Schöne Bestie

Theater des Anderen Die Socìetas Raffaello Sanzio gastierte mit Célines "Reise ans Ende der Nacht" in Berlin

Junge Soldaten des Ersten Weltkrieges, die im Lauf über ein Feld abgeschossen werden; Pornographieaufnahmen der Jahrhundertwende mit grotesk kopulierenden Körpern und dicken Frauen, die ihr Fleisch kneten und in die Kamera lachen; afrikanische Eingeborene, die bedrohlich stampfend tanzen und nichts Exotisches mehr an sich haben, sondern nur noch entgrenzte, wild gewordene Stücke Finsternis sind. Der Krieg, das Bordell, Afrika - das sind einige der Stationen des Protagonisten Bardamu aus Célines Roman Voyage au bout de la nuit - Reise ans Ende der Nacht in der Inszenierung der Gruppe Socìetas Raffaello Sanzio.
Die Szenen entblößen etwas jenseits des idealistischen, zivilisierten Menschenbildes, die finstere, verdrängte Seite der widersprüchlichen Existenz des Menschen. Genau das ist es, was die seit über 20 Jahren bestehende italienische Theatergruppe Socìetas Raffaello Sanzio in ihren Aufführungen immer wieder zum Thema macht. Seit den späten achtziger Jahren gehört sie zu einer der wichtigsten und impulsgebenden Theatergruppen - nicht nur im "nuovo teatro" in Italien, sondern auch in der europäischen Kunst- und Theaterszene. Bekannt geworden ist die Gruppe durch ihre bildgewaltigen Inszenierungen klassisch-antiker Stoffe, die surrealen Alpträumen glichen, Schreckensbildern von Menschen und Maschinen, unterlegt mit verstörenden Klangräumen. Nach Hamlet (1996), Julius Cäsar (1998) und Genesis (1999) war nun Die Reise ans Ende der Nacht, ebenfalls von 1999, im Berliner Hebbel Theater zu sehen.
In diesem "theatralem Konzert" erzählt die Gruppe von der Odyssee des Bardamu, der - vom ersten Weltkrieg traumatisiert - durch die Schrecken der Moderne stolpert. Kranke, gebrechliche, abgemagerte und versehrte Körper sind auf der Bühne zu sehen, die etwas über die Zurichtungen der Moderne erzählen. Die Stimmen der Erzähler(innen) wollen berichten, geraten aber immer wieder ins Stottern und Wanken.
Anders als bei den früheren Inszenierungen der Gruppe ist das Bühnenbild hier zunächst ernüchternd: kalt, rational und zweckmäßig. An der linken Seite eine Art Musik-Mischpult, in der Mitte ein großer Tisch, an dem vier Frauen sitzen. Sie sind schlicht gekleidet, ungeschminkt und wechseln sich mit den Erzählpassagen ab. Sie schreien, flüstern, stöhnen und zischen die Wörter in das Mikrofon, und wenn eine gerade nicht dran ist, putzt sie sich die Nase oder schaut gelangweilt in die Luft. Die Botschaft ist klar: Das hier ist kein Theater. Hier ist nichts gespielt! Keiner tut so, als ob er irgend jemand anderes wäre. Dazu hämmert immer wieder ein quälend lauter Klangteppich, vergleichbar mit einem Konzert der Einstürzenden Neubauten, auf den Zuschauer ein. An der Wand hängen zwei riesige weiße Vollmonde, auf die Filmaufnahmen projiziert werden. Die Aufnahmen wiederholen sich in bestimmten Rhythmen, so als könne das Gezeigte nur dann wirklich aufgenommen werden, wenn es sich wieder und wieder vor den Augen der Zuschauer abspielt. Der Mensch als schöne und hässliche Bestie, die Erde als unwirtlicher, brutaler Ort; der Mantel der Zivilisation, hauchdünn; die bürgerliche, humane Gesellschaft - ein idealistischer Traum der Romantik, der in der Moderne keinen Platz hat.
Dabei spielt in der Inszenierung die Narrativität und damit auch die Zeit als lineare Abfolge menschlicher Erlebnisse eine untergeordnete Rolle. Im Zusammenspiel der Bilder und der Stimmen herrscht vielmehr eine erschreckende Gleichzeitigkeit und Redundanz des Unsagbaren vor. Bardamu wird von vier Schauspielerinnen im Wechsel gesprochen, geflüstert, geschrien und gestammelt. Diese Auflösung von Identität und Geschlecht des Charakters oder der Rolle wird gern als ein Merkmal von postmodernen Theater verstanden. Aber die Reise ans Ende der Nacht kommt ohne Dekonstruktion im herkömmlichen Sinn aus. Die Gruppe versucht vielmehr, an Artaud angelehnt, ein reines Theater zu kreieren. Kein Theater der Logik, der Narrativität, der "Story" und der Charaktere. Es ist, wie schon in ihren früheren Inszenierungen, kein Theater, das ihren Figuren bei einer "Entwicklung" zuschaut, sondern ein Theater der Präsenz, der (Alp-)Träume, der Schrecken, ein Theater des Anderen, dessen, was in der bürgerlichen, aufgeklärten Gesellschaft sonst gerne ausgeklammert wird.
In der Ausdifferenzierung der Medien behält das Theater so seine ureigensten Wurzeln zurück. Die Arbeiten der Gruppe Socìetas Raffaello Sanzio beantworten damit die Frage, was übrig bleibt vom Theater in Zeiten von Computerspielen, Fernsehen und Kino. Sehr viel.

00:00 03.05.2002

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