Schonungslos

Musik und politik Die MusikTriennale Köln würdigt den Komponisten Luigi Nono, der in diesem Jahr 80 geworden wäre

Lassen sich politisches Engagement und ästhetischer Anspruch vereinen? Darf Musik Stellung beziehen oder wird sie dadurch zwangsläufig instrumentalisiert, wenn sie nicht autonom steht?

Luigi Nono (1924-1990) gehört zum Kreis der Komponisten, die nach dem 2. Weltkrieg nach neuen, zeitgemäßen ästhetischen Formen gesucht haben. Wichtiges Zentrum der musikalischen Diskussion waren die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik. Hier bezeichnete Luigi Nono 1959 es als Aufgabe der Musik, politisch Stellung zu beziehen. Damit ging er konform mit Hans Werner Henze und gleichzeitig auf Konfrontationskurs zu Komponisten wie Pierre Boulez und Karl-Heinz Stockhausen, denn er erklärte die aktuellen Kompositionstechniken der kontrollierbaren und rein ästhetisch im Sinne der L´Art pour L´Art funktionierenden Systeme wie Serialismus - die Determination aller musikalischen Parameter - und Aleatorik - die Aufgabe der Determination zugunsten des Zufalls - als nicht hinreichend. Nono fühlte sich als Künstler gesellschaftlich verantwortlich, wollte "als Musiker wie als Mensch Zeugnis ablege[n]". Dieses Bedürfnis, seinen Standpunkt deutlich zu machen, war geprägt durch die spezifische Erfahrung der Resistenza in Italien. Als Mitglied der politischen Kommission des Zentralkommitees der KPI war ihm Engagement für den sozialistischen Klassenkampf selbstverständliche Notwendigkeit; so auch in seiner Musik, die sich - so war es seine Idee - nicht nur an das elitäre Neue-Musik-Publikum wenden sollte. Bis in die siebziger Jahre verwendete er daher vor allem aktuelle politische Texte. So sind Briefe zum Tode verurteilter europäischer Widerstandskämpfer die Textgrundlage für das Stück Il Canto sospeso, uraufgeführt 1956 in Köln.

Ein anderes Beispiel hierfür ist sein Werk La fabrica illuminata (1964), das mit Lärm- und Stimmaufnahmen aus einer Fabrik arbeitet und die Ausbeutung und Unterdrückung der Fabrikarbeiter thematisiert. Bezeichnend für Nonos sozialistisches Verständnis ist, dass er seine Komposition vor den Arbeitern aufgeführt und sie als wichtige Kritiker in die ästhetische Diskussion mit einbezogen hat. Die verwendeten Materialien werden jedoch in allen seinen Werken überarbeitet - verfremdet, fragmentarisiert oder collagiert - und in das musikalische Geschehen als Teil des Gesamtklangs integriert, so dass keine Aussage oder Moral über der Musik schwebt, sondern eine in sich geschlossene Komposition entsteht. Trotz der eindeutigen Kritik an den sozialen Missständen und einer dezidiert politischen Stellungnahme ging es Nono nicht um plakative oder gar propagandistische Eindeutigkeiten, sondern darum, die politische Sensibilität der Hörer durch seine Werke zu schärfen.

Zum Ende der siebziger Jahre überdenkt Nono, nicht zuletzt aufgrund einer persönlichen Sinnkrise, sein musikalisches Konzept. Wendepunkt ist sein Streichquartett Fragmente - Stille. An Diotima, uraufgeführt 1980 in Bonn. Hölderlin-Auszüge liegen fragmentarisiert der Musik zugrunde. Sie erscheinen jedoch nur in der Partitur, sind nicht-gehörte Ebene - es erklingt kein Wort.

Die Stille und ihre "Verklanglichung" mit Hilfe von musikalischen Fragmenten ist in dieser Komposition Prinzip. Der Klang scheint sich aus der Stille inselartig zu erheben, bleibt dabei jedoch so transparent, dass auch das zugrunde liegende Schweigen "weiter klingen" kann. Von einer Wandlung des bis dahin als "politisch engagiert" kategorisierten Komponisten, von Resignation und Flucht, von Verinnerlichung und Weltabkehr war nach dem Streichquartett vielfach die Rede. Nono aber verlagert sein Interesse auf die subjektive Wahrnehmung. Der Rückzug in die Stille und die Unabgeschlossenheit sind, und das ist mittlerweile Konsens, jedoch keineswegs als unpolitisch zu verstehen. Im Gegenteil: Strukturelle politische und ideologische Sicherheiten existieren hier nicht mehr. Es findet eine schonungslose Selbstbefragung statt, die jeden einzelnen als Mitdenkenden integriert und keinerlei Antworten präsentiert.

Die Tendenz der "Privatisierung" der Kunst ist ein Phänomen der Nach-68er. Politisches Engagement wird nach der Zeit der Umwälzung neu überdacht. Enttäuschung und Resignation nach dem Scheitern von Hoffnungen und Ideen leiten, besonders in der Literatur, eine Phase der so genannten "neuen Subjektivität" ein. Diese Entwicklung ist vielfach auch Reaktion auf die Tendenz einer vereinfachenden Propaganda und einer instrumentalisierten Kunst während der Studenten-Revolte. Auffällig ist, dass in dieser Phase der subjektiven Rückbesinnung der Dichter Hölderlin, der Einzelgänger, der politisch Engagierte, der an seiner Sensibilität und dem Druck der Gesellschaft scheitert, eine hohe Rezeption erfährt. Allein in der musikalischen Landschaft finden sich hierfür zahlreiche Beispiele: Heinz Holligers Scardanelli-Zyklus (1975-85), Wolfgang Rihms Hölderlin-Fragmente (1977), Hans Zenders denn wiederkommen (1979) oder György Ligetis Drei Phantasien nach Friedrich Hölderlin (1982).

Die beschriebene Konzentration auf das subjektive Hinterfragen mit der Funktion der Veränderung der Weltsicht entfaltet nach wie vor eine hohe Aktualität. Das Zuhören, Fragen und Mitdenken, ohne scherenschnittartige Antworten zu erhoffen, ist ein wichtiger Schlüssel zu eigenverantwortlichem Handeln.

Gewürdigt wird der venezianische Komponist, der am 29. Januar 80 Jahre alt geworden wäre, unter anderem in einer umfangreichen Retrospektive bei der MusikTriennale in Köln vom 17. April bis zum 9. Mai.

www. MusikTriennaleKoeln.de

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00:00 09.04.2004

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