Schöner die Lampen nie glimmen

Glühwürmchen sind besser Die Entwicklung der Lichttechnik an den Polen von Ethik, Energie und Ästhetik

Der Glaszylinder, in dem die Flamme eingeschlossen war, präludierte den Glasmantel der Glühlampe; der Dochtmechanismus den Lichtschalter; die Flamme, die durch die erhöhte Sauerstoffzufuhr so sehr in ihrer Lichtintensität gesteigert war, den Glühfaden", schreibt Wolfgang Schivelbusch über die Geburt des elektrischen Lichts aus den Gasbeleuchtungskörpern. Das geschah vor über 120 Jahren und ist vor allem zwei Männern, den Erfindern Göbel und Edison, zu verdanken. "Hier ist etwas Vollkommenes!", jubelte noch 1926 Artur Fürst in seinem Buch über die uterusförmige Glühlampe. Wladimir Ilitsch Lenin brachte sie sogar auf die Idee: "Elektrifizierung plus Sowjetmacht gleich Kommunismus". 1940 resümierte Oskar Maria Graf: "Die Glühbirne hat das Leben des einzelnen Menschen mehr verändert als etwa die Gründung des deutschen Reiches durch Bismarck". Dabei wandelt die Glühlampe nur fünf Prozent der Energie in Licht um (der Rest ist unerwünschte Wärme). Beim Glühwürmchen ist es genau andersherum! Das hat den Lichttechnikern natürlich keine Ruhe gelassen.

Sorry, Mister Edison!

Mit den Halogen-Metalldampflampen beispielsweise ist es ihnen inzwischen gelungen, einen Wirkungsgrad bis zu 45 Prozent zu erzielen. Und mit der Weiterentwicklung der kleinen Leuchtdiode (LED) lassen sie nun die ganze Glühlampentechnologie auf eine ähnliche Weise hinter sich wie seinerzeit bei der Ersetzung der Radioröhre durch den Transistor. Bei diesem Übergang von den Elektroden (die sich immer abnützen) zu den Elektronen (die zwischen Halbleiterschichten Photonen freisetzen) ist gleichzeitig das Problem der Lebensdauer fast obsolet geworden.

"Tut uns leid, Mister Edison!", lautete bereits Ende der achtziger Jahre der optimistische Werbespruch für die "Energiesparlampe" - eine umgebogene Leuchtstoffröhre mit Glühlampenfassung, mit der die gute alte Glühbirne quasi auf den "Misthaufen der Geschichte" befördert werden sollte. Das war aber allzu voreilig, denn sie ist erst jetzt langsam rückläufig - und das auch nur in Westeuropa, wo in den privaten Haushalten die Stromkosten für Licht inzwischen nur etwa acht Prozent ausmachen und also diesbezüglich kaum noch etwas eingespart werden kann.

Im Osten wurde nach dem Zusammenbruch des Sozialismus die Glühlampe dagegen zu einem überaus begehrten Diebesobjekt - so bekommt man zum Beispiel in einigen rumänischen Hotels zusammen mit dem Zimmerschlüssel auch eine Glühlampe ausgehändigt, die man anderntags wieder an der Rezeption abgeben muss. Und in Moskau rief Anfang der neunziger Jahre der dortige Großbetrieb Elektrosawod seine Kunden dazu auf, ihre durchgebrannten Glühlampen ans Werk zurückzuschicken: aus Materialmangel wollte man einige Teile davon recyceln. Im großen Stil war so etwas bereits in den dreißiger Jahren in einem sibirischen Arbeitslager praktiziert worden.

Licht für Erichs Lampenladen

Ebenfalls um Material zu schonen, aktuell jedoch wegen der vielen umständlich auszuwechselnden Beleuchtungskörper im Palast der Republik, "Erichs Lampenladen" im Volksmund genannt, wurden ab 1981 vom Ostberliner Kombinat Narva Glühlampen hergestellt, die aufgrund einer veränderten Wendel-Geometrie 2500 Stunden statt der bis dahin weltweit üblichen 1000 Stunden hielten, allerdings auf Kosten der Lichtausbeute. Als die Narva-Mitarbeiter diese "Langlebensdauerglühlampen" auf der Hannover-Messe präsentierten, meinten ihre Osram-Kollegen: "Ihr wollt euch wohl alle arbeitslos machen." "Im Gegenteil!", erwiderte der Leiter der Narva-Entwicklungsabteilung. Wenig später ließ ein Westberliner Erfinder namens Binninger ebenfalls eine "Langlebensdauerglühlampe" patentieren, die sogar 150.000 Stunden hielt.

Die Entwicklung der Lichttechnik bewegte sich stets zwischen den drei Polen Ethik, Energie und Ästhetik. Hierzu befragte ich den Oberingenieur Felix Serick von der TU Berlin, Fachgebiet Lichttechnik, und den Diplomingenieur Alfred Wacker vom Geschäftsbereich Hochdruckentladungslampen bei Osram in München, der übrigens nach wie vor "ein Faible für Glühlampen" hat, weil sie "genial einfach" konstruiert sind, ebenso ihr Betrieb und weil das Stromnetz für sie erfunden wurde. In der Lichttechnik beschäftigt man sich nur mit den Strahlen im sichtbaren Bereich, das heißt, alles wird laut Felix Serick "grundsätzlich von der Augenempfindlichkeit aus bewertet".

Am Pol Ästhetik geht es um die "Farbqualität", wobei die Glühlampe (mit einem Farbwiedergabeindex von 100) nach wie vor besser abschneidet als Entladungslampen, die immer "Löcher im Farbspektrum" aufweisen, wie Alfred Wacker sagt. Ähnliches gilt auch für Leuchtstoffröhren: Wenn man zum Beispiel die Glühlampe über dem Esstisch durch eine Energiesparlampe ersetzt, sieht plötzlich der Brotaufstrich längst nicht mehr so appetitlich aus. Vorbild für die Lichttechniker ist stets das "kontinuierliche Spektrum der Sonne", die tagsüber mit 6.000 Kelvin abstrahlt und abends auf 1.800 absinkt. "Wir müssten uns vielleicht auch mit adaptiven Lichtquellen beschäftigen, die gegen Abend matt werden", gibt Wacker deswegen zu bedenken. Bei der Glühlampe kann man das bereits mit einem Dimmer erreichen. Auf kompensatorische Weise tun das die Leuchtstoffröhrenkäufer, indem sie in Norwegen welche mit warmem Licht bevorzugen und in Sizilien solche mit kälterem Licht.

Am Pol "Energie" schneiden dagegen die Entladungslampen besser als die Glühlampen ab, weil sie einen bis zu acht mal höheren Wirkungsgrad haben. Letztere konnten jedoch bei ihren Halogen-Varianten aufholen, indem es gelang, durch Mehrfachbeschichtung des Glaskolbens die nutzlose Infrarotabstrahlung wieder zurück auf die Wendel zu spiegeln. Mit diesem "Wärme-Recycling" wird die Lichtausbeute um 30 Prozent gesteigert.

Am Pol "Ethik" haben wir es mit dem Widerspruch zwischen Betriebs- und Volkswirtschaft zu tun, der durch die Kartellisierung der Elektroindustrie in der Vergangenheit noch verschärft wurde. Erst am 13. September 1989 löste sich das internationale Elektrokartell IEA angeblich auf, wie mir die Liquidatoren 1991 brieflich aus Pully bei Lausanne mitteilten. Der Begriff des Kartells stammt aus dem Duellwesen - bei der Lampenproduktion drehte sich der Kampf vorwiegend um die "Lebensdauer", um Dumpingpreise und um "producing and non-producing countries" sowie um Patentprioritäten. So haben etwa die Ägypter das Edison-Patent nie anerkannt - mit der Begründung, daß sie schon 2000 Jahre vor Christus eine Art Glühlampe erfunden hätten, wie Edison selbst in seinem Buch Meine 40jährige Prozessiererei schrieb.

Luziferische Glühwürmchen

In Summa kann man vielleicht sagen, dass ein Fortschritt auf dem einen Pol immer auch einen Rückschritt auf einem anderen bedeutet. Oder umgekehrt: So hat beispielsweise die "Energiekrise" in den siebziger Jahren sofort die Entwicklung neuer Lichtquellen forciert. Die Elektrokonzerne, es gibt nur etwa ein halbes Dutzend weltweit, müssen dazwischen sozusagen einen ständigen Eiertanz vollführen.

Aus Berlin, der einstigen "Stadt des Lichts", wird dabei demnächst die letzte Allgebrauchslampenfertigung ins Elsass verlegt. Das Werk bleibt zwar erhalten - man wird sich hier aber zukünftig auf "anspruchsvollere Lampen" (konkret auf Plasma-Lichtquellen - vor allem Hochdrucklampen) konzentrieren. Das Problem ist bei allen elektrischen Lichtquellen das Gleiche: Die gleichmäßige Füllung des gesamten sichtbaren Bereichs (verbunden mit exzellenter Farbwiedergabe) steht bislang noch im Gegensatz zu hohen Lampenwirkungsgraden. Und das Verfahren bei den Glühwürmchen - auch wenn sie den Leuchtdioden täuschend ähnlich sehen - hilft uns dabei nicht weiter, denn ihre Energiequelle besteht nicht aus Elektrizität, sondern aus einer Lumineszenz zwischen zwei chemischen Stoffen, das heißt organischen Molekülen, bei deren Vermischung eine Photonen-Emission auftritt. Es ist nicht einfach, diese beiden Stoffe - Luziferin und Luziferase genannt - industriell herzustellen, deswegen ist ihr Licht gegenüber der elektrischen Beleuchtung nicht konkurrenzfähig.


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00:00 26.12.2003

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