Schöner Leben

Ansichten Ich will sentimental sein. Dürfen. Müssen. Ich muss sogar sentimental sein, sonst lebe ich nicht richtig. Nur: Ich fühle mich allein damit. Ist ...

Ich will sentimental sein. Dürfen. Müssen. Ich muss sogar sentimental sein, sonst lebe ich nicht richtig. Nur: Ich fühle mich allein damit. Ist offenbar nicht gefragt. Hören Sie mal die Leute reden - Ironie, Zynismus, Abgeklärtheit, wo man hinsieht. Seit einiger Zeit sogar in den Büchern. Das ist das Schlimmste. Ich möchte schon bald nicht mehr leben, wenn ich mal wieder ein Buch lese, in dem die Hauptperson außer Abgeklärtheit keine Gefühle kennt. Unglück klingt in diesen Büchern so: »Ich hörte seine Worte und spürte, wie mir schlecht wurde, kraftlos sank ich an der Wand entlang zu Boden. Ich kotzte und fand mein beschissenes Leben wie immer zum Totlachen.« Ich weine, wenn ich das lese, und ich habe Mitleid. Wieso lacht sich jemand über sein beschissenes Leben tot? Wieso spritzt er sich nicht etwas kühles Wasser ins Gesicht, atmet tief durch, zieht sich etwas Warmes über und macht einen Spaziergang? Vielleicht könnte er (oder sie, falls es eine Frau wäre) unterwegs überraschend einen Vogel singen hören, oder sehen, wie sich die Sonne in einer Scheibe spiegelt und so ihr Licht noch verfeinert. Er könnte sich Schokolade kaufen und dabei sogar einer freundlichen Verkäuferin begegnen.

Ich habe auch schon überlegt, ob die Leute wirklich alle so drauf sind, wie es den Büchern nach zu glauben wäre. Drogen, Psychosen, Resignation, so sieht es aus. Keiner weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll, außer rumhängen und sich freuen, dass er alles durchschaut hat. Oder sind bloß die Schriftsteller so verzweifelt?

Ich würde es anders machen. In meinen Geschichten, so ich welche schreiben würde, führten die Menschen nicht so ein absurdes Dasein. Sie würden zumindest versuchen, aus der Absurdität des Lebens hin und wieder herauszukommen. Das kann man doch nicht tatenlos ertragen, diesen Zustand, der dauernd in den Büchern beschrieben wird. Vielleicht fehlt ja einfach der Mut. Oder der Humor. Oder der Wille. Ach, was weiß ich. In meinen Geschichten liefen die Menschen jedenfalls nicht umher und fühlten sich nur von Verrückten umgeben. Bei mir hätten sie Freunde, und manchmal wären ihnen sogar ganz fremde Leute sympathisch. Und wenn sie wütend wären, ginge das irgendwann vorbei, ebenso wie traurig sein oder fröhlich. Alles würde sich vielleicht wiederholen, abwechseln.

Würde meine Geschichten jemand lesen? Menschen, die irgendwie klar kämen, manchmal eben besser und manchmal nicht so gut - würde das irgendjemanden interessieren? Egal, ich schreib mir jetzt meine eigene Geschichte. Das Leben soll einfach auch mal schön sein dürfen und damit basta.

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00:00 31.08.2001

Ausgabe 42/2021

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