Schöpfrad der Unbeirrbaren

Kuba Vom Guerillero zur Legende und zum Mythos – Fidel Castro wird 85. Er hielt stets mehr von Massenmobilisierung als von Meinungspluralismus und Gewaltenteilung

Während anderswo Autokratien stürzen, wird in Kuba seit Monaten über Reformen debattiert, die das alte Regime ökonomisch sanieren sollen. Es kündigt sich ein neuer Reformzyklus an, bei dem für viele Beobachter zumindest eines sicher ist: Die Ära Fidel Castro geht zu Ende. Am 13. August wird der Patriarch 85 – er bleibt untrennbar mit einem Karibikstaat verbunden, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Weltpolitik stärker als manche Industrienation beeinflusst hat.

1959 siegte hier eine viel bestaunte Revolution, die unter dem Banner der Menschlichkeit und der Demokratie antrat und sich schon zwei Jahre später in der Schweinebucht-Invasion gegen eine US-Militärintervention behaupten musste. Wies man in diesem Augenblick den Koloss im Norden in seine Schranken, katapultierte 1962 die Raketenkrise – die Sowjetunion hatte auf Kuba militärisch Fuß gefasst – gleich die ganze Menschheit an den Rand eines Weltkrieges. Es folgte ein manchmal abenteuerlicher Revolutionsexport, der über drei Jahrzehnte das Weiße Haus und den Kreml gleichermaßen beunruhigte. In Angola engagierte sich Kuba, die Expansionsgelüste der südafrikanischen Apartheid zu stoppen, während für andere Staaten Afrikas Unterstützung für mehr Selbstbestimmung bekamen. Nach 1990 verweigerte sich der Karibikstaat dem Gang der Geschichte und schrieb weiter seine eigene: Als die Bruderstaaten einer nach dem anderen zusammenbrachen, schien auch der am Subventionstropf der UdSSR hängende Tropensozialismus ausgezählt. Doch Kuba widerstand zäh globalen Trends zu Marktwirtschaft und Demokratie – ein beharrlicher, eigener Wille auch bei extremen Widrigkeiten war nicht nur ein Markenzeichen der Insel, denn wer Kuba sagte, dachte Fidel Castro.

An ihm schieden sich die Geister, niemand wurde mehr geliebt, niemand mehr gehasst. Für die einen war er Messias und Prophet der Dritten Welt – für die anderen ein rücksichtsloser Caudillo und ewiger Dinosaurier. Eines aber einte Freund und Feind: Respekt vor Castros Entschlossenheit. Er nahm furchtlos den Fehdehandschuh auf, den ihm die USA von Anfang an hinwarfen, und ließ sich von keiner Drohung oder Attacke einschüchtern. Er überlebte nicht nur selbst verschuldete Fehlschläge, sondern auch zehn US-Präsidenten, die ihm mehr oder weniger alle nach dem Leben trachteten. 600 Attentate gegen sich will Castro gezählt haben – 30 bestätigten die USA, was authentischer klingt, aber die Monstrosität der dahinter stehenden Politik nicht schmälert.

Kultivierter Anwalt

Wer Fidel Castro als Mensch und Máximo Líder begreifen will, mag sich an seine Attitüden und sein Handeln halten, sollte ihn aber ebenso als Kristallisationspunkt seiner Ära verstehen. 1926 als Sohn eines wohlhabenden Landbesitzers geboren und mit einem Jurastudium auf dem Weg zu einer wohlbestallten Existenz, riskierte Castro schon als 26-Jähriger viel, indem er die korrupte Batista-Diktatur herausforderte. Ein von ihm im Juli 1953 geführter Angriff auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba wurde zum Fiasko. Er endete für viele Guerilleros mit Folter und Tod – für die Castro-Brüder mit Haft und Exil. In seiner Verteidigungsrede Die Geschichte wird mich freisprechen verwandelte Fidel die Niederlage in einen politischen Sieg und ließ sein bewaffnetes Abenteuer zum Fanal für den Widerstand gegen den Terror werden. Der 26. Juli 1953 wurde somit zum ersten Tag der Revolution, und der weiße, kultivierte, gut aussehende Anwalt, der gegen den rüden dunkelhäutigen Diktator Batista antrat, empfahl sich als deren charismatischer Führer.

Die klandestine Rückkehr aus dem Exil im Jahr 1956, ein anfangs aussichtsloses Anrennen gegen die Armee der Diktatur, Castros Operationsbasis in der Sierra Maestra, die bald erkennbare Popularität, der Vormarsch, schließlich die Vertreibung Batistas und der Einzug in Havanna am 8. Januar 1959 – dieses Drama wurde jedem Revolutionsromantiker gerecht. Aus den Ereignissen ließen sich Legenden weben über die Revolution, über ihren Führer Castro und ihren späteren Märtyrer Che Guevara, der zur Revolutions-Ikone aufsteigen sollte. Nach dem Sieg zeigte Castro schnell, dass er sich nicht nur in den Bergen zu behaupten verstand. Er bewies ausgeprägtes Gespür für die Belange der Inselbevölkerung: In seinen legendären Marathonreden beschwor er immer wieder das gemeinsame Projekt von Befreiung und Unabhängigkeit, mit dem er die anfangs schwer zerklüftete Gesellschaft Kubas zu einen suchte.

Beistand kam von unerwarteter Seite – von den Vereinigten Staaten. Schon die Schweinebucht-Invasion 1961 einte und radikalisierte die Kubaner. Die Massen identifizierten sich mit dem Wandel von einem sozialdemokratisch gefärbten Umbruch zur sozialistischen Umwälzung als dem einzigen Garanten eigener Unabhängigkeit. Mit ihrem arroganten Ansinnen, Kubas Politik zu bestimmen, und ihren zahllosen Versuchen, die Revolution samt Máximo Líder zu zerstören, machten die USA aus der Insel einen Frontstaat. Die von ihnen betriebene Isolation und die ewigen Wirtschaftssanktionen nährten den Eindruck, Kuba stehe in einen permanenten Krieg niedriger Intensität.

Was die USA bei ihrem Vorgehen übersahen, war das kubanische Volksempfinden: Das traumatische Erlebnis der quasi doppelten Kolonialisierung – erst durch Spanien und ab 1898 durch die USA – begründete einen kollektiven Willen, die nationale Unabhängigkeit zu erhalten. Für die Bevölkerung wurde Souveränität nach 500 Jahren Fremdherrschaft durch die Revolution von 1959 erstmals Wirklichkeit. Was die USA wollten und wollen, wurde und wird deshalb von vielen Kubanern als Bedrohung wahrgenommen, die nicht nur die Nation, sondern ebenso ihre persönlichen Belange berührt.

Castro hat in den Jahrzehnten seiner Herrschaft keinen Konflikt gescheut. So bot er bei einer hausgemachten Wirtschaftskrise von 1970 dem Volk öffentlich seinen Rücktritt an oder stellte sich 1994 bei Tumulten in Havanna persönlich der randalierenden Masse. Dies sicherte ihm Glaubwürdigkeit und Integrität, die seine Führungsposition selbst in Krisenzeiten unangreifbar machten.

Als Vorsitzender des 1965 gegründeten Partido Comunista de Cuba (PCC) ließ Castro seinen Machtanspruch dann auch institutionell festschreiben. Wenig angetan war er von Gewaltenteilung oder Meinungspluralismus. Massenmobilisierung galt als wichtigste Dialogform zwischen Regierung und Volk und diente als Substitut für Partizipation. Erst 1975 erhielt die kubanische Revolution ihre erste Verfassung. In dem bis dahin nach sowjetischem Abbild arrangierten Staatsgebilde genoss Castro als Parteichef sowie Vorsitzender des Staats- und Ministerrats, dazu noch als Oberbefehlshaber der Streitkräfte, eine fulminante Machtfülle.

Alles tun, um Kuba zu retten

Trotz seiner unumstrittenen Führung achtete er zeitlebens darauf, dass keine der verschiedenen Strömungen einer ihn umgebenden Elite zu einflussreich wurde. Oppositionsbestrebungen erstickte er im Keim, Andersdenkende wurden unerbittlich verfolgt, nicht selten öffentlich erniedrigt und hart bestraft. Immer wenn die Spannungen auf der Insel zu groß wurden, öffnete er kurzfristig die Grenzen und ließ den Druck nach außen entweichen – Tausende von Familien und Freundschaften wurden so zerrissen. In den neunziger Jahren verlangte er der ganzen Bevölkerung enorme Entbehrungen ab, dazu angetan die Grenzen des Erträglichen zu überschreiten. Der Volkstribun Fidel wurde zum Potentaten Castro, der alles tat, sein Kuba zu retten. Denn als der Sowjetsozialismus abtrat, kollabierte auch die kubanische Ökonomie. Entbehrung und Verzicht wurden wieder bekannte Größen. Die kubanische Führung achtete zwar eisern darauf, dass die neuen sozialen Kalamitäten von allen gleichermaßen geschultert und die Schwächsten der Gesellschaft besonders unterstützt wurden, doch mutierte die Inselökonomie zur Kriegswirtschaft mit zentralem Kommando und totaler Rationierung, in der Sektoren wie der Tourismus die überlebenswichtigen Devisen auf dem Weltmarkt erwirtschaften sollten. Es war Fidel Castro, der eine solche Minimallösung durchsetzte.

Die Strategie einer selektiven Weltmarktintegration führte bald zu sozialen Verwerfungen zwischen denen, die weiter auf die sozialistische Notökonomie angewiesen waren, und denen, die heiß begehrte Dollars ergatterten, mit denen man in Kuba alles kaufen kann. Der Kofferträger eines Devisenhotels wurde zum Neureichen, der Universitätsprofessor darbte an den Rationierungen und lebte schlechter als mancher von seinen Studenten. So fraß sich eine neue Armut nicht von den Rändern in die Gesellschaft, sondern begann, sich von der Mitte her auszubreiten. Langsam wurde die ganze Tragödie von Castros Herrschaft deutlich. Die Bedingungen seines Erfolges wurden zu Ursachen seines Scheiterns: Es waren entschlossene Ausdauer und Rücksichtslosigkeit, die Kubas Revolution stark machten, und es sind Starrsinn, Konservatismus und Kompromisslosigkeit, die ihren Stern sinken lassen. Besser als mit dem dramatischen Appell der jetzigen Regierung des Bruders Raúl Castro aus diesem Jahr, dass die Insel untergehen werde, sollte sie den Wandel ausschlagen, kann die heutige Lage nicht beschrieben werden.

Hans-Jürgen Burchardt ist Hochschullehrer in Kassel und Autor etlicher Kuba-Bücher

11:00 13.08.2011

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