Schönheit und Scham

Kontexte Christiane Hoffmann versucht, mit ihrem Buch "Hinter den Schleiern Irans. Einblicke in ein verborgenes Land" der Kultur der Islamischen Republik nachzuspüren

Einmal hinter die Kulissen im Iran zu schauen, das wollen derzeit viele. Der letzte Versuch stammt aus der Feder der Botschaftergattin Christiane Hoffmann. Auch sie versucht, die Geheimnisse Irans zu lüften. Zwischen 1999 und 2004 berichtete die 1967 in Hamburg geborene Journalistin, Ehefrau des Schweizer Botschafters, für die FAZ aus Teheran. Zuvor war sie vier Jahre Korrespondentin derselben Zeitung in Moskau. Diese einmaligen Erfahrungen ermöglichen ihr aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel das verhüllte Land, Iran, zu betrachten und die Begebenheiten mit ähnlichen Ereignissen in Russland zu vergleichen. Verglichen wird ebenfalls die gesellschaftliche Situation im Iran mit der deutschen.

Das Vergleichen ist überhaupt ein Bestandteil dieses Buches. Der Leser wird in jedem Kapitel mit einer Fülle unvergleichbarer Informationen überschüttet; gewichtige Anlässe werden genauso geschildert wie kleine Begebenheiten, die zu großen und entscheidenden Resultaten führen: So erfährt man, dass etwa bei Hoffmanns Akkreditierung nicht nur das zuständige Ministerium (Erschad), sondern auch das Außenministerium, der Geheimdienst und eine Reihe weiterer Behörden mitreden mussten. Oder, dass Faiseh Haschemi, die Tochter des reichsten und einflussreichsten Mannes im Iran, des ehemaligen Präsidenten Rafsanschani nämlich, sich einst mit dem konservativen Klerus anlegte, weil sie demonstrativ in einem Teheraner Park Fahrrad fuhr. Denn die mächtigen Hardliner sehen Frauensport im Widerspruch zu den religiösen Sittenregeln.

Die Regel, der Hoffmann bei ihren zahlreichen, gut recherchierten Interviews im Buch folgt, hat auch mit Widersprüchen zu tun; Widersprüchen nämlich zwischen Wort und Tat, Absicht und Haltung. Sie berichtet etwa von der einstigen Parlamentsabgeordneten und Universitätsdozentin, Dschamileh Kadivar, die in einem Gespräch über Prostitution im Iran nie das Wort Prostituierte in den Mund nimmt, sondern ausschließlich von "Straßenfrauen" oder "besonderen Frauen" spricht. Fremd kommt ihr dagegen vor, dass ausgerechnet Kadivar mit anderen Parlamentarierinnen eine Initiative gründete, um den Prostituierten zu helfen.

Diese und ähnliche politisch-gesellschaftlichen Themen, die sie gründlich recherchiert, bearbeitet die 41-jährige Journalistin in ihrem informativen Buch. Sie berichtet aber auch von ihren Erlebnissen in den "geheimnisvollen Orten", zu denen kaum einem Fremden Zugang gewährt wird. Dabei bringt sie ihr Privileg, Frau und Botschaftergattin zu sein, zur Geltung. Durch diesen Status stehen ihr alle Türen offen: Als schwangere Frau erlebt sie den Umgang eines streng muslimischen und renommierten Gynäkologen mit ihr und den anderen "Patientinnen" im Untersuchungszimmer einer Entbindungsstation in einem der bekanntesten Krankenhäuser Teherans. Sie schnüffelt in der Frauenabteilung des Leichenwaschhauses des größten Friedhofs der Stadt, (Beheshte Sahra) und lauscht den Gesprächen der Besucherinnen in einer Frauensauna.

Dabei versucht sie, ihre subjektiven Eindrücke in den "kulturellen Kontext" einfließen zu lassen, um zu einer allgemeingültigen Schlussfolgerung zu gelangen. Beim Saunabesuch etwa beobachtet sie, wie die iranischen Frauen ihren Körper "ignorieren": Sie gehen mit dem Badeanzug in die Sauna und ziehen sich nur in einer Umkleidekabine um. Der Grund dieser Zurückhaltung ist nach Hoffmanns Ansicht Scham: "Die Iranerinnen versuchen, ihre Körper möglichst wenig wahrzunehmen, und sind gleichzeitig in einem paradoxen Streben davon besessen, immer schöner zu werden, als könnte Schönheit die Scham überwinden, als könnte durch größere Schönheit das Urteil revidiert werden, das die islamische Männlichkeit über sie gesprochen hat: dass der weibliche Körper etwas Gefährliches, die gesellschaftliche Ordnung Gefährdendes, die gesellschaftliche Gesundheit Bedrohendes ist und deshalb unbedingt verborgen bleiben muss."

Hoffmann schreibt, dass sich die Iranerinnen ständig mit ihrem beschämenden Körpern beschäftigen: "Sie enthaaren, verzieren, bemalen sie, lassen Nasen, Brüste und Bäuche operieren, Gesichter liften, Fett absaugen, wenden unendlich viel Zeit und Geld auf im Streben nach einer Perfektion, die sie endlich der Liebe würdig, der Liebe sicher sein ließe, die ihnen endlich erlauben würde, sich ihrer selbst nicht mehr zu schämen." Derartige Pauschalisierungen durchziehen zwar einige Kapitel des Buches, beeinträchtigen aber nicht die insgesamt aufschlussreichen EinblickeÊ in dieses "verborgene Land". Wer freilich nach Bestätigung der gängigen Klischeebilder über den Iran in diesem Buch sucht, der wird gewaltig enttäuscht.

Christiane Hoffmann Hinter den Schleiern Irans. Einblicke in ein verborgenes Land. Dumont, Köln 2008, 340 S., 19,90 EUR

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00:00 16.05.2008

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