Schöne neue Neon-Welt

Vietnam Nachts ist das Licht ein besonderes, Vietnams Städte strahlen in Neon-Farben. Das Land, in dem sich Sozialismus und Turbokapitalismus kreuzen, leuchtet. Eine Fotogalerie

Die Bilder, die bei dem Wort Vietnam vor unserem inneren Auge aufsteigen, sind immer noch stark vom Vietnamkrieg geprägt: historische Aufnahmen und Hollywood-Filme, in denen in unzähligen Einstellungen das Vietnam der sechziger Jahre am Leben erhalten wird. Als ich mich entschloss, für eine anderthalbmonatige Fotoreise nach Vietnam zu fliegen, hatte auch ich diese Bilder im Kopf. Ich wollte aber dort fotografieren, weil mich die Kontraste und Widersprüche einer sozialistischen Gesellschaft, die sich auf den Weg in den Kapitalismus gemacht hat, reizten.

Wenn man am Flughafen in Hanoi ankommt, fühlt man sich wegen der sozialistischen Architektur des Gebäudes zunächst an den Charme Ost-Berlins erinnert. Bei der Fahrt mit dem Bus in die Stadt merkt man jedoch schnell, dass sich das Land gerade mit einer ganz anderen Geschwindigkeit entwickelt, als wir es in Deutschland kennen.

Die Doi Moi, seit 1986 initiierte Wirtschaftsreformen, die vor allem eine sektorenübergreifende Deregulierung beinhalten, versuchen Turbokapitalismus mit sozialistischen Ansätzen zu verbinden. Sichtbares Zeichen dieser Politik: Der Zubringerbus vom Flughafen fährt an endlosen Baustellen entlang. Überall werden Gruben ausgehoben, Gebäude hochgezogen – ganz Vietnam scheint auf den vielen Baustellen zu arbeiten.

Bevor ich mit dem Fotografieren begann, ließ ich meine Eindrücke erstmal zwei, drei Tage sacken. Was mich in Hanoi und anderen Städten faszinierte, war, dass der Dschungel in die Stadt hineinzuragen schien. Die fremdartige Vegetation vor modernen Gebäuden, die großen Blätter im Schein der Neon-Lampen – das gab zum einen eine fotografisch interessante Kombination, schien mir zum anderen aber auch eine gute Metapher für Vietnam und seinen Modernisierungsrausch. Denn wie zeigt man ein Land, das – so scheint es – komplett neu am Entstehen ist?

Nur das Paar bewegt sich nicht

Ich wollte die große Künstlichkeit, die viele neue Gebäude und Stadtviertel ausstrahlen, dadurch einfangen, dass ich nachts das besondere Licht der vielen Neon-Lampen festhielt. So entstand auch das Bild des Pärchens, das zusammen vor einem Baum in einem kleinen Park sitzt, im Hintergrund das blaue Licht von Hochhäusern. Der Park selbst wirkt ebenfalls künstlich, er wurde in einem Neubauviertel erst vor kurzem neu angelegt. Vom Dschungel ist hier nicht viel zu sehen. Für dieses eine Bild machte ich rund 40 Aufnahmen. Wegen der langen Belichtungszeit durfte sich das Pärchen zwei Sekunden lang nicht bewegen.

Neon-Licht sieht man auch auf jenem Bild, auf dem ein junger Mann sein mit einer riesigen Hifi-Anlage getuntes Auto präsentiert. Auf ihn stieß ich durch Zufall, als ich in einem Neubauviertel Hanois unterwegs war. Er arbeitete in einer Tuning-Werkstatt, vor der der Wagen stand. Aus den Boxen dröhnte vietnamesischer Techno. Stolz posierte er vor seinem Werk. Wirtschaftlichen Erfolg mithilfe von Statussymbolen zeigen zu können, ist in Vietnam wichtig. Aber eigentlich gibt es solche aufgemotzten Autos auch in Deutschland – genau wie solche jungen Männer, die davor posieren.

Denn bei aller Künstlichkeit der Gebäude, bei aller Exotik auf den ersten Blick ist dies eine Erfahrung, die man – so hoffe ich – den Bildern auch ansehen kann: So anders ist Vietnam gar nicht. Die Widersprüche scheinen zwar krasser zu sein, das Licht scheint knalliger zu sein, aber die zugrundeliegenden Probleme sind doch die gleichen. Getrieben von einem Wirtschaftssystem, in dem Produzieren und Konsumieren als oberste Pflichten erscheinen, ist in Vietnam wenig von jener tiefen Spiritualität zu spüren, die viele asiatische Länder von den Ländern des Westens unterscheidet.

Oder man kann es auch so sagen: Das für mich Exotische an Vietnam wurde von der Hyper-Modernität der Städte aufgefressen.

Torben Höke arbeitet als freier Fotograf in Berlin. Für den Freitag hat er zuletzt 2010 ein Porträt-Foto eines Neuköllner Kuchenbäckers gemacht.

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