Schöne Landschaften, schlimme Zeiten

Kusturica, Krieg und Klamotte Neue Spielfilme aus dem ehemaligen Jugoslawien

Von den Bergen nahe des westserbischen Mokra Gora aus kann man über die Grenze zur Serbischen Republik weit ins Gebiet Bosnien-Herzegowinas gucken. Hier oben hat Emir Kusturica in den letzten Jahren ein Refugium nach dem Vorbild eines traditionellen serbischen Dorfes aufgebaut, für das er vor kurzem in Brüssel den renommierten Philippe Rotthier-Preis für europäische Architektur erhielt. Der Regisseur, der vor kurzem zum serbisch-orthodoxen Glauben übergetreten ist und sich nach einem mittelalterlichen serbischen König auf den Namen Nemanja Kusturica taufen ließ, gehört zu den schillerndsten Figuren der südosteuropäischen Filmszene. Seine folkloristisch inspirierten Grotesken prägen noch immer die internationale Wahrnehmung einer ganzen Region. Mit der umstrittenen Haltung, dass die Bosniaken im Grunde Serben seien, die vor 250 Jahren den muslimischen Glauben lediglich angenommen hätten, um die türkische Besatzung zu überleben, gerät er in gefährliche Nähe zu denjenigen Historikern, die Geschichte zur Legitimation eines ethnisch fundierten Nationalismus benutzen.

Auf der anderen Seite der Serbischen Republik hat sich das Filmfestival Sarajevo zum bedeutendsten filmkulturellen Treffpunkt im ehemaligen Jugoslawien entwickelt. Der Wettbewerb zeigt Filme aus der gesamten Region, auf dem filmwirtschaftlichen Symposium Cinelink wurden Projekte aus Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Serbien gepitcht. Die Regisseure, die hier ihre Filme vorstellten, können mit rückwärtsgewandten Geschichtsbildern wenig anfangen. Gleichwohl sind ihre Arbeiten von den Kriegen in ihrer Heimat und deren Folgen geprägt. Das Spiel mit ethnischen Klischees ist Bestandteil des künstlerischen Handwerkszeugs, mit denen man die Auseinandersetzung mit der jüngeren Vergangenheit betreibt. Mit Kusturica haben viele dieser Regisseure zwei Sachen gemeinsam: die Vorliebe für absurde Situationen und den Gang in die Provinz. Hier treten kritikwürdige gesellschaftliche Gewissheiten genauso wie liebenswürdige Schrulligkeiten radikaler zu Tage als in den großen Städten. Der Diskurs über den gesellschaftlichen Ist-Zustand wird durchaus metaphorisch zwischen karstigen Bergen und offenen Ebenen geführt - Landschaften, die sich zudem auch filmisch wunderbar in Szene setzen lassen.

So erzählt der bosnisch-herzegowinische Regisseur Ahmed Imamovic in Go West die Geschichte über den Serben Milan und den Bosniaken Kenan, ein schwules Pärchen, das kurz nach Kriegsbeginn aus Sarajevo in ein Dorf in der Serbischen Republik flüchtet. Imamovics tragikomischer Genremix, der sich auf dem schmalen Grat zwischen schriller Komödie, treffsicherer Ironie und Gefühlskino bewegt, lebt von der Entgrenzung ethnischer und sexueller Klischees. Damit die Serben nicht überprüfen können, ob Kenan beschnitten ist, wird er als Frau verkleidet und heißt fortan Milena, die nun zwar nicht mehr als Moslem erkannt werden kann, aber die Rolle einer serbischen Hausfrau in der Provinz zu spielen hat. Kenan alias Milena wird von einer nymphomanischen Nachbarin in sexuell aufgeladene Frauengespräche gezogen und erlebt schließlich eines der ersten heterosexuellen Coming Outs in der Filmgeschichte. Imamovic, der 2002 für 10 Minuten mit dem Preis der Europäischen Filmakademie für den besten Kurzfilm ausgezeichnet wurde, verbindet Parodie mit epischer Inszenierung, in der eine verlassene Tagebaugrube die Kulisse für einen Gegenwartswestern gibt, der schließlich in einer zwischenmenschlichen Apokalypse endet.

Der kroatische Sorry for Kung Fu spielt zwischen den ausgetrockneten Feldern und karstigen Steinlandschaften an der Grenze zur Herzegowina, in der die vereinzelt stehenden Häuser aussehen, als wären sie dort hingewürfelt worden und an den steilen Felswänden hängen geblieben. Ognjen Svilicic beschreibt das Schicksal einer jungen Frau, die schwanger aus dem deutschen Exil zurückkehrt. Als sich herausstellt, dass das lang erwartete Kind asiatische Gesichtszüge trägt, wird die Heimkehrerin so lange gemieden, bis sie sich entschließt, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Svilicic erzählt seine Geschichte über Xenophobie und die menschliche Schwäche, andersartige Realitäten nicht anerkennen zu können, mit einer lakonischem Leichtigkeit, die ihm beim filmbegeisterten Publikum in Sarajevo einen fast 15-minütigen Applaus einbrachte.

Auch in dem von der Jury unter Vorsitz des serbischen Schauspielers Miki Manojlovic (Underground) mit einer besonderen Erwähnung ausgezeichneten The Kukum, als dessen Produktionsland "UNMI Kosovo" angegeben wurde, spielt die Landschaft eine wesentliche Rolle. Mit dem durch die Bombardierung Serbiens erzwungenen Abzug der jugoslawischen Armee im Jahre 1999 verlassen auch die Aufseher einer Nervenheilanstalt den Kosovo. Die Insassen kommen frei, müssen aber schon bald realisieren, dass sie weiterhin zu den Außenseitern der Gesellschaft gehören. Der kosovo-albanische Regisseur Isa Qosja realisierte 1988 mit Wächter des Nebels den letzten Film, der in den staatlichen Filmstudios in Prishtina entstand. Die Präsentation des Films, der den damaligen serbischen Rassismus gegenüber den Albanern im Kosovo thematisiert, wurde von den jugoslawischen Behörden zunächst verboten. In The Kukum beschreibt Qosja 17 Jahre später die Toleranzunfähigkeit einer Gesellschaft, die mit der neu gewonnenen Freiheit nicht umgehen kann. Die sanft geschwungenen, dann aber wieder abrupt in steinigen Abhängen endenden Weiten des Kosovo boten die Möglichkeit, die Parabel mit eindrucksvollen Totalen zu illustrieren. Dabei gelingt es Qosja, den mitunter überbordenden Symbolismus durch ironische Momente zu zähmen, etwa, wenn in dem abgelegenen Dorf, in dem die Protagonisten Unterschlupf finden, ein Sonnenbrillenverkäufer auftaucht und allen Dorfbewohnern modische Designer-Sonnenbrillen andreht.

Die serbischen Spielfilmregisseure messen ihr Land mit zweierlei Maß. Während Filme wie Kusturicas Das Leben ist ein Wunder oder Srdjan Dragojevics zweiteiliger Box Office-Hit We are not angels mal als Provinzgroteske, mal als ekstatische Pop-Komödie ein hippes Serbien-Image transportieren, das inzwischen auch Eingang in die Hochglanzbroschüren des staatlichen Tourismus-Verbandes gefunden hat, erinnern Arbeiten wie Srdjan Koljevics Red Coloured Grey Truck daran, dass jenseits der jugendlichen Attitüde etwas im Argen liegt. Red Coloured Grey Truck entwickelt als schnörkellos erzähltes Roadmovie durch das Bosnien am Vorabend des Krieges eine romantische Liebesgeschichte zwischen einem Lastwagenfahrer aus der Provinz und einer Belgrader Anhalterin, deren in langen Abenden ausgehandelte Träume am Ende mit einem Panzerschuss zerstört werden.

Der Gewinner des diesjährigen kroatischen Filmfestivals in Pula dagegen bietet dem Publikum vergleichsweise spartanische Gesellschaftsmetaphorik. Tomislav Radics What Ivica Recorded on October 21st, 2003 zeigt den Ablauf eines ganz normalen Geburtstagsfestes, an deren Ende der kleine Familienverband der Implosion wieder ein Stück näher gerückt ist. Mit ihrer neuen Kamera filmt Ivica ihren 15. Geburtstag - zu dem ihr Vater einen deutschen Geschäftspartner eingeladen hat, mit dem ein neuer Vertrag unterzeichnet werden soll. Sie nimmt zur Kenntnis, dass es bei ihrem Geburtstag nicht um sie geht, und findet sich gezwungenermaßen mit der Situation der Protokollantin ab. Ein seziererisches Kammerspiel, inszeniert als Home-Video, an dessen Ende ein stoisches Selbstverständnis steht, das die Fehlentwicklungen zwar registriert, die Verzweiflung darüber aber lieber unter einer modischen Oberfläche schlummern lässt.


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