Schönheit knistert

Subversiv Schönheit ist ein Glücksversprechen. Aber gilt das noch, im Zeitalter des allgemeinen Bodyshaping? Versuch einer Neubestimmung

Sehr aufrecht und würdevoll nahm sie unsere Bestellungen entgegen: die schlanke, fast hagere Gestalt in Schwarz und einer schlichten weißen Schürze gekleidet, das graue Haar streng gescheitelt und zu einem Knoten zusammengefasst. In ihrem schmalen, konzentrierten Gesicht mit nahezu klassischem Profil, das durch eine unwirklich gerade und lange Nase dominiert wurde, funkelten zwei schwarzbraune Augen voll Aufmerksamkeit und Lebendigkeit. Bis in die Bewegung und Haltung ihrer Finger hinein strahlte sie eine gravitätische Präsenz und innere Sammlung aus, die uns fast den Atem nahm - als sie die verschiedenen Soßen über unsere Döner goss. Andächtig verfolgten wir ihre Bewegungen und als ich den Imbiss dankend entgegennahm und zahlte, musste ich mich schwer beherrschen, um nicht im Flüsterton zu sprechen.

Die Luft um sie knisterte förmlich von ihrem Da-Sein, der Raum war von ihrer Einzigartigkeit erfüllt und das Kontinuum des Alltags war für einen kurzen Moment wie aufgesprengt: Sie war Verkäuferin in einer ziemlich abgewetzten Imbissbude, sie war sicherlich schon Mitte 70 - und ihre Schönheit setzte die Koordinaten der normalen Wahrnehmung an diesem sonst sehr gewöhnlichen Tag außer Kraft. Es lag nicht an mir: Ich hatte weder bewusstseinsverändernde Drogen zu mir genommen, noch war ich verliebt oder befand mich in einem irgendwie sonst die banale Realität rauschhaft verändernden Zustand. Es lag allein an ihrer Schönheit - und ich hatte sogar einen Zeugen, der mir bestätigte, was ich gesehen hatte, auch wenn wir natürlich niemals genau das Gleiche wahrgenommen und empfunden haben konnten.

Was aber hatten wir denn gesehen und welches Potenzial liegt in dieser Erfahrung? Wir hatten eine Erfahrung der Schönheit gemacht, die quer zu jeder Normierung steht und sich trotz aller Bemühungen der Beschreibung weitgehend entzieht: Eine Form der Erfahrung, der die Flüchtigkeit, das Nicht-Festhalten-Können eingeschrieben ist. Die im Kontext einer ganz spezifischen Situation, im Vollzug des Geschehens und die sich nur hin und wieder in ihrem komplexen Spiel von Präsenz und zugleich Absenz zeigt.

Aber was hat es mit dieser Erfahrung von Schönheit auf sich? Vielleicht kann die Literatur da weiterhelfen. So hat der berühmte Marcel Proust in seinem Romanwerk der Erinnerungen versucht, die Schönheit in ihrem Verweisungszusammenhang einzufangen, den es genau so immer nur einen Moment lang gibt: Schön sind nicht diese blauen Augen, nicht diese Haarsträhne in der Stirn, nicht die Anmut dieses Rückens, sondern schön sind diese Augen bei diesem einen Blick, einen Lidschlag lang, zugleich und in eins mit einer sich vor die Sonne schiebenden Wolke, zugleich und in eins mit dem Geplätscher des Springbrunnens und einer dazwischenfahrenden Autohupe, zugleich und in eins mit der vom Wind leicht über die Stirn gewehte Haarsträhne, zugleich und in eins mit dem Duft vom Flieder, der den Rücken zu umspielen scheint.

Schönheit, in all ihrer Flüchtigkeit, ist ein Versprechen des Glücks. Nur was meint dieses Versprechen konkret - und was können wir heute damit anfangen?

Klar ist vor allem, was nicht mehr geht: Wir können nicht zu dem idealistischen Begriff von Schönheit zurück, wie ihn große Teile der abendländischen Metaphysik von Platon bis hin zum Deutschen Idealismus und zu einigen Strömungen der Romantik formuliert haben. Wir können nicht zurück zur Verehrung des Schönen als Medium und Ausdruck des "Wahren" und "Guten", ja "Göttlichen". Auch Schillers Hoffnung auf eine "ästhetische Erziehung des Menschen", die endlich Sinnlichkeit, Vernunft und Moral versöhnen würde‚ erscheint heute naiv: Zwar mag das Versprechen auf "freie Lust" uns immer noch locken, aber wir erwarten nicht mehr im Ernst, dass der Schönheit "ruhige Form das wilde Leben besänftigt" und das Böse befriedet. Viel zu ambivalent ist dazu unsere Erfahrung von Schönheit, oft ganz amoralisch und unwiederbringlich momenthaft, kaum fassbar, nicht klare und artikulierbare Erkenntnis, schon gar nicht Vorschein moralischer Läuterung, sondern vages Versprechen eines Glücks, dessen Umrisse wir ahnen, ohne es doch je gekannt zu haben.


Dabei sind die Versprechungen der idealistischen Ästhetik nicht nur theoretisch fragwürdig geworden, seit man im 19. Jahrhundert mit der Romantik die "Schönheit des Bösen" entdeckte. Die idealistische Ästhetik ist auch in ihren praktischen Hoffnungen durch die historische und politische Entwicklung der Lebensverhältnisse enttäuscht worden. Die Hoffnung, durch ästhetische Bildung und Gestaltung eine "schöne Totalität befreiter Menschen" zu schaffen, hat sich nicht erfüllt, stattdessen wurde Schönheit mehr und mehr zum Mittel der Zurichtung in Propaganda und Werbung. Die "Schönheit der Massen" wurde in politischen Ritualen inszeniert, die immer schon auf ihre künftige Opferung im Namen glorreicher Zukünfte zielten. Und wo die Schönheit der Einzelnen in den Blick geriet, da war ihre Zurichtung und Vernutzung durch die entstehenden visuellen Massenmedien nicht weit.

So ist zwar der Schönheit im 19. und 20. Jahrhundert in vieler Hinsicht ein enormer Stellenwert eingeräumt worden, aber gerade dadurch wurden die mit der idealistischen Ästhetik verbundenen Erwartungen enttäuscht und erwiesen sich teilweise auch als zweischneidig, ja gefährlich.

Gegen die fortschreitende Zurichtung und Vernutzung der Schönheit haben nicht nur immer wieder die verschiedenen Künste, sondern ebenso auch die Alternativbewegungen der sechziger und siebziger Jahre aufzubegehren versucht. In der Hoffnung auf eine Art "unentfremdeter" Netzwerkgesellschaft "schöner Seelen", griff man oft auf die naive Unterscheidung zwischen einer "inneren", angeblich authentisch-wahren und einer "äußeren", angeblich oberflächlichen Schönheit zurück. Diese an Rousseau angelehnte Auszeichnung einer "guten" innerlichen Schönheit muss aber schon deshalb scheitern, weil der verbreitete Kult der Authentizität gar nicht so schnell neue Stile und Zeichen entwickeln kann, wie sie durch Marketing und Werbung aufgenommen und den Massen angedient werden. Die "innere", vermeintlich authentische Schönheit wird dadurch nicht nur in ihrer näheren Bestimmung fragwürdig, sondern verkommt zum besonders perfiden Lockmittel des Konsumismus. Die Schönheit als Versprechen des Glücks ist (auch) zur größten Verkaufsmasche geworden.

Doch nicht nur Waren werden mit Schönheit verkauft. Auch wir selbst sehen uns zunehmend als Produkte, deren Schönheit ein wichtiges Verkaufsargument auf dem Arbeits-, aber auch auf dem Beziehungsmarkt ist. So gewinnt heute zwar die Schönheit der Körper zunehmend an sozialer Bedeutung, aber nicht, wie man vielleicht hoffen könnte, im Sinne des Begehrens, Genießens und einer spielerischen Zuwendung, sondern im Dienste neuer Leistungsimperative und zwanghafter, geradezu protestantisch anmutender Formen der Selbstkontrolle. Von der Fitness bis zur Erotik und den überbordenden Wellness-Angeboten geht es beim Versprechen der Schönheit inzwischen vor allem um eins: die Marktgängigkeit der eigenen Person zu schaffen und zu erhalten.

Schon lange hat die feministische Kritik den sozialen ›Zwang zur Schönheit‹ kritisiert und die damit verbundene Unterwerfung unter die Geschlechterrollen und die entsprechenden Normen und Ideale herausgearbeitet. Was einst vor allem die Frauen betraf und in alte Muster bannte, scheint mehr und mehr zu einem übergreifenden Prinzip zu werden. Faktisch dominiert heute ein zunehmend leistungs- und kontrollbesessener Pragmatismus, bei dem es geschlechterübergreifend um die Herstellung eigener Schönheit und sexueller Attraktivität geht. Dabei wird das Streben nach eigener Schönheit gemäß den jeweils geltenden Idealen zu einem wichtigen Schauplatz des vielschichtigen Kampfes um die Akkumulation des kulturellen und sozialen Kapitals. Psychisches Wohlergehen, soziales Schicksal und ökonomischer Erfolg werden zunehmend von der eigenen Schönheit abhängig.


So ist Schönheit heute mehr als eine unverzichtbare Ressource des Konsumkapitalismus und seiner Verwertungsinteressen, mehr als ein medialer Dauerkick. Vielmehr werden die Schönheit und die Lust zunehmend Leistungsimperativen unterworfen, die sie zu einem ausgezeichneten Mittel der sozialen Selbstbehauptung und Selbstermächtigung herabwürdigen. Ein neuer und höchst paradoxer, nämlich vordergründig hedonistischer Puritanismus hat sich durchgesetzt, der auch noch die Schönheit und die Lust dem ökonomischen und damit gesellschaftlichen Erfolg unterwirft.

Und dennoch: Unsere Erfahrung von Schönheit geht eben nicht restlos in ihrer ökonomischen und sozialen Funktion und Vernutzung auf. Vielmehr verweist sie uns beharrlich auch auf ein Moment des Überschusses, eines vagen und scheinbar unauslotbaren Versprechens. Sie bietet uns eine Ahnung einer kleinen Transzendierung des gewöhnlichen Alltags. Schon der klassische Soziologe Max Weber sah in der Kultivierung der Schönheit und der Erotik einen möglichen Fluchtweg aus der entzauberten Welt der Moderne und ihrem "Gehäuse der Hörigkeit". Entsprechend hat er auch die zeitgenössischen Versuche der Bohème und der Lebensreformbewegung zu einer "innerweltlichen Erlösung" durch Kunst und Schönheit interessiert beobachtet. Nachdem alle großen Versuche zur Flucht aus der kapitalistischen Moderne gescheitert sind und allzu große Opfer gefordert haben, ist vielleicht wieder an diese kleinen Fluchten anzuknüpfen.

Zwar können natürlich weder diese Versuche der Transzendenz via Schönheit noch die jüngst vergangenen Alternativkulturen unmittelbar als Modelle hinsichtlich unseres Umgangs mit Schönheit dienen. Aber ihre Aufnahmen und Verwandlungen der Topoi und Fantasien der Romantik bis hin zur Nietzsche- und Foucault-Rezeption der siebziger und achtziger Jahre und die Diskussionen um eine (post)moderne Lebenskunst beziehungsweise "Ästhetik der Existenz" lassen etwas von dem reichen Gehalt der soziokulturellen Mythen und Fantasmen ahnen: Sie erzählen nicht nur von dem alten Glücksversprechen der Schönheit, sondern ebenso von Unerreichbarkeit, Gewalt, Leiden und Tod. Daran wäre wohl für die Gestaltung von Schönheit anzuknüpfen.

So hat die (post)moderne Tanzkultur der letzten Jahrzehnte die Fragmente und Splitter dieser Erzählungen in Bewegung transformiert und so den Versuch unternommen, das Abgründige, die kritische Schärfe und die Kraft, ja Gewalt, die dem Schönen eben auch innewohnt, vor der Vereinnahmung durch "Schöner-Wohnen-Ästhetik" und die neospießige, bürgerlich-intellektuelle Distinktionskultur zu retten. Die in der Bewegung erinnerten leiblichen Erfahrungen von Aggression, Gewalt, Leid, Trauer und Tod, lassen sowohl auf Seiten der Tänzer als auch der Zuschauer keine simple Rückkehr zum gestylten "Schönen" der Konsumkultur mehr zu.

Zugleich gibt es, obwohl ja zwischen den frühen modernen und den heutigen postmodernen Tanzkonzepten Welten liegen, ein gemeinsames Anliegen: Eine Erfahrung der Präsenz, der Intensität, der Sinnlichkeit und Erotik zu schaffen und so an "Anderes" zu erinnern. Wie sehr der Tanz mit der Macht einer anderen Form von Schönheit verbunden sein kann, zeigt auch die Geschichte, die eine Freundin mir berichtete: Sie, eine sehr schöne Frau und passionierte Tangotänzerin hatte sie immer dezidierte Vorstellungen davon, was denn ein "schöner" Mann sei. An einem ihrer Tango-Abende hatte sie ausgesprochenes Pech: weder an der Bar noch auf der Tanzfläche gab es attraktive Tanzpartner. Sie war schon dabei zu gehen, als Er plötzlich an ihren Tisch trat, kleinwüchsig, schmächtig, schütteres Haar, eine Hakennase, die dem sehr hageren Gesicht etwas Clowneskes verlieh, und als er sie anlächelte, blitzten ihr Gold und Silber und dazwischen große schwarze Lücken entgegen. Sie willigte völlig fassungslos ein und dann tanzten sie. Es entstand, so erzählt sie, eine Nähe und Intimität, wie sie sie kaum je erfahren hatte, wie ein langer, wunderbarer, über alle Grenzen ausgedehnter Liebesakt. Als sie sich schließlich trennten, konnte sie sich noch tagelang an den Schatten dieses Gefühls erinnern - und an das schönste Lächeln, das sie je gesehen hatte.

In dem, was uns da berührt, liegt vielleicht die eigentliche Chance der Erfahrung von Schönheit - ob in der Döner-Bude, im Tanz oder auch im Theater. Das subversive Potenzial der Schönheit liegt also nicht nur in einer anderen Art der Wahrnehmung und Perspektive, die uns eine Sensibilisierung gegenüber jenen ständigen Zumutungen der medial inszenierten Körperbilder ermöglichen kann, die uns bis in die Zehenspitzen marktkompatibel machen sollen. Es liegt auch nicht nur in den möglichen Verweigerungsstrategien gegenüber dem Schönheitsmarkt - wobei damit natürlich nicht eine Rückkehr zum "authentisch-handgewebten Echten" gegenüber der "Lipstick und High-Heels"-Fraktion gemeint ist. Und ihre Möglichkeiten liegen auch nicht nur in der Wahrnehmung und Anerkennung des Anderen in seiner sehr individuellen Schönheit und Eigenheit, die eine Veränderung unseres Selbst- und Weltverhältnisses bewirken.

Vielmehr ist das Versprechen der Schönheit ziemlich bescheiden - und überwältigend zugleich: Kein neues sozialkulturelles Modell, keine Utopie, sondern eine offene, kaum fassbare und schon gar nicht instrumentalisierbare Erfahrung der Präsenz von Lebendigkeit und Intensität, ein Versprechen eines absichtslos vollkommenen Da-Seins im Moment eines nicht intendierten und nicht planbaren Glücks. Sie ist eine kleine Subversion, die alles ändern kann in einem Augenblick.

Dr. Undine Eberlein ist Philosophin in Berlin. Derzeit arbeitet sie einem Forschungsprojekt zum Thema Schönheit; zuletzt erschien von ihr Einzigartigkeit. Das romantische Individualitätskonzept der Moderne, Frankfurt a.M. 2001


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00:00 17.09.2004

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