Schreiben, was einem zusteht

Nähe und Distanz Angela Drescher legt den Briefwechsel zwischen Christa Wolf und Anna Seghers vor

Das Folgende könnte wie eine Schlüsselgeschichte der Freundschaft zwischen Anna Seghers und Christa Wolf gelesen werden. In einer Pause des berüchtigten 11. Plenums des ZK der SED im Dezember 1965, bekanntlich mit in der DDR-Geschichte einmaligen repressiven Eingriffen in Kunst und Literatur verbunden, hatte Anna Seghers ihre "hell verzweifelte" junge Kollegin zu einem Gang in das Pergamon-Museum überredet und "ihren Sinn für die Rangordnung gewisser Dinge zurechtzurücken" gesucht. Seghers hatte dort angesichts der schönen ostasiatischen Skulpturen betont: "Guck mal, damals war es verboten, überhaupt Menschen darzustellen, und solche schönen Sachen haben die gemacht. Die Menschendarstellung ist doch bei uns nicht verboten. Und das andere, glaub mir, geht alles vorbei. Und sie hat mit mir eine Wette abgeschlossen: In einem Jahr ist das vorbei. Da habe ich gesagt: nein, keinesfalls. Wir wetteten um einen Kaffee. Wir haben nie wieder darüber gesprochen."

Diese von Christa Wolf 1991 erinnerte Szene weist auf die verschiedenen Dimensionen dieser Autorinnenfreundschaft, zwischen denen fast 30 Jahre Altersunterschied lagen. Der von der Berliner Lektorin Angela Drescher edierte Band ermöglicht intensiv neue Einblicke in diese Beziehung, denn er enthält erstmals die (fast paritätische) Korrespondenz beider zwischen 1960 und 1982. Dazu hat die Herausgeberin zwei Interviews und neun Essays von Christa Wolf gestellt, die deren Beschäftigung mit Werk und Person von Anna Seghers bilanzieren.

Diese aus den Jahren 1959 bis 2000 stammenden Texte nehmen den Leser auf eine über fast fünf Jahrzehnte dauernde Erkundungsreise mit. Seit 1959 persönlich miteinander bekannt, steht am Beginn fast ein, zum Glück nur literaturhistorisches, Scheitern. Denn die Anfang der sechziger Jahre geplante Biografie für den Reclam-Verlag kommt nicht zustande. Zwar sammelt Christa Wolf viel Material und recherchiert gründlich, aber gerade die vielen Gespräche mit "der Anna", haben sie wohl die Unmöglichkeit des Unterfangens erkennen lassen. Insbesondere die verlangte "äußerste Verschwiegenheit" (Sonja Hilzinger, 1999) bei Informationen über ihre Kindheit und Jugend im jüdischen Elternhaus bedingte den Verlust einer ganz substantiellen, aber aus diesen subjektiven Gründen nicht darstellbaren Sphäre.

Die lebenslange Abneigung der Anna Seghers zur Preisgabe von Autobiographischem schloss auch Religiöses, Familiäres, Partnerschaftliches und Sexuelles ein. Da hatte sie sich stets "am Zügel". Aber auch im Politischen bevorzugte sie eine eher dezente Kommunikation, bei der die "heiklen Fragen" oft zwischen den Zeilen zu suchen sind, beziehungsweise nur mündlich erörtert worden sein mögen. Allerdings scheinen sie neben vielen rein informellen Briefen doch zuweilen auf. So zum Beispiel in dem sehr herzlichen Geburtstagsbrief zu Christa Wolfs 50. im März 1979. Darin sieht Seghers Christa Wolf "immer weiter zu dem Kindheitsmuster" gehörig, das für sie der "Beginn eines neuen, von dem alten verschiedenen Lebens" gewesen sei, das sie in Europa nach dem Krieg begonnen habe. Nach Kenntnis ihrer erschütternden Briefe aus dem Jahre 1947 (Aufbau, Berlin 2000), in denen sie ihre Erfahrungen mit dem "Volk der kalten Herzen" festhält, können wir nun den weiten Weg ermessen, den sie sich auferlegt hatte. Sie formuliert hier die Grunderfahrung ihrer kommunistischen Emigranten-Generation in der Begegnung mit den ihnen zunächst beängstigend fremd erscheinenden Daheimgebliebenen. Sie habe sich über viele törichte Rezensionen in Ost und West geärgert und selbst etwas schreiben wollen. Aber "die schlimme Zeit", in der sie kein Wort mehr las oder schrieb, habe das verhindert.

Die "schlimme Zeit" ( sie spricht 1969 auch vom "schlimmen Teufel", der in sie gefahren sei) meint ihren labilen Gesundheitszustand, der sich seit Ende der sechziger Jahre nur zeitweise gebessert hatte, was in den Briefen, fern jedes Jammerns, nur in Form von kargen Erwähnungen, aber doch als bleibende existentielle Gefährdung anklingt. Heute, 1979, nach zwei Jahren frage sie: "Gab es denn wirklich unter den jungen Menschen soviel Unwissenheit? War die Unfähigkeit der Jungen zu fragen, nicht genau so bestürzend, wie die der Alten zu antworten?" Und sie fügt eine Sicht des Romans an, die Christa Wolf "bedeutsam ist für den Blick von Anna Seghers auf diesen Stoff", wenngleich sie von ihr nicht geteilt wird. "Außerdem, was in diesem Roman steht, ist doch längst in den Sagen und Märchen aller Völker enthalten: Ein braver Mann, der sich plagen muß von morgens bis abends, verspricht dem Teufel (der natürlich nicht gleich erkannt wird), falls er sein Leben erleichtert, das erste, was am Abend nach der Heimkehr aus seinem Hause hüpft. Dieses erste war bisher immer sein Hündchen. Aber an diesem Abend springt ihm nicht sein Hündchen entgegen, sondern sein Töchterlein Nelly. Dem braven Mann wird der Wunsch seines Herzens erfüllt. Er ist nie mehr arbeitslos. Er bekommt ein Spezereigeschäft. Dafür muß der brave Mann seine Tochter Nelly dem ›Bund Deutscher Mädchen‹ überlassen."

Diese den Verführungsaspekt des Nationalsozialismus betonende Lesart erstaunt nur auf den ersten Blick, denn Seghers hatte bei dem in ihrem Werk sehr präsenten antifaschistischen Thema neben den politischen und ökonomischen Faktoren auch stets den psychologischen Dimensionen im NS-System nachzuspüren gewusst. Und die Affinität zu Märchen, Sagen und Legenden kam von ihrer Überzeugung her, dass sich die literarischen Grundstoffe seit Jahrtausenden nur wenig verändert hätten. Ihre Fragen nach dem Umgang mit dem NS-Erbe zielten in das Zentrum von "Kindheitsmuster". So ausführlich wird sie selten, eher beiläufig und marginal kommen andere Urteile über Wolfs Texte daher. Im Geteilten Himmel erscheint ihr die Darstellung "sehr stark vereinfacht", was sie darauf zurückführt, dass die Autorin "beide Teile" des geteilten Landes nicht kenne.

Zu Nachdenken über Christa T., diesem zensurpolitisch stark behinderten Text, den Christa Wolf ihr im Oktober 1968 geschickt, dann jedoch bei Beginn der Attacken ungelesen zurückgefordert hatte, damit diese auf keinen Fall mit der Sache irgendwie zu tun bekäme, merkt Seghers an, dass ihr besonders zwei Zeilen gefallen haben: "Warum nur habe ich sie damals nicht vermisst? Womit waren wir denn so beschäftigt?" Zehn Jahre später betont sie, wie sehr ihr gerade dieser Text gefiel, weil "darin die Wahrheit über eine Tote erforscht wird, die mit dem Leben nicht fertig wurde." Als die Ältere vermittelt Seghers aber auch lebenserfahrene Ratschläge. So etwa den, dass die Jüngere nicht alles was man über ihre Arbeit sage, so schrecklich wichtig nehmen und es vor allem "nicht so ins Herz" gehen lassen solle. Hier sprach nicht etwa Arroganz, sondern die oft eigene bittere Erfahrung, von ihren Genossen mit ihren Büchern missverstanden worden zu sein. "Schreib, was Dir zusteht, liebe Christa, und schreib es richtig." Das ist ein Jahr nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann formuliert. In den folgenden Auseinandersetzungen, in der sie den öffentlichen Protest einer Reihe führender Autoren gegen die Ausbürgerung nicht teilte, zugleich aber deren Ausschluss aus dem Schriftstellerverband verhinderte, hatte sie Christa Wolf beschworen, nur ja "nicht über den Graben zu huppen".

Auf einem schönen Foto von 1973 in diesem sehr schönen Band sind beide lachend zu sehen, und man versteht diese Freundschaft, die auf gegenseitigem "lebhaftem, warmen Interesse" (Ch. Wolf) gründete und trennende Widersprüche im Denken, Schreiben und Handeln aushielt.

Christa Wolf/Anna Seghers: Das dicht besetzte Leben. Briefe, Gespräche und Essays. Herausgegeben von Angela Drescher, Aufbau Taschenbuch, Berlin 2003,
237 S., 7,95 EUR


00:00 19.03.2004

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