Schöner gruseln geht nicht

John Irving erzählt Eine Alptraum-Geschichte und Tatjana Hauptmann malt mondblaue Stimmung

Eddie befand sich mit seinen 16 Jahren in der Schwebe zwischen Kind und Erwachsenem. Seiner Meinung nach gab es keine Geschichte, die einen besseren Anfang hatte als "Die Maus, die in der Wand krabbelt": "Tom wachte auf, Tim aber nicht ..." Auch John Irvings erstes Kinderbuch fängt mit diesem Satz an. Er ist eine Art Schatzgräber im eigenen Garten. Ted Cole ist der Protagonist in seinem 1998 erschienenen Buch Eine Witwe für ein Jahr und ein bekannter Kinderbuchautor.

Kapitel drei aus Irvings 1998 erschienenen Erwachsenenroman feiert jetzt Wiederauferstehung als sein erstes Kinderbuch. Schöner noch als der Einstiegssatz ist allerdings der geradezu soghafte Titel: "Ein Geräusch, wie wenn einer versucht, kein Geräusch zu machen." Ein Vorlese-Buch für Vorschulkinder verbirgt sich dahinter, von einem der auszog, die Nachtangst zu vertreiben. Toms Reise durchs schlafende Haus, an der Hand des Vaters und auf der Suche nach dem armlosen, beinlosen Monster, das sich als lärmendes Mäuslein erweist. Ein schönes Buch über beunruhigende Geräusche und über die Traumangst in uns allen. Schöner gruseln geht nicht.

Tatjana Hauptmanns stimmungsvolle Zeichnungen gleichen der Amerikanischen Nacht. Bleistiftgestrichelt und aquarelliert malt sie lauter mondblaue Seiten. Die Zeichnerin wurde im letzten Jahr für ihre Illustrationen von Mark Twains Tom Sawyer und Huckleberry Finn ausgezeichnet. "Man darf nie das zeichnen, was man im Text liest", hat sie in einem Interview gesagt. Wer ihre mondhellen Bilder im Irvings Buch sieht, versteht ohne Worte. Aber das ist eine andere Geschichte.

John Irving: Ein Geräusch, wie wenn einer versucht, kein Geräusch zu machen. Mit Bildern von Tatjana Hauptmann, Diogenes, Zürich 2003, 40 S., 16,90 EUR


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00:00 05.12.2003

Ausgabe 38/2020

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