlose Nadelwälder dann, von Birken durchwirkt, Bildtapete. Nahe dem Ufer stechen gelbe Knospen vom Grund her ans Licht. Wolken türmen sich auf. Man schneidet ein Bild aus. Einen Wolkenelch. Der zerfasert, verliert sich. Tag für Tag verschiebt man die Pläne für die Weiterreise auf Morgen.

Mann, Frau, zwei Kinder mit Lageplan treten auf. Ein Blick zur Sonne, einer zum See. Er deutet hier -, sie dorthin. Nummernschilder werden gemustert. Landsleute? Will man das? Wenn die einem bloß nicht die schöne Aussicht verbauen. Er ist zu jugendlich angezogen, sie etwas zu früh ergraut. Ein Lehrerehepaar vielleicht. Enttäuschte Grün-Wähler. Die Kinder mittleren Alters. Der wirklich letzte gemeinsame Urlaub. Der heranrollende Caravan. Freiburg im Breisgau. Passt zu der Skizze. Sie richten ihr Plätzchen ein. Neben schwedischen Dauercampern, die niedrigen Lattenzaun und Geranientöpfchen drapiert haben. Rechts davon mein Revier. Glück gehabt. Weiterhin freie Sicht auf den Fryken.

Ein Spaziergang ins Hinterland war ausreichend, mich ganz nach dem See auszurichten: Verfallene Häuser, ein Autofriedhof, eine aufgegebene Autowerkstatt, pinkfarbene Amischlitten, die die natürlicherweise Wasserstoffblonden hier lieben. Dort herrscht eine Stimmung wie im Schwedenkrimi, die ich ohnehin seit Tagen einsauge. (Ich mache mir jetzt doch die Mühe den Klappstuhl von Freiburgern etwas abzuwenden und neu gegen die Abendsonne auszurichten.) Die Dämmerung zieht sich hin. Wildgänse schwingen sich kreischend von Torsby her übers Wasser. So muss es auch Selma Lagerlöf von ihrem ein paar Kilometer entfernten Elternhaus in Mårbacka aus gesehen haben. Da verschickte sie den 14-jährigen Taugenichts Nils Holgersson auf die Reise durchs Land und kassierte schließlich den Nobelpreis.

Vielleicht ist die schöne Aussicht tatsächlich nur aufgeklebtes Papier. Und irgendwo steht ein Tonband mit den Geräuschen. Da war doch eben ein Röhren. Ein Elch? Es sind Motorräder auf der B45. Später biegen sie auf den Campingplatz ein. Biker in schwarzem Leder mit ihren Bräuten. Bier. Joints. Lautes Gelächter. Nachts röhrt es aus einem der Zelte, die die Biker aufgestellt haben. An Sex zu denken war hier bisher irgendwie falsch. Aber jetzt, wo es die Biker die halbe Nacht treiben, bin ich angestachelt davon.

Am nächsten Tag lasse ich mich von einem Jungen mit blonden Locken zu einem Halbtages-Aschenbach machen. Ich verliere meinen Tadzio nicht aus den Augen, stehe sogar vom Klappstuhl auf, um ihn in sicherem Abstand verschämt zu verfolgen. Ohne Aussicht darauf, auch nur ein Wort mit dem Knaben zu wechseln, springe ich schließlich gegen Mittag ins Wasser. Das Untertauchen ist schmerzhaft, als zöge die Kälte das aufgeheizte Fleisch von den Knochen. Dafür habe ich jetzt wieder die Ruhe, im Klappstuhl zu sitzen. Den Schwedenkrimi im Schoß, den Zeigefinger zwischen den Blättern.

Abends rücken Alt und Jung aus dem Hinterland an. Im Cafe des Campingplatzes haben die Blue Boys Banjo und Schlagzeug und Bass ausgepackt. Texanische Schnulzen hallen über den See. Alt und Jung sitzen an Tischen, nicken mit den Köpfen träge im Takt. Das Quietschen der Harmoniker fegt über den Platz. Lange braucht es, ehe sich die schweren Körper zum Tanzen erheben. Erst muss das Freiburger Ehepaar denen übertrieben was vortanzen. Aber so recht was los geht da nicht. Da können die falschen Texaner noch so sehr juchzen. Gegen Mitternacht werde ich wütend über den Lärm, verfluche Texas, träume in dieser Nacht zum ersten Mal schlecht. Von einem aufgeblähten George Bush, der mir den Blick auf die schöne Aussicht verstellt.

Aber am nächsten Morgen rauscht sprühfeiner Regen aufs Zeltdach. Das Gleichmaß ist fast wie kein Ton. Die Geranienampeln der Nachbarn baumeln sachte im Wind. Am Fryken-See steht zum ersten Mal ein einzelnes Boot. Ein Mann mit seiner Angel. Stunden sitzt er in dem Regen so da. Ich, geschützt unter dem Vordach des Zelts, schaue stundenlang hinaus zu dem Mann, genieße die etwas veränderte Aussicht. Der Regen verzaubert sie noch mehr. Ein eigener Geranientopf wäre schön. Zur Zierde meines zufriedenen Daseins. Und, sollten die Texaner hier wieder erscheinen und mir wieder George Bush und den Rest der Welt in Erinnerung rufen, um den Topf nach ihnen zu werfen.

00:00 09.09.2005

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