Schöne Party, große Ehre

USA Vorweihnachtliches Drama mit Unterhaltungswert - der Fall des republikanischen Spitzenmannes Trent Lott

Trent Lott, der Fraktionsvorsitzende der Republikaner im US-Senat, hat sein Amt aufgegeben. Der 62-jährige Senator aus Mississippi, einer der mächtigsten Politiker in Washington, wurde von der Vergangenheit eingeholt. Ein Possenspiel über Rassismus und verborgen gehaltene Realitäten im konservativen Amerika.

Lott hat sein Geschichtsverständnis am falschen Ort und zur falschen Zeit kundgetan: Anfang Dezember bei der 100. Geburtstagsfeier seines Kollegen Strom Thurmond, vor laufenden Kameras. Amerika hätte weniger Probleme durchgemacht, meinte Lott unter dem Beifall der versammelten republikanischen Prominenz, wäre Thurmond 1948 zum Präsidenten gewählt geworden. Er sei "stolz, dass Mississippi für Thurmond gestimmt" habe. Thurmond freute sich, auch der anwesende Ex-Präsidentschaftskandidat Bob Dole klatschte Beifall, schöne Party, großer Kuchen. Hinterher gewaltiger Katzenjammer: Rundfunksender spielten das Aufgenommene vor, und wiesen darauf hin, dass Thurmond 1948 die strikte Rassentrennung im Süden der USA verteidigt hatte, Amerikas Apartheid.

Die Affäre Lott sollte ein gefundenes Fressen sein für die Demokraten, aber Senator Tom Daschle, ihr Fraktionsvorsitzender, winkte ab - Lott sei doch kein Rassist. Doch afroamerikanische Politiker empörten sich, und mehrere einflussreiche Republikaner forderten Lotts Rücktritt. Er wurde zum Mühlstein um den Hals seiner Partei. Republikaner verträten heute doch eine Politik des "großen Zeltes" und wollten schwarze Wähler gewinnen. Auch George Bush war ziemlich sauer, die Kontroverse störte bei der Irak-Propaganda. Namenlos bleibende Vertreter des Weißen Hauses ließen durchsickern, Lott müsse gehen. Der in Ungnade Gefallene entschuldigte sich. Dann nahm er seinen Hut, die Partei atmete auf.

Das vorweihnachtliche Drama hatte einen gewissen Unterhaltungswert. Die Kritik der Republikaner an Lott ist nicht viel mehr als taktierendes Schattenboxen. Dessen rassistische Nostalgie ist schon lange bekannt. 1992 hielt er einen Vortrag beim Rat konservativer Bürger, der noch heute weiße Superiorität verkündet. Der Rat vertrete "die richtigen Prinzipien", soll Lott damals gesagt haben.

Und Thurmonds politisches Leitmotiv von 1948 findet noch heute Anwendung in der Republikanischen Partei. Wie viele Segregationsbefürworter damals, rechtfertigte er seine Ablehnung der Bürgerrechtsgesetze mit states rights - dem Prinzip, dass die Rechte der Bundesstaaten das Recht der nationalen Regierung überträfen.

States Rights, das kommt gewöhnlich denen zugute, die Macht und Geld haben, die sich damals Bürgerrechtsgesetzen widersetzten und heute Umweltvorschriften, das Arbeitsrecht und - immer noch - Antidiskriminierungsgesetze attackieren. Kritik am big government, das states rights zertrample, gehört zum Repertoire der Republikaner, die unter der Decke kaum Berührungsängste haben: Sie wollen auch weiße Rassisten mobilisieren, obwohl diese nicht mehr so zahlenstark sind. Die Strategie wurde von Richard Nixon entwickelt: Er appellierte an weiße Arbeiter und die einkommensschwache Landbevölkerung des Südens. Er würde ihre "Rechte" verteidigen gegen den schwarzen Ansturm; im Austausch stimmen die Weißen für Republikaner, obwohl deren Sorge den Interessen der Begüterten gilt. Ein solches Manöver verlangt Fingerspitzengefühl, das Lott bei Thurmonds Party zu Hause gelassen hatte.

Ronald Reagan eröffnet 1980 seine Hauptwahlkampagne ausgerechnet in Philadelphia (Mississippi), wo 1964 drei Bürgerrechtsaktivisten festgenommen und dann mit Hilfe der Polizei umgebracht wurden. Reagan kommt nach Philadelphia und predigt gegen big government. "Ich bin für states rights", versichert er. Die Botschaft wird verstanden. 1988 macht George Bush senior Wahlwerbung mit dem Foto des afroamerikanischen Straftäters Willie Horton, dem der demokratische Kandidat, Massachusetts´ Gouverneur Michael Dukakis, Hafturlaub gewährt habe. Horton vergewaltigte eine weiße Frau. Dukakis sei ein "Liberaler", verkündet Bush. Auch diese Botschaft wird verstanden. Schwarze Wähler stimmen ohnehin demokratisch ab, da kann Bush es sich leisten, rassistische Gefühle Weißer anzusprechen. Auch Sohn George W. kennt die Spielregeln. Als er 2000 bei den Vorwahlen ins Schleudern gerät, braucht er unbedingt einen Wahlsieg in Süd Carolina. Also startet er eine Süd Carolina-Kampagne mit einer Rede an der notorischen Bob Jones University, nach deren Lehre weiß-schwarze Liebesbeziehungen anti-biblisch sind. Bush gewinnt in Süd Carolina. Bei den Kongresswahlen im November 2002 opponieren die Republikaner gegen Bemühungen in Georgia, die "confederate" Flagge, die Bürgerkriegsfahne der Pro-Sklaverei-Südstaaten, von staatlichen Gebäuden zu nehmen.

Die Demokratische Partei kann seit 1968 auf afroamerikanische Stimmen vertrauen, hätte aber gerade im Süden und in der Arbeiterschicht gern mehr weiße. Eine Strategie wäre es, das Thema "wirtschaftliche Gerechtigkeit" zu betonen. Eine andere, die Bindungen zur schwarzen Wählerschaft herunter zu spielen. Derzeit tun die Demokraten letzteres.

Und während die Republikaner Trent Lott zum Sündenbock stempeln, kündigt die US-Luftwaffe an: Das 100. Exemplar des Transportflugzeuges Globemaster wird The Spirit of Strom Thurmond (Der Geist des Strom Thurmond) getauft. Es sei eine "große Ehre, den Namen und den Geist eines großen Amerikaners" auf diese Weise zu würdigen, sagt der Stabschef der Luftwaffe.

00:00 27.12.2002

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