Susanne Donner
Ausgabe 2413 | 17.06.2013 | 09:30 6

Schreie, die keiner versteht

Unsichtbar Wenn Migranten mit psychischen Problemen kämpfen, werden sie nicht ernst genommen. Vor allem Frauen leiden darunter

Schreie, die keiner versteht

Gerade die jungen Mädchen der zweiten Generation leben häufig zwischen zwei Welten

Foto: Wolfram Steinberg/ dpa

"Es war, als würde mir das Herz aus der Brust springen. Es raste und zugleich fühlte ich mich schwach", erzählt die Frau mit dem blauen Kopftuch, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Man solle sie Fatima nennen. Als sie sich mit ihren Beschwerden vor sieben Jahren einer Ärztin vorstellte, diagnostizierte diese eine Depression.

Die junge Türkin ist zu dieser Zeit in einer sehr unglücklichen Ehe gefangen. Ihr Mann ist arbeitslos und verbringt die Nächte mit Freunden in türkischen Cafés. Nur in den Morgenstunden und am frühen Abend taucht er kurz zu Hause auf. Fatima fühlt sich alleingelassen. Sie muss sich um die beiden Kinder kümmern, kochen, putzen und mit dem Geld vom Jobcenter über die Runden kommen. Wenn sie ihren Mann zur Rede stellt, fühlt er sich angegriffen. Es gibt Streit. Zwei Mal setzt sie ihn vor die Tür. Aber die Kinder hängen am Vater.

Mit 18 kam Fatima nach Deutschland, um einen türkischstämmigen Mann zu heiraten, den sie kaum kannte. Für die Behörden ist sie eine von vielen „Heiratsmigrantinnen“. Wie die meisten spricht sie damals kein Wort Deutsch. Sie hat keine Freunde, keine Verwandten, nur eine Schwägerin, an die sie sich wenden kann. Dass ihr Mann in dieser Zeit so wenig für sie da ist, entwickelt sich für sie zu einer schweren seelischen Belastung. Einmal ist sie so verzweifelt, dass sie ihr Leben beenden will. Zwei Monate liegt sie in einer Klinik, eine dunkle Episode, an die sie sich nicht mehr erinnern könne, sagt sie.

Fatimas Geschichte ist kein Einzelschicksal. In Statistiken und Studien aus verschiedenen Ländern Europas fallen Menschen mit Migrationshintergrund auf, weil es um ihre seelische Gesundheit schlechter bestellt ist als bei Nichtmigranten. Depressionen, Psychosen und Selbstmorde treten vor allem bei jungen Frauen aus dem Ausland häufiger als gewöhnlich auf.

Menschen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland nehmen sich zwar seltener das Leben als Einheimische. „Aber Mädchen und junge Frauen unternehmen fast fünf Mal so häufig Selbstmordversuche wie gleichaltrige Frauen deutscher Herkunft“, sagt Meryam Schouler-Ocak, Migrationsforscherin in der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité in Berlin. Die Psychiaterin Anita Riecher-Rössler berichtet Ähnliches aus der Schweiz: Junge türkische Frauen wollen sich dort drei Mal häufiger das Leben nehmen als Schweizerinnen.

Schizophrenie-Epidemie

Die seelische Not der Migranten fällt in den Statistiken am ehesten bei den größten Einwanderergruppen auf. Hierzulande sind das Menschen aus der Türkei. In England beobachtete der Psychiater Dinesh Bhugra, dass sich junge Asiatinnen häufiger umbringen als Britinnen. Und sie leiden öfter an Depressionen. „Der frappierendste Befund ist aber die Schizophrenie-Epidemie, die Menschen afrikanisch-karibischer Herkunft erfasst, wenn sie nach England kommen“, sagt Bhugra. Auch hier seien besonders Frauen betroffen. In ihrer neuen Heimat erkranken sie 16- bis 18-mal häufiger als Britinnen. Dasselbe Phänomen beschreibt das schwedische „Gremium für Gesundheit und Wohlfahrt“ für Menschen aus afrikanischen und karibischen, aber auch asiatischen Ländern in Schweden.

Alle Studien deuten auf eines hin: Migranten, in erster Linie Frauen, sind größeren seelischen Belastungen ausgesetzt. Aber die Befunde sind kleinteilig und rücken einzelne Ethnien und seelische Erkrankungen auf eine Weise zusammen, die irritieren kann. Wieso werden Afrikaner in England, bitteschön, öfter schizophren als es „normal“ ist?

Der Londoner Psychiater Bhugra, der selbst aus Indien stammt, sagt: „Wir sollten uns hüten, das vorschnell mit der unterschiedlichen Kultur abzutun.“ Migranten sind keine homogene Gruppe. Und die Forschung liefert auch unterschiedliche Hinweise, was den Ausgewanderten auf der Seele lastet.

Die dauerhafte Erfahrung eines niedrigen sozialen Status und gesellschaftlicher Ausgrenzung seien die wichtigsten Gründe für die Schizophrenie-Epidemie unter Migranten, sagen die niederländischen Psychiater Jean-Paul Selten und Elizabeth Cantor-Graae. Als sie ihre Theorie 2005 in Umlauf brachten, löste das eine heftige Kontroverse aus. Diese ist immer noch nicht aus der Welt. Aber die Theorie der Niederländer hat im Verlauf der Debatte einiges an Substanz gewonnen: Es passen eine Reihe von Studien dazu, wonach Ethnien, die am niedrigsten angesehen sind und am ärgsten diskriminiert werden, am häufigsten von Psychosen heimgesucht werden. Das sind eben gerade Menschen afro-karibischer Herkunft in Großbritannien, Marokkaner in den Niederlanden oder die Inuit in Dänemark. Bhugras Kollege Jayati Das-Munshi wertete verschiedene Studien aus und erkannte, dass jene Migranten häufiger psychisch krank werden, die sich in der neuen Heimat auf der sozialen Spirale abwärts bewegen. Auch laut schwedischem Gesundheitsreport gehören die Migranten mit Schizophrenie häufig zu den Allerärmsten. Ihre Geschichten sind Geschichten des Scheiterns.

Fatimas Mann erlebte ebenfalls den sozialen Niedergang in der neuen Heimat: „In der Türkei hätte er Arbeit gehabt“, meint sie. Das gemeinsame Leben in Deutschland erfahren beide als Niederlage, die Fatima auch deshalb so hart trifft, weil sie zu dieser Zeit weitgehend sozial isoliert ist.

Für die hohe Suizidrate türkischer Migrantinnen machen die Psychiaterinnen Schouler-Ocak und Riecher-Rössler aber vor allem andere Ursachen verantwortlich. Arbeitslosigkeit und ein niedriger sozioökonomischer Status belasten zwar, aber es seien in erster Linie Kulturkonflikte, die die türkischen Frauen in Deutschland in seelische Not bringen. Die meisten begründen einen Suizidversuch mit Problemen in der Familie oder mit dem Partner. „Die jungen Mädchen, gerade der zweiten Generation, leben häufig in einem Spagat zwischen traditioneller familiärer Welt und der modernen Lebenswelt außerhalb“, sagt Riecher-Rössler. „Sie dürfen nicht mit Jungs ausgehen, weil sonst die Familienehre beschmutzt wird. Und der Ehemann soll ein Muslim sein. Außerdem kommt es auch immer noch zu Zwangsverheiratungen und schweren Familienkonflikten, wenn eine Frau nicht als Jungfrau in die Ehe geht.“

Allerdings beobachte man diese Probleme vor allem bei Familien, die sehr abgekapselt lebten und vor längerer Zeit migriert seien, sagt Schouler-Ocak. „Diese Familien haben gar nicht mitbekommen, dass sich auch in der Türkei das Werteverständnis weiterentwickelt hat.“

Ein westliches Konstrukt

Die Ursachen für eine dauerhafte seelische Notlage sind aber nie eindimensional. Auch das Gesundheitswesen trägt eine Mitverantwortung. „Psychisch kranke Menschen mit Migrationshintergrund werden bei uns nicht ausreichend medizinisch versorgt“, sagt Peter Falkai, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN). Die Probleme beginnen oft damit, dass der Begriff der psychischen Erkrankung ein Konstrukt der westlichen Zivilisation ist. Psychiater berichten aus ihrer täglichen Praxis, dass türkischstämmige Patienten eine Depression eher in Form körperlicher Schmerzen, oft im Rücken oder auch am ganzen Körper, beschreiben. Asiatinnen drücken das Leid dagegen mit „einer großen Leber“ aus.

Experten fordern deshalb eine Diskussion über „kultursensitive Diagnosen und Therapien im Gesundheitswesen“. Wie maßgeblich diese sein können, zeigt die Forschung: Die Berliner Psychiaterin Schouler-Ocak betreut nur deshalb so viele türkische Patienten, weil sie selbst als sieben Jahre altes Mädchen aus der Türkei kam, mit der Kultur vertraut ist und die Sprache perfekt beherrscht. Und die Studie mit türkischen Migrantinnen in Basel war nur möglich, weil am Klinikum ein türkischer Oberarzt arbeitete. „Das hatte sich herumgesprochen. Wir hatten außerdem eine türkische Assistentin, die des Korans kundig war und damit argumentiert hat“, sagt Riecher-Rössler.

Allein mit „kultursensiblen Angeboten“ lassen sich Zugangsbarrieren aber nicht überwinden. „Seelische Krankheiten sind in der Türkei weit mehr stigmatisiert als hier“, erklärt Schouler-Ocak. „Damit geht man oft nicht zum Arzt, sondern versucht das Problem zu lange in der Familie zu lösen.“ In der familiären Enklave können die Krisen junger Frauen dann eine scheinbar ausweglose Dimension erlangen.

Für Gesundheitsforscher zählen Migranten zur „versteckten Bevölkerungsgruppe“, die im Gesundheitssystem sozial unsichtbar bleibt. Die Sprachbarriere, Berührungsängste und auch schlicht Unkenntnis halten Menschen anderer Kulturkreise aus den Praxen fern. Muttersprachliches Personal gibt es in der Regel nicht, qualifizierte Dolmetscher noch seltener, da ihre Leistung nicht abgerechnet werden kann.

Und: „Sprachliche und soziokulturelle Missverständnisse können zu einer falschen Diagnose führen, Misstrauen auslösen, die Therapietreue beeinträchtigen“, warnt die Berliner Gesundheitswissenschaftlerin Theda Borde. In einer Befragung an der Berliner Frauenklinik fand sie heraus, dass Migrantinnen türkischer Herkunft die Therapie öfter falsch verstehen als die deutscher. Eine weitere Studie zeigt, dass türkische Patienten auch häufiger fälschlicherweise als schizophren diagnostiziert werden als deutsche. Das lasse sich zum Teil, aber nicht vollständig auf die Sprachschwierigkeiten zurückführen.

Fatima hörte nur durch Zufall über Freunde von Schouler-Ocak und ihrer psychiatrischen Praxis. Sie reiste zu der Ärztin nach Berlin. „Sie war wie eine Familie für mich, weil ich endlich über alles sprechen konnte“, sagt sie. Die Türkin bekommt mittlerweile Medikamente gegen die Depressionen und eine Psychotherapie. Noch immer leide sie unter ihrer Ehe. „Ich nehme es nicht mehr so schwer“, sagt sie. „Gott sei Dank habe ich inzwischen Freunde. Und ich warte auf mehr Kraft und darauf, dass meine Kinder größer werden, damit ich meinen Mann verlassen kann.“

Susanne Donner schrieb im Freitag zuletzt über Fortschritte in der Fortpflanzungsmedizin.

 

 

 

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 24/13.

Kommentare (6)

e.s. 17.06.2013 | 10:38

Diagnosen erstellen wie z.b. Schizophrenie ist eine extrem Form von sozialer Gewalt, eine Ausgrenzung oder präziser gesagt der Nährboden für ein psycho-sozialer Tod, denn in der Alltagssprache ist diese Bezeichnung nur negativ konnotiert. Dass therapeutische Kreise das nicht erkennen und immer noch zum Teil sehr leichtfertig mit dieser Bezeichnung hantieren ist bedenklich. Dass man v.a. Migranten, völlig kontraproduktiv, damit belegt, erstaunt mich nicht.

lebowski 17.06.2013 | 11:27

Wenn man arm ist, in einem Drecksloch wohnt, die Sprache seiner Mitmenschen nicht spricht und auch sonst keine Kontakte hat, wird man natürlich depressiv oder kriegt andere psychische Krankheiten, wenn man in so einer Situation gut drauf wäre, wäre man ein kompletter Vollidiot. Fatima hat also keine psychischen Probleme sondern soziale. Und die sollte man auch zuerst lösen, sonst gehen die psychischen Schwierigkeiten nicht weg. Aber in der Regel macht mans umgekehrt.

moddestyblaise 17.06.2013 | 14:33

http://www.avaaz.org/de/petition/Eine_Abschiebung_einer_Asylsuchende_verhindern/?email

LiebeRedaktion

Es wäre super, wenn ihr mir bei dieser Pedition helfen würdet, und sie veröffentlicht und unterstützt.

Die ist wieder ein Fall von Behördenwillkür, der beweißt, dass Integration eine Lüge ist, politisch nicht erwünscht.

Menschen aus Syrien, Afghanistan Iran und Irak sollten nicht mehr abgeschoben werden, vor allen Dingen keine alleinstehenden Frauen.

Falls Fragen sind bitte gerne melden

s.bischi@t-online.de

Vielen Dank

S. bischoff

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Ehemaliger Nutzer 19.06.2013 | 22:35

Es handelt sich wohl eher um Schreie, die keiner hören will. Wir haben diese Mütter, die ihre Kinder bei uns abliefern, aber keinen Job noch sonstwie eine Bedeutung haben, täglich vor Augen.
Nicht nur diese Mütter, auch ihre Kinder, schreien.
Doch niemand hört ihnen zu.

Wir haben das, in einem der zu diesen Biographien zugehörigen sog. sozialen Brennpunkten, geändert.

Davon wäre zu berichten.