Schreib niemals: Lieber Kai Dikhas

Wurzelwerke Im Berliner Neubau des Aufbau-Verlags hat die erste Galerie für die Kunst der Sinti und Roma eröffnet. Über die gemeinsamen Merkmale gibt es aber wenig Einigkeit

"Sehr geehrter Herr Dikhas, lieber Kai“. Dass Moritz Pankok in den vergangenen Wochen viele Briefe mit dieser Anrede bekommen hat, ist nur logisch. Immerhin hat er Ende April die Galerie Kai Dikhas im neuen Haus des Aufbau-Verlags in Berlin-Kreuzberg eröffnet. Trotzdem sollte man keine Briefe an Kai Dikhas schreiben, will man sich nicht allzu sehr blamieren. Denn Kai Dikhas ist kein Mann, sondern ein Begriff und bedeutet in der Sprache der Roma „Ort des Sehens“.

Dieser Ort des Sehens – und des Verkaufens – ist die erste Galerie in Europa, die sich allein der Kunst der Roma und Sinti widmen will. Eine Marktlücke und ein Spezialinteresse von Bühnenbildner Moritz Pankok und von Matthias Koch, dem Eigentümer des Aufbau-Verlags, der die Galerie in seinem Neubau angeregt und untergebracht hat.

Bühnenbildner Pankok arbeitete im Mühlheimer Roma-Theater Pralipe, so lange es das gab. Daher seine Kontakte zu Roma-Künstlern, daher sein Interesse an ihrer Kunst. Außerdem hat das Interesse an den Sinti und Roma in der Familie Pankok schon Tradition: Sein Großonkel, der Künstler Otto Pankok (1893–1966), war fasziniert von den Sinti und porträtierte sie immer wieder.

Ein legitimer Begriff

Doch existiert überhaupt eine spezielle Roma-Kunst, die über traditionelles Handwerk hinausgeht? Für Jana Horváthowá vom Museum für die Kultur der Roma im tschechischen Brno ist es „durchaus legitim, von Roma-Kunst zu sprechen. Denn in allen bislang angesprochenen Zusammenhängen – ob Volks-, Laien- oder Berufskunst – haben wir es mit Künstlerinnen und Künstlern zu tun, die als Roma geboren wurden und deren Arbeiten bis zu einem gewissen Grad das vergangene und gegenwärtige Leben der Roma zum Gegenstand haben.“ Das klingt reichlich allgemein und trifft irgendwie auf die meisten Künstler und deren Beschäftigung mit ihren Wurzeln zu. Allerdings würden sich die meisten Künstler nicht von einer Galerie vertreten lassen, die nur die Kunst ihres Volkes oder Landes präsentiert. Die Roma-Künstler, die Moritz Pankok zeigen wird, haben kein Problem, in einer speziellen Roma- und Sinti-Galerie auszustellen. Sie seien stolz darauf, sagt Pankok. Unter ihnen sind so bekannte Künstler wie Delaine Le Bas, die auch von der Berliner Galerie Giti Nourbakhsch vertreten wird, und Lita Cabellut, mit deren großformatigen Arbeiten die Galerie eröffnet.

Die 1961 geborene Spanierin Cabellut, die als verwaistes Kind auf den Straßen von Barcelona lebte, bis sie von einer spanischen Adelsfamilie adoptiert wurde, studierte Kunst in Amsterdam und gehört zu den weltweit bekannten Künstlern, die von mehreren Galerien vertreten werden. Ihre Werke kosten zwischen 14.000 und 65.000 Euro. Die jüngere Generation der Roma-Künstler hat meist – wie alle anderen Künstler-Kollegen – Kunst studiert und ist längst sesshaft geworden. Der 1946 geborene bayerische Künstler Alfred Ullrich dagegen scheint besser ins traditionelle Bild zu passen. Er ist Autodidakt, lebte bis zu seinem neunten Lebensjahr im Wohnwagen und findet in Pankok seinen ersten Galeristen. Nur dass seine Kunst meist abstrakt ist. Fast nichts erinnert in diesen Werken an seine Herkunft, während Delaine Le Bas, die 1965 geborene britische Künstlerin mit Kunststudium, für ihre üppigen, bunten, vieldeutigen Installationen bekannt ist. Bei ihr finden sich typische traditionelle Elemente der Volkskunst, sie thematisiert sehr deutlich die Isolation, die Stigmatisierung ihres Volkes, die Heimatlosigkeit und die eigene Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Dabei geht es ihr vor allem um den Blick der Anderen auf die Minderheit.

Von einer speziellen Roma-Kunst will Pankok wegen dieser großen Unterschiede und der sehr verschiedenen Einflüsse aber auch gar nicht sprechen. Spanische und tschechische oder britische Roma-Künstler seien so unterschiedlich und so ähnlich, wie es Künstler verschiedener Länder immer sind. Während manche traditionelle Stickereien, Muster und Symbole in ihrer Kunst verwenden, vermeiden andere sie bewusst. Doch Pankok sieht bei vielen Roma-Künstlern ein wachsendes Selbstbewusstsein und eine starke Auseinandersetzung mit Geschichte und Traditionen.

Kein Vergleich möglich

Auch das klingt noch sehr nach Hypothese, und wahrscheinlich werden sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede erst in den nächsten Jahren zeigen, denn allzu viele Vergleichsmöglichkeiten hatten selbst Fachleute bisher nicht. Erstmals gab es 2007 einen Roma-Pavillon auf der Biennale in Venedig, zwei Jahre später nicht. In diesem Jahr gibt es wieder einen – als Biennale-begleitendes Event im Palazzo Zorzi, wo auch die Unesco ihr Büro hat. Unter dem Titel Call the Witness wird es dort so international zugehen wie in keinem anderen Pavillon auf der Biennale. Denn die Roma-Künstler kommen aus Bosnien und Finnland, England und den Niederlanden, Deutschland, den USA und anderen Ländern. Auch Alfred Ullrich, der ab September in der Galerie Kai Dikhas ausstellen wird, ist unter ihnen.

Der Anfang ist gemacht, aber ein Museum für die Kunst der Roma gibt es noch nicht. Deshalb kann Moritz Pankok bei der Künstlersuche nicht, wie andere Galeristen, auf bestehende Netzwerke, Kuratoren und Museumsleute zurückgreifen. Viele Künstler lernt auch er – durch die Empfehlungen anderer Künstler aus der ganzen Welt – gerade erst kennen.

Es heißt oft, dass ein Galerist mit seinem Programm Neuland betreten würde, doch das stimmt nur selten. In der Galerie Kai Dikhas wird es ganz sicher viel bisher nie Gesehenes, Unbekanntes geben.

Galerie Kai Dikhas, Prinzenstraße 85 D, Berlin-Kreuzberg

Uta Baier schrieb im Freitag zuletzt über das Einheitsdenkmal auf dem Berliner Schlossplatz

11:15 31.05.2011

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